Mario Vargas Llosa : Tante Julia und der Schreibkünstler

Tante Julia und der Schreibkünstler

Mario Vargas Llosa

Tante Julia und der Schreibkünstler

Originalausgabe: La tía Julia y el escribidor, 1977 Tante Julia und der Lohnschreiber Übersetzung: Heidrun Adler, 1979 Tante Julia und der Schreibkünstler Neuübersetzung: Thomas Brovot Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 ISBN: 978-3-518-42255-7, 444 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In den Kapiteln mit ungeraden Nummern erzählt der Protagonist Mario Varguitas in der Ich-Form von seinen Erlebnissen als 18-jähriger Jura-Student in Lima, von seiner in der Familie einen Skandal auslösenden Liebesbeziehung mit der 14 Jahre älteren Tante Julia, von seinem Taum, Schriftsteller zu werden und seiner Bewunderung des im Akkord Hörspiele verfassenden "Schreibkünstlers" Pedro Camacho, dessen Manuskripte in den geradzahligen Kapiteln nachzulesen sind ...
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Kritik

"Tante Julia und der Schreibkünstler" ist nicht nur ein witziges, von Mario Vargas Llosa mit überbordender Fabulierlaune gestaltetes Plädoyer gegen Vor­urteile und Anpassungsdruck, sondern dreht sich außerdem um die Spannung zwischen Alltag und Kunst, Konsum und Kultur.
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1

Der 18-jährige Ich-Erzähler Mario Varguitas studiert Jura an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima und wohnt bei seinen Großeltern im Stadtteil Miraflores. Eigentlich strebt er gar keinen bürgerlichen Beruf an, sondern würde lieber Schriftsteller werden, und er jobbt bereits als Journalist, als Nachrichtenchef von Radio Panamericana. Dabei assistiert ihm ein Mann namens Pascual. Dem Zeitgeschmack entsprechend, setzt der Sender auf Hörspiele. Um Kosten zu sparen, wollen die Inhaber Genaro senior und junior einen eigenen Autor engagieren, statt die Hörspiele weiter beispielsweise aus Kuba zu beziehen. Genaro jr. entscheidet sich für Pedro Camacho, einen Bolivianer um die 40 aus La Paz, und nimmt Mario Varguitas kurzerhand die Schreibmaschine weg, um sie dem neuen Hörspielautor zur Verfügung stellen zu können.

Am selben Tag begegnet Mario erstmals Tante Julia, der frisch geschiedenen, am Vorabend in Lima eingetroffenen Schwester seines Onkels Lucho oder seiner Tante Olga. Onkel Lucho stellt ihr seinen Neffen vor:

„Der denkt nicht an Weib und Gesang […]. Er ist ein Intellektueller. Er hat eine Erzählung in der Sonntagsbeilage von El Comercio veröffentlicht.“

Obwohl sie Bolivianerin ist und in La Paz lebte, hat sie noch nie etwas von einem Pedro Camacho gehört, dessen Theaterstücke angeblich in der bolivianischen Hauptstadt aufgeführt werden. Mario ärgert sich darüber, dass ihn die 32-Jährige Tante Marito nennt und wie einen kleinen Jungen behandelt. Um sie zu beeindrucken, meint er gegen seine Überzeugung:

Ich bin gegen die Ehe […]. Ich bin für das, was man freie Liebe nennt.

Ich erklärte ihr, die Liebe gebe es nicht, das sei eine Erfindung der provenzalischen Troubadoure und eines Italieners namens Petrarca. Was die Leute für das lautere Plätschern der Gefühle hielten, für reinsten Herzenserguss, sei nichts anderes als das triebgesteuerte Verhalten rolliger Katzen, verborgen hinter schönen Worten und den Mythen der Literatur.

3

Mario Varguitas wundert sich über die Humorlosigkeit des Hörspielautors Pedro Camachos und dessen Hass auf die Argentinier.

Seine eigenen Schreibversuche wirft er aufgrund der wenig ermutigenden Äußerungen seiner Testleser weg.

Tante Julia lebt noch nicht lange in Lima, als ihr der entfernt verwandte Gutsbesitzer und Senator Adolfo Salcedo aus Arequipa einen Heiratsantrag macht. Aber der 50-Jährige ist seit einem traumatischen Erlebnis vor 25 Jahren impotent: Damals nahm er eine Animierdame aus einem Nachtklub mit ins Hotel. Während er auf ihr lag, spürte er plötzlich ein Messer im Rücken und wurde ausgeraubt.

Auch von ihrem 14 Jahre jüngeren Neffen Mario wird Tante Julia umworben. Sie geht mit ihm ins Kino; er schenkt ihr Blumen und küsst sie während eines Tanzes auf den Mund.

5

Während Mario damit prahlt, bereits mit 13 seine erste Freundin gehabt zu haben, vertraut Tante Julia ihm an, dass sie bis zum 17. Lebensjahr Jungfrau gewesen sei. Sie berichtet ihm von ihrer Ehe, die letztlich daran scheiterte, dass sie keine Kinder bekam. Dass Mario Schriftsteller werden möchte, belustigt die unbelesene Tante:

„Doritas Sohn ein Bohemien, sieh einer an. Das Dumme ist, dass du verhungern wirst, mein Kleiner.“

Im Kino setzen sie sich in eine der hinteren Reihen, halten Händchen und küssen sich. Aber Tante Julia zieht auch eine rote Linie:

„Sieh mal, Marito“, ihre Stimme war liebevoll, ruhig. „Ich habe in meinem Leben schon allen Unsinn gemacht, aber das werde ich nicht tun“, und sie lachte schallend. „Ich und Verführung Minderjähriger? Ganz bestimmt nicht!“

7

Die Liaison mit Tante Julia gedieh prächtig, aber die Dinge verkomplizierten sich, weil es schwer war, sie weiter geheim zu halten.

Um die Kinokarten und die Café-Rechnungen bezahlen zu können, benötigt Mario zusätzliche Einnahmen. Es gelingt ihm, eine Gehaltserhöhung zu bekommen, aber das reicht noch nicht.

Zweitausend gab ich meinen Großeltern, mein Beitrag zum Haushalt, die dreitausend übrigen hätten mir früher mehr als ausgereicht, um meine Laster zu finanzieren: Zigaretten, Kino und Bücher. Doch seit meiner Liaison mit Tante Julia verflüchtigten sie sich sofort, und ich war immer blank, musste mir oft etwas pumpen und ging sogar zur Staatlichen Pfandleihanstalt an der Plaza de Armas.

Notgedrungen beginnt er unter einem Pseudonym Buchrezensionen und Reportagen für die Feuilletons und Zeitschriften von Lima zu schreiben, obwohl er das als „Prostitution meiner Feder“ diskreditiert.

Unsere Treffen in den Cafés der Altstadt von Lima waren recht züchtig, wir führten lange und sehr romantische Gespräche, hielten Händchen, schauten uns in die Augen und rieben, wenn die Lokalität es erlaubte, unsere Knie aneinander. Wir küssten uns nur, wenn niemand uns sehen konnte.

Es bleibt nicht aus, dass sie entdeckt werden, und zwar von Javier, Marios bestem Freund, im Cream Rica, wo der angehende Schriftsteller der Tante gerade seine fünf Seiten lange Erzählung über Doroteo Martí mit dem Titel „Die Erniedrigung des Kreuzes“ vorlas und harsche Kritik einstecken musste, weil er sich nicht an die Tatsachen gehalten hat. Vergeblich verteidigt Mario die dichterische Freiheit.

