Das Meer am Morgen

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Das Meer am Morgen

Das Meer am Morgen Originaltitel: La Mer à l'aube – Regie: Volker Schlöndorff – Drehbuch: Volker Schlöndorff – Kamera: Lubomir Bakchev – Schnitt: Susanne Hartmann – Musik: Bruno Coulais – Darsteller: Léo Paul Salmain, Marc Barbé, Ulrich Matthes, Jean-Marc Roulot, Sébastien Accart, Martin Loizillon, Jacob Matschenz, Philippe Résimont, Charlie Nelson, Harald Schrott, Christopher Buchholz, André Jung u.a. – 2011; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Nachdem drei kommunistische Jugendliche am 19. Oktober 1941 in Nantes einen deutschen Besatzungsoffizier erschossen haben, ordnet Hitler zur Vergeltung die Exekution von 150 Geiseln an. General Otto von Stülpnagel befürchtet zwar, dass eine inhumane Maßnahme wie diese die französische Bevölkerung aufwiegeln könnte, ordnet aber die Erschießung einer ersten Gruppe von 50 Geiseln an. Unter ihnen ist der erste 17 Jahre alte Gymnasiast Guy Môquet ...
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Kritik

In seinem pseudodokumentarischen Spielfilm "Das Meer am Morgen" reichert Volker Schlöndorff die tragischen Tatsachen der Zeit­geschichte mit persönlichen Geschichten an. "Das Meer am Morgen" ist ein Plädoyer für Humanität, und es geht um das Dilemma Befehl / Gewissen.
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Drei zur Résistance gehörende kommunistische Jugendliche lauern am 19. Oktober 1941 zwei deutschen Besatzungsoffizieren in Nantes auf und erschießen einen von ihnen: Oberstleutnant Karl Hotz (Wigand Witting), den Feldkommandeur von Nantes. Hauptmann Sieger, der neben Hotz auf der Straße ging, bleibt unverletzt und verfolgt die Täter, aber sie entkommen unerkannt.

Otto Abetz (Thomas Arnold), der deutsche Botschafter in Paris, erfährt aus Berlin von dem Attentat. Aufgebracht beschwert er sich bei General Otto von Stülpnagel (André Jung), dem im Pariser Hotel Majestic residierenden Militärbefehlshaber Frankreich, über die fehlende Unterrichtung. Hitler verlangt die Exekution von 150 Geiseln als Vergeltung für die Ermordung des deutschen Offiziers. Stülpnagel hält eine solche Revanche nicht nur für überzogen und unmenschlich, sondern auch für unvernünftig bzw. strategisch falsch, denn er befürchtet, dass sie den Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzung stärken würde:

„So werden wir Frankreichs Herzen nicht gewinnen. Noch besitzen wir das Vertrauen der Bevölkerung. Vergessen Sie nicht, dass wir das ganze Land mit nur 1200 Offizieren verwalten. Die Leute in der Partei und die SS haben einfach keinen Sinn für Geschichte. Niemals hätte sich Napoleon so etwas in Preußen erlaubt.“

Der General fordert den zu seinem Stab zählenden Hauptmann Ernst Jünger (Ulrich Matthes) auf, eine Art Tagebuch über die Vorgänge anzulegen. „So etwas wie Stendhals Tagebuch während der Feldzüge Napoleons?“, fragt Ernst Jünger, und der General antwortet: „Ich weiß, dass Sie Hölderlin dem Stendhal vorziehen, aber genau so etwas ‚Historiografisches‘ brauche ich. Geheim. Ohne Kopie.“

Kurz darauf deutet Ernst Jünger in einem Gespräch mit der befreundeten Sängerin Charmille (Arielle Dombasle) Pläne für einen Anschlag auf Hitler an:

„Ich ertappe mich, wenn ich durch die Stadt gehe, immer öfter beim Mustern eines Hauses oder eines Viertels. Als ob ich mich hier später niederlassen wollte.“
„Hier in Paris?“
„Ja. Der Krieg wird nicht ewig dauern. Unser Oberkommandierender sieht uns schon in einem friedlich vereinten Europa.“
„Unter deutscher Hoheit?“
„Nicht unbedingt.“
„Sehen Sie denn ein mögliches Ende?“
„Ein gewaltsames, ja.“
„In der Tradition des Tyrannenmordes?“
„Es gibt Leute, die so etwas vorhaben.“
„In Deutschland?“
„Auch hier.“
„Sie?“
„Sie haben mich angesprochen, aber ich bin eher Beobachter.“
„Zuschauer oder Voyeur?“
„Nein. Als Soldat bin ich Mann der Tat. Aber kein Mörder.“
„Ernst, Sie sind und bleiben ein Snob!“
„Jedenfalls fühle mich nicht berufen, ins Räderwerk des Weltgeschehens einzugreifen.“

Hitler genehmigt den Vorschlag, die Geiselerschießungen in drei Kontingente aufzuteilen und den Franzosen zwischen den Exekutionen jeweils zwei Tage Zeit zu geben, die Täter zu fassen. Am 21. Oktober ruft General von Stülpnagel dazu auf, den Mord an dem deutschen Offizier aufzuklären und kündigt die Tötung der ersten 50 Geiseln an. Der Wehrmachts-Kreiskommandant Kristucat (Christopher Buchholz) listet 27 im Internierungslager Choisel in Châteaubriand lebende Kommunisten auf. Ebenso viele Männer sollen gleichzeitig in Nantes erschossen werden. Der zuständige Landrat Bernard Lecornu (Sébastien Accart) versucht sich herauszuhalten, aber als ihm auffällt, dass sowohl der Student Claude Lalet (Martin Loizillon), der am 22. Oktober aus Choisel entlassen werden soll. als auch der erst 17 Jahre alte Gymnasiast Guy Môquet (Léo Paul Salmain) auf der Liste stehen, protestiert er. Kristucat fordert ihn auf, die Namen durch andere zu ersetzen, aber Lecornu schweigt daraufhin lieber. Wichtig ist für ihn vor allem, dass es sich bei den Geiseln in seinem Verantwortungsbereich um Kommunisten handelt.

Am 22. Oktober werden die 27 auf der Liste stehenden Männer in Choisel in eine Baracke gesperrt. Die Exekution soll eine Stunde später stattfinden. Der herbeigerufene Abbé Moyon (Jean-Pierre Darroussin) wirft einem deutschen Offizier vor, auf Befehle statt auf sein Gewissen zu hören und kritisiert den Landrat:

„Wie konnten Sie Ihre Finger in dieses Räderwerk stecken?!“
„Ich habe getan, was an meiner Stelle jeder französische Staatsbeamte, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, getan hätte.“
„Die Verantwortung hätten Sie den Deutschen überlassen müssen.“
„Ich konnte, ich durfte doch nicht gute Franzosen erschießen lassen.“

Dann geht der Geistliche in die Baracke und lässt sich die letzten Briefe der auf ihre Exekution wartenden Männer geben. Guy Môquet hat seinen Eltern geschrieben: „Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, ist, dass mein Tod zu etwas gut sein möge.“

Claude Lalet werden noch zehn Minuten für den Abschied von seiner Frau Eugénie (Caroline Wouters) gewährt, die bereits angereist ist, um ihn abzuholen.

Ernst Jünger meldet General Otto von Stülpnagel:

„In Nantes sind die ersten Geiseln bereits hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung, in äußerster Disziplin und Ordnung. Alle sprechen mit Hochachtung vom Mut und der Würde der Hingerichteten. Keiner hat sich abfällig oder mit Hass unseren Soldaten gegenüber verhalten. Der Mensch scheint erst im Augenblick des Todes zu seiner wahren Größe zu finden. Er verabschiedet den Willen, gibt die Hoffnung auf. Da steigen andere Signale auf.“

Allerdings fehlten in Nantes zwei der aufgelisteten Männer. Deshalb sollen in Choisel zwei zusätzliche bestimmt werden, aber dazu ist niemand bereit.

Die 17-jährige Odette Lecland-Nilès (Victoire Du Bois) im Frauenteil des Lagers Choisel muss über den Zaun mit ansehen, wie ihre Freunde Guy Môquet und Claude Lalet zusammen mit 25 anderen Gefangenen mit Lastwagen abtransportiert werden.

Inzwischen übt ein deutscher Leutnant mit seinen Soldaten in einem Steinbruch bei Châteaubriant das Anbinden von jeweils neun Geiseln an eigens aufgestellten Holzpfosten, die Exekution, das Abbinden der Erschossenen, das Abfeuern von Gnadenschüssen und die Entfernung der Leichen. Ein Soldat (Jacob Matschenz) meldet sich mit der Bitte, von der Aufgabe befreit zu werden, aber der Leutnant verhöhnt ihn stattdessen. Während die ersten neun Geiseln erschossen werden, erleidet der Soldat einen Nervenzusammenbruch.

Jean-Pierre Timbaud (Marc Barbé), der Anführer der Kommunisten im Lager Choisel, der zu den Geiseln zählt, hat die Männer darauf eingeschworen, sich nicht die Augen verbinden zu lassen und mit dem Ruf „Vive la France“ in die Gewehrmündungen zu schauen.

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Der Film „Das Meer am Morgen“ von Volker Schlöndorff basiert auf Tatsachen und historischen Personen wie Guy Môquet, Ernst Jünger und General Otto von Stülpnagel.

Zu den Quellen gehört denn auch Ernst Jüngers Bericht „Zur Geiselfrage. Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen“ (Hg.: Sven Olaf Berggötz, Vorwort: Volker Schlöndorff, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-608-93938-5). Ulrich Matthes, der Ernst Jünger in „Das Meer am Morgen“ verkörpert, spricht Passagen aus dem Text. Dennoch bleibt er in dem Film eine Randfigur, ein Schriftsteller und Hauptmann, der die grauenvollen Vorgänge ebenso kühl wie distanziert beobachtet.

Volker Schlöndorff reichert die tragische Handlung mit kleinen persönlichen Geschichten wie der Liebe zwischen Guy Môquet und Odette Lecland-Nilès, dem Abschiednehmen von Claude und Eugénie Lalet und dem Nervenzusammenbruch eines deutschen Soldaten an. „Das Meer am Morgen“ ist ein Plädoyer für Humanität. Außerdem geht es um die Frage, wie Militärs und Beamte sich verhalten, wenn sie Befehle auszuführen haben, die ihrem Gewissen widersprechen.

Die Handlung wird im Wechsel zahlreicher Perspektiven erzählt. Die Darstellung ist pseudodokumentarisch, obwohl Lubomir Bakchev die Kamera bei den Szenen im Hotel Majestic schräg zum Horizont aufgestellt hat. Das letzte Drittel des Films, in dem Volker Schlöndorff die letzte Stunde im Leben der Geiseln veranschaulicht, wirkt einfallslos.

„Das Meer am Morgen“ war am 23. März 2012 erstmals bei Arte zu sehen. In die Kinos schaffte es der Film nicht. Es ist auch gewiss nicht Volker Schlöndorffs bester Film.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

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