Norbert Zähringer : Einer von vielen

Einer von vielen

Norbert Zähringer

Einer von vielen

Einer von vielen Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2009 ISBN: 978-3-498-07664-1, 493 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am 1. September 1923 verliert der Polizist Toshiro Koga bei einem Erdbeben in Tokio seine Familie, in der Mojave-Wüste erblickt Edison Frimm das Licht der Welt, und in Berlin kommt Elfriede Heinze mit ihrem Sohn Siegfried nieder, dessen Vater noch am selben Tag auf der Straße erschossen wird. 1945 sitzt Eddie in einem Bomber, den Siggi über Berlin abschießt. Und 2003 wird er in Kalifornien von Kommissar Mauser hören, der den Mord an Siggis Vater aufzuklären versuchte ...
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Kritik

Ausgehend von Ereignissen 1923 in Japan, Deutschland und den USA entwickelt Norbert Zähringer in "Einer von vielen" verschiedene Handlungsstränge. In der ersten Hälfte überwiegt die Komik, dann steht der Wahnwitz des Krieges im Mittelpunkt.
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Am 1. September 1923 bebt auf der japanischen Hauptinsel Honshu die Erde (Großes Kanto-Erdbeben). Dabei werden die japanische Hafenstadt Yokohama und Teile der Metropole Tokio zerstört. Der Streifenpolizist und Laienmönch Toshiro Koga, den das Erdbeben während eines Rundgangs überrascht, überlebt, aber seine Eltern und Schwestern findet er anschließend nur noch tot vor. Er verlässt Tokio und gelangt an Bord eines amerikanischen Frachters.

Auch in der Mojave-Wüste bebt an diesem Tag die Erde, gerade als die Fabrikarbeiterin Mary Frimm in Joshua Ridge nördlich von Los Angeles ein Kind zur Welt bringt. Weil Teile der Zimmerdecke abbröckeln, heben der Veterinär Rupert Randall und die indianische Hebamme Tippi Lancaster die Gebärende von dem Tisch, auf dem sie bis dahin lag, bringen sie unter der schweren Eichenplatte in Sicherheit und entbinden sie von ihrem Sohn Edison („Eddie“).

Johnny Frimm bekommt von der Geburt seines Sohnes zunächst nichts mit, denn er kehrt erst vier Tage später von einer Sauftour zurück. Zu Beginn der Prohibition (1919) war er nach Monterey, Kalifornien, gekommen und hatte sich als Saxophonspieler in „Canner’s Inn“ beworben. Die Barfrau Juliette und ihre Freundin Mary hatten sich in ihn verliebt. Mary, die in der Dosenfischfabrik am Band arbeitete, machte das Rennen und heiratete Johnny Anfang 1920.

Juliette wurde die Ehefrau eines anderen Zuwanderers, der ungefähr zur gleichen Zeit wie Johnny in Monterey eingetroffen war. Daniel („Dan“) Schmidt arbeitete erst einmal in der Sardinenfabrik, dann pachtete er von der Stadt Harperville etwas Land in der Mojave-Wüste und gründete die Gemeinde Joshua Ridge.

Es sollte die Stadt der Zukunft, eine Stadt der Gleichheit und Gerechtigkeit werden.
Anfangs wollten ihm nur zwei Dutzend Getreue und ihre Familien in die Mojave folgen. Doch im September 1923 hatten sich bereits an die zweihundert Kommunarden dort in der Wüste eingefunden, um Brunnen auszuheben, Bewässerungsgräben zu bauen und Obstgärten anzulegen. Jeder von ihnen erhielt einen garantierten Lohn von vier Dollar täglich – niemand bekam weniger, niemand mehr. Die Erträge aus der Landwirtschaft wurden aufgeteilt, der Rest in Projekte wie die Gemeinschaftsküche, in der Edison Frimm zur Welt kommen sollte, investiert. (Seite 30)

Johnny Frimm, der nicht ahnte, dass Edison nicht von ihm, sondern von Dan Schmidt gezeugt worden war, verschwindet einen Tag vor dem sechsten Geburtstag des Jungen: Er fährt mit einem Handelsvertreter nach Lancaster, betrinkt sich dort, schlägt mit dem Kopf aufs Bahngleis und kommt in einem fahrenden Güterzug wieder zu sich, ohne sich an seine Vergangenheit erinnern zu können.