Später, als Mario und sein Freund allein sind, meint Javier:

„Mensch, Varguitas, sieh einer an. […] Eine reiche, geschiedene Alte als Geliebte: volle Punktzahl!“

Mario bewundert den 100 Stunden pro Woche arbeitenden „Schreibkünstler“ Pedro Camacho, und Tante Julia überredet ihn, sie mit ihrem Landsmann bekannt zu machen. Sie gehöre zu seinen Verehrerinnen, lügt sie, als sie ihn in seiner Pension La Tapada im Zentrum von Lima besuchen. Danach fragt sie Mario, ob ihm aufgefallen sei, dass im Zimmer des Hörspielautors kein einziges Buch steht. Tatsächlich liest Pedro Camacho keine Bücher, weil er befürchtet, seinen Stil dadurch zu verderben. Der skurrile Autor lässt auch keinen seiner Texte drucken.

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Mario regiert eifersüchtig, als er von seiner Tante Olga erfährt, dass Tante Julia von dem 50 Jahre alten Endokrinologen Dr. Guillermo Osores zum Essen eingeladen wurde. Die beiden hatten sich vor zehn Tagen bei einem Cocktail-Empfang in der bolivianischen Botschaft kennengelernt. Tante Julia erklärt ihrem Neffen, dass die „Geschichte“ zwischen einem jungen Spund wie ihm und einer 32-jährigen geschiedenen Frau weder eine Grundlage noch eine Zukunft habe.

„Stellen wir ein paar Dinge klar“, sagte sie schließlich, immer noch mit dem Rücken zu mir. „Du kannst mir gar nichts verbieten, auch nicht im Scherz, aus dem einfachen Grund, weil du für mich nichts bist. Du bist nicht mein Mann, nicht mein Verlobter, nicht mein Liebhaber.“

Mario begleitet Pedro Camacho, der dabei ist, Gift gegen die inzwischen unerträglich gewordenen Mäuse in der Pension La Tapada zu kaufen. Dabei jammert der Student über seinen Liebeskummer. Der Schreibkünstler eröffnet ihm, dass er noch kein einziges Mal mit einer Frau aus Fleisch und Blut intim gewesen sei.

„Glauben Sie, ich könnte tun, was ich tue, wenn die Frauen meine Energie aufsaugten?“, fragte er, und in seiner Stimme schwang Ekel. „Glauben sie, dass man Kinder und Geschichten gleichzeitig produzieren kann? Dass man sich etwas ausdenken, vorstellen kann, wenn man in ständiger Angst vor der Syphilis lebt? Frauen und die Kunst schließen sich aus.“

Während die Angriffe gegen die Argentinier in Pedro Camachos Hörspielen Radio Panamericana anfangs in Schwierigkeiten brachten, bleiben sie nun ungestraft, denn der Staatspräsident gehört inzwischen zu den Fans der Hörspiele und lässt sie aufnehmen, um sie abends mit seiner Frau hören zu können.

Javier ist in Marios Cousine Nancy verliebt. Nach zahlreichen Abweisungen nimmt sie seine Einladung zum Stierkampf an. Um nicht nur die teuren Karten, sondern auch eine Mantille als Geschenk für Nancy kaufen zu können, verhökert Javier das Radio aus der Pension und lässt die Besitzer glauben, die Köchin habe es gestohlen. Später erzählt Nancy ihrem Cousin von dem Geschenk:

„Kannst du dir vorstellen, was dieser Idiot mir zugemutet hat, diese Blamage? […] Mitten in der Plaza de Acho packt der auf einmal ein Paket aus, zieht so ein Torerotuch heraus und legt es mir über. Alle haben sich nach mir umgedreht, selbst der Stier hat sich totgelacht.“

Mario beschimpft Nancy daraufhin als herzloses Biest und weist sie darauf hin, dass Javier sogar für sie gestohlen habe.

Er selbst hat mehr Glück in der Liebe: Tante Julia beschließt, nicht mehr mit Dr. Guillermo Osores auszugehen.

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Bald darauf lässt Nancy sich auf eine Liebesbeziehung mit Javier ein, und der junge Mann ist überglücklich. Dass Javier ihr das Geheimnis von der Romanze seines besten Freundes mit Tante Julia anvertraut hat, sieht Mario ihm nach. Als sie auf Einladung Javiers einen Abend zu viert verbringen – die argentinische Theatertruppe von Francisco Petrone mit „Der Tod des Handlungsreisenden“, deutsches Essen im Rincón Toni und französischer Ausklang im Negro-Negro – sind auch Onkel Jorge und Tante Gaby im Theater. Mario ist überzeugt, dass die Verwandten beobachteten, wie er Tante Julia küsste, aber sie blicken angestrengt in andere Richtungen und tun so, als hätten sie nichts gesehen. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Skandal in der Familie losbricht! Nancy übernimmt die Aufgabe, ihren Cousin über das erwartete Getuschel auf dem Laufenden zu halten.

Als Mario den bolivianischen Schreibkünstler ins Café einladen möchte, trifft er ihn im weißen Kittel an, mit Rabbinerbart und Chirurgenkappe. Pedro Camacho verkleidet sich nämlich beim Schreiben, und im Augenblick hat er sich in einen Arzt versetzt.

„Der Gynäkologe Alberto de Quinteros entbindet soeben seine Nichte von Drillingen, und eins der Würmchen liegt quer. Können Sie fünf Minuten warten? Ich mache dem Mädchen einen Kaiserschnitt, dann trinken wir einen Minztee mit Zitronenkraut.“

Nach dem Café-Besuch sieht Mario, wie Pedro Camacho sein schwarzes Jackett und die Fliege ablegt, mit einem Haarnetz seine Mähne bändigt und eine Damenperücke mit einem Dutt aufsetzt.

Radiohörer wundern sich darüber, dass Pedro Camachos die Figuren in seinen Hörspielen durcheinander bringt. Ein Säugling, der bereits gestorben ist und im Grab liegt, wird in einer neuen Folge in der Kathedrale getauft. Mario rät dem Senior-Chef, mit dem Schreibkünstler zu reden, aber Genaro versuchte es bereits. Pedro Camacho zerriss die Beschwerdebriefe verwirrter Hörer, ohne sie gelesen zu haben.

„Er duldet nicht, dass ich auch nur das Wort an ihn richte. Der Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen, und wenn ich mit ihm sprechen will, wird er ausfallend.“

Weil Genaro nicht auf die ebenso preiswerten wie erfolgreichen Hörspiele verzichten will, fordert er Mario auf, mit dem Autor zu reden: „Sie sind doch auch ein halber Künstler.“

Als Mario mit Pedro Camacho in ein Café geht, um das Thema anzusprechen, wird dieser von zwei Argentiniern wegen der Anfeindungen in seinen Hörspielen zur Rede gestellt. Furchtlos droht der schmächtige Schreibkünstler den beiden Muskelpaketen Prügel an. Mario geht dazwischen, wird jedoch durch einen Faustschlag eines der beiden wütenden Argentinier niedergestreckt und kann nicht verhindern, dass über Pedro Camacho ein Hagel von Ohrfeigen hereinbricht.

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Mario liest Javier und Tante Julia seine neue Erzählung vor. Sie handelt von Tante Eliana, die den chinesischen Besitzer eines Kramladens in Jesús María heiratete, um nicht ehelos zu bleiben, und deshalb von ihren Eltern verstoßen wurde. Javier findet das unglaubwürdig und meint, keine Familie würde eine Frau verstoßen, nur weil sie einen Chinesen zum Ehemann genommen hat. Und Tante Julia tut Marios Werk als melodramatisch und kitschig ab.

Von Nancy erfährt Mario, dass die Verwandten längst von seiner Romanze mit Tante Julias wissen, und die in den USA lebenden Eltern in Kürze eintreffen werden. Tante Julia wird von der Verwandtschaft aufgefordert, nach Bolivien zurückzukehren. Als Mario das hört, macht er ihr einen Heiratsantrag. Statt zu antworten, lacht sie, und es klingt nicht besonders fröhlich.

