Volker Schlöndorff:Der namenlose Tag

Volker Schlöndorff:Der namenlose Tag

Volker Schlöndorff:Der namenlose Tag

Originaltitel: Der namenlose Tag – Regie: Volker Schlöndorff – Drehbuch: Volker Schlöndorff, nach dem Roman "Der namenlose Tag" von Friedrich Ani – Kamera: Tomas Erhart – Schnitt: Julia Oehring – Darsteller: Thomas Thieme, Devid Striesow, Ursina Lardi, Stephanie Amarell, Thomas Prenn, Christian Kuchenbuch, Tina Engel, Jochanah Mahnke, Anja Schiffel, Jan Messutat u.a. – 2018; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Vor zwei Jahren überbrachte der inzwischen pensionierte Kommissar Jakob Franck Doris Winther die Nachricht vom Tod ihrer 17-jährigen Tochter Esther. Die Leiche hing an einem Baum im Stadtpark. Nun hat sich auch die Mutter erhängt, und der Witwer Ludwig Winther macht Jakob Franck dafür mitverantwortlich. Obwohl die Polizei Esthers Tod für einen Suizid hielt, fängt der Pensionär mit privaten Ermittlungen an. Dabei stößt er auf das Gerücht, Esther sei von ihrem Vater missbraucht worden ...
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Kritik

"Der namenlose Tag", die Ver­fil­mung eines Romans von Friedrich Ani durch Volker Schlöndorff, setzt sich mit einer Familientragödie und ihren Ursachen auseinander. Der Film wirkt düster und konzentriert; es geht nicht um Action, sondern um Reden und Zuhören.
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Kommissar Jakob Franck (Thomas Thieme) ist zwar pensioniert, übernimmt es aber immer noch anstelle seiner früheren Kollegen in Erfurt, Betroffenen die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines Angehörigen zu überbringen. Er selbst sucht Zuspruch bei seiner Ex-Frau Marion Siedler (Tina Engel), einer nachdenklichen Buchhändlerin.

Unerwartet taucht Ludwig Winther (Devid Striesow) bei ihm auf. Dessen damals 17-jährige Tochter Esther (Stephanie Amarell) wurde vor zwei Jahren stranguliert an einem Baum im Stadtpark hängend aufgefunden. Jakob Franck benachrichtigte Doris Winther (Ursina Lardi), die Mutter der Toten, während Ludwig Winther auf einem Fort­bildungs­kurs war und kein Handy dabei hatte. Die Polizei kam zu dem Schluss, dass Esther sich selbst das Leben genommen hatte. Aber ihr Vater behauptet nun, sie sei ermordet worden. Nun hat sich auch seine Frau an einem Baum im Garten erhängt. Der Witwer geht davon aus, dass sie nicht über den Tod der Tochter hinwegkam und macht Jakob Franck dafür mit­verant­wortlich: „Ihre Schuld, Herr Kommissar, Versagen auf der ganzen Linie.“

Doris Winther hatte dem Todesboten stundenlang verzweifelt in den Armen gelegen. Auch deshalb geht der Fall dem ehemaligen Kommissar nah. Damals war er nicht an den Ermittlungen beteiligt; jetzt beginnt er mit privaten Nachforschungen.

Ludwig Winther hält den in der Nachbarschaft praktizierenden Zahnarzt Dr. Jordan (Jan Messutat) für den Mörder seiner Tochter. Aber er selbst ist nicht un­ver­dächtig, denn Esthers Freund Jan Roland (Thomas Prenn) behauptet, dass ihr Vater nicht nur zu streng gewesen sei, sondern seine Tochter auch sexuell missbraucht habe. Letzteres hält Sandra Horn (Jochanah Mahnke), Esthers beste Freundin, für Unsinn. Um mit Esthers Tante Ingrid (Ursina Lardi), der Zwillings­schwester ihrer Mutter, sprechen zu können, fährt Jakob Franck eigens nach Berlin.