Doch wieder zurück zum 1. September 1923: Der Tisch, unter dem Edison Frimm das Licht der Welt erblickt, wurde von den Julius Raabe Möbelfabriken in Berlin angefertigt. Heinrich Raabe, der jüngere der beiden Söhne des Firmengründers, ist der leibliche Vater eines unehelichen Kindes, das am selben Tag wie Edison von Elfriede Heinze in Berlin geboren wird. Der kleine Junge, der den Namen Siegfried („Siggi“) erhält, wird in eine mit 5 Millionen Reichsmark in kleinen Scheinen gepolsterte Wiege gelegt. Eine Matratze hätten sich Adolf und Elfriede Heinze nicht leisten können. Adolf, der nichts von dem Seitensprung seiner Frau ahnt, feiert die Geburt seines vermeintlichen Sohnes in einer Kneipe. Als der Nationalist mit seinem politischen Gesinnungsgenossen Alois Nuschgl nach Hause geht, wird er auf der Straße von einem Unbekannten mit zwei Kopfschüssen getötet.

Weil Nuschgl aussagt, eine Horde Roter habe ihn und Adolf Heinze angegriffen, bekommt Elfriede Heinze von den Faschisten zusätzlich zur staatlichen Hinterbliebenenrente eine „Heldenpension“, die in diesem Fall von Heinrich Raabe bezahlt wird, dem heimlichen Vater des Neugeborenen.

Kriminalkommissar Gert Mauser, der die Ermittlungen in dem Mordfall leitet, glaubt dem Zeugen Nuschgl kein Wort, aber bevor er den Fall aufklären kann, wird Nuschgl von einem Bierlastwagen totgefahren.

Einige Jahre später warnt Mauser seinen jüdischen Vorgesetzten vor der bevorstehenden Festnahme und Deportation [Judenverfolgung im „Dritten Reich“]. Kriminaldirektor Cohn kann sich gerade noch rechtzeitig nach England absetzen. Dann versucht Mauser, den Tod eines laut Obduktionsbefund mehrmals dieselbe Treppe hinuntergefallenen jüdischen Schuhhändlers aufzuklären. Deshalb wird er gegen seinen Willen von der Mordkommission zur Abteilung Einbruch versetzt.

Frustriert steht er eines Abends am Tresen der Kneipe „Zum Schweinemagen“ und spricht einen Mann an, den er als Spitzel der Gestapo verdächtigt. Um ihn hereinzulegen, macht er ihn auf eine ungeheure Gefährdung des „Führers“ aufmerksam:

Keine Gitter, keine Wehre, nichts, was ihn davor bewahren könnte, bei einem Abortgang hinterrückts gemeuchelt zu werden. Im Mauerwerk zwischen Fallrohr und Hauptkanal, da liege zumeist die Schwachstelle, denn die Untermenschen, die den Deutschen ihren Führer nicht gönnten, die hießen ja nicht nur Untermenschen, weil sie so untermenschlich, sondern auch, weil sie so klein seien. Großnasige, dunkelbärtige Zwerge malte Mauser da anstelle des Teufels an die Wand, lichtscheue Kreaturen, die mit ein, zwei Meißelschlägen ins Allerheiligste des Führers vorzudringen vermochten.
Sein Gegenüber verzog keine Miene. „Aha“, sagte er. Und dann: „Wie heißen Sie? Dienstgrad? Abteilung? Vorgesetzter?“
Da sah Mauser ein, dass dieser Mann überhaupt keinen Humor besaß, und bestellte sich das siebente Bier. Man konnte ja nicht wissen, wie lange man noch was bekam. (Seite 84)

Am nächsten Tag klingelt es bei Mauser an der Wohnungstüre.

