Judith Kuckart : Kaiserstraße

Kaiserstraße

Judith Kuckart

Kaiserstraße

Kaiserstraße Originalausgabe: DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2006 ISBN: 978-3-8321-7956-4, 317 Seiten, 19.90 € (D) Taschenbuch: btb, München 2007 ISBN: 978-3-442-73621-8, 317 Seiten, 9.00 € (D)

Inhaltsangabe

Der mit seiner Frau Liz bei Wuppertal wohnende Waschmaschinenvertreter Leo Böwe hat 1957 in Frankfurt/M zu tun. Dort wird zu dieser Zeit Rosemarie Nitribitt ermordet. 1960 kommt seine Tochter Jule zur Welt. Leo ist beruflich erfolgreich und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Als einer seiner Freunde Jule schwängert, versteckt er sie in Baden-Baden und sorgt für eine Adoption des Kindes sofort nach der Geburt. In Karlsruhe lebt er heimlich mit einer anderen Frau zusammen.
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Kritik

Bis auf Leo Böwe – die Hauptfigur in "Kaiserstraße" – und dessen Tochter Jule bleiben die Figuren schemenhaft. Ihre Veränderung spiegelt den Wandel des alltäglichen Lebens in der Bundesrepublik von 1957 bis 1999.
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Leo Böwe wurde am 10. Mai 1935 in der Nähe von Wuppertal geboren. Sein Vater kam krank aus dem Krieg zurück und starb gewissermaßen fünf Jahre lang. Erst danach fand Leos Mutter heraus, dass ihr Mann in Frankreich eine Geliebte gehabt hatte. Drei Jahre später kam sie bei einem Motorradunfall ums Leben. Sie hatte auf dem Rücksitz gesessen.

Am 1. Mai 1956 heiratet Leo seine ein Jahr jüngere Jugendfreundin Liz. Die Hochzeitsnacht verbringen sie in Liz‘ Mädchenzimmer. Liz ist noch Jungfrau, und Leo hatte mit sechzehn vergeblich einer zwölf Jahre älteren Bekannten sein Sparschwein angeboten: Sie war nicht bereit gewesen, ihn von „seinen ungefähren Träumen“ (Seite 27) zu erlösen. Leo und Liz einigen sich darauf, ihre erste sexuelle Erfahrung noch aufzuschieben und schlafen ein, während die Hochzeitsgäste nebenan noch weiterfeiern.

Trotz seiner guten Zeugnisse brach Leo das Gymnasium vor dem Abitur ab und fing als Lehrling bei der Waschmaschinen- und metallverarbeitenden Fabrik der Zwillinge Fritz und Franz Locke an. Im Herbst 1957, eineinhalb Jahre nach seiner Eheschließung, erhält Leo die Aufgabe, jeden Donnerstag nach Frankfurt am Main zu fahren und dort am nächsten Tag den inzwischen von Fritz und Franz Locke übernommenen Reisenden des in Konkurs gegangenen Konkurrenzunternehmens Corelli & Co die Provisionen auszubezahlen, und zwar in einem Büro der im Vorjahr verbotenen KPD in der Kaiserstraße. Dort ersetzt Leo die Bilder von Karl Marx und Friedrich Engels mit denen von Fritz und Franz Locke, die sich kaum voneinander unterscheiden.

Am 31. Oktober 1957 – Leo ist zum vierten Mal in Frankfurt – bietet ihm ein Passant in der Kaiserstraße eine Schreibmaschine an, eine Olivetti. Leo benötigt keine Schreibmaschine.

Und die Nitribitt?, fragte der Fremde. Sein Ton war sachlich und nachdenklich.
Nein, sagte Böwe, ich will auch keine Nitribitt kaufen, und überhaupt, die Marke kenne ich gar nicht. (Seite 31)

Erst später begreift er, dass Rosemarie Nitribitt gemeint war, eine Edelprostituierte, die am 1. November 1957 ermordet in ihrem Apartment in Frankfurt aufgefunden wurde, und er hält es für möglich, dass er vom Mörder angesprochen wurde. 1958 schaut er sich den Film „Das Mädchen Rosemarie“ an.

An einem Freitagabend im November 1957 lässt Leo sich überreden, mit seinen Kollegen Addi Nobis, Hans Begale und Gerhard Heiland eine Spritztour nach Baden-Baden zu machen, wo er im Rahmen der Kinderlandverschickung den Sommer 1944 verbracht hatte.

