Irvine Welsh : Klebstoff

Klebstoff

Irvine Welsh

Klebstoff

Originalausgabe: Glue Jonathan Cape, London 2001 Klebstoff Übersetzung: Clara Drechsler und Harald Hellmann Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002 ISBN 3-462-03091-4, 624 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Klebstoff" erzählt Irvine Welsh von vier Jungen – Terry Lawson, Billy Birrell, Carl Ewart und Andrew Galloway –, die in einer Arbeitersiedlung in Edinburgh aufwachsen, sich befreunden und Männer werden. Der Roman spannt den Bogen von den Siebzigerjahren bis über die Jahrtausendwende.
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Kritik

"Klebstoff" ist ein vitaler von Terry, Billy, Carl und Gally abwechselnd in der Ich-Form und in ihrer derben Alltagssprache erzählter Roman. Niemand nimmt ein Blatt vor den Mund, auch nicht, wenn es um brutale oder Ekel erregende Einzelheiten geht.
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Davie und Susan Galloway, Henry und Alice Lawson, Duncan und Maria Ewart, Wullie und Sandra Birrell leben mit ihren Kindern Andrew („Gally“) und Sheena Galloway, Terry und Yvonne Lawson, Carl Ewart, Billy und Robert („Rab“) Birrell in Sozialwohnungen eines Arbeiterviertels in Edinburgh. Gally, Terry, Carl und Billy – alle Mitte der Sechzigerjahre geboren – wachsen als Freunde auf.

Im Alter von siebzehn Jahren fährt Terry mit einem Kollegen namens Stevie Bannerman im Lieferwagen durch die Straßen des Stadtteils, um Sprudel zu verkaufen, aber Terry kommt es dabei nicht auf den Lohn an, sondern auf die Gelegenheit, immer wieder neue Mädchen anzumachen. Auf diese Weise spricht er einmal die beiden Freundinnen Maggie und Gail an, und als er Maggie nach der Arbeit besucht, ist auch Gail da, nicht jedoch die Eltern. Obwohl Maggie weiß, dass Terry mit Lucy Wilson so gut wie verlobt ist, lässt sie sich von ihm nehmen, und anschließend treibt Terry es auch gleich noch mit Gail.

Ich mag es bei Mädchen, wenn sie einen wissen lassen, wie’s steht. Ich kann selbst beim Sex ziemlich lautstark werden. Ich kann’s ja auch nich leiden, wenn die Fußballübertragung im Pub ohne Ton läuft. (Seite 285)

Obwohl Terry jede Gelegenheit nutzt, eine Frau zu erobern, wird er wütend, als er erfährt, dass Billy es mit Yvonne trieb, denn seine jüngere Schwester versucht er zu beschützen.

Billy hält ohnehin seine sportliche Kondition für wichtiger als Sex, denn er ist ehrgeizig und möchte ein erfolgreicher Boxer werden.

Terry eifert dagegen Dozo Doyle nach, einem ausgekochten Ganoven. Er und Billy machen ebenso wie Dozos Cousin Brian Doyle, Martin Gentleman und Mark McMurray aus Polmont, den alle nur „Polmont“ nennen, bei einem Einbruchdiebstahl mit. Es geht darum, Kupferrollen von einem Fabrikgelände zu rauben. Sie fahren nachts hin, und mit einem Seitenschneider kommen sie leicht durch den Zaun. Dann überwältigen sie die beiden Wachhunde, und dem schärferen der beiden zwickt Gentleman die Vorderläufe ab. Das andere Tier fesseln sie bloß, und beiden Schäferhunden umwickeln sie die Schnauzen mit Klebeband, damit sie nicht bellen können. Mehr als zwei Kabelrollen passen nicht auf ihren Lastwagen. An einem verlassenen Ort schütten sie Paraffin über die Rollen und setzen sie in Brand, damit Holz und Plastik verbrennen. Anschließend knüpfen sie die wehrlosen Hunde, die sie auf die Ladefläche geworfen hatten, am Ast eines Baumes auf, übergießen sie mit Paraffin und zünden sie an.

