J. Edgar

J. Edgar

J. Edgar

J. Edgar – Originaltitel: J. Edgar – Regie: Clint Eastwood – Drehbuch: Dustin Lance Black – Kamera: Tom Stern – Schnitt: Joel Cox, Gary Roach – Musik: Clint Eastwood – Darsteller: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Armie Hammer, Judi Dench, Emma Goldman, Josh Lucas, Damon Herriman, Geoff Pierson, Jeffrey Donovan, Christopher Shyer, Jamie LaBarber, Lea Thompson, Amanda Schull u.a. – 2011; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Als der Jurist J. Edgar Hoover 1924 in Washington, D. C., Chef der Bundespolizei wird, beginnt er damit, seine Organisation entschlossen auszubauen. 1935 wird daraus das Federal Bureau of Investigation (FBI), das er bis ins hohe Alter leitet. Der einsame Egomane, der sich zum titanischen Verteidiger des Vaterlandes stilisiert, hat in seinem ganzen Leben nur drei Bezugspersonen: seine Mutter Anna, seine Sekretärin Helen Gandy und seinen Stellvertreter Clyde Tolson ...
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Kritik

J. Edgar Hoover wird von Clint Eastwood als tragischer Charakter dargestellt. Leonardo DiCaprio verkörpert ihn facettenreich, eindrucksvoll und überzeugend.

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Der 24-jährige, im Justizministerium beschäftigte Jurist J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) gibt sich 1919 nach einer Serie von Bombenanschlägen unter anderem auf das Privathaus der Familie seines Vorgesetzten Mitchell Palmer (Geoff Pierson) das Image eines entschlossenen Kommunistenhassers und legt damit die Basis für seine weitere Karriere. Nachdem ihn US-Präsident Calvin Coolidge 1924 zum Chef der Bundespolizei ernannt hat, beginnt J. Edgar Hoover damit, die Ermittlungsmethoden weiterzuentwickeln und seine Organisation entschlossen auszubauen. Die Entführung und Ermordung des noch keine zwei Jahre alten Sohnes des legendären Fliegers Charles Lindbergh (Josh Lucas) nutzt J. Edgar Hoover 1932, um die Kompetenzen der Bundespolizei zu erweitern. 1935 wird daraus das Federal Bureau of Investigation (FBI).

Drei Jahre später stirbt seine Mutter Anna Marie Hoover (Judi Dench). Bis zuletzt wohnte J. Edgar bei ihr. Nach ihrem Tod legt er sich eine ihrer Perlenketten um den Hals und zieht ein Kleid an. Als er sich so im Wandspiegel sieht, bricht er schluchzend zusammen. Anna war eine dominante Frau, die Edgar das Stottern abgewöhnte, ihm gegen seinen Willen das Tanzen beibrachte und ihm klarmachte, dass sie lieber einen toten als einen schwulen Sohn hätte.

Außer der Mutter sind für J. Edgar Hoover nur zwei Bezugspersonen wichtig: Helen Gandy (Naomi Watts) und Clyde Tolson (Armie Hammer).

Helen W. Gandy fing 1918 im Alter von 21 Jahren als Stenotypistin im Justizministerium an. Sie fiel Hoover auf, und nachdem er ihr in der Kongressbibliothek stolz das von ihm entwickelte Karteikartensystem gezeigt hatte, machte er ihr einen Heiratsantrag. Helen lehnte ab und erklärte, eine Eheschließung gehöre nicht zu ihren Plänen. Daraufhin machte Hoover sie zu seiner persönlichen Sekretärin. Ihr vertraut er schließlich die Geheimdossiers mit kompromittierenden Informationen an, die er über die in seiner Amtszeit wechselnden US-Präsidenten, First Ladys und viele andere einflussreiche Persönlichkeiten anlegt.

Clyde Anderson Tolson ist fünf Jahre jünger als J. Edgar Hoover, der ihn 1927 trotz seiner formal nicht ausreichenden Qualifikation einstellt und bald schon zu seinem Stellvertreter avancieren lässt. Die beiden nehmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, teilen sich Hotelzimmer und leben seit Anna Marie Hoovers Tod zusammen. Clyde Tolson liebt J. Edgar Hoover, und dieser erwidert wohl seine Gefühle, ist aber nicht in der Lage, sich homoerotische Neigungen einzugestehen. Der FBI-Chef, der seine Triebe und Emotionen verdrängt, reagiert sich im Fanatismus seiner Berufstätigkeit ab.

Als J. Edgar Hoover 1963 gerade ein Tonband mit dem Bettgeflüster John F. Kennedys und einer Geliebten anhört, erhält er von einem seiner Agenten die Nachricht, dass der US-Präsident in Dallas/Texas erschossen wurde. Er greift zum Telefon und setzt Justizminister Robert Kennedy (Jeffrey Donovan) über den Tod seines Bruders in Kenntnis.

Im Jahr darauf erlässt Lyndon B. Johnson ein Dekret, das den FBI-Chef von der für Regierungsbeamte geltenden Zwangspensionierung im Alter von 70 Jahren ausnimmt.

Helen Gandy und Clyde Tolson bleiben an der Seite Hoovers, bis dieser am 2. Mai 1972 im Alter von 77 Jahren an Herzversagen stirbt.

Bevor US-Präsident Richard Nixon (Christopher Shyer) eine heuchlerische Trauerrede hält, beauftragte er seine Männer, die Büroräume des verstorbenen FBI-Direktors nach Geheimdossiers zu durchsuchen. Aber Helen Gandy hat die entsprechenden Aktenschränke bereits ausgeräumt und in einem abgeschlossenen Nebenraum damit begonnen, die kompromittierenden Papiere zu shreddern.

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Dustin Lance Black (Drehbuch) und Clint Eastwood (Regie) porträtieren J. Edgar Hoover. Sie zeigen den mächtigen FBI-Direktor als tragischen Charakter. Die enge Bindung an seine dominante Mutter deformiert ihn psychisch: Er verdrängt seine homoerotischen Neigungen, und die Furcht vor der eigenen Sexualität mutiert zum Kontrollzwang. Der einsame Egomane stilisiert sich zum titanischen Verteidiger des Vaterlandes gegenüber (vermeintlichen) Feinden und wird dabei zum Monstrum.

Diesen vielschichtigen, facettenreichen und zwiespältigen Charakter verkörpert Leonardo DiCaprio mit stupendem Einfühlungsvermögen auf ebenso eindrucksvolle wie überzeugende Weise.

Im Film diktiert J. Edgar Hoover wechselnden Mitarbeitern seine Memoiren. Das ist zwar fiktiv, dient jedoch als Rahmenhandlung für die in verschachtelten Rückblenden erzählte, fünf Jahrzehnte überspannende Biografie. Über die Kindheit und die Jugend des Protagonisten erfahren wir kaum etwas; der Protagonist ist bereits 24 Jahre alt, als die Geschichte beginnt.

Statt möglichst viele Fakten abzuhaken, konzentrierten sich Dustin Lance Black und Clint Eastwood auf markante, aussagekräftige Ereignisse. Dabei achten sie weniger auf die Karriereschritte als auf die persönliche Entwicklung der Hauptfigur. Sie erzählen mit langem Atem, ruhig und manchmal auch pathetisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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