Die Länge und Intensität des Geschelles verhießen nichts Gutes. (Seite 86)

Ein Mann in SS-Uniform fragt:

„Kommissar Mauser?“
„Ja.“
„Sie werden im Sicherheitsamt erwartet.“
„Wann?“
„Sofort.“ (Seite 86)

Im Sicherheitshauptamt wird Mauser in das Büro seines früheren Assistenten Erich Fränkel gebracht, der es inzwischen zum Hauptsturmführer der SS gebracht hat. Mauser befürchtet, für die Verhöhnung eines Gestapo-Mannes bestraft zu werden. Stattdessen erhält er den Geheimauftrag, die Reichskanzlei in Berlin vor Anschlägen aus der Kanalisation zu sichern, Rohre und Tunnel mit Eisengittern zu versehen. Offiziell wird er weiter für die Abteilung Einbruch tätig sein, in Wirklichkeit jedoch im Rang eines Hauptkommissars die Abteilung Vorbeugung Untergrund (VU) leiten und das Unternehmen „Gjöll“ durchführen.

Auch Mausers Warnung vor zwergwüchsigen „Untermenschen“ trägt unerwartete Früchte: Als dem kleinen Exilarmenier Bebo Globodajarian in einer Berliner Straße ein Fünf-Reichsmark-Stück in einen Gully fällt und er den Deckel öffnet, wird er von zwei Streifenpolizisten beobachtet und verhaftet. Zu seiner Verwunderung findet er sich nach der Vernehmung auf einer Parkbank im Tiergarten wieder.

Nach diesem Vorfall will er fort und schreibt seinem Großcousin Leon Globodajarian in Los Angeles. Der ist bereit, ihm die Reisekosten vorzustrecken und vor den Einwanderungsbehörden für ihn zu bürgen, aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass Bebo alles bei ihm wird abarbeiten müssen.

Bebo Globodajarian schifft sich auf der „Emsland“ ein. Das Handelsschiff befindet sich mitten auf dem Atlantik, als der Kapitän am 1. September 1939 wegen des begonnenen Krieges den Befehl erhält, umzukehren und den spanischen Hafen Vigo anzulaufen. Bevor er dem Befehl Folge leistet, übergibt er die Emigranten auf hoher See an ein anderes Schiff. Der deutsche Kapitän der „Hilde“ und seine Mannschaft, die bis April im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft hatten, kaperten den Auxiliardampfer in Vigo, um in die USA zu fliehen. Unterwegs werden sie zwar von einem deutschen U-Boot entdeckt, aber in einer Neumondnacht entkommen sie, und im Frühjahr 1940 treffen sie in Los Angeles ein.

Ein Mitarbeiter seines Großcousins holt Bebo vom Hafen ab und bringt ihn zu „Leo Globe’s Hot Dog Planet“, seinem neuen Arbeitsplatz. Den Lohn verrechnet Leon Globodajarian mit den Monatsraten und einer Miete fürs Wohnen in einer benachbarten Bruchbude.

Die Gemeinde Josua Ridge ging in der Wirtschaftskrise zugrunde. Mary Frimm zog daraufhin mit ihrem Sohn Edison nach Los Angeles, wo sie seither bei der Post arbeitet. Anfangs wohnten sie bei einer Verwandten, aber dann konnten sie in ein kleines Haus in Wayne Heights ziehen, dessen andere Hälfte von der verwitweten Besitzerin Mrs McPherson und ihrem Sohn Georgie bewohnt wird.

Edison, der inzwischen die Highschool besucht und bei einer Pool-Reinigungsfirma jobbt, möchte am 1. September 1939 seine Schicht mit einem Kollegen tauschen, um seinen sechzehnten Geburtstag feiern zu können, aber der Chef lässt das nicht zu:

„Du glaubst wohl, wir tanzen hier alle nach deiner Pfeife, oder was? Glaubst, du kannst hier die Dienstpläne machen, wie’s dir gefällt, was, Frimm?“
„Nein, ich –“
„Nein, Sir.“
„Nein, Sir. Es ist nur so, dass ich heute Geburtstag habe.“
„Das ist mir egal. Jesus Christus hat auch jedes Jahr Geburtstag, und trotzdem fällt Weihnachten nicht aus.“ (Seite 105)

Als Edison den Pool einer unbewohnten Villa in Pacific Palisades reinigt, lernt er den Japaner Toshiro Koga kennen, der hier als Gärtner beschäftigt ist. Das Anwesen gehört dem jungen Ölmillionär Gerald G. Hodges, zu dessen Hobbys die Produktion von Kinofilmen gehört. Die Villa hatte er gekauft, um im Pool Trickszenen für „Der Freibeuter von Tobago“ zu drehen. Danach vergaß er die Immobilie.