Luciano Pando und Josefina Sánchez, zwei der bei Pedro Camachos Hörspielen eingesetzten Sprecher, beklagen sich bei Mario darüber, dass in den Manuskripten seit einigen Wochen immer gravierendere Verwechslungen von Figuren vorkommen. Aus Furcht vor dem Temperament des Schreibkünstlers wagen sie es jedoch nicht, ihn darauf hinzuweisen. Genaro jr. ist nicht unglücklich darüber, denn die Einschaltquoten brechen alle Rekorde. Der Junior-Chef vermutet deshalb, dass der Autor absichtlich Figuren und Zusammenhänge vertauscht. Aber Pedro Camacho gesteht Mario im Vertrauen, dass er dabei sei, den Überblick zu verlieren.

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Mario weiß, dass er Geld benötigt, um heiraten zu können. Er verpfändet fast alles, was er besitzt und bittet um einen Gehaltsvorschuss. Der Junior-Chef erfüllt ihm den Wunsch, obwohl er Marios Behauptung, eine Operation seiner Großmutter bezahlen zu müssen, für eine Lüge hält.

[…] dann sagte er plötzlich: „Na schön.“ Und mit kumpelhaftem Lächeln fügte er hinzu: „Gib zu, es ist, damit deine kleine Freundin abtreibt.“ Ich schlug die Augen nieder und bat ihn, das Geheimnis wohl zu hüten.

Marios Cousine Nancy könnte dem Paar ein zu vermietendes Reihenhäuschen im Stadtteil Miraflores vermitteln. Schwieriger zu beschaffen sind die erforderlichen Papiere: die Geburtsurkunden und das Scheidungsurteil, wegen Marios Minderjährigkeit aber auch eine notariell beglaubigte Einverständniserklärung seiner Eltern oder ein gerichtlicher Altersdispens. Das lässt sich nicht mit ein paar vorehelichen Laufereien erledigen. Als Mario Tante Julia fragt, ob sie ihre Geburtsurkunde und das Scheidungsurteil mit nach Lima gebracht habe, antwortet sie:

„Was ich hier habe, ist mein Ticket nach La Paz. […]
Mach es mir nicht noch schwerer, Varguitas. Ich gehe wegen deiner Verwandten zurück nach Bolivien, aber auch weil das mit uns eine Dummheit ist. Du weißt genau, dass wir nicht heiraten können.“

Eine Erlaubnis seiner Eltern wird Mario nicht bekommen. Deshalb sucht er nach einem Bürgermeister, der bereit ist, ihn und Tante Julia auch ohne Papiere zu trauen. Sein Assistent Pascual rät ihm, sich an den Bürgermeister von Chincha zu wenden; der sei ein Cousin von ihm, der werde das machen.

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Pascual und Javier begleiten Mario und Tante Julia nach Chincha. Dort nimmt sich das Brautpaar ein Zimmer im Hotel Sudamericano, aber als Mario schon mal einen Vorgeschmack auf die Ehe haben möchte, weist Tante Julia ihn zurück: „Stopp, Varguitas, erst müssen wir heiraten.“

Im Rathaus stellt sich heraus, dass der Bürgermeister den Termin vergessen hat. Sie finden ihn in einem Restaurant. Als er endlich genug gegessen und getrunken hat und bereit ist, seines Amts zu walten, stolpert er in den Unterlagen über Marios Alter. Dass der Bräutigam minderjährig ist, hätte er schon die ganze Zeit wissen können, aber erst jetzt nimmt er daran Anstoß und weigert sich, das Paar zu verheiraten. Stattdessen schickt er sie nach Tambo de Morau. Dort werde sie der als Bürgermeister amtierende Fischer Martín gegen eine Kleinigkeit auch ohne Papiere trauen, meint er. Aber Martín fordert sie auf, sich einen anderen Dummen zu suchen, der ihnen diesen Braten grillt.

Der Taxifahrer, der das mitbekommt, empfiehlt ihnen den Bürgermeister von Grocio Prado, der sei ein Kumpel von ihm. Es dauert eine Weile, bis sie an ihn herankommen, aber dann erklärt er sich bereit, verlangt dafür allerdings nicht nur 1000 Sol, sondern auch, dass Mario in seiner Geburtsurkunde eine 6 in eine 3 ändert und sich auf diese Weise drei Jahre älter macht. Weil Javier ebenfalls noch minderjähriger ist, akzeptiert der Bürgermeister nur Pascual als Trauzeugen. Für Javier springt der Taxifahrer ein und gibt sich mit 100 Sol zufrieden. Allerdings hält er es für erforderlich, erst noch zwei Flaschen Wein zum Anstoßen zu besorgen. Weil es in der Amtsstube keine Gläser gibt, trinken sie alle aus den Flaschen.

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Als Mario nach Lima zurückkommt, sind seine Eltern bereits aus den USA eingetroffen. Der Vater ist so zornig, dass er mit einem Revolver herumfuchtelt und seinen Sohn nicht sehen will, weil er befürchtet, dass dann etwas Schreckliches passieren könnte. Er hat einen befreundeten Minister und Rechtsanwälte eingeschaltet, die für eine Annullierung der Ehe sorgen und Tante Julias Verurteilung wegen Verführung eines Minderjährigen erreichen sollen. Die Rage des Mannes hat allerdings einen positiven Effekt: Der Rest der Verwandtschaft schwenkt nun auf die Seite von Mario und Tante Julia um.

Um ein Unglück zu verhindern, fliegt Tante Julia zu ihrer Großmutter nach Valparaíso. Mario würde sie gern begleiten, aber ohne die Erlaubnis des Vaters kann er keinen Pass beantragen und das Land verlassen.

Schließlich wendet Mario sich an seinen Vater und erklärt ihm, dass er weiter studieren und zugleich den Lebensunterhalt für sich und seine Ehefrau verdienen werde. „Ich möchte dich um Erlaubnis bitten, Julia herzuholen.“ Ungerührt weist ihn der Vater darauf hin, dass die Ehe ungültig sei. Als Minderjähriger könne er nicht ohne Erlaubnis heiraten. Wenn er es dennoch getan habe, dann mit gefälschten Papieren. Allerdings gesteht er, dass es noch schlimmer gewesen wäre, wenn der Sohn sich als schwul geoutet hätte. Mit Billigung seines Vaters telegrafiert Mario seiner Frau, sie könne nach Lima zurückkommen. Eineinhalb Monate hat ihr Exil in Chile gedauert. Um den Flug bezahlen zu können, versetzt sie fast alle Kleider und ihren gesamten Schmuck.

So dass ich, als ich sie am Donnerstagnachmittag vom Flughafen Limatambo abholte, eine bettelarme Frau in die Arme schloss.

Mario bringt sie zu dem inzwischen gemieteten, von der Cousine Nancy vermittelten Reihenhäuschen.

Die Genaros veranlassen, dass Pedro Camacho in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird. Einen Monat verbringt der verrückte Autor in der Privatklinik von Dr. Honorio Delgado, dann wird er aus Kostengründen ins Víctor Larco Herrera in Magdalena del Mar verlegt, in die Irrenanstalt der Öffentlichen Wohlfahrt.

„Du musst uns helfen“, sagt Genaro jr. zu Mario. „Du bist doch auch so ein Intellektueller.“ Er soll im Archiv von Radio Central alte Skripte von Pedro Camacho heraussuchen und brauchbare Passagen zu neuen Hörspielen zusammenstellen. Aber ein Rückgang der Hörerzahlen ist unvermeidlich.

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Ein Jahr lang leben Mario und Tante Julia in Spanien, fünf Jahre in Paris. Zwischendurch besuchen sie jedes Jahr die Verwandten in Lima. Das Jurastudium bricht Mario zwar ab, aber einen Hochschulabschluss kann er seinem Vater am Ende doch vorweisen, und zwar in Romanistik. Er wird Schriftsteller, veröffentlicht ein paar Bücher und findet immer wieder Jobs, die ihm genügend Zeit fürs Schreiben lassen.

