Der unauffällige Mr Crane

Der unauffällige Mr Crane

Der unauffällige Mr Crane

Der unauffällige Mr Crane / The Man Who Wasn't There – Originaltitel: The Man Who Wasn't There – Regie: Joel Coen – Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen – Kamera: Roger Deakins – Schnitt: Roderick Jaynes, Tricia Cooke – Musik: Carter Burwell – Darsteller: Billy Bob Thornton, Frances McDormand, Michael Badalucco, James Gandolfini, Scarlett Johansson, Tony Shalhoub, Jon Polito, Richard Jenkins u.a. - 2001; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Ed Crane, ein einfältiger, lethargischer Amerikaner, der von seiner Ehefrau betrogen wird, ergreift einmal im Leben die Initiative: Um Geschäftspartner eines zwielichtigen Fremden zu werden, fordert er anonym vom Liebhaber seiner Frau das erforderliche Geld und droht, andernfalls die Affäre publik zu machen. Der Erpresste findet jedoch heraus, wer den Brief geschrieben hat. Ed tötet ihn in Notwehr. Daraufhin wird seine Frau festgenommen und wegen Mordes angeklagt ...
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Kritik

"Der unauffällige Mr Cane" ist eine Hommage von Ethan und Joel Coen an den film noir. Ein intelligentes Drehbuch, stilistische Brillanz, skurrile Wendungen und lakonisch-pointierte Dialoge machen den S/W-Film zu einem besonderen Kinovergnügen.
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Ed Crane (Billy Bob Thornton) lebt mit seiner Ehefrau Doris (Frances McDormand) in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts in einer kalifornischen Kleinstadt. Doris arbeitet als Buchhalterin im Kaufhaus von „Big“ Dave Nirdlinger (James Gandolfini), Ed schneidet Haare im Friseursalon seines Schwagers Frank Raffo (Michael Badalucco). Während Frank unaufhörlich redet, hört man von Ed kaum mehr als einsilbige Antworten auf Fragen von Kunden; er raucht nur still und ruhig eine Zigarette nach der anderen. Ed weiß, dass Doris ihn mit ihrem Chef betrügt, der eigens für sie eine neue Filiale eröffnen will, um ihr deren Leitung übergeben zu können.

Einmal, als Frank und Ed gerade schließen wollen, kommt ein schwuler Fremder mit Toupet und möchte die Haare geschnitten haben. Frank geht nach Hause, aber Ed übernimmt den Kunden, der sich als Creighton Tolliver (Jon Polito) vorstellt und frustriert erzählt, er sei eigens hergereist, um sich mit einem Unternehmer zu treffen, der sein Geschäftspartner werden wollte. Doch der habe nun doch nichts investiert. Um sein Vorhaben verwirklichen und eine Kette von neuartigen Trockenreinigungen aufbauen zu können, fehle ihm noch immer ein stiller Teilhaber, der 10 000 Dollar für die erste Filiale investiert.

Ed lässt sich die Sache durch den Kopf gehen. Dann kündigt er Creighton Tolliver das Geld an. Dave schickt er einen anonymen Brief, in dem er 10 000 Dollar verlangt und damit droht, dessen Verhältnis mit Doris publik zu machen.

Bei einer Party nimmt Dave Ed auf die Seite und erzählt ihm von dem Erpresserbrief, ohne zu ahnen, dass er den Absender vor sich hat. Seine Gattin Ann (Katherine Borowitz) dürfe auf keinen Fall von seinen Seitensprüngen erfahren, denn von ihrer Familie stammt das ganze in seinem Unternehmen investierte Geld. Er hat Ann auch verheimlicht, dass er Doris die Bücher manipulieren ließ, um die 10 000 Dollar auf die Seite zu schaffen, die für die Eröffnung der neuen Filiale geplant sind. Als Erpresser verdächtigt er Creighton Tolliver. Dave habe es abgelehnt, dessen stiller Teilhaber zu werden, und nun versuche Tolliver wohl, sich die 10 000 Dollar auf diese Weise zu holen.

Dave versteckt die Banknotenbündel, wie gefordert, in einer Aschenbechersäule in einem Hotelkorridor. Doris reagiert aufgebracht, als sie von ihm erfährt, dass aus der geplanten Filiale nichts wird. Ed bringt Tolliver die 10 000 Dollar ins Hotel, und der verspricht, zukünftige Einnahmen aus dem Trockenreinigungs-Geschäft 50 zu 50 mit ihm zu teilen.

Mitten in der Nacht ruft Dave bei Ed an und fordert ihn auf, zu ihm ins Büro zu kommen. Nachdem er die 10 000 Dollar hinterlegt hatte, überlegte er es sich, ging zu Tolliver ins Hotel und stellte ihn zur Rede. Er habe die Wahrheit aus dem Mann herausprügeln müssen, sagt Dave, aber jetzt wisse er, wer ihn erpresste. Voller Wut stürzt Dave sich auf Ed. Der kriegt in dem Handgemenge den kleinen japanischen Dolch zu fassen, mit dem Dave seine Zigarren anzuschneiden pflegte, und rammt ihn seinem Gegner in den Hals, der daraufhin sterbend zusammenbricht.

