Mario Vargas Llosa : Das böse Mädchen

Das böse Mädchen

Mario Vargas Llosa

Das böse Mädchen

Originalausgabe: Travesuras de la niña mala Alfaguara, Madrid 2006 Das böse Mädchen Übersetzung: Elke Wehr Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2006 ISBN 3-518-41832-7, 399 Seiten, 24.80 € (D) Taschenbuch: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-45932-4
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als 15-Jähriger beobachtet Ricardo im Sommer 1950 eine Gleichaltrige beim Mambo-Tanz in Lima. Dann ist sie plötzlich verschwunden, aber die Erinnerung an "das böse Mädchen" lässt Ricardo nie mehr los. Seine Liebe wird zur Obsession, vor allem, als er die Angebetete unerwartet in Paris wiedersieht. Nach einer ersten gemeinsamen Nacht bittet er sie, bei ihm zu bleiben, aber sie lacht ihn aus. Bis in die 80er-Jahre kreuzen sich ihre Wege in London, Tokio, Paris und Madrid ...
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Kritik

In der opulent erzählten Geschichte, die auch magische und satirische Züge aufweist, führt uns Mario Vargas Llosa nicht nur mit stupenden Ortskenntnissen an Schauplätze auf vier Kontinenten, sondern skizziert im Hintergrund auch politische Ereignisse vor allem in Peru: "Das böse Mädchen".
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Den Sommer 1950 wird Ricardo Somocurcio nie vergessen. Er war damals fünfzehn Jahre alt und wohnte bei seiner Tante Alberta in Miraflores, einem gutbürgerlichen Viertel der peruanischen Hauptstadt Lima, weil seine Eltern 1945 bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Dort tauchten 1950 zwei Mädchen auf, die sich als Schwestern ausgaben und angeblich aus Chile stammten: Lily war ungefähr im gleichen Alter wie Ricardo, Lucy ein Jahr jünger. Beim Mambo bewegten Lily und Lucy ihre knackigen Pos und ihre kleinen Brüste gewagter als alle einheimische Mädchen in Miraflores. Ricardo verliebte sich bis über beide Ohren in Lily, und sie verbrachten viel Zeit zusammen, aber seine Liebeserklärungen blieben erfolglos. Bei einer Party von Marirosa Álvarez-Calderón wurde Lily durch eine Tante der Gastgeberin, die aus Santiago zu Besuch war, als Lügnerin entlarvt: Das Mädchen stammte gar nicht aus Chile. Am nächsten Tag war Lily spurlos verschwunden.

Zehn Jahre später lebt Ricardo in Paris. Da er hier mit seinem in Peru erworbenen Anwaltstitel nichts anfangen kann, ist er zunächst arbeitslos, aber der Peruaner Paúl, Ricardos bester Freund, arbeitet zum Glück als Assistent des Küchenchefs im Restaurant „México Lindo“ und gibt ihm jeden Tag am Hinterausgang etwas zu essen.

Unter dem Kampfnamen Juan gehört Paúl zu der kommunistischen Guerillaorganisation MIR, die für die Revolution in Peru kämpft. Eines Tages tauchen drei Genossinnen auf: Ana, Arlette und Eufrasia. In „Arlette“ erkennt Ricardo das „böse Mädchen“ wieder, das ihm seit dem Sommer 1950 nicht mehr aus dem Sinn gegangen ist. Lily alias Arlette erzählt ihm, sie habe Jura und Philologie in Lima studiert, sei jahrelang Mitglied der im Untergrund operierenden kommunistischen Jugend gewesen und gehöre jetzt zum MIR. Zehn Tage verbringen Ricardo und seine Angebetete zusammen. Seinen Heiratsantrag weist sie zwar lachend zurück, aber in der Nacht, bevor sie zu einer Guerillaausbildung nach Kuba reist, schläft sie erstmals mit ihrem Verehrer.