Bei einem Fußballspiel legen es Dozo, Polmont, Gentleman, Terry, Billy, Gally und Carl darauf an, eine Schlägerei mit den gegnerischen „Hunnen“ zu provozieren.

Etwa zur Mitte der ersten Halbzeit gibt uns Dozo n Zeichen, und wir gehen hoch zu den Klos. Ein paar Hunnen sind drinnen am Pissen, und Gentleman nietet eine von den Fotzen um. Es war n plötzlicher, brutal harter Schlag an die Schläfe von dem Jungen, und mir wird selbst nen Moment lang übel. Der Wodka brennt mir wieder im Magen. Der Junge ist zu Boden gegangen und liegt in seiner Pisse, während wir ihn stiefeln. Ich trample gegen das Bein von dem Jungen, aber nich mit voller Wucht, weil ich ihn nich richtig schwer verletzen will. Wir ham unsern Standpunkt ja schon klar gemacht. Die Fotze von Polmont is n bisschen zu enthusiastisch dabei, und Billy zerrt ihn weg. Dozo hat dem seinen Kumpel in die Eier getreten […] Aye, die warn’s, lacht er, und wir bepissen uns alle vor Lachen. Die arme Sau liegt zusammengeklappt da, hält sich die Eier und guckt zitternd zu uns rauf. Carl zwinkert ihm zu, aber dieser Polmont geht hin und haut ihm mit dem Handrücken auf die Fressleiste. Dann verschwinden wir aus dem siffigen Scheißhaus wieder zurück in die Menge. (Seite 126)

Im Stadion platzieren sich die Hooligans absichtlich mitten unter den Fans der gegnerischen Mannschaft, und so kommt es dann zu einer ernsthaften Schlägerei. Terry und Gentleman sind unter den vorübergehend Festgenommenen.

Am Abend kommt es vor einer Diskothek zu einer Prügelei zwischen Dozo und einem fremden Jungen, der rasch am Boden liegt und von Dozo mit den Stiefeln getreten wird. Billy will Gally zurückhalten, aber der zieht sein Messer aus der Tasche und geht näher hin. Plötzlich nimmt Polmont ihm das Messer ab, schlitzt dem am Boden Liegenden das Gesicht auf und gibt Gally das blutige Messer zurück. Der läuft erschrocken weg und wirft das Messer in eine Mülltonne. Aber es dauert nicht lang, bis er zu Hause von zwei Polizisten abgeholt und zum Verhör gebracht wird. Aufgrund von Zeugenaussagen fand die Polizei auch sein Messer. Gally erfährt, dass dem Opfer Nerven durchschnitten wurden und eine Gesichtshälfte gelähmt bleiben wird. Die Polizisten wollen ihm helfen und fragen ihn, ob er sein Messer verliehen habe, aber Gally hält sich an die goldene Regel, niemand zu verpfeifen, schweigt und hofft, dass Polmont sich selbst stellen wird. Das geschieht jedoch nicht, und Gally wird zu einer Haftstrafe verurteilt.

Einige Zeit später unterhalten sich Terry und Carl:

[Terry:] – Hab gehört, du willst noch weiter zur Schule gehn.
[Carl:] – Ich weiß noch nicht, das hängt davon ab, ob …
Ich bekomm keine Gelegenheit, es zu erklären. – Dann gehste aufs College, was genauso ist wie Schule, dann wirste Lehrer und kommst wieder in die Schule. Im Endeffekt biste dann nie aus der Schule rausgekommen. Verdienen wirste nix […] (Seite 183)

Terrys Vater Henry hat inzwischen die Familie verlassen. Seine Mutter Alice ist jetzt mit einem Deutschen namens Walter Ulrich verheiratet. Bei einem seiner Besuche erlebt Carl, wie Alice Ulrich sich darüber beschwert, dass Terry seiner fünfzehnjährigen Schwester Zigaretten gibt.

