Carl-Johan Vallgren : Schattenjunge

Schattenjunge

Carl-Johan Vallgren

Schattenjunge

Originalausgabe: Skuggpojken Albert Bonniers Forlag, Stockholm 2013 Schattenjunge Übersetzung: Christel Hildebrandt Wilhelm Heyne Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-453-26946-0, 399 Seiten, 19.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1970 wird der siebenjährige Kristoffer Klingberg von einer Frau in Stockholm entführt und taucht nie wieder auf. 2012 verschwindet auch sein jüngerer Halbbruder Joel Klingberg, der Chefjurist des Familienunternehmens, dessen Eltern 1979 ums Leben kamen. Joels Ehefrau Angela beauftragt Joels früheren Freund Danny Katz, nach ihrem Mann zu suchen. Kurz darauf wird sie ermordet, und die Polizei verdächtigt Danny Katz aufgrund erdrückender Beweise als Entführer und Mörder ...
Weiterlesen

Kritik

Der Kriminalroman "Schattenjunge" beginnt vielversprechend, aber Carl-Johan Vallgren hat zu viel hineingepackt und verliert sich im letzten Drittel in einem abstrusen Plot. Wirklich überzeugend ist "Schattenjunge" nicht, aber immerhin ein spannend-unterhaltsamer Thriller mit überraschenden Wendungen.
Weiterlesen

Am 7. Juni 1970 fährt Jan Klingberg in Stockholm mit seinen Söhnen, dem siebeneinhalb Jahre alten Kristoffer und dem noch im Kinderwagen sitzenden Joel, nach Hause. Seine Uhr ist stehen geblieben; er hat sich deshalb um eine Stunde vertan, und seine Frau Joanna wartet bestimmt schon mit dem Abendessen. Beim Umsteigen in einer U-Bahnstation schreit der Kleine, und Kristoffer will nicht mit dem Aufzug fahren, sondern die Treppe benutzen. Weil das mit dem Kinderwagen zu beschwerlich wäre, ist Jan froh, dass eine Frau anbietet, den Jungen zu begleiten und oben mit ihm auf den Aufzug zu warten. Doch als Jan mit Joel aussteigt, sind die Frau und Kristoffer verschwunden.

Jans Vater Gustav Klingberg war 1914 als ältester Sohn des Missionar-Ehepaares Einar und Astrid Klingberg in der Dominikanischen Republik zur Welt gekommen. Nach dem Abitur in Santo Domingo studierte er an der Technischen Hochschule in Havanna Bergbau. Dann kehrte er in die Dominikanische Republik zurück und gründete ein Unternehmen, das Zucker produzierte und Bauxit abbaute. Anfang der Vierzigerjahre heiratete er Lisbet, eine schwedische Missionarstochter, die 1941 den Sohn Pontus gebar. Im Jahr darauf kam dessen Halbbruder Jan zur Welt. Gustav Klingberg hatte ihn mit der Kreolin Marie Bennoit gezeugt, aber Lisbet akzeptierte das Kind in der eigenen Familie. Gegen Maries Willen nahmen die Klingbergs den Jungen mit, als sie zu Beginn der Fünfzigerjahre nach Stockholm zogen, wo Gustav ein neues Unternehmen aufbaute, das seither Aluminium produziert.

Jan Klingberg sträubte sich gegen eine Karriere im Familienunternehmen.

[…] war er Lehrer geworden und hatte kein Interesse gehabt, im Familienunternehmen Karriere zu machen. Er war ein Kind seiner Zeit, begeisterte sich für andere Dinge als Geschäfte, war verheiratet mit einer zwei Jahre älteren Frau, Joanna, einer Sozialanthropologin, kleidete sich nach der aktuellen Posthippiemode, benutzte aus Prinzip die öffentlichen Verkehrsmittel, ein steinreicher Industrieerbe, verkleidet als Bohemien. Trotz allem hatte Gustav für das Finanzielle gesorgt, unter anderem hatte er für die Familie ein großes Strandgrundstück auf Lidingö gekauft, wo er auch eine Luxusvilla für seinen Sohn bauen wollte. Zumindest die Enkelkinder sollten in angemessenen Verhältnissen aufwachsen.

Während Joel hellhäutig wie sein Vater Jan ist, manifestierte sich bei Kristoffer die dunkle Hautfarbe seiner Großmutter Marie Bennoit.

Der Entführte taucht nie wieder auf.

