Ein wahres Verbrechen

Ein wahres Verbrechen

Ein wahres Verbrechen

Ein wahres Verbrechen – Originaltitel: True Crime – Regie: Clint Eastwood – Drehbuch: Larry Gross, Paul Brickman, Stephen Schiff, nach einem Roman von Andrew Klavan – Kamera: Jack N. Green – Schnitt: Joel Cox – Musik: Lennie Niehaus – Darsteller: Clint Eastwood, Isaiah Washington, Lisa Gay Hamilton, James Woods, Denis Leary, Bernard Hill, Diane Venora, Michael McKean, Michael Jeter, Mary McCormack, Hattie Winston, Penny Bae Bridges, Francesca Fisher-Eastwood, John Finn, Laila Robins u.a. – 1999; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Die Supermarkt-Kassiererin Amy Wilson wird am Arbeitsplatz erschossen. Obwohl der afroamerikanische Automechaniker Frank Beechum seine Unschuld beteuert, wird er aufgrund von Zeugenaussagen zum Tod verurteilt. Am Nachmittag vor seiner Hinrichtung soll der ausgebrannte Reporter Steve Everett mit ihm ein Interview über seine Gefühle führen. Als Steve Einzelheiten über den Fall erfährt, zweifelt er an der Schuld des Angeklagten, doch bis zur Hinrichtung bleiben nur noch wenige Stunden ...
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Kritik

Bei dem spannenden Drama "Ein wahres Verbrechen" handelt es sich um ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Sehenswert ist der Film v.a. wegen der von Clint Eastwood mit einiger Selbstironie gespielten Hauptfigur, eines widersprüchlichen, gebrochenen und deshalb interessanten Charakters.
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Die zwanzigjährige, im sechsten Monat schwangere Supermarkt-Kassiererin Amy Wilson (Marissa Ribisi) wird an ihrem Arbeitsplatz in Richmond, Virginia, erschossen. Als mordverdächtig gilt der wegen kleinerer Delikte vorbestrafte afroamerikanische Automechaniker Frank Beechum (Isaiah Washington IV). Nancy Larson (Cathy Fithian) packte zur Tatzeit in der Nähe ihre Einkäufe in den Kofferraum und sah ihn laufen. Und der Buchhalter Dale Porterhouse (Michael Jeter) sagt aus, nachdem er das Geschäft betreten habe, sei Beechum blutverschmiert hinter der Ladentheke aufgetaucht und nach einer Schrecksekunde davongerannt. Obwohl Frank Beechum seine Unschuld beteuert, wird er aufgrund der beiden Zeugenaussagen wegen Mordes zum Tod verurteilt. Das Motiv sollen die 96 Dollar gewesen sein, die ihm Amy Wilson nach der Autoreparatur noch schuldete.

Nach sechs Jahren Haft, als alle Eingaben seiner Verteidigerin gescheitert sind, soll Frank mit einer tödlichen Injektion im Staatsgefängnis Saint Quentin bei San Rafael, Kalifornien, hingerichtet werden. Am Nachmittag vor der Hinrichtung, die für eine Minute nach Mitternacht angesetzt ist, dürfen ihn seine Ehefrau Bonnie (Lisa Gay Hamilton) und seine kleine Tochter Gail (Penny Bae Bridges) ein letztes Mal besuchen, und für 16 Uhr ist ein viertelstündiges Interview mit Michelle Ziegler (Mary McCormack) von „The Oakland Tribune“ geplant.

Die dreiundzwanzigjährige Nachwuchsreporterin verunglückt jedoch in der Nacht vor dem Interview tödlich. Alan Mann (James Woods), der Herausgeber der „Oakland Tribune“, will, dass der frühere Alkoholiker Steve Everett (Clint Eastwood) für Michelle Ziegler einspringt, und der Chefredakteur Bob Findley (Denis Leary) kann es ihm nicht ausreden. Bob, der weiß, dass seine Ehefrau ihn mit Steve betrügt, ruft zu Hause an und lässt seinem verhassten Rivalen, der gerade seinen freien Tag hat und mit Patricia Findley (Laila Robins) im Bett liegt, den Auftrag ausrichten.