– Klappe, stößt Terry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. – Wer ermutigt hier wen? Du bist doch die Fotze, die immer ne Kippe im Maul hat. Wer hat hier also den schlechtesten Einfluss?
Mrs Ulrich atmet tief durch und sieht Walter an. Sie wirkt, als hätte sie Verärgerung und Enttäuschung hinter sich gelassen und einfach resigniert […]
Terry beugt sich zu Walter vor und schnippt mit dem Finger: – Lass mich mal in die Zeitung da gucken. Wir müssen gleich weg.
Mr Ulrich sieht ihn ein, zwei Sekunden an, aber dann gibt er sie ihm.
Terry wirft den Kopf zurück und stößt ein lautes, kehliges, fieses Lachen aus, das ich noch nie von ihm gehört hab. Mir wird schlagartig klar, dass sein Zuhause das reinste Kriegsgebiet ist und diese armen, alten Säcke keine Gegner für ihn sind. Dafür liebe ich die Fotze, für die Macht, die er hat, und ich bin echt gern mit ihm befreundet. Aber ich glaub wirklich nicht, dass ich je so sein möchte wie er.
Vom Ficken abgesehen natürlich. (Seite 192f)

Bald darauf hat Carl zum ersten Mal Sex mit einem Mädchen namens Sabrina.

[…] Also mache ich, was sie gesagt hat, und reibe weiter oben, aber ich will verrecken, wenn da noch ein anderes Loch ist. Es ist mehr so ein kleiner, fleischiger Knopf […] Jetzt hab ich’s gepeilt! Es ist der blöde kleine Knopf oben, der das Loch öffnet! Das ist alles, was einem die Fotzen in Sexualkunde hätten beibringen müssen! Drück ein bisschen oben auf den Knopf, und das Loch geht auf. (Seite 204f)

Wieder sind zehn Jahre vergangen. Um 1990 besuchen Duncan und Maria Ewart, die vor drei Jahren nach Baberton Mains zogen, ihre Freunde Wullie und Sandra Birrell in der alten Siedlung. Carl ist inzwischen ein erfolgreicher DJ und unterstützt seine Eltern finanziell; sonst hätten sie sich das neue Haus nicht leisten können, zumal Duncan inzwischen wie Wullie im Ruhestand ist. Mit der erzwungenen Untätigkeit werden sie beide nur schwer fertig. Duncan überlegt:

Damals in den Sechzigern hatte es geheißen, LSD und Cannabis würden die Welt zerstören […] Aber nicht LSD hatte Fabriken, Bergwerke und Werften dichtgemacht. Es hatte auch keine Gemeinden zerstört. Drogenmissbrauch schien das Symptom einer Krankheit zu sein, nicht die Krankheit selbst. (Seite 214)

Billy verdient jetzt als erfolgreicher Berufsboxer („Business“ Birrell) sehr gut. Ronnie Allison ist sein Manager, und einflussreiche, wohl dem organisierten Verbrechen angehörende Sponsoren wie Gillfillan und David Alexander Power („Tyrone“) setzen auf ihn.

Gally hat es weniger gut getroffen: Als er aus dem Gefängnis kam, wollte er unbedingt mit seiner Freundin Gail schlafen, und sie nutzte das aus:

Aye, zu meiner Nummer bin ich gekommen, und der Preis war n Ehering und die Verantwortung für Frau und Kind. (Seite 245)