Sein inzwischen 13 Jahre alter Halbbruder Joel findet im September 1979 die Eltern auf dem Landsitz seines Großvaters in Sörmland tot im Auto. Es steht mit laufendem Motor in der Garage. Ein Schlauch leitet die Auspuffgase ins Innere. Jan und Joanna Klingberg sitzen im Fond. Augenscheinlich haben sie sich mit Kohlenmonoxid vergiftet. Marie Bennoit war bereits im Jahr zuvor gestorben.

Joel Klingberg studiert Jura und absolviert ein Jahr an der London School of Economics, bevor er sich in das Familienunternehmen einbringt. Er wird Chefjurist der von seinem Onkel Pontus Klingberg geleiteten Firma.

2002 heiratet er die Meeresbiologin Angela.

Sie stammt aus einer Djursholmer Familie, die es nicht geschafft hat. Ihrem Vater gehörte eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die in Konkurs gegangen ist. Es kam zur Pfändung, und die Familie musste aus ihrer Luxusvilla in Stocksund in eine Dreizimmermietwohnung in Täby Centrum ziehen.

Mit 18 – damals besuchte sie das Internat Lundsberg – wurde sie bei Diebstählen erwischt. Später studierte sie in Paris. Dort war sie ein Jahr lang mit einem französischen Multimillionär verheiratet und versuchte dann vergeblich, eine hohe Abfindung von ihm einzuklagen.

Angela Klingberg meldet sich im Mai 2012 bei Danny Katz in Stockholm.

Dannys Eltern Anne und Benjamin waren Lehrer. Sein jüdischer Vater starb 1982, kurz nach Dannys 14. Geburtstag, an Lungenkrebs. Die Witwe Anne Katz, die 15 Jahre jünger als Benjamin war, kam bald darauf in ein Pflegeheim in Sollentuna. Als sie ihrem Mann nach kurzer Zeit ins Grab folgte, lebte Danny bereits in einem Jugendheim. In dem Sommer, in dem er 16 Jahre alt wurde, lernte er Eva Dahlman kennen. Sie war zwei Jahre jünger als und ebenso heroinsüchtig wie er. Die 14-Jährige wurde 1984 mit schweren Bisswunden am Hals aufgefunden. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge hatte Danny ihr das angetan, aber weder er noch Eva können sich an die entscheidenden, im Drogenrausch verbrachten Stunden erinnern. Während Eva in eine Anstalt für minderjährige Drogenabhängige in Norrland gebracht wurde, kam Danny in eine Erziehungsanstalt.

Der Schock half ihm, die Drogensucht zu überwinden. Von 1987 an besuchte er die Dolmetscherschule der schwedischen Armee – ebenso wie der ein Jahr ältere Joel Klingberg. Im Herbst 1988 schickte die Armee Danny Katz nach Helsinki, wo er zwei Jahre lang russische Dokumente ins Schwedische übersetzte. Im Frühjahr 1992 wurde er entlassen, kehrte arbeitslos nach Stockholm zurück und fing wieder an, sich Heroin zu spritzen. Das dafür erforderliche Geld besorgte er sich durch Einbrüche und indem er selbst auf der Straße mit Drogen handelte. Damit hörte er auch nicht auf, als ihn der militärische Nachrichtendienst im Sommer 1993 im schwedischen Generalkonsulat in Berlin unterbrachte.

Rickard Julin, den er zu Beginn der Neunzigerjahre am schwedischen Generalkonsulat in Leningrad bzw. Sankt Petersburg kennengelernt hatte, rettete ihn, indem er ihn nach Stockholm zurückholte, ihm einen Entzug und dann eine Computerausbildung an der Technischen Hochschule bezahlte. Ende der Neunzigerjahre beendete Rickard Julin seine Tätigkeit für den Geheimdienst bzw. die Armee und gründete eine eigene Firma: die Capitol Security Group in Solna.

Capitol gehörte zu den wenigen Unternehmen in Schweden, die erweiterte Berechtigungen für das Personenschutzgewerbe besaßen. Außerdem gehörten zu ihrem Portfolio Reisebegleitung, Objektschutz, das Aufspüren von Vermögenswerten, Hintergrunderkundungen bei Personen – sogenannte Due Diligence.

Rickard Julin stellte Danny Katz als Übersetzer ein, aber die Bürotätigkeit war nichts für Danny. Er kündigte nach wenigen Monaten und machte sich in Stockholm selbstständig.