Ein halbes Jahr später erfährt Ricardo von seinem Freund Paúl, dass Arlette in Havanna eine Affäre mit dem Kommandanten Chacón hatte und nach wenigen Tagen aus dem Ausbildungslager verschwunden war.

Drei Jahre arbeitet Ricardo bereits als Übersetzer für die Unesco, als er das böse Mädchen im März 1965 zufällig wiedersieht. Sie heißt jetzt Madame Robert Arnoux und ist die Ehefrau eines französischen Diplomaten, den sie auf Kuba kennen gelernt hatte.

Wenige Tage später fliegt Ricardo nach Lima, denn seine Tante Alberta ist an einer Lungenentzündung gestorben, und der Anwalt Dr. Ataúlfo Lamiel, ein Vetter seines Vaters, bat ihn, wegen der Formalitäten zu kommen.

Zurück in Paris, kauft Ricardo von dem geerbten Geld eine Wohnung – und Madame Robert Arnoux, mit der er sich jeden Tag trifft, schlägt ihm vor, das Apartment mit einem Schäferstündchen einzuweihen. Ricardo kann nicht verstehen, warum sie seine Liebe verschmäht und nur wegen des Geldes die Frau eines anderen Mannes ist.

„Und wenn Geld nicht glücklich macht, böses Mädchen?“
„Glück, ich weiß nicht, was das ist, und es ist mir auch egal, Ricardito. ich weiß nur, dass es nicht diese romantische, kitschige Sache ist wie für dich. Geld gibt Sicherheit, es schützt dich, es erlaubt dir, das Leben gründlich zu genießen, ohne dir um die Zukunft Sorgen zu machen. Das einzige Glück, das sich anfassen lässt […]
Du bist ein guter Mensch, aber du hast einen schrecklichen Fehler: deinen Mangel an Ehrgeiz. Du bist zufrieden mit dem, was du erreicht hast, nicht? Aber das ist nichts, guter Junge. Deshalb kann ich nicht deine Frau sein. Ich werde nie zufrieden sein mit dem, was ich habe. Ich werde immer mehr wollen.“ (Seite 82f)

Sie lädt ihn zu einem gemeinsamen Abendessen mit ihrem Ehemann ein, und die beiden Männer verstehen sich überraschend gut.

Im August 1965 erfährt Ricardo aus den Nachrichten, dass die peruanische Armee das Hauptquartier der Guerilla am Mesa Pelada zerstörte. Dabei kam vermutlich auch sein Freund Paúl ums Leben.

Als Madame Robert Arnoux einige Zeit später verschwindet, glaubt der verlassene Ehemann zunächst, sie sei mit Ricardo durchgebrannt, überzeugt sich aber dann davon, dass der Peruaner nichts damit zu tun hat. Bei einem gemeinsamen Abendessen erzählt Monsieur Arnoux, dass seine Frau behauptete, das Sophianum, die beste Nonnenschule in Lima, besucht zu haben. Aus Idealismus, sagte sie, habe sie ihre reiche Familie verlassen und sei Revolutionärin geworden. Das war alles gelogen. Nun ist sie fort und hat auch die Schwarzgeldkonten ihres Ehemanns in der Schweiz leergeräumt.

Während der Studentenunruhen im Mai 1968 in Paris arbeitet Ricardo in London.

Am 3. Oktober 1968 beginnt mit dem Putsch von General Juan Velasco Alvarado gegen Staatspräsident Fernando Belaunde Terry eine neue Militärdiktatur in Peru.

In London sieht 1970 einen Schulfreund aus Miraflores wieder: Juan Barreto war nach dem Besuch der Kunsthochschule in Lima Straßenkünstler in London geworden. Vor einiger Zeit nahm ihn die pensionierte, verwitwete und kinderlose Krankenschwester Mrs Stubard bei sich auf. Ein Neffe von Mrs Stubard, der in Newmarket Pferde trainiert, vermittelte vor vier Jahren die ersten Aufträge für Gemälde von edlen Pferden. So kam der Künstler zu Geld und entwickelte sich zu einem Salonhippie.