Seine Ehe mit Tante Julia hält länger als erwartet: Erst nach acht Jahren lassen sie sich scheiden. Ein Jahr später heiratet Mario seine Cousine Patricia, die Tochter von Tante Olga und Onkel Lucho, die dadurch nicht länger Schwägerin und Schwager, sondern seine Schwiegereltern sind. Mit Patricia lebt Mario zunächst in London, dann in Barcelona.

Während eines Besuchs in Lima trifft Mario seinen früheren Assistenten Pascual, der inzwischen zum Chefredakteur des Boulevardblattes „Extra“ avanciert ist. Zu Marios Verwunderung beschäftigt der Herausgeber Dr. Rebagliati auch Pedro Camacho, allerdings nur als Laufbursche.

„Weil er nicht schreiben kann“, sagte Dr. Rebagliati, das war vorauszusehen. „Er ist gespreizt, benutzt Wörter, die kein Mensch versteht, das Gegenteil von Journalismus. Deswegen lasse ich ihn die Reviere abklappern. Ich brauche ihn nicht, aber ich habe meinen Spaß, er ist mein Hofnarr, außerdem verdient er weniger als ein Dienstbote.“

Weil Pedro Camacho inzwischen eine Phobie gegen alles mit Rädern entwickelt hat, geht er alle Wege zu Fuß. Das Einkommen reicht nicht für den Lebensunterhalt; der frühere Schreibkünstler lässt sich von seiner Ehefrau aushalten, die als Prostituierte mehr Geld verdient als er.

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2

Während sich seine Frau und seine Tochter in Europa der Pflege ihres Geistes und der Erneuerung ihrer Garderobe hingeben, ist der in Lima zurückgebliebene Gynäkologe Dr. Alberto de Quinteros zu Gast bei der Hochzeit seiner Nichte Elianita, der Tochter seines drei Jahre jüngeren Bruders Roberto und seiner Schwägerin Margarita. Elianita heiratet Antúnez, den Erben einer Düngemittelfirma, der wegen seiner Haarfarbe den Spitznamen „Rotfuchs“ trägt. Der Sohn einer schlaksigen Engländerin besitzt ein Diplom der Universität von Chicago in Business Administration und mehrere Pokale als Radrennfahrer.

Während der Hochzeitsfeier wankt die Braut und sinkt zu Boden. Man trägt sie nach oben in ein Schlafzimmer. Dort wird sie von ihrem Onkel Dr. de Quinteros untersucht. Nachdem der Gynäkologe festgestellt hat, dass sie schwanger ist, nimmt er Antúnez beiseite und sagt:

„Das war leichtsinnig, dass sie in ihrem Zustand den ganzen Nachmittag so herumtanzt, Rotfuchs“, sagte er im natürlichsten Ton der Welt, während er sich die Hände einseifte. „Sie hätte eine Fehlgeburt haben können. Sag ihr, sie soll kein Mieder tragen, erst recht nicht so eng. In welchem Monat ist sie? Im dritten, vierten?“

Als der Arzt das verwunderte Gesicht des Bräutigams sieht, begreift er, dass dieser nicht der Vater ist und es fällt ihm ein, dass sich das Paar erst seit wenigen Wochen kennt.

Kurz darauf ertappt Alberto de Quinteros seinen Neffen Richard, den ein Jahr älteren Bruder der Braut, mit einem Revolver. Damit wolle er den Rotfuchs oder sich selbst umbringen, erklärt Richard. Der Arzt steckt ihn ins Bett und verabreicht ihm ein starkes Schlafmittel.

Würde der Rotfuchs noch heute seine leichtfertige Ehefrau verlassen? […] Würde es zum Skandal kommen, oder legte sich ein verschämter Schleier aus Heuchelei und niedergetretenem Stolz für immer über diese Tragödie von San Isidro?

4

Sergeant Lituma nimmt im neuen Lager des Frachthofs im Hafen von Callao einen splitternackten Schwarzen fest, der dort eine Wand aufgebrochen hat. Der Mann, dessen Körper mit Narben übersät ist, spricht nicht, sondern stößt nur unartikulierte Laute aus. Lituma bringt ihn zu seinem Vorgesetzten, Leutnant Jaime Concha. Den stört er allerdings bei der Lektüre von Donald-Duck-Heften.

Der Vorgesetzte schickt Lituma mit dessen Kollegen Arévalo los: sie sollen den Schwarzen zu einer Müllhalde bringen und dort beseitigen. Arévalo macht gegenüber Lituma keinen Hehl von seiner Missbilligung des Befehls, aber der Sergeant meint:

„Unsere Pflicht ist nicht, mit dem Befehl einverstanden zu sein, sondern ihn auszuführen. […] Aber da hast du recht. Ich bin auch nicht einverstanden. Ich gehorche, weil man gehorchen muss.“

Als Arévalo vorschlägt, den nackten Wilden laufen zu lassen und Leutnant Jaime Concha dann wahrheitswidrig Vollzug zu melden, gerät Sergeant Lituma in Zorn:

„Du wagst es, mir vorzuschlagen, ich soll einen Befehl von oben verweigern und noch dazu lügen?“, hallte die bebende Stimme des Sergeanten. Seine rechte Hand hielt den Lauf der Waffe auf die Schläfe des Schwarzen gerichtet.
Wie würde sie enden, diese Tragödie von Callao?

6

Dr. Don Pedro Barreda y Zaldívar arbeitet als Untersuchungsrichter am Obergericht von Lima. Vor einer Anhörung liest er die Anzeige und den entsprechenden Polizeibericht. Gumercindo Tello, ein als Automechaniker beschäftigter Zeuge Jehovas, soll der 13-jährigen, im selben Haus wohnenden Schülerin Sarita Huanca Salaverría seit seinem Einzug vor acht Monaten nachgestellt haben. Nun wird er beschuldigt, sich während der Abwesenheit ihrer Eltern unter einem Vorwand Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft, ihr die Kleider vom Leib gerissen, sie geschlagen und vergewaltigt zu haben. Die ärztliche Untersuchung bestätigt die Defloration. Nachdem Gumercindo Tello verhaftet worden war, beteuerte er, den Abend allein in seiner Wohnung verbracht zu haben.

Der Richter ist überrascht, als die Eltern des Mädchens eintreten: Don Casimiro Huanca Padrón und Doña Catalina Salaverría Melgar.

Wie hatten diese alten Knochen noch vor dreizehn Jahren ein Kind zeugen können?

Offenbar sind sie weniger an einer Aufklärung des Falls und einer Bestrafung des Täters interessiert als an der Verheiratung ihrer Tochter, die der Richter bei der Vernehmung als lüsterne Verführerin kennenlernt.

Gumercindo Tello erklärt, er sei bereit für jede Prüfung, die Jehova ihm auferlege. Noch einmal beteuert er, Sarita nie auch nur angefasst und am fraglichen Tag nicht einmal gesehen zu haben. Er sei überhaupt noch nie mit einer Frau oder einem Mädchen intim gewesen.

Unvermittelt ergreift er den auf dem Schreibtisch liegenden Brieföffner. Der Richter fürchtet einen Angriff oder einen Fluchtversuch, aber nichts dergleichen hat Gumercindo Tello vor. Er öffnet die Hose.

„Was tun Sie da?“
„Ihn abschneiden und in den Müll werfen, um Ihnen zu beweisen, wie wenig er mit gilt“, erwiderte der Beschuldigte.

Würde er es tun? Würde er sich auf diese Weise, mit einem raschen Schnitt, seiner Vollständigkeit berauben? […] Wie würde dieses Gerichtsdrama enden?

8

Don Federico Téllez Unzátegui ist Inhaber der Nager-Stop AG in Lima. Seit 40 Jahren führt er einen Kreuzzug gegen Nagetiere mit dem Ziel, sie in Peru restlos auszurotten. Die Motivation dafür lieferte ein schreckliches Erlebnis in der Kindheit.