Eines Tages taucht in der Villa in Pacific Palisades eine Frau Ende zwanzig auf, die Edison aus einem Stummfilm kennt: Penelope Brooks. Sie hatte 1932 einen Millionär geheiratet, sich aber im Jahr darauf wieder von ihm scheiden lassen. Jetzt dreht der Regisseur Lee („Sparky“) Rosenbaum mit ihr und Scott LaMont – dem schwulen und inzwischen alkoholkranken Hauptdarsteller in „Der Freibeuter von Tobago“ – im Garten der Villa und an anderen Orten den Film „Die schwarze Orchidee“. Auf diese Weise kommt Edison als Komparse zum Film. Zwischendurch macht er seinen Abschluss an der Wayne High, und etwas später wird Penelope Brooks seine Geliebte.

Als die USA nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in den Krieg eintreten, sieht Mary Frimms Chef Horace King sich gezwungen, gegen seine Überzeugung Frauen in der Zustellung einzusetzen, weil die männlichen Briefträger eingezogen werden. Mary, die von Anfang an lieber im Außendienst gearbeitet hätte, bewährt sich bei der neuen Aufgabe und macht den Führerschein, um Eilzustellungen übernehmen zu können.

Zu ihrem Entsetzen muss auch Edison zur Musterung und wird für tauglich befunden. Um zu verhindern, dass ihr Sohn in den Krieg geschickt wird, fingiert Mary ein Einschreiben an Gerald G. Hodges und lässt sich von keinem seiner Mitarbeiter davon abhalten, es dem Adressaten persönlich zu überbringen. Sobald sie zu ihm vorgedrungen ist, bittet sie ihn, etwas für Edison zu tun.

So kommt es, dass Edison Frimm im Spätsommer 1942 nach Culver City gerufen wird. Zusammen mit einigen anderen jungen Männern gehört er fortan zur zehnköpfigen Besatzung eines in England stationierten viermotorigen Bombers vom Typ Boeing B-17, einer „Fliegenden Festung“ mit den Namen „Magic Carpet“. Scott LaMont fungiert als Pilot, Edison als Navigator und Bebo Globodajarian – der sich nach einem Brand in seiner Unterkunft zum Militär meldete – als Funker. Mit der Crew soll Rosenbaum im Auftrag Hodges‘ Lehr- und Propagandafilme für die US Air Force drehen.

Zum Abschied kündigt Penelope Brooks ihrem Liebhaber an, sie werde nicht auf ihn warten, sondern sich einen Millionär angeln. In England erfährt Edison aus der Zeitung von ihrer Hochzeit mit Gerald G. Hodges.

Nach Abschluss des Unternehmens „Gjöll“ darf Gert Mauser in die inzwischen von Kriminaldirektor Heinrich Raabe geleitete Mordkommission zurückkehren.

Ein Serienmörder macht ihm zu schaffen: Immer wieder werden Tote mit zwei Schussverletzungen am Kopf gefunden. Der Täter überfällt offenbar wahllos Personen, die es nach dem Voralarm nicht rechtzeitig in einen Luftschutzkeller schaffen.

Einmal wird Mauser Zeuge, wie eine jüdische Familie mit drei Kindern aus ihrer Wohnung abgeholt wird. Weil er im Schatten steht, bleibt er unbemerkt. Der elf- oder zwölfjährige Junge rennt davon, direkt auf Mauser zu, wird aber von den SS-Männern eingeholt und mit einem Knüppel ins Gesicht geschlagen. Danach schleifen sie den Bewusstlosen zurück zum Lastwagen.