Drei Tage vor Weihnachten zieht er mit seiner schwangeren Frau in die Kaiserstraße, nicht in Frankfurt, sondern in seinem Heimatort. Die ehemalige Fabrikantenvilla gehörte früher der Familie Sternenberg. Im „Dritten Reich“ emigrierten die Frauen nach England, Vater und Sohn schossen sich gegenseitig in den Mund. In der Villa wohnen jetzt außer Leo und Liz Böwe noch vier andere Mietparteien. Das einzige Waschbecken im Haus müssen sie sich teilen.

Im Mai 1958 erleidet Liz eine Fehlgeburt. Ihr erstes lebendes Kind, die Tochter Jule, kommt am 13. Juli 1960 zur Welt, an dem Tag, an dem der Handelsvertreter Heinz Christian Pohlmann von dem Verdacht freigesprochen wird, Rosemarie Nitribitt ermordet zu haben. Während der beiden Schwangerschaften nahm Liz Contergan, aber Jule ist gesund.

Leo ist längst ein Verkaufsprofi, der weiß, dass das Verkaufen erst beginnt, wenn der Kunde nein gesagt hat. Um dazuzulernen, liest er das Buch „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard. Er macht Karriere, übernimmt die Verkaufsleitung, dazu den Kundendienst, den Versand und die Werbung. Sein Gehalt verdreifacht sich.

Kindermann, der Ortsvorsitzende der CDU, überredet Leo, sich in den Stadtrat wählen zu lassen. Auch als Kommunalpolitiker ist er erfolgreich. Nach wie vor reist er viel und übernachtet gern in Baden-Baden, wo ein Zimmermädchen im Hotel seine Geliebte ist.

Am 2. Juni 1967 hält Kindermann sich in Berlin auf und beobachtet, wie der Student Benno Ohnesorg von dem Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen wird. Jule hört es in den Nachrichten.

In dem Moment kreuzte Jule wohl zum ersten Mal in ihrem Leben die Beine übereinander und schlug ihrem Vater aufs Knie:
Papi, wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch. (Seite 114)

Zur gleichen Zeit, sechs Wochen nach dem Tod von Konrad Adenauer, wird Liz von einem zweiten Kind entbunden, aber es lebt nur eine Stunde lang.

Mandel, ein Mädchen, das für 1.50 DM pro Stunde auf Jule aufpasste, verlässt 1967 die Stadt, um zu studieren. Später schließt sie sich den Terroristen an, wird festgenommen und 1975 durch die Entführung des Berliner Politikers Peter Lorenz zusammen mit anderen freigepresst.

Studenten protestieren gegen den Vietnam-Krieg.

Jule und ihre Schulfreundin Nina waren zusammen, als sie beide zum ersten Mal einen Minirock sahen, 1969 sitzen sie vor dem Fernseher und verfolgen die Mondlandung der Amerikaner, im Jahr darauf beeindruckt sie der Kniefall Willy Brandts in Warschau, 1972 laufen sie an den Fahndungsplakaten für die Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande vorbei. Wegen der Ölkrise dürfen Ende 1973 an vier Sonntagen keine Autos fahren. Bei einer Talkshow sagt Romy Schneider 1974 zu dem neben ihr sitzenden früheren Bankräuber Burkhard Driest: „Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sehr.“

Während Jule und Nina 1976 in einem Kaufhaus jobben, um sich das Geld für den ersten Urlaub ohne Eltern zu verdienen, werden sie als Statisten für einen Film engagiert.

Durch ihren Vater lernt Jule Otto kennen. Der Manager, der eine Tochter in Jules Alter hat, fährt mit ihr und einem Paar, dessen Namen Jule nicht erfährt, im Frühjahr 1977 zum Club La Femme, steckt der Empfangsdame Geld zu, damit sie die Minderjährige hineinlässt und bestellt Champagner.

Am 7. April 1977 wird Generalbundesanwalt Siegfried Buback von der zweiten Generation der RAF ermordet.

Leo hat es inzwischen zum Landtagsabgeordneten gebracht.

Als Jule ihren Eltern gesteht, dass sie von Otto schwanger ist, bringt Leo sie nach Baden-Baden in die Pension Aurelius, damit die Nachbarn nichts merken. Sie muss putzen und kann dafür in einem Souterrainzimmer wohnen.