Angela Klingberg kommt im Mai 2012 zu ihm, weil ihr Ehemann Joel seit drei Wochen vermisst wird und sie weiß, dass die beiden Männer auf der Dolmetscherschule befreundet waren. Am 22. April verließ Joel die Wohnung im Stadtteil Östermalm, und seither hat Angela Klingberg nichts mehr von ihm gehört. Die Polizei leitet keine Großfahndung ein, denn es sieht so aus, als habe sich der Jurist auf eigene Initiative abgesetzt und es liegen keine Hinweise auf eine Straftat vor.

Sein Auto wurde noch am Tag seines Verschwindens in einem Parkhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs abgestellt.

Danny Katz schmiert dort einen Angestellten, damit dieser ihn Aufzeichnungen der Überwachungskameras prüfen lässt. Joel Klingberg ist auf keinem der Bilder zu sehen. Ein anderer Mann brachte das Auto ins Parkhaus – ein Fremder in einer Regenjacke, die augenscheinlich Danny Katz gehört.

Als Danny Katz zu einer verabredeten Zeit zu seiner Auftraggeberin fährt, findet er die Wohnungstür offen und die Räume verwüstet vor. Alles ist voll Blut. Angela Klingberg liegt tot am Boden, mit einem Messer aus Dannys Küche in der Brust und zerbissenem Hals. Der oder die Mörder haben auch Kleidungsstücke von Danny verstreut und alles so inszeniert, dass ihn die Polizei verdächtigen wird und er keine Chance hat, ein Gericht von seiner Unschuld zu überzeugen. Statt auf die Rechtsprechung zu vertrauen, zieht er es deshalb vor, unterzutauchen und der Sache auf eigene Faust nachzugehen. Zuflucht sucht er bei Rickard Julin in dessen Villa im Stadtteil Bromma.

Nach Danny Katz wird landesweit gefahndet. Die Polizei verdächtigt ihn, Joel Klingberg entführt und dessen Frau Angela ermordet zu haben. Die Bisswunden wurden zwar von Speichelresten gereinigt, sehen aber wie damals bei Eva Dahlman aus. Seine Regenjacke wurde aufgrund eines anonymen Hinweises in einem Bauschuttcontainer in der Nähe des Parkhauses am Hauptbahnhof gefunden und sichergestellt. Dazu kommen die bei der Leiche gefundenen Kleidungsstücke und zahlreiche Fingerabdrücke. Die Indizien gegen Danny Katz sind auch ohne DNA-Spur am Hals der Ermordeten erdrückend.

Der Gesuchte wendet sich an Jorma Hedlund in Midsommarkransen. Mit ihm hatte er sich nach dem Tod seiner Eltern im Jugendheim angefreundet. Jorma, der aus einer kaputten finnischen Familie stammt, lebt von Raubüberfällen, aber Danny Katz weiß, dass er sich auf ihn verlassen und von seiner kriminalistischen Erfahrung profitieren kann.

Eine der wenigen Personen, die etwas von der Freundschaft der beiden Männer ahnen, ist die Staatsanwältin Eva Westin. Lange bevor sie den Juristen Ola Westin heiratete, den sie vor neun Jahren kennengelernt hatte, war sie mit Danny befreundet und ebenso heroinabhängig gewesen wie dieser. Damals trug sie noch ihren Mädchennamen Dahlman. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Danny damals ihren Hals so zerbiss, dass später mehrere plastische Operationen erforderlich waren. Zu so einer bestialischen Tat wäre er auch im schlimmsten Drogenrausch nicht fähig gewesen.

Damals, 1984, wartete Eva in einem Gebüsch bei Hässelby auf Danny Katz und Jorma Hedlund, die zu der Luxusjacht St. Rochus geschwommen waren. Sie kamen mit einer Beute von 1000 Kronen in bar zurück. Danny und Eva besorgten sich dann Heroin und spritzten es sich in einem Fahrradschuppen. In Grubbholmen kam die 14-Jährige mit zerbissenem Hals wieder zu sich, ohne sich an die letzten Stunden erinnern zu können.

Krankenhausaufenthalt, Polizeivernehmung, Gerichtsverhandlung. Das Jugendamt, das sie in eine Entzugsklinik vor den Toren von Vilhelmina verfrachtete. Schon damals hatte sie gedacht, dass etwas nicht stimmte. Es konnte nicht Katz gewesen sein; er war kein Wahnsinniger. Dass sein Gesicht mit ihrem Blut verschmiert gewesen war, bewies gar nichts. Sie hatten zu starkes H genommen, und jemand hatte ihre Hilflosigkeit ausgenutzt. Sie anschließend nach Grubbholmen verschleppt, Eva dort misshandelt, gebissen und den Tatort so arrangiert, dass alles auf Katz hindeutete.