Gail brachte ein Mädchen zur Welt, aber die Ehe ging bald in die Brüche. Und Gail ließ sich ausgerechnet mit Polmont ein, der Schuld an Gallys Verurteilung war. Als sie Gally dann auch noch von Polmonts sexuellen Vorzügen vorschwärmte und nicht damit aufhörte, obwohl er sagte, sie solle schweigen („ihr dreckiges Nuttenmaul halten“), gerieten sie in eine Prügelei, von der ihre fünfjährige Tochter Jacqueline wach wurde und aus dem Bett kam. Gally merkte nicht, dass die Kleine hinter ihm stand und zertrümmerte ihr versehentlich mit dem Ellbogen eine Seite des Gesichts. Daraufhin kam er erneut ins Gefängnis. Inzwischen wohnt er wieder in der Siedlung, und zwar in der Sozialwohnung von Colin Bishop, der für einige Zeit zum Arbeiten nach Spanien ging. Es ist furchtbar für Gally, als er Gail, Jacqueline und Polmont auf der Straße begegnet und erlebt, wie seine Tochter zu Polmont „Daddy“ sagt. – Außerdem hat Gally vor einiger Zeit erfahren, dass er HIV positiv ist. Mit dem Aids-Virus infizierte er sich, als er sich in seiner Verzweiflung zwei oder dreimal bei Matty Connell in Leith Heroin spritzte.

Terrys Sohn Jason ist fast genauso alt wie Gallys Tochter Jacqueline, aber Lucy hat ihren Mann auch längst schon mit Jason verlassen. Terry lebt von kleinen Gaunereien. Als er mit dem älteren Alkoholiker Alec Connolly in ein Haus einbricht, stoßen sie auf zwei andere Einbrecher – einer von ihnen ist Spud Murphy aus Leith (aus „Trainspotting“) –, die sie erst vertreiben müssen, bevor sie die Beute verladen können.

Was Streitereien anbelangte, setzte Terry eher auf Nachdruck als auf Argumente. (Seite 462)

Obwohl Ronnie Allison sich die Haare rauft, besteht Billy darauf, kurz vor einem wichtigen Boxkampf anlässlich des Oktoberfestes für zwei Wochen mit seinen Freunden Gally, Terry und Carl nach München zu reisen. Dort lernen sie Wolfgang kennen. Weil dessen Eltern sich gerade scheiden lassen, sein Vater bereits in der Schweiz lebt, während die Mutter nach Hamburg gezogen ist und Wolfgang das Haus verkaufen soll, hat er genügend Platz, um die Freunde und noch ein paar Mädchen bei sich unterzubringen.

Doch als Gally plötzlich auf dem Dach des Hauses steht und sich herunterzustürzen droht, befürchtet er, dass Dachziegel beschädigt werden könnten. Terry ist zwar bei dem Versuch, Gally zu retten, mit seinem dicken Bauch im Dachfenster stecken geblieben, aber schließlich kriegt er den Lebensmüden doch zu fassen und lässt ihn nicht mehr los.

Kurz darauf verrät Gally seinem Freund Carl, dass er Aids hat, aber die anderen sollen nichts davon wissen.

Ein weiterer Zeitsprung von zehn Jahren bringt uns ungefähr ins Jahr 2000.

Zum Ärger seiner Frau schlägt Wullie Birrell die Zeit tot, indem er vor dem Computer sitzt, den Billy ihm geschenkt hat, und im Internet surft. Susan Galloway hat mit Sheena ihren Mann Davie verlassen. Terrys Mutter Alice ist auch wieder allein. Ihr fünfunddreißigjähriger Sohn wohnt noch immer bei ihr. Meistens liegt er in seinem Zimmer im Bett. Und wenn ihm das Bier ausgeht, ruft er seine Mutter übers Handy an und lässt sich Nachschub bringen. Alice tut es schließlich ein letztes Mal und verlässt dann für immer das Haus.

Obwohl Terry seit dem Job als Mineralwasserausfahrer nicht mehr gearbeitet hat, lässt der inzwischen Sechsunddreißigjährige sich von Alec überreden, für dessen Freund Norrie McPhail Fenster zu putzen, weil dieser aufgrund einer Schulteroperation für einige Zeit ausfällt, aber seinen lukrativen Hotelauftrag nicht verlieren möchte. Als Terry in einem der Hotelzimmer ein Sandwich liegen sieht, fragt er die hagere junge Frau, der es gehört, ob er es haben könne. Erst nach einer Weile findet er heraus, dass es sich um die unter Bulimie leidende Sängerin Kathryn Joyner handelt, aber es gelingt dem Macho, sich mit der weltbekannten Frau zu verabreden.