Während der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 bringt Jule zwei Monate zu früh ein Kind zur Welt, das zunächst in einen Brutkasten muss und dann zur Adoption freigegeben wird, ohne dass Jule es jemals zu Gesicht bekommen hätte. Eine Woche nach der Niederkunft sitzt sie wieder neben Nina in der Schule.

Mit achtzehn macht Jule das Abitur und den Führerschein.

Am 9. November 1989 – dem Tag, an dem die Berliner Mauer fällt – eröffnet Liz zusammen mit der fünfzehn Jahre jüngeren Witwe Irene Abraham eine Boutique für Trauerkleidung. Kurz darauf bricht Leo dort ein und raubt Dinge für die Einrichtung einer Wohnung in Karlsruhe, die er für sich und seine drei Jahre jüngere Geliebte Rosemarie Schneider gekauft hat.

Jule schläft mit dem Vater des zwanzig Jahre jüngeren Nachbarsohnes Jan, den sie auf dem Arm gehabt hatte, als er klein war.

Jule mochte Männer, manchmal nicht sofort, aber im Nachhinein fast alle […]
Das alte Lied, dachte Jule, während er sich mit gespreizten Fingern durch die dichten dunklen Haare fuhr und der Fahrstuhl nach oben glitt. Im Bett würde er sich wahrscheinlich wie einer aus diesen französischen Filmen der Sechzigerjahre benehmen. Jule freute sich darauf und ärgerte sich zugleich. Ihr fehlte die Fähigkeit, nein zu sagen, wenn sie neugierig war.
Vierzehn waren es, wie in dem Lied: Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn. Zwei zu ihrem Haupte, das waren Schef und Otto. Zwei zu ihren Füßen, Dietrich, der Schlagzeuger, und Fritz, der Tänzer. Zwei zu ihrer Rechten, Marek, Sportlehrer und Philosoph, und der polnische Marek, Fotograf aus Kattowitz, für den sie den wortkargen, sportlichen Marek verlassen hatte. Dann zwei zu ihrer Linken, Josef, mit dem sie sieben Jahre zusammen gewesen war und den sie sechs davon betrogen hatte, und Clemens. Ab Clemens fehlten noch sechs, und wenn sie ehrlich war, eigentlich keiner. Aber das Lied ging weiter. Zweie, die sie deckten, Thomas, Schauspieler, und Christian, Dr. phil. und Taxifahrer. Zweie, die sie weckten, Markus, der Maler, der eigentlich Anstreicher war, und Robert, Statistiker für Sterbetabellen bei einer Lebensversicherung. Jetzt fehlten, laut Lied, noch zwei, zweie, die sie führten, vor des Himmels Türen. Clemens jedenfalls hatte immer doppelt gezählt. (Seite 216ff)

Ein Kreuzbandriss veranlasst Jule, die anstrebte Karriere als Balletttänzerin aufzugeben. Während sie in einer Telefonzentrale in Stuttgart jobbt, absolviert sie ein Abendstudium in Betriebswirtschaftslehre. Danach fängt sie als Managerin im Personalmarketing eines Industriekonzerns in Berlin an. Dort hat sie den Eindruck, dass sie ebenso wie im Theater eine Rolle spielt.

Ja, sie funktionierte überall, egal, wo man sie hinstellte, mit der altmodischen Disziplin und Hingabe einer ehemaligen Tänzerin, die immer tat, was man ihr sagte, und dazu lächelte. Sie hatte im Theater gelernt, ein Ich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieses lang erprobte Ich spielte jetzt glänzend seine Rolle im Konzern. Sie hatte nur das Fach gewechselt. (Seite 268)

Der fünfzehn Jahre ältere Manager, der sie einstellte, wird ihr neuer Lebensgefährte. Im Mai 1996 zieht sie zu ihm. Als ihre Mutter 1999 zu Besuch kommt und die zwölf Designer-Essstühle erblickt, fragt sie, ob sie so viele Gäste hätten. Darauf antwortet Johann: „Wir haben keine Zeit für Gäste.“ (Seite 251)