Am nächsten Tag kommen zwei unbeholfene Polizeibeamte – Persky und Krebs (Christopher Kriesa, Brian Haley) – in den Friseursalon. Ed nimmt an, dass sie ihn abführen wollen, aber sie haben nur die Aufgabe, ihm mitzuteilen, dass seine Frau verhaftet wurde und unter Mordverdacht steht.

Damit Ed sich einen guten Verteidiger für Doris leisten kann, nimmt Frank eine Hypothek auf den Friseursalon auf. Auf Anraten des Rechtsanwalts Walter Abundas (Richard Jenkins), der mit seiner halbwüchsigen Tochter Rachel „Birdy“ (Scarlett Johansson) in der Nachbarschaft wohnt, engagiert Ed den Strafverteidiger Freddy Riemenschneider (Tony Shalhoub) aus Sacramento, der nicht nur ein horrendes Honorar verlangt, sondern auch Spesen für eine Hotelsuite, gutes Essen, eine Sekretärin und einen Privatdetektiv.

Um die 10 000 Dollar von Tolliver zurückzuverlangen, geht Ed noch einmal in das Hotel, in dem dieser abgestiegen war. Der sei abgereist, ohne die Rechnung zu bezahlen, heißt es, und die angegebene Adresse existiere nicht.

Einmal kommt Ann Nirdlinger bei Ed vorbei. Doris habe ihren Mann nicht ermordet, sagt sie. Ed stockt der Atem. Ann verdächtigt ihn jedoch nicht, sondern glaubt an eine Verschwörung. Während eines Campingaufenthalts, erzählt sie, sei Dave vorübergehend in einem Ufo entführt worden und die Regierung habe ihn jetzt beseitigt, damit niemand etwas von der Existenz der Außerirdischen erfährt.

Ed besucht nun fast jeden Abend die Abundas, um zuzuhören und zuzusehen, wie Birdy Beethoven-Sonaten am Klavier spielt.

In einem Besprechungsraum des Gefängnisses müht Riemenschneider sich mit Doris und Ed ab, Argumente für die Verteidigung zu finden. Die Wahrheit tauge dafür nicht, erklärt er, aber etwas Anderes fällt ihm auch nicht ein. Ed gibt schließlich zu, dass er Dave umgebracht hat, aber der Staranwalt hält auch diese „Variante“ für ungeeignet, weil es keine Beweise dafür gibt. Riemenschneider beruft sich auf die Aussage eines deutschen Physikers – „Fritz oder Werner oder so“ –, der herausfand, dass sich die Dinge verändern, wenn man sie untersucht. [Heisenberg’sche Unschärferelation]. „Je mehr Sie nachforschen, desto weniger wissen Sie.“

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Endlich bricht der erste Verhandlungstag an. Doch der Prozess wird abgesagt: Doris hat sich in ihrer Gefängniszelle erhängt. Riemenschneider packt frustriert seine Papiere zusammen, denn er fühlt sich um seinen Auftritt betrogen.

Frank trauert um seine Schwester, überlässt die Arbeit im Friseursalon seinem Schwager und beginnt zu trinken [Alkoholkrankheit].

Von dem Gerichtsmediziner Diedrickson (Alan Fudge) erfährt Ed, dass Doris im dritten Monat schwanger war. „Meine Frau und ich hatten seit vielen Jahren keinen Geschlechtsverkehr mehr“, erwidert er resigniert.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Obwohl Ed nichts von Musik versteht und nicht weiß, wer Ludwig van Beethoven war, schwärmt er für Birdy und möchte ihr Talent fördern. Deshalb überredet er sie, mit ihm nach San Francisco zu fahren, um dort dem berühmten französischen Musiklehrer Jacques Carcanogues (Adam Alexi-Malle) vorzuspielen. Der lobt danach zwar Birdys flinke Finger, aber damit solle sie besser Stenotypistin werden, meint er, denn ihre Musik sei seelenlos. Birdy, der nichts an einer Karriere als Pianistin liegt, nimmt das nicht tragisch, aber sie beugt sich während der Fahrt über seinen Schoß, um sich mit Fellatio zu bedanken. Entsetzt verreißt Ed das Steuer, und der Wagen gerät ins Schleudern.

Als er im Krankenhaus wieder zu sich kommt, stehen zwei Kriminalbeamte an seinem Bett. Inzwischen ist die Leiche von Creighton Tolliver aufgetaucht. Der Mann wurde in seinem Hotelzimmer erschlagen, und die Polizei geht aufgrund von Indizien davon aus, dass Ed der Mörder ist.

Ed überschreibt Freddy Riemenschneider sein Haus, damit dieser ihn verteidigt, aber als der eitle Anwalt die Aussichtslosigkeit des Falls erkennt, überlässt er das Mandat seinem glanzlosen Kollegen Lloyd Garroway (George Ives). Dem gelingt es denn auch nicht, das Todesurteil abzuwenden.