Sein Vater Hildebrando Téllez, ein Ingenieur, war mit seiner jungen Ehefrau Mayte Unzátegui und dem kleinen Sohn Federico nach Tingo María gezogen. Dort bekam er eine Schwester. Während die Eltern nicht zu Hause waren, schlief Federico ein. Er erwachte, weil Ratten an seinen Zehen knabberten. Seine ohne Moskitonetz in der Wiege liegende Schwester María hatten die Nager bereits aufgefressen.

Seine Mutter, die junge Frau baskischer Abkunft, zog sich als Folge der Tragödie einen chronischen Schluckauf zu, der zu Erbrechen führte, sie am Essen hinderte und die Leute zum Lachen brachte. Sie sprach kein Wort mehr.

Der Vater lebte fortan mit drei indianischen Frauen aus Huánuco, mit denen er kleine Wilde zeugte, in einer Grotte, in der Cueva de las Pavas, und war bald als Hexer verschrien.

Federico entwickelte sich zu einem ungeselligen, einsilbigen Jugendlichen, der niemals lachte. Er widmete sein Leben der Vernichtung der Tiere, die seine Schwester gefressen hatten.

Vor 20 Jahren verheiratete er sich mit Doña Zoila Saravia Durán aus Huánuco, deren Familie vom Provinzadel ins hauptstädtische Subproletariat abgesunken war. Sie gebar vier Kinder: Ricardo und Federico jr., Teresa und Laura.

Don Federico Téllez Unzátegui benutzt kein warmes Wasser und zwingt auch seine Angehörigen dazu, sich kalt zu waschen. Über das von ihm verhängte Naschverbot setzt sich seine Frau allerdings immer wieder heimlich hinweg. Selbstverständlich erlaubt der strenge Familienvater weder ihr noch den Töchtern Lippenstift, Nagellack oder Dekolleté.

Umso entsetzter ist er, als er auf dem Titelblatt einer Illustrierten ein Strandfoto von Teresa und Laura im Bikini entdeckt. Dafür würden die beiden Mädchen die Todesstrafe verdienen! Er packt Laura an der Schuljacke, aber sie weicht der Ohrfeige aus. Schlimmer noch: Die 14-Jährige fängt an, ihn mit den Fäusten zu schlagen, ihn zu kratzen, zu schubsen, zu treten, und ihre ältere Schwester greift den Vater ebenfalls an. Doña Zoila fällt den Mädchen nicht in den Arm, sondern beißt ihren Mann in den Rücken und kreischt: „Bringen wir ihn um!“ Als dann auch noch Ricardo und Federico über den Vater herfallen, versucht dieser nur noch, die Haustüre zu erreichen, ohne auf Ehre und Würde zu achten. Während er zu Boden stürzt, sieht er eine Maus aus ihrem Loch kommen, mit weißen Schneidezähnen und einem spöttischen Leuchten in den wachen Augen.

War Don Federico Téllez Unzátegui gestorben, der nimmermüde Henker der Nagetiere Perus? War ein Patrizid vollzogen worden, ein Epithalamizid? Oder war er nur besinnungslos […]?

10

Der 28-jährige, seit drei Monaten mit einer zarten Blume aus Frankreich im Limaer Stadtteil San Miguel verheiratete Pharmaberater Lucho Abril Marroquín bereist Peru, um Muster und Prospekte der Bayer-Werke zu verteilen. Sein auf Raten gekaufter Volkswagen ist ebenso alt wie die Ehe. In Pisco steht plötzlich ein fünf, sechs Jahre altes, ärmlich gekleidetes und verdrecktes Mädchen vor ihm auf der Straße. Es wird vom Auto erfasst und mehrere Meter weit durch die Luft geschleudert. Lucho Abril Marroquín hält sofort an, rennt zurück und hebt das Kind auf. Ein Polizist kommt auf ihn zugelaufen und fragt, ob das Mädchen tot oder nur bewusstlos sei. Im nächsten Augenblick verzerrt sich das Gesicht des Gendarms vor Entsetzen, und als Lucho Abril Marroquín sich umdreht, sieht er einen aus den Bergen herabkommenden Minenlaster auf sich zurasen.

Später, als er monatelang im Städtischen Krankenhaus in Lima liegt, erfährt er, dass bei dem LKW die Bremsen versagten. Der Polizist war auf der Stelle tot, und das Mädchen, das den ersten Unfall vielleicht überlebt hatte, wurde von den hinteren Doppelreifen des Lastwagens plattgewalzt.

Zu Beginn seines Krankenhausaufenthalts erfährt Lucho Abril Marroquín außerdem, dass seine Frau schwanger ist. Sie erleidet allerdings eine Fehlgeburt, als er nach seiner Entlassung aus der Klinik immer wieder aus Albträumen hochschreckt.

Weil Lucho Abril Marroquín durch die schrecklichen Erlebnisse eine Phobie gegen alles mit Rädern entwickelt hat, ist er nicht mehr in der Lage, seinen Beruf auszuüben und muss eine schlechter bezahlte Schreibtischtätigkeit übernehmen. Seine Frau trennt sich von ihm und sucht Zuflucht im Schloss ihrer Eltern in Frankreich.

Lucho Abril Marroquín konsultiert die als Hexe und Satanistin verschriene Psychotherapeutin Dr. Lucía Acémila, die ihm sogleich erklärt, sie werde ihm das Problem nicht abnehmen, sondern ihm beibringen, es zu lieben und stolz darauf zu sein.

„Ihre Geschichte bekümmert mich nicht, sie langweilt mich, so trivial und dumm ist sie“, tröstete die Seelenklempnerin ihn liebevoll. „Wischen Sie sich die Nase und machen Sie sich klar, dass in den geistigen Gefilden Ihr Leiden dem entspricht, was für den Körper ein eingewachsener Nagel wäre.“

Die Therapie bewirkt, dass Lucho Abril Marroquín Kinder zu hassen beginnt.

Auf diesem Wege zerschlug er unmerklich den Mythos von ihrer Unschuld und Güte. Oder schnitten sie etwa nicht, mit der altbekannten Ausrede, die Vernunft sei ihnen noch nicht gegeben, Schmetterlingen die Flügel ab, steckten Küken lebendig in den Ofen, drehten Schildkröten auf den Rücken, bis sie krepierten, und stachen Eichhörnchen die Augen aus?

Wo immer er eine Gelegenheit dazu findet, traktiert Lucho Abril Marroquín Kinder mit Kopfnüssen, Ohrfeigen und Tritten. Er entreißt ihnen Lutscher und Bonbons und enthauptet Puppen. Darüber verliert er seine Rad-Phobie und kann wieder als Pharmavertreter arbeiten. Seine Frau kehrt von normannischer Kost aus löchrigem Käse und glibbrigen Schnecken gestärkt zurück. Doch als sie erneut schwanger wird, lässt sich nicht mehr übersehen, dass Lucho Abril Marroquín inzwischen an einer Kinderphobie leidet und sich zugleich kindisch benimmt.

Dr. Lucía Acémila meint:

„Sie leiden an Infantilismus und sind zugleich ein potentiell rückfälliger Kindermörder […]. Zwei Nichtigkeiten, die keine Aufmerksamkeit verdienen und die ich so einfach heile, wie ich spucke. Keine Angst: Sie werden gesund sein, noch ehe der Fötus Augen hat.“

Würde sie ihn heilen? Würde sie Lucho Abril Marroquín von seinen Gespenstern erlösen? Würde die Behandlung seiner Infantophobie und seines Herodismus so abenteuerlich wie jene, die ihn von seinem Räderkomplex und der Obsession für das Verbrechen befreite? Wie würde es enden, dieses Psychodrama von San Miguel?