Schritt für Schritt findet er bei seinen Unterredungen heraus, dass Esther selbst das Gerücht über ihren Missbrauch durch den Vater verbreitet hatte, um sich für die ihrer Meinung nach unverhältnismäßige Strenge zu rächen. Sie verstand nicht, in welcher Lage sich ihr Vater befand – und der unterließ es, mit ihr darüber zu reden. Ludwig Winthers Vater war in Erfurt Bäcker gewesen, bis er durch den Mehlstaub an Asthma erkrankte und das Geschäft nach der Wende von neuer Konkurrenz verdrängt wurde. Als er starb, musste Ludwig das geplante Studium aufgeben, denn dafür reichte das Geld nicht. Er wurde Verkäufer, und nach der Familiengründung strengte er sich an, um das Haus zu finanzieren. Für Extras blieb da nichts übrig, auch nicht für die Ansprüche seiner Tochter.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
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Nachdem man Esthers Leiche im Stadtpark gefunden hatte, nahm Doris Winther an, dass ihre Tochter wegen des Missbrauchs aus dem Leben geschieden war. Aber statt ihren Mann zur Rede zu stellen, behielt sie ihren Verdacht für sich – bis ihre Freundin Sigrid Horn (Anja Schiffel) sie darüber aufklärte, wie das Gerücht entstanden war. Danach erhängte sie sich aus Scham im Garten.

Als Jakob Franck Dr. Jordan über Esther befragt, werden sie unbemerkt von Patrick belauscht, dem elfjährigen Neffen des Zahnarzts, der vor einiger Zeit zusehen musste, wie sein Vater die Mutter erwürgte. Weil der Mörder eine langjährige Haftstrafe verbüßt, lebt Patrick bei seinem Onkel. Esther verbrachte mit dem traumatisierten Jungen viel Zeit und war wie eine ältere Schwester für ihn.

Patrick läuft Jakob Franck nach und sagt ihm auf der Straße, er habe gesehen, wie Esther starb. Seine Freundin ging mit ihm in den Stadtpark. Sie hatte ein Seil dabei, an dem sie eine feste Schlinge anbrachte, die sich nicht zuzog. Zugleich beruhigte sie ihn, dass nichts passieren könne. Sie wolle nur etwas ausprobieren, um ihren Vater dann durch einen vorgetäuschten Selbstmord zu erschrecken. Aber als sie mit der Schlinge um den Hals auf einen Baum kletterte, stürzte sie ab. Patrick lief entsetzt davon. Eine ältere Frau, die ihren Hund ausführte, entdeckte die Leiche. Bei Esthers Tod handelte es sich also um einen Unfall.

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Bei der Verfilmung des Romans „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani verlegte Volker Schlöndorff (Drehbuch, Regie) die Handlung von München nach Erfurt und verkürzte die Zeitspanne zwischen Esthers Tod und der Gegenwart von 20 auf zwei Jahre.

„Der namenlose Tag“ dreht sich um die Zerstörung einer Familie. Vater, Mutter und Tochter reden zu wenig miteinander, schweigen zu viel. Daraus ergeben sich Vorurteile und Missverständnisse, Unterstellungen und Schuldzuweisungen, die schließlich eine Tragödie auslösen.

Der bewusst unspektakulär gehaltene Film wirkt düster und konzentriert. Weder Friedrich Ani noch Volker Schlöndorff geht es in „Der namenlose Tag“ um die Aufklärung der beiden Todesfälle. Stattdessen leuchten sie die Charaktere und ihre Beziehungen aus. Auf die Gruppendynamik kommt es an. Wer Action erwartet, wird enttäuscht sein, denn Volker Schlöndorff setzt auf Dialoge, auf Reden und Zuhören. Mit den dunklen Bildern aus der Gegenwart des Geschehens kontrastieren die Rückblenden in kräftigen Farben.

Wie Esther zu Tode kam, ist allerdings nicht ganz überzeugend, und die Aufösung erfolgt überdies zu unvorbereitet, gewissermaßen durch einen deus ex machina.

Mit „Der namenlose Tag“ drehte Volker Schlöndorff erstmals einen Fernsehkrimi.

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