Paris, Texas

Paris, Texas

Paris, Texas

Originaltitel: Paris, Texas - Regie: Wim Wenders - Drehbuch: Sam Shepard, L. M. Kit Carson - Kamera: Robby Müller - Schnitt: Peter Przygodda - Musik: Ry Cooder - Darsteller: Harry Dean Stanton, Nastassja Kinski, Dean Stockwell, Hunter Carson, Aurore Clément, Bernhard Wicki, Socorro Valdez, Edward Fayton, Justin Hogg, John Lurie, Jeni Vici, Sally Norvell u.a. - 1984; 145 Minuten

Inhaltsangabe

Travis, ein Amerikaner, der seit dem Zerbrechen seiner Familie verschollen war, taucht nach vier Jahren im Süden von Texas wieder auf. Zuerst ist er so verstört, dass er kein Wort redet, doch allmählich kehren die Sprache und die Erinnerungen zurück. Sein inzwischen sieben Jahre alter Sohn Hunter wuchs bei Travis' Bruder und dessen Ehefrau in Los Angeles auf. Gemeinsam machen Vater und Sohn sich auf den Weg, um Hunters Mutter in Houston, Texas, zu suchen ...
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Kritik

"Paris, Texas" ist ein bedächtig und sensibel erzählter Film, der in jeder Hinsicht überzeugt: durchdachte Dramaturgie, dichte Atmosphäre, überzeugende Bildersprache, klare Farbregie, kongeniale Filmmusik und subtiles schauspielerisches Können.
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Mitten in einer Wüste im Süden von Texas trinkt ein Mann (Harry Dean Stanton) mit einer roten Mütze den letzten Tropfen Wasser aus einem Kanister und geht dann rasch weiter, bis er nach Devil’s Graveyard gelangt und zusammenbricht. Ein Arzt (Bernhard Wicki) nimmt sich seiner an, und der Fremde kommt wieder zu sich, spricht jedoch kein Wort. In den Sachen des Mannes findet Dr. Ulmer eine Visitenkarte von Walt Henderson (Dean Stockwell) in Los Angeles. Es handelt sich um den jüngeren Bruder des Fremden. Walt hat seit vier Jahren weder etwas von seinem Bruder Travis Clay Henderson noch von dessen Ehefrau Jane (Nastassja Kinski) gehört. Obwohl er beruflich viel zu tun hat – er leitet ein Unternehmen, das riesige Werbetafeln aufstellt –, fliegt er sofort nach Texas und fährt mit einem Leihwagen nach Devil’s Graveyard, um seinen Bruder abzuholen. Der ist jedoch nicht mehr da, sondern am Morgen weitergegangen. Walt bezahlt den Arzt und macht sich auf die Suche.

Er findet Travis und bringt seinen sichtlich verstörten Bruder dazu, ins Auto einzusteigen. Travis scheint Walt zwar zu verstehen, aber er bleibt stumm und beantwortet keine Fragen. Weil Travis im anrollenden Flugzeug in Panik gerät, müssen die beiden Brüder es auf dem Weg zur Startbahn wieder verlassen und mit dem Wagen nach Los Angeles fahren, obwohl das zwei Tage dauert. Unterwegs sagt Travis erstmals etwas: „Paris. Können wir da hinfahren?“ Walt nimmt an, dass damit die französische Hauptstadt gemeint ist, aber Travis zeigt ihm ein zerknittertes Foto von einem öden Gebiet bei Paris in Texas. Weil er glaubt, dass er dort gezeugt worden war, kaufte er sich das Land, ohne es jemals gesehen zu haben.

Allmählich beginnt Travis wieder zu sprechen. In Walts Haus trifft Travis auf seinen inzwischen sieben Jahre alten Sohn Hunter (Hunter Carson), den Walt und desssen Ehefrau Anne (Aurore Clément) vor vier Jahren bei sich aufnahmen, nachdem Travis und Jane spurlos verschwunden waren.

Statt zu schlafen, wäscht Travis nachts das Geschirr und putzt alle Schuhe. Am nächsten Vormittag will er Hunter von der Schule abholen, aber der Junge hat keine Lust, zu Fuß zu gehen und lässt sich, als er seinen Vater auf der anderen Straßenseite warten sieht, von den Eltern eines Mitschülers im Auto mitnehmen.

Als Walt einen fast fünf Jahre alten Super-8-Film vorführt, auf dem er und Anne, Travis, Jane und der damals dreijährige Hunter (Justin Hogg) zu sehen sind, kehren Travis‘ Erinnerungen zurück. Beim gemeinsamen Anschauen eines Fotoalbums mit Erinnerungsbildern kommen Vater und Sohn sich näher. Von Anne erfährt Travis, dass Jane bis vor einem Jahr regelmäßig bei ihr anrief, um sich nach ihrem Sohn zu erkundigen. Im letzten Telefongespräch bat sie Anne, ein Bankkonto für Hunter einzurichten, und darauf überweist sie jeden Monat Geld aus Houston, Texas. Nicht einmal Walt hat Anne davon erzählt.

Travis erklärt seinem Bruder, er wolle Jane suchen. Walt hält das für aussichtslos, denn seine eigenen Bemühungen waren vergeblich, aber Travis lässt sich nicht davon abbringen, borgt sich Geld von Walt, besorgt sich einen gebrauchten Pick-up, holt Hunter damit von der Schule ab und fährt mit ihm los. Erst nach mehreren Stunden hält er an einer Telefonzelle und fordert seinen Sohn auf, Walt und Anne anzurufen, die sich bestimmt Sorgen um ihn machen. Anne drängt Hunter, Travis zum Umkehren zu bewegen, aber auf ein Zeichen seines Vaters hin hängt der Junge ein.