Liz stellte den Champagner zurück und schloss die Tür des Kühlschranks, sacht, wie die Tür zu einem verbotenen Zimmer. Dann öffnete sie den Besteckkasten.
Alle Öffner vom Designer, muss das sein?
Jule antwortete nicht. Am nächsten Morgen putzte Liz die Berliner Doppelfenster. In der Küche fing sie an. Es war noch kühl, und in ihrer Haltung lag etwas Kindliches, wie sie mit besorgtem Mund die Fensterbank betrachtete und dabei den Lappen im Eimer auswrang. Ein Ring blitzte auf über dem Putzwasser, an der nassen, etwas rauen Hand mit den lackierten Fingernägeln. Der hatte die Ehe gesehen, die Fehlgeburten und diese ganze Hingabe an ein Leben, das nie ihres geworden war.
Warum nimmst du den Ring zum Putzen nicht ab, fragte Jule.
Liz ging mit dem Eimer ins Schlafzimmer, ohne zu antworten. (Seite 250f)

Eine Woche nach dem Besuch ihrer Mutter trennt Jule sich von Johann.

Sie bleibt in Berlin-Kreuzberg. Durch Zufall trifft sie Jan wieder und geht mit ihm ins Bett. Er hat seinen Jugendtraum verwirklicht und ist Musiker geworden. Anlässlich eines Konzerts verabredet sie sich mit ihm in Hamburg.

Obwohl ihr Vater keine richtige Aufgabe mehr hat, reist er noch viel und hält Vorträge.

Er hielt Vorträge, frei und wütend, ohne Blatt und Brille. Im Ende lag der Anfang, merkte er. Er hatte in Hinterzimmern von Kneipen seine ersten politischen Reden gehalten, mit der Kompromisslosigkeit der Jugend. Jetzt redete er an den gleichen Orten, mit der Sturheit des Alters. (Seite 240)

Im Oktober 1999 fährt er zur Frankfurter Buchmesse, um den Verlagen ein autobiografisches Manuskript anzubieten. Aus der Veröffentlichung wird zwar nichts, aber die aus Pankow stammende achtunddreißigjährige Lektorin Jenny Thomas wird seine Geliebte. Für sie verlässt er Rosemarie Schneider.

In Frankfurt sucht er das Haus, in dem Rosemarie Nitribitt ermordet wurde. In einer benachbarten Kneipe meint die Kellnerin, ihr Freund Harald wohne zwar jetzt dort, lasse aber bestimmt niemanden in die Wohnung. Ein anderer Gast gibt Leo die Telefonnummer eines Polizisten, der ihm nicht nur Kopien aus den Vernehmungsakten macht, sondern ihm auch den Schädel zeigt, der bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung von der Leiche abgetrennt worden war.

Als Liz in einen Kleidungsstück ihres Mannes, das sie zur Reinigung bringen will, einen Kontoauszug einer Bank in Karlsruhe für eine ihr unbekannte Dame findet, bestätigt sich ihr Verdacht, dass Leo sie betrügt.

Liz stirbt Ende 1999.

Zu diesem Zeitpunkt ist Jule im dritten Monat schwanger. Von Jan.

Ihr Vorgesetzter bittet sie zu einem Gespräch ins Büro:

Sie stellen immer noch die falschen Fragen, Frau Böwe. Sie fragen bei jeder Entscheidung, was für einen Sinn macht das, und nicht, was für einen Erfolg bringt es! Sie sorgen damit für Unruhe. (Seite 299)

Jule verliert ihre Stelle. Im Juni 2000 bringt sie eine Tochter zur Welt, der sie den Namen Friederike gibt. Acht Wochen später fängt sie wieder beim Theater an. Zur gleichen Zeit geht Jan mit einem Jahresstipendium für junge Komponisten nach Rom. Ihr Vater schreibt ihr, während er auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgert.

Einige Zeit später lässt Jule sich in Frankfurt am Main von der Kellnerin Java zu deren Freund Harald bringen. Er wohnt gegenüber der Kneipe in dem Haus, in dem Rosemarie Nitribitt ermordet wurde und erklärt ihr, wo die Wohnung ist. Dort lebt jetzt ein alter Mann – „ein altes, brüchiges Wesen aus einer ganz anderen Zeit“ (Seite 314) – und zeigt ihr das Apartment.

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Der Roman „Kaiserstraße“ von Judith Kuckart deckt fast die ganze zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Die Jahreszahlen in den Kapitelüberschriften beziehen sich auf markante Ereignisse in der Bundesrepublik Deutschland: Die Ermordung der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt Ende Oktober 1957 in Frankfurt am Main, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in Berlin, den deutschen Herbst 1977 und die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989. Dazu kommen ein Kapitel „Neunzehnhundertneunundneunzig“, eine Art Prolog und ein kleines, mit „Später“ überschriebenes Schlusskapitel. Die Handlung hat jedoch keinen engeren Bezug zu den zeitgeschichtlichen Ereignissen, und Judith Kuckart beschäftigt sich auch nicht näher damit, manche erwähnt sie nur nebenbei.

Leo Böwe wurde am 10. Mai 1935 geboren, um Mitternacht, vier Monate und zwei Tage nach Elvis Presley, und zwei Jahre nach der Bücherverbrennung. (Seite 22)

Im Mittelpunkt des Romans „Kaiserstraße“ steht Leo Böwe. Seine Ehefrau und seine Geliebten bleiben schemenhaft; nur seine Tochter Jule nimmt einen größeren Raum im Buch ein. „Kaiserstraße“ ist weder ein Familien- noch ein Entwicklungsroman; die Veränderung der Figuren spiegelt stattdessen den Wandel des alltäglichen Lebens in der Bundesrepublik. Allerdings bleibt diese Analyse so oberflächlich wie die Charakterisierung der beiden Hauptfiguren.

Obwohl die Kapitel mit Jahreszahlen überschrieben sind, beschränkt sich der Inhalt nicht auf das jeweilige Jahr. Judith Kuckart reiht vielmehr wie im Kino Episoden aus verschiedenen Zeitebenen aneinander. Nicht immer wird klar, wann eine Szene spielt. Eine Handlung im eigentlichen Sinn entsteht daraus nicht, und es gibt auch keine durchgängige Identifikationsfigur.

Die Sprache ist spröd und lakonisch. Vieles wird nur erwähnt, weder beschrieben noch szenisch ausgeführt.

Bemerkenswert ist, dass eine Szene in „Kaiserstraße“ bis in die Einzelheiten mit einer Szene in „Wahl der Waffen“ übereinstimmt. Nur heißt das Kindermädchen, das zur Terroristin wird, hier nicht Jette, sondern Mandel.

Bis zu den Gärten musste Jule an der Hand von Mandel gehen […] Dann kam der Fußballplatz, wo aus der Stadt keiner mehr Fußball spielte. Mit Mandel atmeten die Nachmittage Abenteuer. Mandel traf sich mit Jungen, die mit ihren Motorrädern das Gelände zu einem Himmel aus rostbraunen Staubwolken machten. Sie hatten alle schwarze Haare, wohnten in den Baracken am Fuß der roten Berge und waren eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens, bevor sie zur Schule gingen, wenn sie überhaupt zur Schule gingen. Die Jungen schubsten Mandel auf ein Sofa unter den Holunderbüschen, Jule solle spiele gehen. Jule schaute Mandel an, und niemand sah sie dabei. Der Junge stellte das Radio ab und griff nach Mandels Brust, drückte zu, bis sie lachte. Dann fuhr er mit dem nackten Fuß zwischen ihren Schenkeln hoch, streifte den Rock mit. Sein großer Zeh klopfte an, und Mandels Herz fiel zwischen den Mädchenbeinen hindurch auf die rote Erde. Aber das sah nur Jule.
Geh spielen, sagte Mandel in dem Moment. (Seite 119)

Der Titel des Romans bezieht sich auf die Kaiserstraße in Frankfurt am Main, in der Leo Böwe zeitweise ein Büro hat und die Kaiserstraße in einer namenlosen Kleinstadt bei Wuppertal, in der er wohnt. Rosemarie Nitribitt wurde nicht in der Kaiserstraße ermordet, wie man vielleicht aufgrund des Titels annehmen könnte, sondern in der Stiftstraße 36.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © DuMont Literatur und Kunst Verlag

Judith Kuckart (Kurzbiografie / Bibliografie)

Judith Kuckart: Wahl der Waffen

Alex Capus - Léon und Louise
Alex Capus vermeidet in "Léon und Louise" jede Effekthascherei. Stilsicher schreibt er in einer leisen, poetischen Sprache. Elegant und unaufdringlich arbeitet er mit Komik und Humor.

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