Norbert Zähringer : Als ich schlief

Als ich schlief

Norbert Zähringer

Als ich schlief

Als ich schlief Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2006 ISBN 3-498-07665-5, 288 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Alp Tazafhadi, ein Berliner Student mit iranischen Vorfahren, gerät 1985 ungewollt in eine Straßenschlacht, wird durch einen Gegenstand am Kopf getroffen und fällt ins Koma. In der Notaufnahme des Krankenhauses sieht ihn sein Freund Paul Mahlow, der gerade einen aus einem Flugzeug gefallenen Flüchtlingsjungen einliefert. Als der Weltraummediziner Dr. Arnold Zumvogel von dem Jungen erfährt, holt er ihn in sein Institut ...
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Kritik

Mit spielerischer Leichtigkeit, großer Fabulierlust und viel Sprachwitz hat Norbert Zähringer in "Als ich schlief" ein farbenkräftiges Panoptikum aus schrägen Figuren, Zufällen und abstrusen Episoden geschaffen.
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Der Obergefreite Joseph Hutzinger, ein Koch aus Wien, wird im Frühjahr 1945 von einem afroamerikanischen Soldaten der US Army aufgegriffen und in ein Prominentenlager gebracht, weil die Amerikaner ihn mit einem deutschen Raketenspezialisten verwechseln. Erst im Jahr darauf, auf dem Testgelände von White Sands in New Mexico, klärt sich der Irrtum auf. Vier Jahre lang arbeitet Hutzinger als Koch in der Kantine, dann quittiert er seinen Dienst bei der US Army. Angesichts der „Hamburger-Restaurants, Drive-ins, Burrito-Kaschemmen und Hot-Dog-Stände“ gibt er seinen Traum von einem österreichischen Spezialitätenrestaurant in den USA auf und erfindet stattdessen das „Schnitzel on a stick“, mit dem er es zum Imbissbudenmultimillionär bringt. Seine Erfahrungen veröffentlicht er in einem Bestseller mit dem Titel „Reich und glücklich in sechs Tagen“.

Elvira Posspichler („Miss Ellie“) kam als Zwanzigjährige mit ihrem damaligen Freund aus Eichhofen nach Berlin. Dort wurde sie zur Feministin, setzte ihren „Sexualdiktator“ vor die Tür und gründete eine Frauen-WG. Das ging nicht lange gut. Inzwischen teilt sie sich die Vier-Zimmer-Wohnung mit den Studenten Gonzo, Paul Mahlow und Alp Tazafhadi. Gonzo muss allerdings in einem Hochbett in der Küche schlafen, denn Miss Ellie braucht das eigentlich für ihn gedachte Zimmer für andere Zwecke:

Mittlerweile beherbergte Miss Ellie dort ihres TagesgästInnen, Frauen, die Krach mit ihren Männern hatten oder nach dem allwöchentlich bei Ellie stattfindenden „Arbeitskreis alternativer ManagerInnen“ einfach nur sturzbetrunken waren. (Seite 21)

Gonzo studiert Soziologie. Er wuchs am Bodensee auf, wo sein Vater als Kieferchirurg tätig ist. Als er bei einer Party in Berlin zum ersten Mal einen Joint rauchte, geriet er in eine Polizeikontrolle.

Normalerweise hätte jeder abgebrühte Partykumpan mit den Achseln gezuckt, sobald ihm die Ermittler den noch nicht aufgerauchten Joint beweislastig unter die Nase gehalten hätten, oder, ungleich kecker, um Feuer gebeten […]
Als die Beamten ihm [Gonzo] den beweislastigen, noch gonzospuckefeuchten Glimmstängel unter die große Nase hielten, da sah der Beschuldigte ein Wort im Nachthimmel über dem Bodensee aufleuchten: Schande! Und er hörte sie rufen, die Patienten des Vaters, die Freundinnen seiner Mutter im Tennisclub, die Nachbarn, die Kassiererin im Supermarkt, den alten Mann an der Bushaltestelle: Schande über Gonzo und über die ganze Gonzo-Sippe, niemals mehr können wir, die friedvollen Bewohner des Bodenseestrandes, unsere Weisheitszähne von einem Zahnklempner raushebeln lassen, dessen Sohn ein Drogenhändler ist! (Seite 91)

Um einer Anklage zu entgehen und keine Schande über seine Familie zu bringen, erklärte Gonzo sich bereit, bei politischen Demonstrationen als V-Mann für den Verfassungsschutz zu arbeiten.