Zur Verzweiflung ihres Managers Mitchell Franklin Delaney Jr. treibt Kathryn sich mit Terry und dessen Freunden herum. Sie schlucken Ecstasy-Pillen, und einige von ihnen schnupfen auch Kokain. In Rab Birrells Wohnung treibt Kathryn es mit einem Jungen namens Johnny Catarrh, der zwar eigentlich lieber mit Lisa im Bett gewesen wäre, aber hofft, dass die abgemagerte Sängerin ihn mit ihren Beziehungen bei einer Gesangskarriere unterstützt.

Schließlich schlägt Terry vor, noch in die schicke Bar zu gehen, die Billy inzwischen betreibt. – Billy hatte seine erfolgreiche Boxerkarriere abbrechen müssen, nachdem eine Fehlfunktion seiner Schilddrüse diagnostiziert worden war und der britische Boxverband seine Lizenz eingezogen hatte. Immerhin genießt er noch immer großen Respekt, weil er von keinem Gegner im Ring bezwungen worden war.

Für Kathryn ist das alles eine völlig neue Erfahrung.

So seltsam es auch war, sie [die Freunde] hatten etwas, das ihnen wichtig war. Sie waren nicht lebensüberdrüssig oder blasiert. Ihnen waren bestimmte Dinge wichtig: oft dumme, triviale Dinge, aber sie waren ihnen wichtig. Sie waren ihnen deshalb wichtig, weil sie in einer Welt außerhalb der Scheinwelt der Medien und des Showbiz lebten. In dieser Welt konnte einem nichts wichtig sein, denn es war nicht die eigene und würde es nie sein können. (Seite 579)

Schließlich bringen Rab und Terry die Sängerin in ihr Hotelzimmer, wo sie erschöpft aufs Bett fällt und sofort einschläft. Als der wegen seiner Frauengeschichten berüchtigte Terry die Bewusstlose ausziehen will, geraten die beiden Männer in Streit. Rab flieht durchs Treppenhaus nach oben. Terry setzt ihm nach, verliert das Gleichgewicht, kippt über das Treppengeländer und stürzt nur deshalb nicht in die Tiefe, weil er sich aufgrund seiner Korpulenz in dem engen Schacht verklemmt. Statt ihm zu helfen, boxt Rab durch die Stäbe des Geländers in das Gesicht des Wehrlosen, bis Hotelangestellte heraufgelaufen kommen und Terry retten. Sobald er wieder auf dem Boden steht, verpasst er Terry ein blaues Auge.

Währenddessen sitzt Carl im Flugzeug. Der früher sehr erfolgreiche DJ lebte seit längerer Zeit mit seiner neuseeländischen Freundin Helena in Australien. Alkohol und Drogen haben ihn beinahe völlig zerstört. Doch als er erfuhr, dass sein Vater nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, nahm er die nächste Maschine nach London. Während des Flugs erinnert er sich daran, wie er Zeuge von Gallys Selbstmord geworden war: Der Freund hatte sich vor den Augen von Carl, Terry und Billy von der George-IV-Brücke in die Tiefe gestürzt. Seit dieser Zeit waren sich die drei Überlebenden aus dem Weg gegangen.

Als sie sich jetzt wieder treffen, beginnt die Stunde der Wahrheit.

Billy weiß, warum er sich im Kampf gegen Steve Morgan plötzlich nicht mehr bewegen konnte. Nicht die Schilddrüse war die Ursache, sondern sein Gegner hatte nur plötzlich so ausgesehen wie Gally vor seinem Suizid.

Terry wollte nie so werden wie sein Vater Henry, der die Familie sitzengelassen hatte, doch am Ende brachte er auch Lucy und Jason dazu, sich von ihm zu trennen.

