Henning Mankell : Wallanders erster Fall

Wallanders erster Fall

Henning Mankell

Wallanders erster Fall

Originalausgabe: Pyramiden Ordfront Verlag, Stockholm 1999 Wallanders erster Fall Übersetzung: Wolfgang Butt Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002 Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004 ISBN 3-423-20700-0, 425 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der einundzwanzigjährige schwedische Ordnungspolizist Kurt Wallander wird bei eigenmächtigen Ermittlungen in einem Mordfall niedergestochen und kommt erst vier Tage später im Krankenhaus wieder zu sich.
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Kritik

"Wallanders erster Fall" ist die erste von fünf Erzählungen von Henning Mankell über das Leben des Protagonisten seiner Romanreihe über Kurt Wallander in der Zeit, bevor dieser am 8. Januar 1990 im ersten Roman auftritt.
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Kurt Wallander, ein einundzwanzigjähriger Ordnungspolizist in Malmö, wird davon überrascht, dass sein Vater ein Haus in Löderup gekauft hat und in wenigen Tagen umziehen will. Sein Kontakt mit dem eigenbrötlerischen sechzigjährigen Witwer, der am liebsten malt oder Karten spielt, riss beinahe ab, als er beschlossen hatte, zur Polizei zu gehen, denn auf Ordnungshüter ist sein Vater nicht gut zu sprechen. Als sie sich zufällig auf der Straße treffen, stichelt der Vater, ob er auch im Einsatz war, als neulich Demonstranten gegen den Vietnam-Krieg niedergeknüppelt wurden. Nicht zuletzt, um nicht länger gegen Demonstranten vorgehen zu müssen, strebt Kurt Wallander einen Wechsel zur Kriminalpolizei an.

Während seine Schwester Kristina nach Stockholm zog und dort kürzlich ein Verhältnis mit einem auf Dialysegeräte spezialisierten Ingenieur begann, lebt Kurt Wallander in Malmö-Rosengård. Seine Freundin Mona, die in einem Friseursalon arbeitet, hat ihm bereits klar gemacht, dass sie in diesem vom Abriss bedrohten Viertel auf keinen Fall wohnen möchte.

Am 3. Juni 1969 feiert er Überstunden ab, die während der Einsätze gegen Demonstranten angefallen sind. Nachmittags nickt er ein. Ein Knall weckt ihn auf. Er schaut in der Küche nach, aber es ist nichts heruntergefallen. Als er weggehen will, bemerkt er, dass die Wohnungstür seines Nachbarn Artur Hålén einen Spalt offen steht. Der alte Mann hat wohl vergessen, sie zu schließen. Kurt Wallander läutet und ruft, aber in der Wohnung bleibt es still. Da tritt er ein – und stößt auf Artur Håléns Leiche. Sie liegt mit einem Revolver in der Hand auf dem Fußboden.

Kriminalkommissar Hemberg leitet die Ermittlungen. Bei dem Toten handelt es sich um einen 1898 geborenen früheren Seemann. Alle Spuren weisen auf einen Selbstmord hin.

In der folgenden Nacht schreckt Wallander gegen 3 Uhr hoch. Aus der Nachbarwohnung hört er Geräusche. Nachdem er an der Tür geklingelt hat, ist es still. Er sperrt auf und sieht nach: Ein Fenster steht offen. Der Einbrecher brauchte nur zwei Meter tief zu springen. Schränke und Schubladen sind durchwühlt, aber vermutlich hat Wallander ihn gestört, bevor er fand, was er suchte.

Nachmittags nickt Kurt Wallander erneut in seiner Wohnung ein. Diesmal wacht er durch einen Brandgeruch auf. Aus der Wohnungstür nebenan quillt Rauch. Er alarmiert die Feuerwehr, die den Brand rasch löscht. Das Feuer muss durch den Briefschlitz gelegt worden sein.

Ein Einbrecher, der die Wohnung des Toten durchsucht, und ein Brandstifter, der möglicherweise Spuren beseitigen will: Kriminalkommissar Hemberg kommen Zweifel, ob Artur Hålén sich tatsächlich selbst das Leben nahm.

Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass er wenige Stunden vor seinem Tod einige wertvolle Diamanten verschluckt hatte.

Irgendetwas passt in dem Fall nicht zusammen, meint Kurt Wallander aufgrund eines nicht näher beschreibbaren Gefühls, aber er kommt nicht auf den Grund.