Dass die St. Rochus seit den Fünfzigerjahren der Familie Klingberg gehört, fand Eva erst später heraus.

Ola Westin hat sich inzwischen von ihr scheiden lassen und versucht, das alleinige Sorgerecht für die bei ihm und seiner neuen Lebensgefährtin Erika lebenden Kinder Lisa und Arvid zu erstreiten.

Eva Westin lässt sich von Oskar Danielsson, dem Kriminalkommissar, der die Ermittlungen im Fall Klingberg leitet, auf dem Laufenden halten. Wie Danny Katz hat sie sich die Aufnahmen der Überwachungskamera im Parkhaus zeigen lassen. Es gelingt ihr, den 17-jährigen Junkie zu identifizieren, der dem Mann begegnet war, der Joel Klingbergs Wagen abgestellt hatte, aber Jonas Åkesson ist tot. Seltsam, dass er am 16. Mai 2012 an einer Überdosis starb, obwohl er seit einigen Wochen clean gewesen war. Sie findet heraus, dass Angela Klingberg mehrmals bei Joels Onkel Pontus Klingberg in Djursholm übernachtete und sich einmal mehrere Tage lang auf dem Landsitz des Industriellen in Sörmland aufhielt – stets zu Zeiten, an denen ihr Mann geschäftlich verreist war. Offenbar hatten die beiden eine Affäre.

Weil Eva es für möglich hält, dass Danny sich bei Jorma versteckt, sucht sie diesen. Er liegt auf der Intensivstation im Söderkrankenhaus und wird künstlich beatmet. Als Leser wissen wir, dass jemand Jorma überfiel und mit einer Drahtschlinge zu erdrosseln versuchte. Danny rettete seinem Freund das Leben, indem er zuerst eine Herzmassage durchführte, dann die Notrufnummer wählte und die Türe für die Sanitäter offen ließ, als er verschwand. Er ahnt, dass der Mordversuch ihm galt und Jorma mit ihm verwechselt wurde.

Rickard Julin war die einzige Person, die von Dannys letzter Verabredung mit Angela Klingberg wusste und sein Versteck bei Jorma kannte. Danny argwöhnt, dass der vermeintliche Freund ihn verraten hat. Er bricht in dessen Villa ein und zieht aus einem als Steckdose getarnten Loch in der Wand eine seltsame kleine Flasche und ein Kuvert mit Fotos. Auf einem der Bilder stehen Rickard Julin und Pontus Klingberg zusammen an Bord der St. Rochus. Danny schätzt, dass die Aufnahme aus den frühen Achtzigerjahren stammt. Die beiden Männer kannten sich also schon damals. Beauftragte Pontus Klingberg den Inhaber der Capitol Security Group, seinen Neffen zu entführen und dessen Frau zu ermorden?

Inzwischen besucht Eva Westin den knapp 90 Jahre alten pensionierten Kriminalkommissar Ragnar Hirsch im jüdischen Altenheim in Skarpnäck im Süden Stockholms. Er ist noch immer nicht ganz davon überzeugt, dass es sich beim Tod von Jan und Joanna Klingberg 1979 in Sörmland um einen erweiterten Suizid handelte und verweist die Staatsanwältin auf Sandra Dahlström, das damalige Hausmädchen von Pontus Klingberg.

Eva besucht die 61-Jährige, die seit sechs Jahren Frührentnerin ist. Sie hatte Ende 1969, mit 18 Jahren, als Hausmädchen bei der Familie Klingberg angefangen und erzählt, dass Gustav Klingberg seinen älteren Sohn Pontus kaum beachtet habe, ganz anders als den jüngeren.

Jan war die Ausnahme. Der Liebling … der verlorene Sohn. Als er jung war, hat er das Leben eines Bohemien geführt. Hat sich von seinem materialistischen Vater distanziert. Was nur dazu führte, dass dieser ihn noch mehr liebte. Gustav tat alles für ihn … er wollte sich die Liebe seines Sohnes erkaufen, bot ihm eine gehobene Position im Konzern an, aber Jan hat sich geweigert. Ich glaube, das hatte mit seiner Mutter zu tun. Die Brüder haben ja unterschiedliche Mütter. Jans Mutter war eine Schwarze aus der Dominikanischen Republik, Marie Bennoit. Gustav Klingbergs große Liebe, wie gemunkelt wurde, die er aber im Stich gelassen hat, als die Familie nach Schweden zurückkehrte.