Paul Mahlow ist sechsundzwanzig, studiert offiziell Wirtschaftswissenschaften und jobbt bei der Wach- und Schließgesellschaft „Blohfeld & Co“.

Paul Mahlow […] hatte einige Zeit vertrödelt in Kneipen, mit Frauen und dem Studium der Ökonomie, war einmal Judo-Studentenmeister im Halbschwergewicht gewesen […] (Seite 18)

[…] jedenfalls nahm er diesen Job an, der wie alle früheren ein Nebenjob war, galt Mahlow doch offiziell noch als Student der Wirtschaftswissenschaften, trödelte auch zweimal die Woche gegen Mittag in die Universitätsmensa, wo er sich die Studentinnen anschaute, die immer jünger wurden. Gelegentlich folgte er der einen oder anderen in eine Vorlesung. Eine erfolgreiche Methode, jedenfalls erfolgreicher als die Jagd nach jungen Müttern in Spandauer Möbelhäusern; selten musste er ein Seminar öfter als zwei-, dreimal besuchen […] Außerdem erwarb er sich auf diese Weise ein universelles Halbwissen, das sich in die nächste Verabredung reinvestieren ließ. (Seite 32)

Alp Tazafhadi studiert Physik in Berlin. Seine Familie stammt aus Babol Sar im Iran – bis auf den Großvater mütterlicherseits. Das war ein Deutscher, „und zwar einer, wie ihn die Deutschen selbst gerne vergessen würden“ (Seite 28).

August Reff, einer der Überlebenden des sowjetischen Gefangenenlagers in Kagan, der jetzt in einem zur Irrenanstalt umfunktionierten Hotel in Muniak am früheren Ufer des geschrumpften Aralsees lebt, erinnert sich an Alps Großvater. Er nennt ihn „Eisteufel“. Reff hatte 1939, zwei Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen, in Berlin einen SA-Mann erschlagen, nicht aus politischen Gründen, sondern im Streit, und war dafür zum Tod verurteilt worden. Der Hinrichtung entging er, weil er sich für medizinische Experimente meldete. Dazu gehörten Testreihen, bei denen die Probanden eine Stunde und länger nackt oder in Fliegermontur in eiskaltem Wasser liegen mussten. Dann zog man sie bewusstlos aus dem Holzbottich und erwärmte sie mit unterschiedlichen Methoden. Einmal lag eine nackte Prostituierte auf Reff, als er wieder zu sich kam. Auf die Kälteexperimente folgten Testreihen, mit denen der SS-Arzt die Bedingungen bei Flugzeugabstürzen oder raschem Druckabfall simulierte. Die meisten Versuchspersonen starben grauenvoll.

Nachdem die Rote Armee das Lager erreicht hatte, schickten die Sowjets den Arzt und den Häftling Reff ins Lager Kagan am Kaspischen Meer. Während des Transports starben viele. Reff beobachtete, wie der Arzt sich einen Sack überziehen und wie eine Leiche aus dem fahrenden Zug werfen ließ.

Der Arzt überlebte. Fischer aus Babol Sar fanden ihn Ende 1946 in einem Schlauchboot treibend, das aus einem abgestürzten britischen Flugzeug stammte. Er hatte Gold und Schmuck bei sich und beeindruckte damit die Bewohner von Babol Sar, aber nachdem er die Großmutter von Alp Tazafhadi geschwängert hatte, verschwand er grußlos. Die Schwangere hatte Glück: Ein wohlhabender Händler, der keine Fragen stellte (und bald darauf starb), nahm sie zur Frau.

Ihre Tochter wurde im Alter von vierzehn Jahren mit einem jungen Mann aus dem Tazafhadi-Klan verheiratet.

Mein Vater war der vorletzte und also nutzloseste der Tazafhadi-Brüder (der letztgeborene war wie so oft der Liebling der Mutter), und alle Ämter, Posten und Stellungen hatte man längst an seine älteren Geschwister vergeben, als er auf die Welt kam. (Seite 143)

Alps Vater ging mit seiner Frau nach Berlin, studierte Medizin und fing als Arzt in einem Krankenhaus zu arbeiten an. In ihrem Drang nach Freiheit verließ Alps Mutter eines Tages die Familie.

Mein Vater hatte schon vorher eine Schwäche für Alkohol gehabt, nach dem Weggang seiner Frau wandelte sich die Schwäche zu einer Gewohnheit, dann zu einer schlechten Gewohnheit und schließlich zu einer Krankheit. (Seite 150)

Das Krankenhaus entließ den Alkoholkranken, und das Jugendamt nahm ihm die beiden Kinder weg: Alp und dessen drei Jahre jüngere Schwester Azadeh. Zwei Wochen nach einer dreimonatigen Entziehungskur fiel Alps Vater auf der Straße tot um, in der Manteltasche noch eine ungeöffnete Flasche Wodka, die er am Tag seiner Entlassung gekauft hatte.

Azadeh kam zu Pflegeeltern. Sie verführte ihren Pflegevater und erpresste ihn. Nach dem Abitur fing sie ein Romanistik-Studium an, hatte aber nicht die Absicht, es abzuschließen, sondern wurde Fotomodell und ließ sich in Paris von dem Performancekünstler Lew Kopelnik mit Farbe beschmieren.

Alp kam bei Yilmer Trapezunt unter. Der war beim Begräbnis seines Vaters aufgetaucht und hatte sich als Onkel ausgegeben. Bis heute bezweifelt Alp, dass er wirklich mit Yilmer verwandt ist. Yilmer schlägt sich seit Jahren in Berlin als Notarzt der Kassenärztlichen Vereinigung durch und lässt sich von seinem Neffen in einem von der Polizei ausrangierten VW-Bus zu seinen Patienten fahren. Alp dient ihm nicht nur als Chauffeur, sondern zu seinen Aufgaben gehört es auch, in Einzelfällen Patienten vor ihren Angehörigen zu beschützen, etwa wenn sein Onkel einer halbtoten türkischen Patientin vor den Augen ihres Ehemanns das Kleid aufreißt, seine Faust auf ihre Brust presst und mit einer Herzmassage beginnt.

Nie werde ich seine zerkratzten Schröpfgläser vergessen, seine vergoldeten Aderlassschnapper, Klistierspritzen, Vaginalirrigatoren, stählernen Knochenhebel, Trepanationsbohrer und Amputationssägen. Der bloße Anblick dieser Geräte schied die Simultanten von den ernsthaft Erkrankten und führte nicht selten zu medizinisch rätselhafter Spontanheilung. (Seite 85)

Im März 1985 schlüpfen zwei entflohene Kindersoldaten mit ihrem Fluchthelfer John Obongo durch ein Loch im Zaun eines Flughafens. In der Nähe einer amerikanischen Maschine warten sie, bis niemand in ihre Richtung schaut. Dann klettern sie auf das Bugrad und verstecken sich im Radkasten.

Es handelt sich um das Flugzeug, mit dem der Vizepräsident der USA auf dem Rückweg von einer Afrika-Nahost-Reise in Berlin Station macht. Während des Landeanflugs der Boing 727 beobachtet Paul Mahlow, der gerade einen Kontrollgang macht, wie etwas vom Himmel fällt. Er sieht nach und findet zu seiner Überraschung einen dunkelhäutigen Jungen, der auf einem Altpapier-Ballen liegt, blaue Lippen hat und sich nicht bewegt. Weil es 1985 noch keine Handys gibt und der Kollege in der Funkzentrale der Wach- und Schließgesellschaft glaubt, er solle verulkt werden, bettet Mahlow den bewusstlosen Jungen auf den Rücksitz seines Autos und fährt ihn ins nächste Krankenhaus, wo er mit Schwester Britta flirtet, die sich um den Neuzugang kümmert.

Mahlow stößt aber auch auf Yilmer Trapezunt, der gerade seinen Neffen Alp Tazafhadi einliefert. Der Notarzt war zu einem Araber namens Ahmed Hakim gerufen worden, der eine verdorbene Hammelhirnsuppe gegessen und sich daraufhin im Etagenklo eingeschlossen hatte.

Längst hatte das Hirn des Hammels Ahmeds Magen wieder verlassen. (Seite 98)

Auf der Fahrt zu Ahmed Hakim gerieten Yilmer und Alp in eine zur Straßenschlacht zwischen Polizei und Demonstranten eskalierte politische Protestveranstaltung, an der übrigens auch Gonzo teilnahm. Die Demonstranten hielten das „Quaksalbermobil“ für ein Polizeiauto, bewarfen den grünen VW-Bus mit Pflastersteinen und kippten ihn schließlich um. Alp kletterte als Erster heraus, wurde dabei von irgendeinem Gegenstand am Kopf getroffen und fiel ins Koma.

Im Lauf der Zeit wird der Wachkoma-Patient Alp Tazafhadi, an dem es nichts mehr zu diagnostizieren oder zu therapieren gibt, zu einer finanziellen Belastung für das Krankenhaus.

Ich machte da, zumindest im Verständnis der Krankenhausverwaltung, nur Arbeit, blockierte ein Krankenzimmer, eine Physiotherapeutin, eine Krankenschwester (Britta!), eine Magensonde, einen Monitor … und war kein Privatpatient. „Abstellen“ wollte mich niemand, aber loswerden schon irgendwie. (Seite 139)

Der Krankenhausverwaltung gelingt es, Alps Schwester Azadeh ausfindig zu machen. Die Neunzehnjährige besucht ihren Bruder, wohnt in seinem Zimmer in der WG, verdreht Paul den Kopf (der daraufhin seine Affäre mit Britta beendet) und verschwindet nach kurzer Zeit wieder, ohne eine Nachsendeadresse zu hinterlassen. So ist es am Ende nicht Azadeh, die Alp aus dem Krankenhaus holt und die Pflege übernimmt, sondern Gonzo.

Im Juni 1985 liest Dr. Arnold Zumvogel in der Zeitung von einem Flüchtlingsjungen, der offenbar einen 6000 Kilometer langen Flug in 10 000 Meter Höhe im Radkasten einer Boing 727 überlebte und bis auf eine retrograde Amnesie gesund ist, während sein Bruder ums Leben kam. Weil er nicht sagen kann, wie er heißt und woher er kommt, gaben ihm die Journalisten den Namen, der auf seinem T-Shirt stand: „Ismael Khan„.

Dr. Zumvogel leitet das von der Universität von Kalifornien finanzierte, in einem Lagerhaus am Rand von Alamogordo untergebrachte „Institut für angewandte und experimentelle Weltraummedizin“. Als der Testpilot Captain Ernest Weintraub Verdacht schöpfte und nachforschte, ob es sich bei Zumvogel um einen früheren SS-Arzt handelte, der Menschenversuche durchgeführt hatte, mischte der Arzt ihm vor einem Testflug ein nahezu geschmackloses Schlafmittel in die Coke. Weintraub schlief im Cockpit ein. Die Maschine flog noch einige Zeit weiter, bis sie an einem Berg zerschellte. Nach der Obduktion notierte Dr. Zumvogel als Unfallursache einen „Fehler an der Maske oder Sauerstoffzufuhr“. Weintraubs Gehirn bewahrt er in einem mit Formaldehyd gefüllten Glas auf.

An zwei Tagen in der Woche erledigt die Sekretärin Britney die Schreibarbeiten im „Institut für angewandte und experimentelle Weltraummedizin“. In der übrigen Zeit teilt Zumvogel sich die Räumlichkeiten mit dem „Schimponauten“ Shilo, den man noch vor dem ersten Menschen versuchsweise auf einer ballistischen Bahn in den Weltraum geschossen hatte. Inzwischen imitiert er gern Britney und haut auf der Tastatur eines PC herum. Deshalb wird er „Shilo Macintosh“ gerufen.

Der Zeitungsartikel elektrisiert Dr. Zumvogel, denn er sieht sich seinem Ziel, den von ihm postulierten „Kälteschlaf“ weiter zu erforschen, einen Schritt näher. Trevor Morgan, ein pensionierter CIA-Agent, findet heraus, wo Ismael Khan zu finden ist, und Dr. Zumvogel holt ihn persönlich aus Berlin.

Angeblich will Dr. Zumvogel dem Jungen helfen, sein Erinnerungsvermögen wiederherzustellen. Ismael Khan darf das Institut nicht verlassen. Zumvogel beginnt mit Kälteexperimenten, wie er sie während des Zweiten Weltkriegs durchgeführt hatte und sorgt auch für eine leichte Unterernährung des Probanden, um die Bedingungen während des Flugs im Radkasten der Boing 727 möglichst genau nachzuahmen. Beim vierten Versuch wartet der Arzt, bis Ismaels Körpertemperatur unter 30 Grad Celsius gesunken ist. Dann zieht er den bewusstlosen Jungen aus dem eiskalten Wasser, um ihn zum Erwärmungsbecken zu schleifen, aber plötzlich durchzuckt ihn ein Rückenschmerz und er kann sich kaum noch bewegen. In dieser Situation rettet Shilo Macintosh Ismael das Leben, indem er ihn vorsichtig ins Erwärmungsbecken legt. Nach diesem Zwischenfall bricht Zumvogel die Kältetestreihe ab und beginnt mit Höhenflug-Experimenten. Als Ismael begreift, dass es dem Arzt gar nicht darum geht, dass er sich an seinen Namen und seine Herkunft erinnern kann, will er fort, aber Zumvogel kettet ihn an und macht ihn heroinsüchtig. Die Versuche gehen weiter, bis Shilo Macintosh einmal die Tageszeitung in der Unterdruckkammer versteckt. Nachdem Zumvogel sie gefunden hat, nimmt ein Artikel seine Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass er nicht merkt, wie die Tür geschlossen wird. Der Schimpanse drückt auf einen weiteren Knopf, mit dem ein plötzlicher Abfall des Luftdrucks wie bei einem Bersten des Cockpits in 15 000 Meter Höhe simuliert wird.

Dr. Arnold Zumvogel sei bei einem Unfall ums Leben gekommen, heißt es. Ismael wird vorübergehend von der Familie des Polizeichefs von Alamogordo aufgenommen.

Schon während der Versuchsreihen las er den Bestseller „Reich und glücklich in sechs Tagen“ von Joseph Hutzinger. Er zieht nach Los Angeles, bekommt eine Anstellung und verliebt sich in Evita Rodriguez, aber 1995 verliert er innerhalb von einer Woche seinen Job und seine Frau. Danach verkauft er Gebrauchtwagen auf fliegenden Automärkten. Zwei Jahre später eröffnet er einen eigenen Limousinenservice, aber nach anfänglichen Erfolgen bricht das Geschäft unvermittelt ein. Eines Tages taucht ein Fremder auf, der ihm Informationen über Dr. Arnold Zumvogel anbietet und als Gegenleistung nach Las Vegas gefahren werden möchte, weil er weiß, dass Ismael kein Geld hat. Trevor Morgan, so heißt der Mann, genießt es, vor den Casino-Hotels aus der Stretchlimousine zu steigen. Um sicherzustellen, dass Ismael ihn nicht einfach in Las Vegas sitzen lässt, will er erst auf der Rückfahrt sagen, was er über Zumvogel weiß. Aber dazu kommt es nicht mehr, denn am letzten Tag bricht Morgan vor einem Spielautomaten tot zusammen.

Als die Leasinggesellschaft die Limousine zurückverlangt und seine Freundin Glenda ihn verlässt, erinnert Ismael sich daran, was er über Bernie Stillman gelesen hat.

Bernie Stillman war 1945 als Kriegsheld aus Europa zurückgekommen. Als ihm und seiner Mutter 1949 in Clarksville das Gartentor gestohlen wurde, nahm er seine automatische Luger 9 mm, steckte drei Magazine ein und erschoss innerhalb von zweieinhalb Stunden elf Menschen. Weil man einen Kriegshelden nicht als Angeklagten vor Gericht sehen wollte, kam er in die geschlossene Anstalt von Topawonka County.

Ismael steckt seine Pistole ein und fährt zum Flughafen von Los Angeles. Dort steigt er aus und will gerade seinen Amoklauf beginnen, als sich die Ereignisse überschlagen. Am Ausgang des Abfertigungsgebäudes wartet die einunddreißigjährige Mrs Smith, die gerade mit ihrer zweijährigen Tochter Debbie von einem zweiwöchigen Aufenthalt bei ihren Eltern in Colorado zurückkam, auf ihren Ex-Mann, der sie abholen sollte. Debbie lässt versehentlich ihren Puppenwagen aus, in dem ihr Teddybär Groover liegt. Der Puppenwagen rollt auf die Straße, auf der in diesem Augenblick Paul Mahlow im Geländewagen einer Leihfirma heranrast. (Er schaut sich inzwischen überall in der Welt Unternehmen an, die von anderen aufgekauft werden sollen.) Paul bremst, weiß aber schon, dass er es nicht schaffen wird. Im letzten Augenblick spurtet Ismael heran, reißt Debbie zur Seite und rettet dem Kind das Leben. Der Puppenwagen mit Groover wird von dem Geländewagen zermalmt.

Auf einem Flug von Hongkong nach Los Angeles sitzt Paul Mahlow 2005 neben Professor DeLore aus Quebec. Als der auf Wachkoma spezialisierte Chefarzt einer neurologischen Klinik in New Orleans von einem Patienten erfährt, der seit zwanzig Jahren im Koma liegt, reist er sofort nach Berlin, um sich Alp Tazafhadi anzusehen …

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„Als ich schlief“ ist ein aus unglaublichen Geschichten komponierter, auf verschiedenen Kontinenten und Zeitebenen spielender Roman von Norbert Zähringer. Bei dem Ich-Erzähler Alp Tazafhadi handelt es sich um einen Patienten, der seit zwanzig Jahren im Wachkoma liegt. Mit spielerischer Leichtigkeit, großer Fabulierlust und viel Sprachwitz hat Norbert Zähringer ein farbenkräftiges Panoptikum aus schrägen Figuren, Zufällen und abstrusen Episoden geschaffen. Obwohl es u. a. um geflüchtete Kindersoldaten geht und um einen SS-Arzt, der grauenhafte Menschenversuche durchführt und seine Experimente nach dem Zweiten Weltkrieg unter einer neuen Identität im „Institut für angewandte und experimentelle Weltraummedizin“ fortsetzt, ist der Ton des Romans eher komisch als sarkastisch, und Norbert Zähringer bietet mit „Als ich schlief“ ein besonderes Lesevergnügen.

Die Kälte- und Höhenflug-Versuchsreihen hat Norbert Zähringer sich nicht ausgedacht, sondern sie wurden während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich durchgeführt, und zwar von dem SS-Arzt Dr. Sigmund Rascher in Dachau (Hintergrundinformation).

Norbert Zähringer wurde 1967 in Stuttgart geboren und wuchs in Wiesbaden auf. 2001 veröffentlichte er seinen ersten Roman: „So“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Menschenversuche von Dr. Sigmund Rascher

Norbert Zähringer: Einer von vielen

Fred Vargas - Die schwarzen Wasser der Seine
Unter dem Buchtitel "Die schwarzen Wasser der Seine" wurden drei schräge, unterhaltsame Geschichten von Fred Vargas über den skurrilen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zusammengefasst.
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