Am 9. Juni meldet er sich krank und fragt in den Tabakgeschäften der Umgebung nach Artur Hålén, denn in dessen Wohnung lag ein Totozettel. Eine Ladenbesitzerin erzählt Wallander, dieser Mann habe jede Woche einen Tippschein abgegeben, dann telefoniert und sei anschließend zuweilen mit einem Taxi weitergefahren. So war es auch am 3. Juni.

Kurt Wallander ruft Lars Andersson an, einen alten Schulfreund, der Taxifahrer geworden ist. Durch eine Nachfrage bei der Taxizentrale in Malmö findet Andersson heraus, wohin die Fahrt am 3. Juni von dem Tabakladen aus ging, und er bringt Wallander zu dem Reihenhaus in Arlöv. Dort findet der Polizist eine mit einer Fahrradkette erdrosselte Frau. Alexandra Batista Lundström wurde 1922 in Brasilien geboren und heiratete nach dem Krieg in Schweden. Seit 1957 war sie geschieden.

Obwohl Helena Aaronsson nicht gut auf ihren früheren Geliebten Kurt Wallanders zu sprechen ist, besorgt ihm die Speditions-Assistentin Listen von Seeleuten. Der Name Artur Hålén ist nicht dabei. Da prüft Wallander die Geburtsdaten und stößt so auf einen am 17. September 1898 geborenen Anders Hansson. Im Einwohnermeldeamt erfährt er, dass Erik Anders Artur Hansson 1962 aus dem Ausland nach Malmö kam und seinen Namen in Artur Hålén änderte.

Um mehr über den Toten herauszufinden, fährt Wallander nach Kopenhagen hinüber und trifft sich mit dem dänischen Seemann Holger Jespersen, dem er einmal half, als er zu Unrecht verhaftet werden sollte. Der hört sich um und findet dabei heraus, dass sich ein Herumtreiber mit einem herabhängenden Augenlid vor einem Monat in einschlägigen Kreisen nach Anders Hansson erkundigt hatte.

Wenn es sich um einen Penner handelt, ist er vielleicht im Pildammspark zu finden. Kurz entschlossen geht Kurt Wallander dort spazieren. Als ihn einer der dort herumlungernden Männer um Geld anbettelt, fragt er nach einem Kumpel mit herabhängendem Lid.

Der Schnorrer weiß sofort, von dem die Rede ist: Rune. Aber den hat er seit einigen Tagen nicht mehr gesehen. Bei einem weiteren Spaziergang im Pildammspark fallen Wallander zwei unter einem Baum sitzende Männer auf. Einer von ihnen steht gerade auf, da hört er hinter sich zwei Mädchen und schaut sich um. Sie haben ihn wiedererkannt. Eines der beiden Mädchen war von einem seiner Kollegen bei einer Demonstration geschlagen worden. An ihren geweiteten Augen merkt Wallander plötzlich, dass hinter ihm etwas geschieht. Er wendet sich um und steht dem Mann gegenüber, der sich erhoben hatte. In diesem Augenblick sticht der Herumtreiber mit einem Messer zu und trifft Wallander in die Brust.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach vier Tagen kommt Kurt Wallander im Krankenhaus wieder zu sich. Sein Herz war nur um Haaresbreite verfehlt worden.

Rune Blom wird festgenommen, und er gesteht den Anschlag auf Wallander. Anders Hansson hatte er 1954 an Bord eines Schiffes nach Brasilien kennen gelernt. In São Luis raubten sie Diamanten. Während Rune wegen Totschlags in Brasilien eingesperrt wurde, verschwand Hansson mit der gesamten Beute und versteckte sich schließlich unter dem Namen Artur Hålén in Malmö. Blom suchte ihn nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, und vor einem Monat fand er ihn. Wallander erinnert sich, dass sein Nachbar vor einem Monat ein zusätzliches Schloss an seiner Wohnungstür anbringen ließ: Er muss erfahren haben, dass ihm Blom auf der Spur war. Dann verschluckte er die Diamanten und nahm sich vor Angst das Leben. Als Blom die Edelsteine nicht in der Wohnung des Toten fand, fuhr er zu dessen Freundin Alexandra Batista Lundström. Aus Wut darüber, dass auch sie die Diamanten nicht hatte, erdrosselte er sie und legte danach Feuer in der Wohnung des Selbstmörders.

Kurt Wallander wird mit Wirkung vom 1. Oktober 1969 zur Kriminalpolizei versetzt. Er freut sich darüber. Aber wird auch Mona in Zukunft mehr Verständnis dafür aufbringen, dass er aufgrund von Ermittlungen immer wieder verspätet oder gar nicht zu Verabredungen kommt?

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Die fünf in dem Band „Wallanders erster Fall“ zusammengefassten Erzählungen bilden einen Prolog zu der Kriminalroman-Reihe, die Henning Mankell über den Protagonisten Kurt Wallander geschrieben hat: „Mörder ohne Gesicht“ (1991), „Hunde von Riga“ (1992), „Die weiße Löwin“ (1993), „Der Mann, der lächelte“ (1994), „Die falsche Fährte“ (1995), „Die fünfte Frau“ (1996), „Mittsommermord“ (1997), „Die Brandmauer“ (1998). „Wallanders erster Fall“ wurde jedoch erst 1999 – also nach den Romanen – veröffentlicht, um nachträglich die Vorgeschichte der Hauptfigur zu beleuchten.

Was war mit Wallander, bevor die Romanserie beginnt? Also, um Datum und Uhrzeit genau zu bestimmen, vor dem frühen Morgen des 8. Januar 1990. Was war, bevor Wallander an jenem winterlichen Morgen erwacht und der Fall Mörder ohne Gesicht beginnt? Wer war dieser Wallander? In den einzelnen Bänden der Serie finden sich immer wieder Andeutungen. Doch Genaues erfährt man nicht. Wallander kehrt in Gedanken ständig zu dem Tag zurück, an dem er als junger Polizist von einem Messerstecher überfallen wurde, ein Erlebnis, das sein ganzes Leben geprägt hat.
Die vielen brieflichen Anfragen hatten zur folge, dass ich selbst anfing, darüber nachzudenken […]
Wallander ist für viele ein lebendiger Mensch geworden […] Auch wenn alle im Innersten natürlich wissen, dass er nur in der Vorstellung existiert. Aber er hat trotzdem eine Vergangenheit. Er war einmal jung. In diesen Erzählungen versuche ich, einige der frühesten Teile seines Lebens, so wie ich sie mir vorstelle, in das Bild einzufügen.
(Henning Mankell im Vorwort zu „Wallanders erster Fall“)

Seine Ankündigung, mehr über Kurt Wallanders Charakter oder die Ereignisse, die ihn geprägt haben, zu verraten, erfüllt Henning Mankell allerdings nicht. Meilensteine im Privatleben des Kommissars wie die Eheschließung, die Geburt seiner Tochter Linda oder die Scheidung von Mona werden lediglich kurz erwähnt. Über Kurt Wallanders ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater erfahren wir nicht mehr als aus den acht Romanen; Erklärungen liefert Henning Mankell nicht. Dazu kommt, dass Kurt Wallander mit einundzwanzig schon genau derselbe Melancholiker zu sein scheint wie mit fünfzig. Eine Entwicklung ist nicht erkennbar. Woher kommen seine Scheu vor engen Beziehungen mit anderen Menschen oder sein Hang zum Einzelgänger? Wir erfahren es nicht.

Wie es die Leserinnen und Leser der Romanserie über Kurt Wallander gewohnt sind, verknüpft Henning Mankell auch in den fünf Erzählungen Kriminalfälle mit Kurt Wallanders Privatleben und der Frage nach bedenklichen gesellschaftlichen Tendenzen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Paul Zsolnay Verlag

Henning Mankell (Kurzbiografie)

Henning Mankell: Mörder ohne Gesicht (Verfilmung)
Henning Mankell: Hunde von Riga (Verfilmung)
Henning Mankell: Die weiße Löwin (Verfilmung)
Henning Mankell: Der Mann, der lächelte (Verfilmung)
Henning Mankell: Die falsche Fährte (Verfilmung)
Henning Mankell: Die fünfte Frau (Verfilmung)
Henning Mankell: Mittsommermord (Verfilmung)
Henning Mankell: Die Brandmauer (Verfilmung)
Henning Mankell: Wallanders erster Fall
Henning Mankell: Der Mann mit der Maske
Henning Mankell: Der Mann am Strand
Henning Mankell: Der Tod des Fotografen
Henning Mankell: Die Pyramide (Verfilmung)
Henning Mankell: Die rote Antilope
Henning Mankell: Die Rückkehr des Tanzlehrers (Verfilmung)
Henning Mankell: Kennedys Hirn (Verfilmung)
Henning Mankell: Die italienischen Schuhe
Henning Mankell: Der Chinese (Verfilmung)
Henning Mankell: Der Feind im Schatten
Henning Mankell: Erinnerung an einen schmutzigen Engel

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