Erich Fränkels Frau vertraut ihm an, dass ihr Mann sich sehr verändert habe, seit er zur Partisanenbekämpfung an die Ostfront abkommandiert wurde. Weil sie sich Sorgen machte, durchsuchte sie seine Sachen und fand Fotos von Massenerschießungen [Holocaust].

Als Mauser beobachtet, wie ein Schutzmann einen elf- oder zwölfjährigen Jungen mit Judenstern verfolgt, will er nicht noch einmal tatenlos zusehen. Er versucht, den Polizisten von hinten zu überwältigen, ohne erkannt zu werden, aber der Mann dreht sich um, schlägt den Angreifer zu Boden und würgt ihn, bis es Mauser gelingt, seine Pistole zu ziehen, zu entsichern und ihn in den Bauch zu schießen. Mit einem Kopfschuss tötet er den Sterbenden. Dann bringt er den Jungen in seine Wohnung.

Ob er Tom Shark sei, der König der Detektive, fragt der Gerettete, und Mauser, der aus Sicherheitsgründen nicht möchte, dass echte Namen fallen, bejaht die Frage und nennt den Jungen „Dr. Pitt Strong“. Der Frau des Hauswarts erzählt er, es handele sich um den Sohn ausgebombter Freunde. Nach wenigen Tagen quartiert er „Dr. Pitt Strong“ in seiner Laube ein. Doch als Greise, die unter dem Kommando eines jugendlichen Soldaten stehen, in der Nähe eine Verteidigungsstellung anlegen, warnt Mauser die Bewohner und bringt den Jungen bei der mit ihm befreundeten Prostituierten Gerda unter.

Ein Kleinkrimineller Horst Grube gesteht den Polizisten-Mord und bezichtigt sich über vierzig weiterer Bluttaten.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Während des Beschusses von Berlin durch russische Artillerie wird Mausers Arm von einem herabgestürzten Eisenträger eingeklemmt. Er kann sich nicht befreien und muss auf entsprechend ausgerüstete Helfer warten. Als der Kriminaldirektor bei ihm auftaucht, erklärt Mauser ihm, er habe noch einmal die alten Akten von 1923 studiert und wisse inzwischen, wer Adolf Heinze umgebracht habe; bei dem Täter handele es sich zugleich um den gesuchten Serienmörder. Heinrich Raabe entgegnet, der in einer Telefonzelle gefundene Tote sei vor seiner Erschießung gerade dabei gewesen, die eigene Schwiegertochter an die Gestapo zu verraten. Damit gibt Raabe indirekt zu, dass er der Mörder ist.

Seit Hodges das Filmprojekt vergessen hat, verwendet der Kommandant des Stützpunkts die „Magic Carpet“ mit der Crew für echte Einsätze. Während eines Luftangriffs auf Berlin wird der Bomber abgeschossen.

Den Treffer erzielte eine von Siegfried Heinze befehligte Flak-Batterie. Heinze hatte zunächst zur Besatzung eines U-Boots gehört, war aber 1944 durch einen Metallsplitter verwundet worden. Seit seiner Genesung dient er an der Heimatfront. Bei seinen Flakhelfern handelt es sich um Schüler, von denen keiner älter als sechzehn ist.

Edison Frimm landet nach dem Abschuss der Maschine mit seinem Fallschirm in einer Kiefer. Als er versucht, die Leinen durchzuschneiden, fällt ihm das Messer aus der Hand. Kurz darauf beobachtet er aus der Baumkrone, wie zwei seiner ebenfalls abgesprungenen Kameraden erschossen werden. Ihn entdecken die deutschen Soldaten nicht; er bleibt hilflos hängen, bis der Baumwipfel bei einem Luftangriff getroffen wird und abknickt.

Kurz darauf trifft er auf Bebo Globodajarian. In einem Bunker, in dem tote Soldaten liegen, vertauschen sie ihre britischen mit SS-Uniformen. Damit bleiben sie eine Weile ungeschoren, doch als die Rote Armee Berlin einnimmt, werden sie gefangen genommen. Erst als sich der englisch sprechende Leutnant Piotr Stefanowitsch Konew vergewissert hat, dass es sich bei ihnen nicht um Spione handelt, lässt er aus dem Opernhaus die Uniform von Lieutenant Pinkerton aus „Madame Butterfly“ für Edison besorgen und überstellt ihn den Amerikanern. Bebo muss mit anderen Männern zusammen auf einen Lastwagen klettern, der nach Osten fährt. Während eines Halts gelingt es ihm jedoch, unbemerkt hinter Büschen zu verschwinden.