12

Don Sebastián Bergua, seine Frau Margarita und ihre 40-jährige Tochter Rosa betreiben die bis auf den Grund von Termiten zerfressene, von Ratten und Mäusen heimgesuchte Pension Colonial in Lima, in dem die Klosettspülung nur einmal am Tag von der Besitzerin persönlich betätigt wird. Doña Margarita ist nicht nur hässlich, sondern hinkt auch, denn ihre Beine sind unterschiedlich lang, und sie trägt einen „Stelzschuh mit hölzerner Plateausohle, einem Schuhputzerkasten nicht unähnlich, den vor Jahren einmal ein anstelliger Altarschnitzer aus Ayacucho für sie gefertigt hat“.

Die Berguas waren aus Ayacucho nach Lima gekommen, um ihre damals noch sehr junge Tochter aufs Konservatorium schicken zu können. Rosa sollte Konzertpianistin werden. Angesichts der in der Metropole herrschenden Sittenlosigkeit änderten die Eltern jedoch ihre Pläne.

Lima war eine Lasterhöhle mit einer Million Sünder, und sie alle, ohne eine einzige armselige Ausnahme, wollten mit dem begnadeten Mädchen aus Ayacucho Unzucht treiben. Das zumindest erzählte, die großen Augen vom Schrecken gerundet und genetzt, die Heranwachsende mit den leuchtenden Zöpfen morgens, mittags und abends. […] Fest entschlossen, die Unversehrtheit ihres Hymens zu verteidigen, das die junge Pianistin – sittliche Gebote des Hochlands, ungebeugt wie der Marmor – allein ihrem zukünftigen Herrn und Gatten opfern sollte, nahmen die Berguas sie vom Konservatorium, engagierten ein Fräulein, das Hausunterricht erteilte, kleideten Rosa wie eine Nonne und verboten ihr, auf die Straße zu gehen, es sei denn in Begleitung der Eltern. Seither sind fünfundzwanzig Jahre vergangen, und tatsächlich ist das Hymen noch unberührt und an seinem Platz, doch mittlerweile ist es kaum noch von Bedeutung.

Die Träume von einer Karriere Rosas als Konzertpianistin zerschlugen sich vor 20 Jahren, als das Klavier verkauft und der Unterricht beendet wurde, um Krankenhausrechnungen bezahlen zu können.

Was war geschehen? Alles hatte mit der Ankunft des jungen Handelsvertreters Ezequiel Delfín aus Arequipa begonnen.

[…] am Anfang machte der junge Ezequiel Delfín der Familie Bergua nur Freude. Er war appetitlos und höflich, bezahlte seine Rechnungen pünktlich […]

Der damals 50 Jahre alte Don Sebastián Bergua und Doña Margarita stellten sich den jungen Mann mit den guten Manieren bereits als Schwiegersohn vor. Doch eines Nachts überfiel Ezequiel Delfín den Hausherrn im Schlaf und stach 14- oder 15-mal mit einem Messer auf ihn ein. Dann zog er sich nackt aus, überquerte den Flur, betrat das Schlafzimmer von Doña Margarita Bergua und warf sich auf sie, ohne sich weiter zu erklären. Mit ihrem Gezeter rettete sie ihrem Mann das Leben, denn damit weckte sie die Tochter und die anderen Bewohner der Pension auf.

Der Täter muss sich vor Gericht verantworten. Der aus Rom stammende Verteidiger stilisiert seinen Mandanten Lucho Abril Marroquín (sic!), den Ehemann einer kleinen Italienerin, die nicht nur eine Landsmännin von ihm ist, sondern auch seine Tochter, als unschuldiges Opfer einer Verschwörung der Ehefrau und der Tochter des schwerverletzten Pensionswirts. Der Richter lässt sich jedoch nicht davon überzeugen, dass Margarita und Rosa Bergua ihren Mann bzw. Vater ermorden wollten, und weil er Ezequiel Delfín für geistesgestört hält – andernfalls hätte er versucht, statt der hässlichen Alten deren Tochter zu vergewaltigen –, lässt er ihn in die psychiatrische Anstalt Víctor Larco Herrera in Magdalena del Mar einweisen.

Don Sebastián Bergua wird im Krankenhaus wiederhergestellt, aber die Kosten ruinieren die Familie.

Er erhielt reichlich Bluttransfusionen […] und diese Übertragungen, dazu das Serum, die Nähte, die Desinfektionen, die Verbände, die Krankenschwestern, die sich an seinem Bett abwechselten, die Ärzte, die seine Knochen zusammenfügten, seine Organe wiederherstellten und seine Nerven beruhigten, sie verschlangen binnen Wochen die bereits (durch Inflation und den Galopp der Lebenshaltungskosten) geschmälerten Einkünfte der Familie. So musste diese ihre Schatzbriefe verschleudern, den Grundbesitz beschneiden und stückweise vermieten und sich in jenes Obergeschoss zurückziehen, wo sie nun ein kümmerliches Dasein fristete.

30 Jahre später (sic!) liest Don Sebastián Bergua in der Zeitung vom Ausbruch des Mannes, der ihn zu ermorden und seine Frau zu schänden versuchte, aus der Psychiatrischen Anstalt.

Am Morgen zuvor hatte in einem rege besuchten Trakt der Psychiatrischen Anstalt Víctor Larco Herrera in Magdalena del Mar ein Pflegling, der in ihren Mauern die Zeit für ein Anrecht auf Ruhestand verbracht hatte, einem Pfleger mit dem Seziermesser die Kehle durchgeschnitten, einen alten Katatoniker im Nachbarbett erwürgt und war mit einem athletischen Sprung über die Mauer an der Costanera in die Stadt geflüchtet. […] Bevor er floh, hatte Lucho Abril Marroquín – der soeben das vornehmste Alter des Mannes erreichte, fünfzig Jahre – ein höfliches Abschiedsbillett geschrieben: „Es tut mir leid, aber ich habe keine andere Wahl. Mich erwartet ein Feuer in einem alten Haus in Lima, wo ein hinkendes Weib, das brennt wie eine Fackel, und ihre Familie sich tödlich gegen Gott versündigen. Ich habe den Auftrag erhalten, die Flammen zu löschen.“
Würde er es tun? Würde er sie löschen? Würde dieser Auferstandene vom Grund der Jahre sich bei den Berguas einfinden, um sie ein zweites Mal ins Grauen zu stürzen, so wie er sie jetzt schon in Todesangst versetzte? Welches Ende würde es nehmen mit der panischen Familie aus Ayacucho?

14

Vor einem halben Jahrhundert schändete ein junger Mann aus gutem Haus eine lebenslustige Wäscherin: die Schwarze Teresita. Weil sie bereits mit acht Kindern, aber keinem Ehemann gesegnet war, suchte sie die Engelmacherin Doña Angélica auf, sobald sie merkte, dass sie erneut schwanger war. Aber die Abtreibungs-Methoden schlugen fehl, und der Schwarzen Teresita blieb nichts anderes übrig, als das Kind zu gebären. Sie gab ihm den Namen Seferino.

Als Seferino Huanca Leyva zwölf Jahre alt war, fiel er der baskischen Großgrundbesitzerin Mayte Unzátegui (sic!) auf, die bereit war, für seine Ausbildung zum Priester aufzukommen und der Wäscherin obendrein 10 000 Sol zu bezahlen. So kam es, dass der Junge, der noch nie eine Schule besucht hatte, in das Priesterseminar Santo Toribio de Mogrovejo in Magdalena del Mar aufgenommen wurde.

Seferino Huanca Leyva vertrat bald die Ansicht, die Kirche habe das Böse mit der Faust zu bekämpfen. Dementsprechend versetzte er auch dem sanften Pater Alberto de Quinteros (sic!), seinem Tutor und Lehrer in thomistischer Philosophie, in der Kapelle des Seminars einen Faustschlag, als dieser ihn auf den Mund zu küssen versuchte. Den Verantwortlichen missfiel, dass er die Onanie als Entschädigung für die Einhaltung des Keuschheitsgebotes propagierte. Nur weil die einflussreiche baskische Pianistin (sic!) ihre Hand über Seferino Huanca Leyva hielt, wurde er nicht relegiert. Man bot ihm sogar ein Doktorstudium an der Gregorianischen Universität in Rom an, doch als man das von ihm gewählte Thema der Dissertation – „Vom einsamen Laster als Fels der klerikalen Keuschheit“ – aufgebracht zurückwies, verzichtete er auf Rom und meldete sich als Seelsorger für die Hölle von Mendocita, ein Armenviertel in Lima, das als Hochschule des Verbrechens galt.