An dem Tag, an dem Jane jeden Monat Geld für Hunter einzahlt, legen Travis und sein Sohn sich vor der entsprechenden Drive-In-Bank in Houston auf die Lauer. Beide nicken im Lauf des Tages ein, doch als Jane wegfährt, entdeckt Hunter sie. Travis und er folgen dem roten Kleinwagen in eine heruntergekommene Gegend von Houston, wo Jane am Hintereingang einer Peep Show parkt. Travis geht allein hinein, und es gelingt ihm, Jane vor den Einwegspiegel in seiner Kabine zu bekommen. Allerdings ist er nicht in der Lage, über die Sprechanlage mit ihr zu kommunizieren. Unerkannt verlässt er das Etablissement wieder und nimmt für sich und Hunter ein Hotelzimmer.

Bevor Travis erneut in die Peep Show geht, hinterlässt er seinem Sohn eine auf Tonband gesprochene Nachricht: Er wisse nicht mehr, was vor vier Jahren geschah und habe Angst davor, sich wieder daran zu erinnern. Auf jeden Fall liebe er Hunter und sehe es als seine Aufgabe an, ihn und seine Mutter wieder zusammenzubringen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

In der Kabine setzt Travis sich mit dem Rücken zum Einwegspiegel. Ohne zu sagen, wer er ist, fängt er an, Jane über die Sprechanlage eine Geschichte zu erzählen. Sie handelt von einer Siebzehnjährigen und einem deutlich älteren Mann, die sich verliebten. Der Mann gab sogar seinen Beruf auf, weil er es nicht ertrug, von ihr getrennt zu sein. Das führte allerdings zu finanziellen Problemen. Wenn er notgedrungen Gelegenheitsarbeiten durchführte, um ein paar Dollar zu verdienen, machte ihm die Eifersucht schwer zu schaffen und er begann zu trinken [Alkoholkrankheit]. Als die junge Frau im fünften Monat schwanger war, nahm er wieder einen festen Job an, um seiner zukünftigen Familie ein Heim bieten zu können, aber nach der Geburt des Kindes veränderte sich die Frau und wurde unzufrieden. Zwei Jahre lang bemühte der Mann sich vergeblich, bis er einsah, dass sich das anfängliche Liebesglück nicht zurückgewinnen ließ. Daraufhin trank er erneut. Eines Nachts fesselte er die Frau an einen heißen Ofen. Obwohl er sie und seinen kleinen Sohn schreien hörte, legte er sich schlafen. Erst als sein Bett brannte, schreckte er hoch. Frau und Kind waren fort.

Während Travis die Geschichte erzählt, begreift Jane allmählich, wer in der Kabine ist. Um ihn durch den Einwegspiegel sehen zu können, schaltet sie das Licht in ihrem Raum aus. Travis lässt sie wissen, dass er Hunter mit nach Houston gebracht hat und in welchem Hotelzimmer sie ihn finden kann.

Anschließend wartet Travis auf dem Parkplatz des Hotels, bis Jane bei Hunter ist. Dann fährt er allein fort.

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Sensibel und bedächtig erzählen Sam Shepard (Drehbuch) und Wim Wenders (Regie) in „Paris, Texas“ eine ergreifende Geschichte. Lange lassen sie uns im Unklaren, was den stumm, schlaflos und zu Fuß durch die Wüste eilenden Protagonisten Travis umtreibt. Erst in einem 20 Minuten langen Dialog gegen Ende des Films erfahren wir, wie er und seine Frau Jane sich vor vier Jahren trennten und warum dies geschah. Diese Szene bildet zugleich den Höhepunkt des Films und ist inhaltlich und formal ein Meisterwerk der Filmkunst: Travis und Jane können nur über die Sprechanlage einer Peep Show miteinander reden, und der Einwegspiegel zwischen der Kabine des Kunden und dem Mädchen im benachbarten Raum verhindert, dass sie sich berühren oder auch nur gegenseitig in die Augen schauen, obwohl sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. In diesem doch sehr eingeschränkten Setting nimmt die Kamera (Robby Müller) immer neue Blickwinkel ein, während Harry Dean Stanton und Nastassja Kinski ihr außerordentliches schauspielerisches Können zeigen.

In der gerade beschriebenen Szene trägt Jane dunkelblaue Kleidung, keinen leuchtend roten Pullover wie kurz davor. Die für die Liebe stehende Farbe Rot hat Wim Wenders akzentuiert eingesetzt. Am Ende sind Jane und Hunter grün gekleidet: grün wie die Hoffnung.

Zur atmosphärische Dichte von „Paris, Texas“ trägt auch der spröde, kongeniale Gitarrenscore von Ry Cooder maßgeblich bei. (Beim Hauptmotiv handelt es sich um eine Variation des Stücks „Dark was the Night“ von Blind Willie Johnson.)

Es muss genügen zu sagen, dass an „Paris, Texas“ alles perfekt ist, alles aufregend, alles durchdacht, alles neu … (Süddeutsche Zeitung, 31. Dezember 1998)

Tatsächlich hat Wim [Wenders] gemeinsam mit seinem Freund und Drehbuchautor Sam Shepard, mit den großartigen Hauptdarstellern Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton, der grandiosen Musik von Ry Cooder und der atemberaubenden Kamera von Robby Müller ein Meisterwerk geschaffen. Dies ist wahrscheinlich das außergewöhnlichste Werk europäischer Filmkunst, das je in Amerika […] realisiert wurde. (Dieter Kosslick, Süddeutsche Zeitung, 13. August 2005)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2007

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