Danny sucht Rickard Julin auf dessen Gutshof Ormnäs in einem Naturschutzgebiet zwischen Katrineholm und Vingåker, aber da scheint niemand zu sein. Als Danny über einen Zaun klettert und sich einer Jagdhütte nähert, wird er von einem Rickard Julin gehörenden Owtscharka angegriffen. Danny erschießt den Hund, wird jedoch im nächsten Augenblick von hinten niedergeschlagen, und als er wieder zu sich kommt, befindet er sich in einem narkotischen Zustand.

Eva besucht Jorma, den sie seit ihrem 14. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, im Söderkrankenhaus. Es geht ihm besser, und er berichtet, dass wahrscheinlich Rickard Julin von Capitol Security dafür sorgte, dass die Polizei Danny für einen Entführer und Mörder hält. Nachdem Eva von Jorma erfahren hat, dass Danny auf der Suche nach Julin ist, fährt sie zu dessen Gut.

Im Haupthaus trifft sie Pontus Klingberg an. Der gibt zu, seinen Neffen mit dessen Frau betrogen zu haben.

Wir wollten es ihm sagen, hatten schon den Tag vereinbart und alles abgesprochen. Obwohl wir wussten, was das für ein Chaos auslösen würde. Der arme Joel, ich kann sein verzweifeltes Gesicht vor mir sehen. Seine Frau, die ihn wegen seines Onkels verlässt. Aber so weit ist es nicht gekommen. Er ist vorher verschwunden. Dieser Judenpsychopath hat ihn gekidnappt. Und umgebracht, wie ich annehme. Genau wie er Angela ermordet hat.

Ein Geräusch. Eva dreht sich um – und sieht Danny Katz mit einer Pistole in der Hand. Sucht er nach Pontus Klingberg, um ihn zu töten? Die Staatsanwältin nimmt ihn mit und versteckt ihn in ihrer Wohnung in Stockholm.

Das war Wahnsinn, aber was sollten sie sonst tun?

Rickard Julin folterte Danny mit Waterboarding, um herauszufinden, was er über ihn, Joel und Angela Klingberg wusste und ob er seine Erkenntnisse weitergegeben hatte. Danny versuchte sich zu befreien, und es gelang ihm, einem Bewacher einen abgebrochenen Flaschenhals ins Gesicht zu rammen, aber der Mann verspürte offenbar keinen Schmerz. Vielleicht stand er unter Drogen. Dann fielen Schüsse. Ungehindert verließ Danny anschließend die Jagdhütte, hob eine im Kies liegende Pistole auf und ging zum Haupthaus. Vielleicht hoffte jemand, dass er Pontus Klingberg erschießen würde.

Von Jan Hammarberg, einem Dozenten für Kulturanthropologie in Uppsala, erfährt Danny, dass es sich bei dem seltsamen Fläschchen aus Rickard Julins Versteck um eine Art Talisman aus der Karibik handelt, ein Paké. Auch bei anderen Gegenständen, die im Zusammenhang mit den Verbrechen auffielen, handelt es sich um Objekte der Voodoo-Kultur.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Eva findet heraus, dass Sandra Dahlström und ihre Lebensgefährtin Linnie Holm 2005 einen siebenjährigen Jungen adoptieren wollten, den sie im Urlaub auf den Philippinen kennengelernt hatten. In Manila erhielten sie die entsprechenden Dokumente, aber das Jugendamt in Stockholm stellte sich quer. Die beiden Frauen schalteten den Rechtsanwalt Ola Westin ein, aber die schwedischen Behörden ließen sich nicht umstimmen. Einige Jahre lang wohnte dann der gehörlose Jonas Åkesson bei dem lesbischen Paar, der Junkie, der von der Überwachungskamera im Parkhaus am Hauptbahnhof gefilmt wurde und jetzt tot ist.

Als sie Sandra Dahlström ohne lange Ärmel überrascht, fallen ihr Dutzende Narben von Bisswunden auf. Da begreift Eva, dass das frühere Hausmädchen dem Enkel ihres Dienstherrn hörig ist. Joel Klingberg ist das Monster, das sie 1984 überfiel und ihr den Hals zerbiss! Der Wahnsinnige inszenierte sein Verschwinden mit Hilfe von Rickard Julin, der dafür eine Menge Geld bekam. Weil Jonas Åkesson dem Chef von Capitol Security begegnet war, als dieser Klingbergs Wagen ins Parkhaus brachte, wurde er mit einer Überdosis Heroin ermordet. Angela musste sterben, weil sie Joel mit dessen Onkel betrogen hatte. Den Verdacht lenkten Joel Klingberg und Rickard Julin auf Danny Katz.