Im Todestrakt schreibt Ed Crane seine Geschichte auf. Gelassen wartet er auf die Vollstreckung. Früher habe er bereut, Friseur zu sein, meint er, aber jetzt bereue er nichts mehr.

Er stirbt auf dem elektrischen Stuhl – für einen Mord, den nicht er, sondern „Big“ Dave Nirdlinger beging.

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Ein einfältiger, lethargischer Amerikaner Mann ergreift einmal in seinem Leben die Initiative – und löst damit eine zerstörerische Dynamik aus.

Beim Schreiben des Drehbuchs für „Der unauffällige Mr Cane“ (TV-Titel) bzw. „The Man Who Wasn’t There“ (Original- und DVD-Titel) orientierten sich Ethan und Joel Coen am film noir und am Stil der Kriminalromane von James M. Cain, der die literarischen Vorlagen für die Filme „Frau ohne Gewissen“ („Double Indemnity“, Billy Wilder, 1944), „Solange ein Herz schlägt“ („Mildred Pierce“, Michael Curtiz, 1945) und „Besessenheit“ („Ossessione“, Luchino Visconti, 1942) bzw. „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ („The Postman Always Rings Twice“, Tay Garnett, 1946; Bob Rafelson, 1980) geliefert hatte. Dementsprechend konzipierten die Gebrüder Coen „Der unauffällige Mr Cane“ als Schwarz-Weiß-Film und fanden in Roger Deankins einen Kameramann, der diese Herausforderung mit expressionistisch ausgeleuchteten Bildern meisterte.

„Der unauffällige Mr Cane“ beginnt stringent, aber es dauert nicht lang, bis Ethan und Joel Coen skurrile Ideen und absurde Wendungen einbauen. Zu den schrägen Einfällen gehört die Szene, in der Freddy Riemenschneider über die Heisenbergsche Unschärferelation und deren Anwendung auf die Wahrheitsfindung vor Gericht sinniert, oder die sich von Eds schleuderndem Auto lösende Radkappe, die zuerst zur Fliegenden Untertasse und dann zur Stirnlampe eines Arztes mutiert. Dass Ethan und Joel Coen auch auf die Details achten, zeigt sich zum Beispiel in einer Szene vor Gericht: Das Publikum und die Anwälte haben bereits Platz genommen. Frank Raffo regt sich darüber auf, dass sich der Beginn der Verhandlung verzögert und fragt Freddy Riemenschneider, wo denn der Richter bleibe. Der Jurist klärt ihn darüber auf, dass die Angeklagte noch nicht da sei und der Richter immer als Letzter den Saal betrete. Ob die im Gefängnis denn keinen Weckdienst hätten, fragt der Friseur rhetorisch. In diesem Augenblick kommt nun doch der Richter herein und ruft die Anwälte nach vorn, um ihnen mitzuteilen, dass die Angeklagte sich in ihrer Zelle erhängte.

Der Ich-Erzähler Ed spricht das Meiste aus dem Off; Billy Bob Thornton hat weder viel Text noch die Gelegenheit für heftige Gemütsbewegungen, aber die Wortkargheit und die müde Gestik und Mimik sind wohl genau das, was Ethan und Joel Coen sich unter der Figur vorgestellt haben und was dem Stil des ruhig geschnittenen Films entspricht. Frances McDormand stehen mehr Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, und sie nutzt diese auch ebenso überzeugend wie Billy Bob Thornton die Hauptfigur verkörpert.

Ein intelligentes Drehbuch, stilistische Brillanz, skurrile Wendungen, schwarzer Humor und lakonisch-pointierte Dialoge machen „Der unauffällige Mr Cane“ zu einem besonderen Kinovergnügen abseits ausgetretener Pfade. „Der unauffällige Mr Crane“ ist einer der besten Filme von Ethan und Joel Coen, gehört aber leider nicht zu ihren größten Erfolgen.

Die Dreharbeiten dauerten vom 26. Juli bis 1. September 2000.

Obwohl „Der unauffällige Mr Crane“ in Farbe gedreht wurde, brachten ihn Ethan und Joel Coen als Schwarz-Weiß-Film ins Kino, um näher an den film noir heranzukommen. Es existieren allerdings auch Kopien in Farbe zum Beispiel in niederländischer Sprache.

Der Kameramann Roger Deakins wurde für einen „Oscar“ nominiert.

Bei der klassischen Musik, die in „Der unauffällige Mr Cane“ zu hören ist, handelt es sich um ein Stück aus der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart und um jeweils ein paar Takte aus folgenden Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven: Nr. 8 c-Moll, op. 13 „Pathétique“; Nr. 14 cis-Moll, op. 27 Nr. 2 „Mondschein-Sonate“; Nr. 15 D-Dur, op. 28; Nr. 23 f-Moll, op. 57 „Appassionata“; Nr. 25 G-Dur, op. 79; Nr. 30 E-Dur, op. 109.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

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