Mit ihrem ruhigen, friedlichen Hedonismus fügten die Hippies niemandem Schaden zu; sie hatten auch kein Sendungsbewusstsein, sie wollten all die Leute, mit denen sie gebrochen hatten, um ihr alternatives Leben zu führen, weder überzeugen noch für sich gewinnen; sie wollten von ihnen in Ruhe gelassen werden, hingegeben an ihren anspruchslosen Egoismus und ihren psychedelischen Traum […]
Viele Hippies, womöglich die Mehrheit, entstammten der Mittel- oder Oberklasse, ihre Rebellion war gegen die Familie, gegen das geordnete Leben der Eltern gerichtet, gegen das, was sie als Heuchelei ihrer puritanischen Sitten, als gesellschaftliche Fassade betrachteten, hinter der sich Egoismus, Inselmentalität und Fantasielosigkeit verbargen. Es war etwas Sympathisches an ihrem Pazifismus, ihrer Naturliebe, ihrem Vegetarismus, ihrer emsigen Suche nach einem spirituellen Leben, das ihrer Ablehnung der materialistischen Welt mit ihren gesellschaftlichen und sexuellen Vorurteilen Transzendenz verleihen sollte. Doch all das war anarchisch, spontan, ohne Zentrum oder Führung, selbst ohne Ideen […] (Seite 111f)

Auf einem von Juan in Newmarket geknipsten Foto erkennt Ricardo das böse Mädchen wieder. Er fährt mit Juan hin. Sie ist jetzt die Frau eines überaus reichen sechzigjährigen englischen Brokers – David Richardson –, den sie in Gibraltar unter einem falschen Namen geheiratet hatte, nachdem er sich von seiner ersten Ehefrau hatte scheiden lassen.

Zwei Jahre lang kommt das böse Mädchen regelmäßig nach London und trifft sich mit Ricardo in einem Hotelzimmer. Da ihre Vagina etwas eng ist und der Koitus Schmerzen verursacht, hat sie es am liebsten, wenn Ricardo sie mit der Zunge erregt.

Juan erkrankt nach einem Ibiza-Trip an einer unbekannten Infektionskrankheit (Aids) und stirbt in London. Wieder hat Ricardo einen guten Freund verloren.

Das böse Mädchen kann sich zwar nach Belieben alles kaufen, aber es langweilt sich in Newmarket und hat auch nichts für Pferde übrig. Als Ricardos große Liebe es nicht mehr aushält und sich scheiden lassen will, fliegt sie als Bigamistin auf, wird von David Richardson ohne einen Penny davongejagt und muss noch froh sein, dass er sie nicht anzeigt.

Um sie endlich zu vergessen, macht Ricardo sich an die Neuübersetzung von Cechov-Erzählungen.

Nach Parlamentswahlen in Peru am 18. Mai 1980 kehrt der zwölf Jahre zuvor durch den Militärputsch entmachtete peruanische Staatspräsident Fernando Belaunde Terry in sein Amt zurück.

Ricardo hat sich mit einem anderen Dolmetscher befreundet: Salomón Toledano – Spitzname: „Dragoman“ – beherrscht zwölf Sprachen und sammelt Bleisoldaten. Er wurde in Smyrna geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann und Bankier aus einer sephardischen Familie, schickte ihn auf Privatschulen in der Schweiz und in England, dann zum Studium nach Boston und Berlin. Zwei Monate nachdem Salomón für ein Jahr als Dolmetscher nach Tokio reiste, schreibt er Ricardo, er habe sich in eine geschiedene japanische Anwältin verliebt. Im Postskriptum heißt es: „Grüße vom bösen Mädchen“. War sie in Japan?