Möglicherweise hat Joel Klingberg es nun auch auf seinen Onkel abgesehen. Eva fährt zu dessen Villa in Djursholm, um ihn zu warnen. Dort stößt sie auf zwei Leichen: Pontus Klingberg und Rickard Julin. Der eine wurde erdrosselt, der andere erschossen. Klingbergs Hals ist zerbissen. Der Mörder macht sich einen Spaß daraus, in der Villa Opernmusik abzuspielen und die Lautstärke zu variieren. Eva bewaffnet sich mit einem Küchenmesser. Aber als Danny Katz und Jorma Hedlund auftauchen, verschwindet Joel Klingberg durch einen unterirdischen Gang zum Bootshaus und flieht mit einem Motorboot.

Er muss Rickard Julin bei der Jagdhütte erschossen haben, vermutlich, weil er Danny Katz am Leben lassen wollte, damit das „Spiel“ weitergehen konnte. Die Leiche schaffte er dann in die Villa seines Onkels in Djursholm, den er ebenfalls ermordete, um sich wegen der Liebesbeziehung mit Angela zu rächen.

Danny findet durch einen Hackerangriff auf dem Server der Capitol Security Group Hinweise auf ein Ende der Siebzigerjahre von Rickard Julin initiiertes Geheimprojekt mit dem Decknamen „Legba“. Ziel war es, die Psyche von Agenten durch Drogen so zu verändern, dass sie von keinen Skrupeln mehr gebremst werden. Weil Julin befürchtete, dass Danny Katz etwas darüber herausfinden könnte, wollte er ihn töten, kam damit aber Joel Klingbergs Plänen in die Quere.

Obwohl Evas siebenjährige Tochter Lisa von ihrem Vater Ola Westin vor der Schule abgesetzt wurde, erscheint sie nicht zum Unterricht und ist auch sonst nirgendwo zu finden. Joel Klingberg ruft Eva an und erklärt ihr, dass er Lisa in seiner Gewalt habe. Sie soll Danny Katz ans Telefon holen. Dem sagt er, dass er vorhabe, das Mädchen gegen ihn einzutauschen.

„Ich will, dass du in die Dominikanische Republik fliegst. Nach Santo Domingo. Ich will, dass du spätestens in drei Tagen dort bist.“
„Nach mir wird gefahndet.“
„Das ist nicht mein Problem.“

Um das Kind zu retten, bleibt Danny nichts anderes übrig, als die Forderungen des Verbrechers zu erfüllen. Er fährt mit einem Leihwagen von Stockholm über Malmö nach Kopenhagen und fliegt mit einem von Jorma besorgten Pass als russisch-jüdischer Journalist Igor Liebermann von Hamburg über Madrid nach Santo Domingo.

Im Handschuhfach des dort gemieteten Auto klingelt ein Handy. Joel Klingberg meldet sich und teilt ihm mit, wo ein Zimmer reserviert ist. Am nächsten Tag wird Danny nach San Juan de la Maguana und schließlich zu einem unbewohnten Haus gelotst, das früher einmal Gustav Klingberg gehört hatte. Auf dem Friedhof neben einer Kapelle in der Nähe findet Danny das Grab von Marie Bennoit, 27. September 1921 – 11. November 1978, daneben ein namenloses mit dem Geburtsjahr 1963 und dem Sterbejahr 1979. Kristoffer Klingberg?

Joel Klingberg kommt zu ihm in das Haus. Er hat einen Mulatten bei sich. An dessen Gesichtsnarbe erkennt Danny, dass es sich um den Mann handelt, der ihn in der Jagdhütte bewachte. Er wirkt wie ein Zombie, und Joel prahlt, der völlig willenlose Mann gehorche ihm aufs Wort. Sein Bruder sei kurz nach dem Tod seiner Mutter einer tropischen Infektionskrankheit erlegen, erklärt er. Hasserfüllt erzählt er vom Großvater:

„Einmal … ich war damals zwölf … habe ich beobachtet, wie er die Hunde auf einen seiner Angestellten gehetzt hat. Das war in dem Sommer, bevor Mama und Papa starben. Gustav und ich waren allein hier. Ein haitianischer Vorarbeiter hatte Geld aus der Kasse gestohlen. Gustav war der Meinung, es wäre gut für mich, das mit anzusehen, als erzieherische Maßnahme. Der Mann hatte Bisse am Hals, die wie ein blutiges Halsband aussahen.“

Der Großvater sei es auch gewesen, so Joel Klingberg weiter, der Kristoffer entführen ließ und ihn als Ersatz für Jan zu Marie Bennoit in die Dominikanische Republik bringen ließ, in der Hoffnung, dass sie den über die Familie verhängten Fluch aufheben würde. Seine Angst vor dem Zauber war größer als seine Liebe zum Enkel. Rickard Julin fand das heraus und erpresste fortan Geld von Gustav Klingberg, das er für seine geheimen Experimente benötigte.

Er habe seine Eltern umgebracht, gesteht Joel Klingberg. Während eines Besuchs 1979 auf dem Gut seines Großvaters in Sörmland schliefen sie betrunken im Salon ein. Der 13-jährige Joel schleifte sie in die Garage, setzte sie ins Auto, legte einen Schlauch an den Auspuff und ließ den Motor an.

Joel Klingberg klärt Danny Katz auch darüber auf, dass er sich 1984 auf der St. Rochus aufhielt und versteckte, als Danny und Jorma einbrachen. Dann folgte er ihnen und dem auf sie wartenden Mädchen unbemerkt. Die drei Freunde trennten sich, und als Danny und Eva in einem Fahrradkeller im Drogenrausch lagen, holte Joel das Hausmädchen Sandra Dahlström zu Hilfe.

„Sie kam dazu und hat mir geholfen, hat euch noch mehr Drogen gegeben, solange ihr weggetreten wart. Dann haben wir euch auf eine Insel in der Nähe gebracht. Dort durfte ich dann mit euch machen, was ich wollte.“

Unvermittelt schießt Joel Danny in den rechten Oberschenkel. Danny stürzt zu Boden und verliert das Bewusstsein. Im Schlachthaus des Anwesens kommt er wieder halbwegs zu sich. Man hat ihm eine Schlachtmaske angelegt. Bevor Joel Klingberg geht, beauftragt er den Mulatten, Danny Katz mit einem Bolzenschussgerät zu töten. Aber dem gelingt es, das bei seinem ersten Erkundungsgang eingesteckte Bolzenschussgerät aus der Hosentasche zu ziehen, dem überraschten Zombie auf die Stirn zu drücken und es auszulösen.

Trotz seiner Schussverletzung schafft er es zurück nach Santo Domingo und auf die St. Rochus. Unter Deck trifft er auf drei Männer. Einer von ihnen spricht schwedisch und kennt seinen Namen, sagt: „Setz dich, Katz!“

„Wo ist Klingberg?“, fragte Katz, nachdem er sich gesetzt hatte.
„Über den brauchst du dir in Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. In ein paar Jahren wird er für tot erklärt. Eine Leiche wird nie gefunden werden. Es gibt ihn einfach nicht mehr.“

Danny vermutet, dass es sich bei dem Mann um Rickard Julins früheren Vorgesetzten beim Geheimdienst handelt, von dem er nur den Decknamen Lynx kennt. Der erklärt ihm nun:

„Das Projekt Legba war eine internationale Angelegenheit. Und wir sind viele, die, noch Jahre nachdem es beendet worden ist, die Spuren verwischen müssen.“

„Und die Drogen, mit denen Julin experimentiert hat?“
„Zu Anfang war es unser gemeinsames Projekt. Doch als die Mittel drastisch gekürzt wurden, hat er auf eigene Faust weitergemacht, finanziell unterstützt von Gustav Klingberg. Und später von Joel Klingberg.“
„Und bei den Streitkräften hat man weggeschaut?“
„Soldaten, die keine Angst kennen. Soldaten, die töten, ohne nachzudenken. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Welche Armee träumt nicht davon? Und wir konnten unsere Hände in Unschuld waschen.“

Lynx bietet Danny Katz an, für ihn zu arbeiten und stellt ihm 15 von 50 Millionen Kronen in Aussicht, die auf einem Nummernkonto der Banco Popular Dominicano bereitstehen. Unter der Bedingung, dass er über das Projekt Legba schweige, könne er auch unbehelligt nach Stockholm zurückkehren.