Steve soll nichts weiter als einen kleinen Human-Interest-Artikel über die Gefühle eines zum Tod verurteilten Mörders kurz vor der Hinrichtung schreiben. Während er von der Assistentin Bridget Rossiter (Christine Ebersole) über den Fall gebrieft wird, kommen ihm Zweifel an der Aussage von Dale Porterhouse. Der Buchhalter müsse doch vor dem Betreten des Ladens den auf Amy Wilson abgefeuerten Schuss gehört haben, meint er. Wieso sei er trotzdem hineingegangen?

Ausgerechnet für diesen Tag hat Steve seiner kleinen Tochter Kate (Francesca Fisher-Eastwood) versprochen, dass er mit ihr in den Zoo geht. Das Kind freut sich schon auf das Nilpferd. Steve hätte es vergessen, wenn seine genervte Frau Barbara (Diane Venora) ihn nicht durch einen Anruf daran erinnert hätte. Barbara versteht nicht, wieso Steve die Arbeit wichtiger zu sein scheint als die Familie.

Auf dem Weg nach Hause sieht Steve sich in dem Laden um, in dem Amy Wilson erschossen wurde, und während er mit Kate zum Zoo fährt, verabredet er sich telefonisch mit Dale Porterhouse in einem Restaurant. Um rechtzeitig dort sein zu können, schiebt Steve den Buggy mit seiner Tochter im Laufschritt an den Gehegen vorbei. In einer Kurve kippt der Buggy um, und Kate schürft sich das Gesicht auf. Steve bringt sie zu Barbara nach Hause und eilt zu dem Treffen mit Porterhouse.

Der Zeuge, der sich inzwischen mehrmals im Fernsehen interviewen ließ, berichtet noch einmal, was er vor sechs Jahren sah. Er hatte eine Autopanne und betrat den Supermarkt, um zu telefonieren. Zuerst schien niemand da zu sein, aber dann erhob sich Frank Beechum hinter der Ladentheke, das Gesicht und die Kleidung blutverschmiert. Er hatte eine Pistole in der Hand, zielte aber nicht auf Porterhouse, sondern ließ die Arme hängen. Der Afroamerikaner starrte ihn kurz an und rannte dann davon. Auch auf Steves Nachfrage hin behauptet Porterhouse, dass Beecham eine Waffe in der Hand hatte. Steve, der sich die Ausstattung des Ladens genau eingeprägt hat, weiß jedoch, dass Beechum hinter einem brusthohen Regal gestanden haben muss und der Zeuge von seinem Standort aus die Hände seines Gegenübers nicht sehen konnte.

Nach dem Gespräch ist Steve mehr denn je überzeugt, dass in wenigen Stunden ein Unschuldiger hingerichtet werden soll.

Um 16 Uhr führt er das geplante Interview durch und lässt sich von dem Häftling schildern, was damals geschah. Frank Beechum behauptet, er sei in den Laden gegangen, um Steak-Sauce zu kaufen. Amy Wilson saß an der Kasse und sprach ihn gleich auf die 96 Dollar an, die sie ihm noch für die Reparatur ihres Vergasers schuldete. Sie könne ihm augenblicklich nur 30 Dollar geben, erklärte sie ihm. Den Rest bekomme er später. Frank war einverstanden und ging zur Toilette. Während er urinierte, hörte er laute Stimmen und dann einen Schuss. Der Schütze war schon fort, als Frank aus der Toilette kam. Amy lag blutüberströmt und sterbend hinter der Ladentheke. Aufgeregt beugte er sich über sie und versuchte, sie mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Dass jemand hereingekommen war, merkte er erst, als Dale Porterhouse nach einer Bedienung rief. Frank erhob sich. Als Porterhouse ihn entsetzt anstarrte, wurde Frank sich seines blutverschmierten Mundes bewusst. Daraufhin geriet er in Panik und rannte fort.

Als Steve herausfindet, dass es noch einen dritten Zeugen gab, wendet er sich an die damals zuständige Staatsanwältin Cecilia Nussbaum (Frances Fisher), aber sie gibt ihm keine Auskunft. Auch ein Anruf bei der Anwaltskanzlei, die Frank verteidigte, ist erfolglos: In den Akten stehe nichts von einem dritten Zeugen, heißt es.

In Michelle Zieglers Unterlagen findet Steve den Namen: Warren Russel. Er fährt zu der Adresse. Warrens Großmutter Angela Russel (Hattie Winston) öffnet ihm und klärt ihn darüber auf, dass ihr Enkel vor drei Jahren erstochen wurde. Damit sieht Steve keine Chance mehr, Franks Unschuld zu beweisen.

Weil er sich nicht an die Vorgaben des Chefredakteurs hielt, kann Alan Mann ihn nicht mehr retten: Steve wird entlassen.

Er fährt nach Hause. Inzwischen rief Bob Findley Barbara an und unterrichtete sie über den Seitensprung ihres Mannes mit seiner Frau. Sie hat Steves Sachen bereits gepackt und wirft ihn hinaus.

Während man Frank im Hinrichtungsraum auf eine Liege schnallt und die Kanüle anlegt, durch die zuerst ein Narkosemittel, dann ein die Muskeln lähmendes Mittel und als Drittes eine den Herzstillstand herbeiführende Dosis Kaliumchlorid laufen soll, betrinkt Steve sich in einer Kneipe. Er hat alles verloren und ist ruiniert.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Im Fernsehgerät über der Theke laufen Berichte über die unmittelbar bevorstehende Hinrichtung in Saint Quentin. Auf einem Foto fällt Steve im Dekolleté von Amy Wilson ein Anhänger auf, der genauso aussieht wie der, den Angela Russel an ihrer Halskette trug. Schlagartig ist er wieder nüchtern, den er weiß nun, dass der damals siebzehnjährige Warren Russel den Laden überfiel und das Mädchen erschoss. Er eilt zu Angela Russel. Ohne weiteres gibt sie zu, die Kette vor sechs Jahren von ihrem damals drogenabhängigen Enkel geschenkt bekommen zu haben. Sie steigt zu Steve ins Auto, und er rast mit ihr zum Gouverneur. Wegen der überhöhten Geschwindigkeit wird er bald von zwei Streifenwagen verfolgt, aber er hält erst vor der Villa des Gouverneurs an.

Nachdem Frank durch die erste Injektion betäubt wurde, löst ein Gefängnisbeamter um 0.02 Uhr die zweite aus. In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Der Gouverneur sagt die Hinrichtung ab. „Es ist zu spät!“, schreit jemand, aber der Gefängnisdirektor Warden Luther Plunkitt (Bernard Hill) reißt Frank die Kanüle geistesgegenwärtig aus dem Arm.

Einige Monate später kauft Steve, der inzwischen ein Buch über den Fall geschrieben hat, ein Plüsch-Nilpferd für Kate und flirtet mit der Verkäuferin (Lucy Alexis Liu). Als er den Laden verlässt, wird er wieder einmal von einem aufdringlichen Obdachlosen (Erik King) angebettelt. Auf der anderen Straßenseite sieht er Frank mit Frau und Tochter. Die beiden Männer nicken sich zu.

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Der Film „True Crime“ / „Ein wahres Verbrechen“ basiert auf dem gleichnamigen, 1995 von Andrew Klavan (* 1954) veröffentlichten Roman („Ein wahres Verbrechen“, Übersetzung: Kristian Lutze, Knaus, Berlin 1995, 379 Seiten, ISBN: 3-8135-2713-1).

Mit dem Argument, es sei nicht auszuschließen, dass Unschuldige getötet werden, plädiert Clint Eastwood gegen die Todesstrafe. „Ein wahres Verbrechen“ ist jedoch kein Lehrstück, sondern ein spannendes Drama.

Zwar ist nicht alles an der Handlung plausibel, und der Schluss wirkt arg überzogen, aber Clint Eastwood spielt mit einiger Selbstironie einen widersprüchlichen, gebrochenen und deshalb interessanten Charakter mit Ecken und Kanten. Steve Everett ist alles andere als ein strahlender Held, sondern er hat sich durch Alkohol, die Vernachlässigung seiner Familie, zahlreiche Seitensprünge und seine kompromisslose Sturheit privat und beruflich gehörig in Schwierigkeiten gebracht. Während er selbst entgleist, versucht er, einen seiner Meinung nach unschuldig zum Tod Verurteilten im letzten Augenblick vor der Hinrichtung zu retten.

Kate Everett, die Tochter der Hauptfigur, wird von Clint Eastwoods (* 1930) Tochter Francesca Fisher-Eastwood (* 1993) gespielt. Auch deren Mutter Frances Fisher (* 1952) ist in „Ein wahres Verbrechen“ zu sehen, und zwar als Staatsanwältin Cecilia Nussbaum.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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