Ricardo bemüht sich vergeblich um einen Auftrag in Japan, aber er wird immerhin bei einer fünftägigen Konferenz in Seoul eingesetzt und fliegt anschließend weiter nach Tokio. Rasch durchschaut er, dass die Liebe seines Freundes einseitig ist. Mitsuko – so heißt die japanische Anwältin – erklärt Ricardo unter vier Augen, dass es ihr nur um eine unverbindliche Affäre gegangen sei. Für Salomón scheint Mitsuko dagegen die Liebe seines Lebens zu sein.

Das böse Mädchen lebt unter dem Namen Kuriko mit Herrn Fukuda zusammen, der mit zwielichtigen Geschäften in Afrika sehr viel Geld verdient. Handelt es sich vielleicht sogar um einen der Bosse der Yakuza? Kuriko erzählt, sie habe Herrn Fukuda vor einigen Jahren bei einer Geschäftsreise David Richardsons kennen gelernt und nach ihrer Flucht aus England bei dem Japaner Zuflucht gesucht. Er stellte sie ein und machte sie noch am ersten Abend zu seiner Geliebten. Ohne zu wissen, um was es sich handelt, schmuggelt sie für ihn Waren aus Afrika nach Japan. Seit zwei Jahren wohnt sie bei ihm.

Sie stellt Ricardo Herrn Fukuda als alten peruanischen Freund vor, der zu Besuch in Tokio sei, und nach einem gemeinsamen Abendessen nimmt sie Ricardo mit in ihr Zimmer, wo sie sich sofort auszieht.

Das böse Mädchen war niemals so feurig, so leidenschaftlich, niemals im Bett so aktiv gewesen. (Seite 202)

Während Kuriko ihn mit dem Mund erregt, bemerkt Ricardo Herrn Fukuda, der im Schatten sitzt, ihnen zuschaut und masturbiert. Entsetzt bucht er auf den nächsten Flug um und kehrt nach Paris zurück.

Ein halbes Jahr später erfährt er, dass sein Freund Salomón sich in Tokio mit Schlaftabletten das Leben nahm.

Ricardo befreundet sich mit seinen Nachbarn Simon und Elena Gravoski, einem Ehepaar mit einem neunjährigen Adoptivsohn Yilal, einem Vietnamesen, der wohl aufgrund eines Traumas stumm ist. Simon, ein belgischer Physiker Ende 30, forscht am Institut Pasteur. Elena stammt aus Venezuela und arbeitet als Kinderärztin am Hôpital Cochin in Paris.

Zwei Jahre nach dem Vorfall in Tokio liest Ricardo auf Yilals Schiefertafel: „Als du unterwegs warst, hat das böse Mädchen dich angerufen.“ Ricardo legt auf, wenn sie sich am Telefon meldet. Schließlich verabredet er sich dann doch mit ihr. Sie ist abgemagert und nachlässig gekleidet. Nachdem sie vor einem Jahr zwei Monate in Lagos im Gefängnis gewesen war, verbot Herr Fukuda ihr, nach Japan zurückzukommen. Als Kurierin war sie nicht mehr zu gebrauchen, und weil Polizisten sie in Lagos vergewaltigt hatten, befürchtete Herr Fukuda wohl auch, dass sie mit Aids infiziert sein könnte.

Ricardo nimmt sie bei sich auf, und sie befreundet sich mit Yilal, bringt das Kind sogar wieder zum Sprechen. Elena sorgt dafür, dass sie im Hôpital Cochin untersucht wird. Es stellt sich heraus, dass sie nicht aidskrank ist, aber stark unterernährt und depressiv. Deshalb bringt Ricardo das böse Mädchen auf Empfehlung Elenas in die von Dr. André Zilacxy geleitete psychiatrische Privatklinik in Petit Clamart, und um die Rechnung bezahlen zu können, verkauft er seine Schatzbriefe und nimmt einen Kredit auf. Nach drei Wochen hat das böse Mädchen sich einigermaßen erholt. Dr. Roullin, die behandelnde Ärztin, klärt Ricardo darüber auf, dass die Patientin die Vergewaltigung in Lagos erfand, um einen Mann zu schützen, der sie über einen längeren Zeitraum brutal missbraucht hatte: Herr Fukuda.