Von den Amerikanern erfährt Edison, dass seine Mutter kurz zuvor bei einem Auto angefahren wurde und starb.

Nachdem er in Hoboken, New Jersey, von Bord des Schiffes gegangen ist, das ihn über den Atlantik brachte, reist er ziellos weiter, bis er nach Kalifornien kommt. Dort liest er in der Zeitung, dass Gerald G. Hodges und Penelope Brooks sich scheiden ließen. In einem Lebensmittelgeschäft in Santa Ana findet er seine Geliebte wieder; sie sitzt hinter der Kasse, und er schenkt ihr einen goldenen Armreif aus einem Museum in Berlin.

In einer britischen Uniform kehrt Cohn nach dem Krieg zurück und muss feststellen, dass niemand im Deutschen Reich von den Gräueln der Nationalsozialisten gewusst haben will. Seinen Retter findet er einem Lazarett. Mauser, dem der rechte Unterarm amputiert werden musste, erfährt von seinem früheren Vorgesetzten, dass Heinrich Raabe durch die Kanalisation flüchten wollte, aber von den Russen erwischt wurde, weil der Ausgang mit einem Gitter verschlossen war.

Vergeblich sucht Mauser nach Gerda und dem Jungen.

An der Stelle in Berlin, an der Familie Heinze vor dem Krieg gewohnt hatte, steht nun – im Jahr 1993 – eine Tankstelle. Auf dem Parkplatz darf Siggi Heinze seinen zum Diner umgebauten Gelenk-Omnibus der Marke Ikarus abstellen. Zu den Stammgästen gehören ein Mitarbeiter des Wach- und Schließunternehmens Blohfeld & Co, der ehemalige Fabrikarbeiter Yusuf, Nadja und der Mathemathik- und Informatikstudent Wolfram, der als Fernmeldetechniker jobbt und sich für einen Philosophen hält. Sie machen als Statisten mit, als der Regisseur James Brown für den Produzenten Gero Heym zuerst Docufictions über die Öffnung der Berliner Mauer und den Führerbunker bei Kriegsende dreht.

Nachdem Siggi Post vom Finanzamt bekam, weil er nie eine Steuererklärung abgab, verschwindet er über Nacht mit seinem Bus.

Edison Frimm bezahlt dreißig Jahre lang Miete für ein Häuschen im Norden von Los Angeles, das er auch aus eigener Initiative instand hält. Als sein Vermieter Arthur unerwartet die Miete erhöht, reagiert er nicht – bis er eines Tages heimkommt und im Haus Arthur mit neuen Mietern – einem im Filmgeschäft tätigen Paar aus Deutschland – antrifft. Da nimmt Edison die Bratpfanne von der Spüle und haut sie Arthur auf den Kopf. Ein Gericht verurteilt ihn daraufhin wegen schwerer Körperverletzung zu einer Haftstrafe.

Im Bakersfield-Staatsgefängnis erfährt Edison vom Arzt, dass er aufgrund einer Alterserkrankung bald sein Gedächtnis verlieren wird.

Gegen seinen Willen wird der Achtzigjährige Ende 2003 begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen.

Eine Woche später lässt Edison Frimm sich von einem Getränkelastwagen-Fahrer zur Brücke über den Rocky Creek an der Küstenstraße zwischen Monterey und Cambria bringen. Um auf die Brüstung klettern zu können, holt der Greis einen roten Spielzeugeimer, den er in der Nähe stehen sieht. Bevor er in die Tiefe springen kann, wird er von den beiden Jungen angesprochen, denen der Eimer gehört. Sie heißen Tom und Piet, sind zehn bzw. drei oder vier Jahre alt und waren unterwegs nach Monterey. Während eines Halts am Aussichtspunkt stiegen die Kinder unbemerkt aus dem Wohnmobil. Ihre Mutter und ihr Großvater fuhren ahnungslos weiter.

Plötzlich lässt ein leichtes Erdbeben die Brücke erzittern; Edison rudert mit den Armen und verliert das Gleichgewicht, aber er stürzt nicht in die Tiefe, sondern fällt auf die andere Seite.

Während er zusammen mit den Jungen am Parkplatz darauf wartet, dass deren Angehörige zurückkommen, erzählt Tom, dass sein Großvater aus Berlin stammt. Als dieser noch ein Kind war, kamen seine Eltern ums Leben. Tom Shark, ein berühmter Detektiv, kümmerte sich um den Waisenknaben. Nach dem Krieg suchte Toms Großvater seinen Retter, aber er fand ihn nicht. Dann wanderte er in die USA aus.

„Werden Sie’s wieder machen?“
[…]
Frimm sah die Küste entlang, an der sich die Straße als graues Band schlängelte. Der Nebel über den Bergen war verschwunden, und es war so klar, dass man bis zum nächsten Kap sehen konnte. Er glaubte dort, auf der Straße, einen weißen Lastwagen oder Camper ausmachen zu können, aber er war sich nicht sicher. In wenigen Minuten würden sie es wissen.
„Also. Werden Sie’s wieder tun?“
„Was?“
„Das mit der Brücke.“
Frimm sah zur Brücke. Das kurze Beben hatte keine Spuren hinterlassen und alles sah noch genau so aus, wie er es vor nicht mal einer Stunde vorgefunden hatte.
„Nein, ich werde es nicht wieder tun.“
„Weil wir Sie gefunden haben.“
„Ja. Weil ihr mich gefunden habt.“ (Seite 483 / 487)

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Die Handlung des Romans „Einer von vielen“ spielt in Deutschland, den USA und in Japan. Ausgehend von einem Erdbeben am 1. September 1923 auf der Insel Honshu sowie der Geburt eines Jungen in Berlin und eines weiteren in Kalifornien am selben Tag, entwickelt Norbert Zähringer mehrere Handlungsstränge parallel. Verbindungen zwischen ihnen schafft er durch Zufälle, und statt streng chronologisch zu erzählen, verknüpft er die Episoden scheinbar assoziativ. Häufig wechselt der Blickwinkel, und manchmal schildert Norbert Zähringer Teile einer Szene aus verschiedenen Perspektiven, so vor allem in dem Abschnitt „Unter Feinden“.

In der ersten Hälfte des Romans überwiegen Komik und Sprachwitz, dann stehen der Wahnwitz des Zweiten Weltkrieges, der Nationalsozialismus und der Holocaust im Mittelpunkt. Dabei vermischt Norbert Zähringer in „Einer unter vielen“ Fiktion und historische Tatsachen so wie es die Romanfiguren James Brown und Gero Heym in ihren Docufictions tun. Das Ergebnis ist ein fulminantes Panorama der Zeit von 1923 bis 1945. Jedes der sieben Kapitel beginnt mit einem Ich-Erzähler, der Ereignisse aus dem Jahr 1993 schildert, die sich um Siggi Heinze in Berlin drehen. Und der Selbstmordversuch Edison Frimms 2003 auf einer Brücke über den Rocky Creek in Kalifornien bildet eine Rahmenhandlung.

„Einer von vielen“ wirkt ein wenig konstruiert und ist mit Themen, Schauplätzen, Nebenfiguren und –handlungen überfrachtet, aber das Buch bietet eine im ersten Teil unterhaltsame und im zweiten Teil unter die Haut gehende Lektüre auf hohem sprachlichen Niveau.

Bei dem Ölmillionär Gerald G. Hodges könnte Norbert Zähringer an Howard Hughes (1905 – 1976) gedacht haben. Die beiden Namen, die sich Gert Mauser und der von ihm gerettete jüdische Junge geben, stammen aus einer 1928 bis 1939 veröffentlichten Heftromanserie, deren Handlungen in Berlin spielen, wo der Privatdetektik Tom Shark und der Arzt Dr. Pitt Strong im Kampf gegen die Unterwelt knifflige Kriminalfälle lösen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Rowohlt

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