Am Tag vor seinem Selbstmord war Gally mit Terry zu Polmont gegangen, um sich an ihm zu rächen. Terry gesteht, dass er auch aus eigennützigen Motiven mitmachte. Polmont wusste nämlich, dass Terry mit Gail zusammen gewesen war, und das durfte Gally auf keinen Fall erfahren. In einem schwarzen Müllsack hatten sie eine Armbrust dabei. Sie waren verblüfft, dass Polmont ihnen ohne weiteres die Tür öffnete, allein zu Hause war und nicht im Geringsten aggressiv reagierte. Ohne recht zu wissen, was er tat, nahm Terry die Armbrust und schoss Polmont den Bolzen in den Hals. Sie liefen dann fort, aber Gally alarmierte unterwegs die Sanitäter und rettete Polmont dadurch das Leben: Allerdings war sein Kehlkopf zerfetzt. Auch nach Gallys Selbstmord, als alle glaubten, Gally sei der Täter gewesen, verriet Polmont nicht, dass Terry auf ihn geschossen hatte.

Terry macht sich große Vorwürfe:

Gally ist gesprungen, weil er das von mir und Gail wusste … und als er starb, nahm er die Schuld auf sich, und dadurch hat er mir Typen wie die Doyles von der Pelle gehalten … Ich hab Polmont angeschossen und ich hab Gally umgebracht! (Seite 615)

Da bricht Carl sein Schweigen und erzählt, dass Gally HIV positiv war und sich vermutlich deshalb das Leben genommen habe.

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In seinem Roman „Klebstoff“ beschäftigt Irvine Welsh (*1958) sich mit vier Mitte der Sechzigerjahre geborenen Jungen, die in einer Arbeitersiedlung in Edinburgh aufwachsen. Ihre Welt ist geprägt von fehlenden Perspektiven, Arbeitslosigkeit, Aggression, Fußball, Männlichkeitswahn, Sex, Alkohol und Drogen. 1970, 1980, 1990, 2000 und dann noch einmal kurz im Jahr 2002 beleuchtet Irvine Welsh, was die vier grundverschiedenen Freunde treiben. Ihre Musik wechselt von Punk zu Techno, statt Joints zu kiffen, schlucken sie schließlich Ecstasy-Tabletten und schnupfen Kokain. Auch wenn Terry, Carl und Billy nach Gallys Suizid durch Missgunst und Frustration auseinander- und mitunter sogar gegeneinander getrieben werden, hält der „Klebstoff“ ihrer Freundschaft am Ende doch.

„Klebstoff“ ist ein vitaler von Gally, Terry, Carl und Billy abwechselnd in der Ich-Form und in ihrer derben Alltagssprache erzählter Roman. Auf diese Weise werden einzelne kleine Szenen aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiederholt. Niemand nimmt ein Blatt vor den Mund, auch nicht, wenn es um brutale Einzelheiten von Gewaltexzessen oder um Ekel erregende Details von Sexszenen geht.

Heterosexuelles Arschficken: auch so ne Form der Liebe, über die man nicht spricht (Seite 286)

Irvine Welsh versteht sich jedoch auch auf sprachliche Formulierungen und ungewohnte Vergleiche.

Das Blut schoss in ihr breites, fettes Gesicht wie Wasser in eine neu installierte Kloschüssel der gehobenen Preisklasse. (Seite 266)

Ungeachtet der Trostlosigkeit des Themas enthält „Klebstoff“ auch viel schwarzen Humor und einige urkomische Szenen wie zum Beispiel Carls ersten Sex mit einem Mädchen (Seite 2002ff) oder den Einbruch von Terry und Alec (Seite 298ff).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

Drogenmissbrauch, Drogensucht

Danny Boyle: Trainspotting (Verfilmung des gleichnamigen Romans von Irvine Welsh)

William Golding - Der Felsen des zweiten Todes
Weil wir als Leser so gut wie nichts über die Vorgeschichte des Protagonisten erfahren, fällt es schwer, Mitgefühl für ihn zu entwickeln. Dabei handelt es sich bei "Der Felsen des zweiten Todes" um eine erschütternde Studie über einen Ertrinkenden.
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