„Er hat nicht nur ihr Rektum und ihre Vagina zerstört, Monsieur“, sagte Dr. Roullin, unverändert sanft und ohne auf ihr Lächeln zu verzichten. „Er hat auch ihre Persönlichkeit zerstört. Alles, was an ihr Würde und Anstand war.“ (Seite 279)

Sie wurde auch nicht von Herrn Fukuda davongejagt, sondern floh trotz ihrer Hörigkeit vor ihm. Das macht ihr noch immer Angst. Dr. Roullin meint, Ricardo könne für die Patientin die Brücke zur Umwelt sein.

Simon und Elena Gravoski ziehen mit Yilal in die USA.

Sieben Monate nachdem Ricardo das böse Mädchen bei sich aufnahm, findet er einen Zettel von ihr:

„Ich habe es satt, die Rolle der kleinbürgerlichen Hausfrau zu spielen, in der du mich gern sehen würdest. Ich bin es nicht und werde es nie sein. Ich danke dir sehr für das, was du für mich getan hast. Es tut mir Leid. Pass auf dich auf und leide nicht zu sehr, guter Junge.“ (Seite 293)

Sein in einer Stahlkassette aufbewahrtes Bargeld hat sie mitgenommen. Im strömenden Regen geht Ricardo los, um vom Pont Mirabeau zu springen, aber ein Clochard reißt ihn zurück. Als er völlig durchnässt nach Hause kommt, ist sie wieder da: Sie hat es sich anders überlegt.

Im Oktober 1982 heiraten Ricardo und das böse Mädchen. Da sie mit einem gefälschten Pass nach Frankreich eingereist war, den sie noch von Herrn Fukuda hatte, bat Ricardo seinen Onkel Ataúlfo, ihr falsche Papiere aus Peru zu schicken. Sie lauteten auf den Namen Lucy Solórzano Cajahuaringa.

Ricardo fliegt nach Lima, um seinem Onkel Ataúlfo die letzte Ehre zu erweisen, wie er glaubt, aber der alte Mann, dessen Ehefrau Dolores vor zwei Jahren starb, erholt sich wider Erwarten von einer schweren Herzoperation. Durch den Ingenieur Alberto Lamiel, einen Neffen Ataúlfos, lernt Ricardo einen seltsamen Peruaner namens Arquimedes kennen, den die Ingenieure um Rat fragen, wenn sie Wellenbrecher bauen wollen, denn obwohl er keine Schulbildung hat, erkennt er intuitiv die geeigneten Stellen. Arquimedes hat eine Tochter, die er in Paris vermutet, von der er allerdings nichts mehr wissen will, weil sie nichts taugt. Als kleines Mädchen wohnte Otilita in Miraflores, wo ihre Mutter als Köchin bei der chilenischen Familie Arenas angestellt war. Sie befreundete sich mit der ein Jahr jüngeren Tochter des Hauses, und die beiden Mädchen taten so, als seien sie Schwestern. Ricardo verrät dem armen alten Mann nicht, dass er dessen Schwiegersohn ist.

Einige Zeit später trennt das böse Mädchen sich erneut von ihm. Diesmal verschwindet es nicht einfach, sondern erklärt Ricardo:

„Du weißt, dass ich versucht habe, mich an diese Art Leben anzupassen, dir zuliebe, um dir zu vergelten, was du für mich getan hast, als ich krank war. Ich kann nicht mehr. Das ist kein Leben für mich. Wenn ich aus Mitleid bei dir bleibe, würde ich dich am Ende hassen. Ich will dich nicht hassen. Versuch mich zu verstehen, wenn du kannst […]
Ich ersticke hier […] Sie bringt mich um, diese Routine, diese Mittelmäßigkeit. Ich will nicht, dass es für den Rest meines Lebens so weitergeht.“ (Seite 362)

Ricardo verliebt sich in die zwanzig Jahre jüngere italienische Bühnenbildnerin Marcella und zieht nach einem halben Jahr mit ihr zusammen. 1987 gehen die beiden nach Madrid und mieten im Stadtteil Lavapiés eine Wohnung. Doch eines Tages ertappt Ricardo Marcella in den Armen des Tänzers Víctor Almeda, und als dieser ein Engagement in Frankfurt am Main erhält, begleitet Marcella ihn.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

In einem Café wird Ricardo unvermittelt vom bösen Mädchen angesprochen. Sie hat seit einem Jahr nach ihm gesucht und eigens einen Privatdetektiv beauftragt.

„Ich glaube nicht, dass ich dich je geliebt habe“, versicherte ich ihr. „Du warst für mich, was Fukuda für dich war: eine Krankheit. Jetzt bin ich geheilt, dank Marcella.“ (Seite 383)

Sie ist nicht nur stark gealtert, sondern ihr Körper ist auch voller Narben: Vor einem Jahr wurde sie in Marseille an den Brüsten operiert, aber man übersah einen Tumor in ihrer Vagina. Deshalb musste sie sich vor drei Wochen in Montpellier einem weiteren Eingriff unterziehen. Inzwischen hatten sich jedoch bereits Metastasen gebildet.

Sie hatten sie nicht operiert, sondern zerstört. Sie hatten ihr die Brüste abgenommen, die Brustwarzen ungeschickt wieder angesetzt und dabei breite, kreisförmige Narben hinterlassen, wie zwei rötliche Höfe. Doch die schlimmste Narbe nahm ihren Ausgang an der Vagina und verlief in einer Schlangenlinie bis zum Bauchnabel, eine halb braune, halb rosafarbene Kruste, die frisch zu sein schien. (Seite 393)

Ricardo zieht mit ihr nach Sète, wo ihr der letzte Liebhaber ein Haus gekauft hat. Sie lebt noch 37 Tage. Kurz vor dem Tod sagt sie zu Ricardo:

„Gib wenigstens zu, dass ich dir das Thema für einen Roman geliefert habe.“ (Seite 396)

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In seinem Roman „Das böse Mädchen“ erzählt Mario Vargas Llosa von einem armen peruanischen Mädchen, das hoch hinaus will und Männer nur danach aussucht, ob sie ihm zu Geld und gesellschaftlichem Aufstieg verhelfen können. Dabei ignoriert Otilita alias Lily, Madame Robert Arnoux, Mrs Richardson, Kuriko, Lucy Solórzano Cajahuaringa und so weiter die Liebe eines aus Peru stammenden Übersetzers, der ihr zu wenig ehrgeizig ist. Für Ricardo Somocurcio – so heißt er – wird die Liebe zu dem bösen Mädchen dagegen zu einer verhängnisvollen Obsession. Von den Fünfziger- bis zu den Achtzigerjahren taucht das böse Mädchen mehrmals in seinem Leben auf und verschwindet bald darauf wieder; Lima, Paris, Newmarket, London, Tokio, Lagos, Paris, Madrid, Sète heißen die Stationen. Ricardo entfernt sich dabei zugleich immer weiter von seinen Wurzeln in Peru.

Bei dem Ich-Erzähler Ricardo scheint es sich um das Alter Ego des Autors zu handeln, denn Mario Vargas Llosa sagte, „Das böse Mädchen“ sei zur Hälfte Autobiografie und zur Hälfte Fiktion.

In der opulent erzählten Geschichte, die auch magische und satirische Züge aufweist, führt Mario Vargas Llosa seine Leserinnen und Leser nicht nur mit stupenden Ortskenntnissen an Schauplätze auf vier Kontinenten, sondern skizziert im Hintergrund auch politische Ereignisse vor allem in Peru.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Suhrkamp

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