Wegen seiner unkonventionellen Methoden geriet Don Seferino Huanca Leyva immer wieder in Konflikt mit den Kirchenfürsten. Beispielsweise lockte er Kinder mit Nacktbildern in die Vorschule und gründete eine Gewerbeschule für Taschendiebe. Vor allem aber förderte er die Prostitution. Dabei kam ihm die jahrelange Erfahrung zugute, die Mayte Unzátegui als Bordellbesitzerin in Tingo María gesammelt hatte. Es ging ihm darum, die Prostitution in eine anständige Form zu bringen, die Huren vor Geschlechtskrankheiten und der Ausplünderung durch Zuhälter zu bewahren.

Inzwischen hat Pater Seferino Huanca Leyva seinen 50. Geburtstag gefeiert. Und nun macht ihm ein Konkurrent zu schaffen, der Evangelist Don Sebastián Bergua (sic!), der sich vorgenommen hat, die reformierte Konfession in Mendocita zu verbreiten. Pater Seferino Huanca Leyva hält sich auch in diesem Konflikt an seine Überzeugung, die Kirche habe das Böse mit der Faust zu bekämpfen: Er fordert den Widersacher zum Faustkampf auf.

Doch geschwächt vom übermäßigen Praktizieren der Übungen Onans, die es ihm erlaubt hatten, den Provokationen des Teufels zu widerstehen, ging der Mann aus dem Chirimoyo beim zweiten Faustschlag des Gegners k. o. zu Boden.

Mit dieser Niederlage findet sich Seferino Huanca Leyva nicht ab. Nachts schleppt er ein paar Kanister Kerosin zum Haus des reformierten Geistlichen und verbarrikadiert Fenster und Türen von außen.

Würde er es tun? Würde er das Streichholz werfen? Würde Pater Seferino Huanca Leyva die Nacht von Mendocita in ein prasselndes Inferno verwandeln?

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Joaquín Hinostroza Bellmont ist der einzige Sohn einer Aristokratenfamilie. Der Vater legte allerdings die Adelsbriefe beiseite und widmete sein Leben dem modernen Ideal, das Vermögen mit erfolgreichen Geschäften zu mehren. Die Mutter, eine lymphatische Madonna und selbstlose Ehefrau, gab ihr Leben lang das Geld, das ihr Mann erwarb, für Ärzte und Wunderheiler aus, denn sie litt unter verschiedenen Krankheiten der Oberschicht. Bei Joaquíns Geburt waren beide nicht mehr jung.

Der Sohn entwickelte nicht den geringsten Ehrgeiz und konnte nur schwer aus seiner brahmanischen Benommenheit geholt werden. Dr. Alberto de Quinteros, der Star der Kinderärzte von Lima, diagnostizierte ein „Treibhausleiden“ und riet den verzweifelten Eltern, Joaquín nicht länger von Privatlehrern zu Hause unterrichten zu lassen, sondern in eine Schule zu schicken.

Bereit zu jedem Opfer, nur um ihn zu entblöden, erlaubte das stolze Paar, dass der kleine Joaquín in die plebejische Außenwelt eintauchte. Man wählte für ihn, versteht sich, die teuerste Schule von Lima und schickte ihn zu den Patres des Colegio Santa María.

Mit 18, einige Jahre nach seinen ursprünglichen Klassenkameraden – und nur dank der familiären Philanthropie –, schließt Joaquín Hinostroza Bellmont die Schule ab. Nachdem er von einem Bildungsjahr in Frankreich und den USA zurückgekommen ist, verliebt er sich in Sarita Huanca Salaverría (sic!) und macht ihr einen Heiratsantrag. Aber sie lehnt es ab, seine Frau zu werden oder sich auch nur von ihm küssen zu lassen.

Sarita hatte ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem Bruder. Als sie schwanger wurde brachte sie einen zunächst abgewiesenen Verehrer dazu, sie zu heiraten, aber als er den Grund herausfand, verstieß er sie, und ihr blieb nichts anderes übrig als eine Abtreibung. Damals schwor sie, sich nie wieder auf Geschlechtsverkehr einzulassen und wurde zum Mannweib Marimacho.

Ihre Zurückweisung treibt Joaquín Hinostroza Bellmont in die Kneipen und macht ihn alkoholkrank. Fußball ist das Einzige, was ihn interessiert. Er wird Schiedsrichter. Bei einem Match verhilft er der peruanischen Mannschaft zum Sieg, indem er nach und nach argentinische Gegner vom Platz verweist, bis sie technisch überlegen ist.

Während eines Fußballspiels Peru gegen Bolivien schwingt sich ein nackter Schwarzer über die Absperrung und rennt mit der unverkennbaren Absicht, den Schiedsrichter Joaquín Hinostroza Bellmont anzugreifen, aufs Spielfeld. Polizeihauptmann Lituma gibt seinem Stellvertreter, Leutnant Jaime Concha, einen Wink, für die Sicherheit des Schiedsrichters zu sorgen. Daraufhin streckt Jaime Concha den 50 Meter entfernten Schwarzen mit zwölf Schüssen nieder. Das Publikum sieht nun aber in dem Toten nicht mehr einen Angreifer, sondern ein Opfer und protestiert mit einem Pfeifkonzert gegen die Guardia Civil. Jaime Concha droht von der Menge gelyncht zu werden. In der Massenpanik von Bajo el Puente kommen viele Menschen ums Leben, darunter Wegbereiter der Zeugen Jehovas in Peru wie Gumercindo Tello, aber auch Familien wie Don Sebastián Bergua, Doña Margarita und die Blockflötistin (sic!) Señorita Rosa. Sarita Huanca Salaverría, die sich ebenfalls unter den Zuschauern des Fußballspiels befindet, eilt zu ihrem Verehrer Joaquín Hinostroza Bellmont, dem sie von Herzen zugetan ist. Hauptmann Lituma entgeht trotz der wabernden Gaswolken nicht, wie sie über die Schutzwand der Arena (sic!) springt und auf den Matador zurennt. Die Situation falsch einschätzend, tötet er Sarita mit drei Revolverschüssen, und sie stürzt vor Gumercindo Bellmont zu Boden. Der Anblick lähmt dessen Herz: Er bricht über der Geliebten zusammen und umarmt sie im letzten Atemzug.

Würde die Geschichte so, in einem dantesken Blutbad, enden?

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Valentín Maravillas und seine Ehefrau María Portal müssen feststellen, dass die Beine ihres Sohnes Crisanto gelähmt sind. María, die als Köchin arbeitet und im Haus von Dr. Alberto de Quinteros bereits einige denkwürdige Festessen zubereitet hat, wendet sich an den berühmtesten Arzt von Lima, einen Spezialisten, der unzählige Paralytiker zu wahren Sprintern machte, und Dr. de Quinteros zeigt ihr wirksame Gymnastikübungen und Massagen. Im Lauf der Zeit gelingt es ihr, Crisanto trotz seiner verkümmerten Beine das Gehen beizubringen.

Im Alter von zehn Jahren wird Crisanto Maravillas von einer Gleichaltrigen verführt. Fátima lebt als Dienstmagd im Karmelitinnenkloster der Unbeschuhten. Sie ist die Frucht eines Inzests und wurde als Findelkind von den Nonnen aufgenommen. Weil Crisanto Maravillas weiß, dass er Fátima nicht aus dem Kloster holen und zu seiner Ehefrau machen kann, gibt er sich damit zufrieden, sie wenigstens jede Woche für ein paar Stunden zu sehen. Aber als er 18 ist, wird ihm auch das verwehrt.

Die zweite Tragödie seines Lebens (nach seiner Verkrüppelung) geschah an dem Tag, als die Oberin der Unbeschuhten zufällig sah, wie er die Blase entleerte. Mutter Lituma wechselte mehrmals die Farbe und bekam einen Schluckanfall. Sie lief zu María Portal und fragte sie, wie alt ihr Sohn sei, und die Näherin gestand, dass er, auch wenn seine Körpergröße und sein Äußeres einem Zehnjährigen entsprachen, schon achtzehn war. Mutter Lituma bekreuzigte sich und verbot ihm den Zutritt zum Kloster auf immer.

Fátima legt das Gelübde ab und wird Nonne. Für Crisanto Maravillas, der inzwischen als Barde von Lima gefeiert wird, ist der Gedanke unerträglich, dass die Geliebte seine von ihr inspirierte Musik nicht hören kann. Er ist bereits 50 Jahre alt, als er endlichen seinen Plan verwirklichen kann: ein vom Erzbischof von Lima protegiertes Konzert im Kloster der Unbeschuhten.

Für die Sicherheit sind der berühmte Sergeant Lituma und sein Stellvertreter, Korporal Jaime Concha, verantwortlich. Unter den Gästen befinden sich der Astrologie-Professor (Ezequiel?) Delfín Acémila, Limas großer Psychologe Lucho Abril Marroquín, ein Zeuge Jehovas, Sarita Huanca Salaverría, die Schöne aus La Victoria, der Mirafloriner Richard Quinteros und viele andere berühmte Bewohner Limas.

Kurz nachdem Pater Gumercindo Tello das Konzert begonnen hat, stürzen die Klostermauern ein. Ein Erdbeben! Bei dem Inferno kommen alle Anwesenden bis auf Schwester Fátima und ihren Bruder (Richard?) ums Leben. Inmitten des Todes küssen sich die beiden Liebenden. Aber da reißt der Boden unter ihren Füßen auf.

Hatte der Teufel sie geholt? War die Hölle der Epilog ihrer Liebe? Oder erbarmte sich Gott ihres unseligen Schicksals und nahm sie auf in den Himmel?

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Ich schreibe. Ich schreibe dass ich schreibe. Im Geiste sehe ich wie ich schreibe dass ich schreibe und mir dabei zusehe wie ich sehe dass ich schreibe. In meiner Erinnerung schrieb ich schon und sah mir zu wie ich schrieb. Und ich sehe wie ich mich erinnere dass ich sehe wie ich schreibe und mich erinnere wie ich sehe dass ich mich erinnere wie ich schrieb und schreibe während ich sehe wie ich schreibe dass ich mich erinnere gesehen zu haben wie ich schrieb dass ich sah wie ich schrieb in meiner Erinnerung gesehen zu haben wie ich schrieb dass ich schrieb und dass ich schrieb dass ich schreibe dass ich schrieb. Ich kann mir auch vorstellen wie ich schreibe ich hätte schon geschrieben ich würde mir vorstellen […] (Salvador Elizondo: Der Graphograph)

Dieses Zitat stellt Mario Vargas Llosa seinem Roman als Motto voraus. „Tante Julia und der Schreibkünstler“ ist nicht nur ein Plädoyer gegen Vorurteile, Engstirnigkeit und den familiären bzw. gesellschaftlichen Zwang zur Anpassung, sondern dreht sich außerdem um die Spannung zwischen Alltag und Kunst, Konsum und Kultur, Massenware und anspruchsvolle Werke in der Literatur.

Der Roman „Tante Julia und der Schreibkünstler“ gliedert sich in 20 Kapitel. In den Kapiteln mit ungeraden Nummern und im letzten Kapitel erzählt der Protagonist Mario Varguitas in der Ich-Form von seinen Erlebnissen als 18-Jähriger in Lima, zu einer Zeit, in der Peru von dem Diktator General Manuel Odría beherrscht wird. In diesem Handlungsstrang geht es um seine von der Familie als skandalös empfundene Liebe zu seiner 14 Jahre älteren Tante Julia, um den Traum des Jura-Studenten, Schriftsteller zu werden und um seine Bewunderung des im Akkord Hörspiele verfassenden bolivianischen „Schreibkünstlers“ Pedro Camacho. Bei den geradzahligen Kapiteln 2 bis 18 handelt es sich um Manuskripte der Romanfigur Pedro Camacho. Dabei ist auch dessen von Mario Varguitas erwähnte zunehmende Verwirrung zu bemerken, denn beispielsweise sind Namen vertauscht oder mit Fragezeichen versehen, und im 16. Kapitel wird aus einem Fußballspiel unvermittelt ein Stierkampf. Die grotesken Geschichten des Schreibkünstlers enden alle offen und gewissermaßen mit einem Cliffhanger.

Mit viel (Sprach-)Witz und überbordender Fabulierlaune entwickelt Mario Vargas Llosa vor allem die angeblich von Pedro Camacho verfassten Kapitel, die als Persiflage auf die Massenproduktion von Literatur zu verstehen sind. Die Lektüre von „Tante Julia und der Schreibkünstler“ ist recht unterhaltsam, auch wenn der Roman zu lang geraten ist.

Der Name des Ich-Erzählers Mario Varguitas klingt ähnlich wie der des Buchautors Mario Vargas Llosa. Das deutet auf autobiografische Elemente hin, zumal beide 1936 in Arequipa geboren wurden. Wie der fiktive peruanische Schriftsteller heiratete Mario Vargas Llosa am 15. Juli 1955 seine zehn Jahre ältere Tante Julia Urquidi Illanés und am 26. März 1966 seine Cousine Carmen Patricia Llosa Urquidi.

Heidrun Adlers Übertragung des Romans wurde 1979 unter dem Titel „Tante Julia und der Lohnschreiber“ in München veröffentlicht. Der Suhrkamp Verlag änderte den Titel 1985 in „Tante Julia und der Kunstschreiber“. Die Neuübersetzung von Thomas Brovot aus dem Jahr 2011 trägt den Titel „Tante Julia und der Schreibkünstler“.

Den Roman „Tante Julia und der Schreibkünstler“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von André Jung und Christoph Bantzer (Bearbeitung: Daniel Howald, Regie: Claude Pierre Salmony, München 2010).

Jon Amiel verfilmte den Roman unter dem Titel „Julia und ihre Liebhaber“.

Julia und ihre Liebhaber – Originaltitel: Tune in Tomorrow – Regie: Jon Amiel – Drehbuch: William Boyd, nach dem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ von Mario Vargas Llosa – Kamera: Robert M. Stevens – Schnitt: Peter Boyle – Musik: Wynton Marsalis – Darsteller: Barbara Hershey, Keanu Reeves, Peter Falk, Bill McCutcheon, Patricia Clarkson, Richard Portnow, Jerome Dempsey, Richard B. Shull, Paul Austin, Joel Fabiani, Crystal Field, Jayne Haynes, Mary Joy u.a. – 1990; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Mario Vargas Llosa (kurze Biografie / Bibliografie)

Mario Vargas Llosa: Wer hat Palomino Molero umgebracht?
Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter
Mario Vargas Llosa: Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto
Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks (Verfilmung)
Mario Vargas Llosa: Das Paradies ist anderswo
Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen
Mario Vargas Llosa: Ein diskreter Held

Paula Fox - Was am Ende bleibt
Die Geschichte, die sich auf drei Nerven anspannende Tage erstreckt, wird vornehmlich aus der Sicht der Protagonistin erzählt. Der Stil von "Was am Ende bleibt" ist meistenteils unaufgeregt, wobei aber eine untergründige Emotion durchaus zu spüren ist.
Was am Ende bleibt

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