In der Zwischenzeit hat Eva Westin das verfallene Haus gefunden, in dem Lisa gefangen gehalten wird. Als Joel Klingberg sie kurz mit ihrer Tochter hatte telefonieren lassen, hörte sie einen Knall, und auf Nachfrage bei der Zentrale für Gesteinssprengungen erfuhr sie, dass zur angegebenen Zeit unter den Felsen am Margretelundsvägen in Traneberg Sprengungen für den Schacht der geplanten U-Bahn-Strecke Alvik – Solna durchgeführt worden waren. Die Capitol Security Group hatte das Haus vor zehn Jahren gekauft. Eva sieht, wie Sandra Dahlström in einem ausgetrockneten Brunnen verschwindet und folgt ihr. Der Weg führt zu einem Labor, in dem Rickard Julin augenscheinlich mit psychoaktiven Drogen experimentierte. Sandra Dahlström streckt Eva mit einer Elektroschockpistole nieder, fesselt sie mit Kabelbindern an ein Wasserrohr und knebelt sie. Dann fallen zwei Schüsse. Im nächsten Augenblick beugt Jorma sich mit einer Pistole in der Hand über sie und befreit sie ebenso wie ihre Tochter Lisa. Sandra Dahlström liegt mit blauschwarz verfärbtem Gesicht in einem der Räume. Sie vergiftete sich.

Die Staatsanwältin versorgt Kommissar Oskar Danielsson mit Informationen, die den Mordverdacht gegen Danny Katz zusammenbrechen lassen. Der kehrt nach Stockholm und zu Eva Westin zurück, obwohl 15 Millionen Kronen für den Anfang nicht schlecht gewesen wären.

nach oben

Der Anfang des Kriminalromans „Schattenjunge“ ist vielversprechend, und Carl-Johan Vallgren inszeniert die Szene, in der ein siebenjähriger Junge in Stockholm entführt wird, auch sehr eindringlich.

40 Jahre später verschwindet der jüngere Bruder des Vermissten, und dessen Ehefrau beauftragt den ehemaligen Junkie und Hacker Danny Katz mit der Suche nach ihm. Wenn nicht Stieg Larsson zuvor schon Lisbeth Salander erfunden hätte, wäre die Figur originell. Auch noch ein schmerzunempfindlicher Mann wie Ronald Niedermann in „Verdammnis“ und „Vergebung“ kommt in „Schattenjunge“ vor.

Carl-Johan Vallgren packt viel zu viel in „Schattenjunge“ hinein: Kinder, die unter schlimmen Bedingungen aufwachsen, drogensüchtig und straffällig werden, ein Psychopath, das seinen Opfern den Hals zerbeißt, ein mörderisches Komplott, ein Onkel, der seinen Neffen mit dessen Frau betrügt, Adoptionsrecht, Voodoo, Antisemitismus, geheime Militärprojekte mit Menschenexperimenten, Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, die Geschichte der Dominikanischen Republik und die einer Unternehmerfamilie über drei Generationen …

Bei fast allen Figuren in „Schattenjunge“ entwirft Carl-Johan Vallgren eine ausführliche Vorgeschichte.

Die eigentliche Handlung spielt sich 2012 in Schweden und der Dominikanischen Republik ab, aber der auktoriale Erzähler Carl-Johan Vallgren springt immer wieder in der Zeit zurück, nicht nur zur Entführung des Kindes 1970 in Stockholm, sondern auch zu vielen anderen Ereignissen. Die im letzten Drittel erkennbaren Zusammenhänge wirken abstrus. Dialoge setzt Carl-Johan Vallgren nur zurückhaltend ein. Stattdessen beschreibt und erläutert er viel, auch belanglose Einzelheiten.

Wirklich überzeugend ist „Schattenjunge“ nicht, aber immerhin ein spannend-unterhaltsamer Thriller mit überraschenden Wendungen.

Den Roman „Schattenjunge“ von Carl-Johan Vallgren gibt es in einer gekürzten Fassung auch als Hörbuch, gelesen von Wolfram Koch (Bearbeitung und Regie: Joachim Hoell, ISBN 978-3-8371-2679-2).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

Carl-Johan Vallgren: Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe

V. S. Naipaul - An der Biegung des großen Flusses
In dem komplexen, pessimistischen Roman "An der Biegung des großen Flusses" geht es um den Zusammenbruch traditioneller Gesellschaftsordnungen, die ihren Mitgliedern Sicherheit und Orientierung boten, in denen es allerdings auch keinen sozialen Aufstieg gab.
An der Biegung des großen Flusses

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: