Stieg Larsson : Vergebung

Vergebung

Stieg Larsson

Vergebung

Originalausgabe: Luftslottet som sprängdes Norstedts Förlag, Stockholm 2007 Vergebung Übersetzung: Wibke Kuhn Wilhelm Heyne Verlag, München 2008 ISBN: 978-3-453-01380-3, 848 Seiten, 22.95 € (D) Heyne Taschenbuch, München 2009 ISBN: 978-3-453-43406-6, 861 Seiten, 9.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Lisbeth Salander und Karl Axel Bodin werden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Die 26-Jährige ging offenbar mit einer Axt auf ihren Vater los, und er traf sie mit drei Schüssen u. a. in den Kopf. Lisbeth wurde bereits von der Polizei gesucht, weil sie drei Männer ermordet haben soll, aber der Journalist Mikael Blomkvist sagt aus, dass diese von Lisbeths flüchtigem Halbbruder Ronald Niedermann umgebracht worden seien. Lisbeth überlebt, doch offenbar soll sie auf Weisung aus Geheimdienstkreisen mundtot gemacht werden ...
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Kritik

Die Seitenzahl des spannenden und intelligenten Thrillers "Vergebung", die enorme Komplexität und die Fülle der Figuren zeugen von einer überbordenden Fabulierlaune des Autors Stieg Larsson.


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Was bisher geschah:
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Verdammnis

8. April 2005. Der schwedische Journalist Mikael Blomkvist fand auf einem abgelegenen Bauernhof in Gosseberga bei Nossebro die von der Polizei wegen dreifachen Mordes gesuchte sechsundzwanzig Jahre alte Computer-Hackerin Lisbeth Salander und ihren Vater Alexander Zalatschenko alias Karl Axel Bodin, beide schwer verletzt. Offenbar war versucht worden, Lisbeth lebendig zu begraben, aber sie hatte sich trotz ihrer Schussverletzungen aus dem Grab befreit. Nachdem Mikael Lisbeths Palm, ihre Wohnungsschlüssel und einen norwegischen Pass auf den Namen Irene Nesser eingesteckt hatte, alarmierte er die Polizei und den Rettungsdienst.

Während Lisbeth und ihr Vater ins Sahlgrenska-Krankenhaus in Göteborg gebracht werden, sitzt Mikael Blomkvist in der Küche des Bauernhauses Kommissar Thomas Paulsson gegenüber und berichtet ihm, er habe den dreifachen Mörder Ronald Niedermann neben der Straße nach Nossebro festgesetzt. Weil es sich bei dem fünfunddreißigjährigen Deutschen um einen extrem kräftigen und darüber hinaus aufgrund einer angeborenen Analgesie schmerzunempfindlichen Hünen handelt, rät Mikael dem Kommissar, die Verhaftung einem Sonderkommando zu überlassen. Paulsson hört jedoch nicht auf ihn und schickt die beiden Polizisten Fredrik Torstensson und Gunnar Andersson los. Darüber gerät er mit Mikael in Streit, und als dieser ihm auch noch einen Colt übergibt, legt er ihm Handschellen an.

Torstensson und Andersson kehren nicht zurück. Paulsson schickt einen zweiten Streifenwagen los. Die Beamten finden Andersson mit gebrochenem Genick und Torstensson schwer verletzt vor. Niedermann flüchtete mit den Dienstwaffen und dem Polizeiauto. Da merkt Paulsson, dass er mit der Situation überfordert ist und ruft – wie von Mikael verlangt – Kriminalinspektor Jan Bublanski in Stockholm an.

Daraufhin kommen die Kriminalinspektoren Marcus Erlander, Sonja Modig und Jerker Holmberg nach Gosseberga. Sie nehmen Mikael die Handschellen ab und hören sich an, was er zu sagen hat: Nicht Lisbeth Salander, sondern Ronald Niedermann habe den für das Monatsmagazin „Millennium“ arbeitenden Journalisten Dag Svensson, dessen Freundin, die Doktorandin Mia Bergman, und den Rechtsanwalt Nils Bjurman ermordet.

Während sich im Sahlgrenska-Krankenhaus die Ärztin Katarina Holm um den sechsundsechzigjährigen Karl Axel Bodin kümmert, der mit einer Axt im Gesicht getroffen wurde, untersucht Dr. Anders Jonasson die junge Frau. Lisbeth Salander wurde von drei Schüssen in die Hüfte, die Schulter und den Kopf getroffen. Lebensgefährlich ist vor allem die Kugel, die ihren Schädelknochen durchschlagen hat, aber es gelingt Jonasson, der im Koma liegenden Patientin das Projektil und zweiunddreißig Knochensplitter aus dem Gehirn herauszuoperieren.

Der zweiundvierzigjährige Staatsanwalt Richard Ekström leitet die Voruntersuchung, und Mikael Blomkvist überredet seine Schwester, die Anwältin Annika Giannini, die Verteidigung Lisbeths zu übernehmen. Selbst wenn Ekström davon überzeugt werden kann, dass Lisbeth keine Mörderin ist, wird sie sich wegen des Angriffs auf ihren Vater vor Gericht verantworten müssen. Dazu kommt, dass sie bei Bjurman eingebrochen und vor dessen Sommerhütte in Stallarholmen auf einen Mann namens Carl-Magnus („Magge“) Lundin geschossen haben soll. Außerdem raubte sie Lundins Motorrad und besaß unerlaubterweise eine Pistole, einen Elektroschocker und eine Tränengaspatrone.

Lisbeth war 1991 mit zwölf Jahren in eine geschlossene psychiatrische Klinik gesperrt worden, nachdem sie ihrem Vater Alexander Zalatschenko eine Brandbombe ins Auto geworfen hatte, um ihn zu töten. Dem Rechtsanwalt Holger Palmgren, der zu ihrem Vormund bestellt wurde, gelang es, sie nach mehr als zwei Jahren aus der Psychiatrie zu holen und in einer Pflegefamilie unterzubringen. Mit siebzehn begann sie, ihre Vergangenheit zu erforschen. Daraufhin sollte sie erneut in eine geschlossen Anstalt eingewiesen werden, aber Palmgren konnte es verhindern. Nachdem Palmgren 2002 einen Schlaganfall erlitten hatte, übernahm Nils Bjurman die rechtliche Betreuung der Entmündigten.

Kürzlich brach Lisbeth bei Bjurman ein und stahl den Bericht, mit dem 1991 ihre Einweisung in die Psychiatrie begründet worden war. Als sie gerade aus Bjurmans Ferienhaus in Stallarholmen kam, wurde sie von Sonny Nieminen und Magge Lundin überrascht, zwei Mitgliedern des Motorradklubs „Svavalsjö“, die von Ronald Niedermann den Auftrag bekommen hatten, die Hütte niederzubrennen. Lisbeth überwältigte die beiden Männer und fuhr mit Lundins Harley Davidson weg. Den Bericht holte inzwischen Mikael aus Lisbeths Wohnung.

Das von Niedermann geraubte Polizeifahrzeug findet man in der Nähe von Borås. Als eine Vermisstenanzeige aus Alingsås eingeht, nimmt die Polizei an, dass der Gesuchte mit dem Auto der siebenundzwanzigjährigen Anita Kaspersson nach Süden unterwegs ist. Doch es handelt sich um ein Täuschungsmanöver: Niedermann fährt mit Anita Kaspersson als Geisel Richtung Norden. Die junge Frau kann sich schließlich aus einer Scheune befreien, und ihr Auto wird auf Viktor Göranssons Hof bei Järna entdeckt. Dort finden Sonny Nieminen und Hans-Åke Waltari, der „Sergeant at Arms“ des Motorradklubs „Svavalsjö“, die Leichen ihres Schatzmeisters Göransson und seiner Freundin Lena Nygren. Dass der Frau das Genick gebrochen wurde, deutet auf Niedermann hin. Göransson folterte der Verbrecher offenbar vor dem Tod. So erfuhr er die Zahlenkombination des Tresors und konnte den Inhalt – die Klubkasse – rauben.

Lisbeth und ihr Vater überleben die schweren Verletzungen.

Alexander Zalatschenko war ein Topagent des GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije), des militärischen Nachrichtendienses der UdSSR. 1976 meldete er sich als Überläufer im Polizeirevier von Stockholm-Norrmalm. Gunnar Björck alias Svan Jansson von der schwedischen Sicherheitspolizei kümmerte sich um den Fall. Die Sicherheitspolizei (Säkerhetspolisen), die auch nachrichtendienstliche Aufgaben hat, untersteht dem Reichspolizeiamt (Rikspolisstyrelsen) und damit dem Innenministerium. Statt seinen offziellen Vorgesetzten zu verständigen, rief Björck Ministerialdirektor Evert Gullberg an. Gullberg war 1964 von Hans Wilhelm Francke, dem stellvertretenden Chef der Sicherheitspolizei, beauftragt worden, eine „Sektion für Spezielle Analyse“ (kurz: Sektion) einzurichten, die so geheim ist, dass sich ihr Büro nicht in einem Amtsgebäude, sondern in einer Privatwohnung in Östermalm befindet.

1978 erhielt Zalatschenko eine neue Identität: Karl Axel Bodin, geboren 1942 in Uddevalla. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits unter seinem richtigen Namen ein Verhältnis mit der siebzehnjährigen Agneta Sofia Salander angefangen und wurde am 30. April 1978 Vater von Zwillingstöchtern: Camilla und Lisbeth Salander. Mehrmals prügelte er seine Freundin krankenhausreif. Mit zwölf attackierte Lisbeth ihren gewalttätigen Vater mit einem Messer. Ein halbes Jahr später verletzte er Agneta Sofia so schwer am Kopf, dass sie sich nie mehr davon erholte. Daraufhin warf Lisbeth einen Brandsatz in sein Auto. Weil Zalatschenko sich offenbar nicht kontrollieren ließ, schickte ihn die Sektion nach Spanien, und damit Lisbeth nichts verraten konnte, wurde sie in der psychiatriatischen Kinderklinik St. Stefan in Uppsala eingesperrt. Das dafür erforderliche Gutachten hatte der stellvertretende Chefarzt Peter Teleborian zusammen mit Gunnar Björck verfasst.

Außer Björck und Gullberg wussten davon Fredrik Clinton, der stellvertretende Leiter der Sektion, Hans von Rottinger, der operative Chef der Sektion, die Sekretärin Eleanor Badenbrink, der Ministerpräsident, ein Staatssekretär – insgesamt dreizehn Personen, darunter auch der Jurist Nils Bjurman, der damals als Praktikant bei der Sicherheitspolizei beschäftigt war.

Als Lisbeth freikam und anfing, Nachforschungen über ihren Vater anzustellen, versuchten Clinton – der inzwischen Gullberg als Chef der Sektion abgelöst hatte – und von Rottinger, sie mit Hilfe des Psychiaters Peter Teleborian und eines Gutachtens seines Doktoranden Jesper H. Löderman erneut in eine geschlossene Anstalt einweisen zu lassen, aber Holger Palmgren vereitelte das Vorhaben. Immerhin wurde Lisbeth entmündigt.

Nun scheint Lisbeth ihren Vater und seinen Sohn, ihren Halbbruder Ronald Niedermann, in Gosseberga aufgespürt zu haben. Das Zusammentreffen endete offenbar damit, dass Lisbeth ihren Vater mit einer Axt angriff, dieser auf sie schoss und Niedermann die Schwerverletzte begraben wollte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Aufgrund der Ereignisse fährt der inzwischen achtundsiebzig Jahre alte, seit vierzehn Jahren pensionierte Evert Gullberg von Göteborg nach Stockholm und überredet seinen zehn Jahre jüngeren, ebenfalls aus dem Dienst ausgeschiedenen Nachfolger Fredrik Clinton, sich mit ihm zusammen um die Angelegenheit zu kümmern. Dem derzeitigen Chef der Sektion, Birger Wadensjöö, traut er nämlich nicht zu, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Während der Rückfahrt im Zug nach Göteborg schreibt Gullberg ein Dutzend Briefe, die so klingen, als wittere ein paranoider Rentner in allen möglichen öffentlichen Einrichtungen gefährliche Verschwörungen. Im Sahlgrenska-Krankenhaus verweigert man ihm den Zutritt zu Alexander Zalatschenko alias Karl Axel Bodin, aber er schleicht sich in dessen Zimmer, erschießt ihn und anschließend sich selbst.

Die Ermittler rätseln über die Motive des erweiterten Selbstmords. Der ehemalige Anwalt für Steuerrecht scheint verwirrt gewesen zu sein.

Birger Wadensjöö ist entsetzt, als er erfährt, was geschehen ist. Clinton erklärt ihm, Gullberg habe Krebs im Endstadium gehabt und das Vorhaben mit ihm abgesprochen. Weil Zalatschenko mit seinem Wissen über die Sektion zum Sicherheitsrisiko geworden sei, habe man ihn zum Schweigen bringen müssen.

Kurz darauf wird Gunnar Björck, der stellvertretende Chef der Auslandsabteilung der Sicherheitspolizei, in seinem Sommerhaus in Landsort tot aufgefunden. Er scheint sich erhängt zu haben. Clinton weiß es besser: Er gab den Auftrag, auch Björck mundtot zu machen.

Den von Björck und Teleborian 1991 verfassten Bericht, den Lisbeth aus Bjurmans Sommerhaus stahl, vermutet Clinton bei Mikael Blomkvist und dessen Zeitschrift „Millennium“. Die Sektion beginnt, die Telefone von Mikael, seiner Schwester Annika Giannini und der übrigen Redaktionsmitglieder von „Millennium“ abzuhören.

Jonas Sandberg von der Sektion bricht mit Hilfe des früheren Autodiebs Lars Faulsson („Falun“), der 1987 einen Schlüsseldienst eröffnete, in Mikaels Wohnung ein und nimmt den Ordner mit dem Gutachten von 1991 und der Korrespondenz zwischen Björck und Teleborian mit. Fast zur gleichen Zeit wird Annika überfallen. Man raubt ihr die Aktentasche, in der sich eine Kopie der Akte befindet, die ihr Bruder über Zalatschenko angelegt hat, und zu der auch das Gutachten von 1991 gehört.

Als Mikael das Fehlen des Ordners bemerkt und von dem Überfall auf seine Schwester erfährt, ruft er sie an und gibt sich bestürzt über den Verlust. Dass er noch eine weitere Kopie hat, verrät er nicht, denn er ahnt, dass ihre Telefone abgehört werden. Er besorgt für sich, Annika und die Redaktionsmitglieder Pre-Paid-Handys, die für den Austausch brisanter Informationen benutzt werden sollen. Es entgeht Mikael auch nicht, dass man ihn observiert. Einen der Verfolger kann er identifizieren: Es handelt sich um den vierzigjährigen Göran Mårtensson, einem angeblichen Unternehmensberater, der früher bei der Polizei gewesen war.

Mikael ist mit seiner Chefredakteurin Erika Berger seit fünfundzwanzig Jahren eng befreundet. Hin und wieder schlafen die beiden miteinander. Deshalb ließ Mikaels Frau sich scheiden. Erikas bisexueller Ehemann Greger Backman toleriert dagegen das Verhältnis seiner Frau mit Mikael. Ausgerechnet jetzt, während der Vorbereitungen für einen Scoop in der Zeitschrift „Millennium“ über den Fall Lisbeth Salander und ein Buch der Redaktion mit dem Titel „Die Sektion“, wechselt Erika zur sehr viel größeren Tageszeitung „Svenska Morgen-Posten“, aber weder Mikael noch die anderen Kollegen nehmen ihr den Karrieresprung übel.

Erika löst bei der SMP den neunundfünfzigjährigen Chefredakteur Håkan Morander ab. Weil er drei Tage nach Erikas Ankunft stirbt, fällt die Einarbeitungszeit aus.

Der SMP-Praktikant Johannes Frisk erhält von dem Kriminalbeamten Hans Feste Hintergrundinformationen und will einen Artikel über Lisbeth Salander schreiben, die in einen illegalen Handel mit anabolen Steroiden verwickelt sein soll. Seine neue Chefin ermahnt ihn, kritischer zu recherchieren und klärt ihn darüber auf, dass Feste schon seit geraumer Zeit haltlose Gerüchte über Lisbeth streut, zum Beispiel, sie hänge dem Satanismus an und sei eine paranoide und gewalttätige Lesbe.

Georg Nyström, der nach Clintons Vorstellungen Birger Wadensjöö als Chef der Sektion ablösen soll, sucht Staatsanwalt Richard Ekström auf und deutet an, wie heikel der Fall Zalatschenko sei. Würde die Öffentlichkeit die Vorgeschichte erfahren, behauptet er, flögen Quellen und Informanten in Russland auf und die nationale Sicherheit des schwedischen Staates werde gefährdet. Außerdem redet er Ekström ein, dass es sich bei dem inzwischen aufgetauchten Gutachten über Lisbeth Salander aus dem Jahr 1991 um eine Fälschung handele. Ekström ordnet daraufhin an, dass Bublanski sich auf die Fahndung nach Niedermann zu konzentrieren habe. Den Fall Lisbeth Salander, die er wegen schwerer Körperverletzung und Mordversuchs anklagt, überträgt er Hans Feste.

Dr. Anders Jonasson schirmt die Patientin im Krankenhaus ab und lässt auch seinen Kollegen Peter Teleborian nicht zu ihr.

Um an Lisbeth heranzukommen, lässt Mikael den freien Journalisten Daniel Olofsson das Personal und die Räumlichkeiten im Sahlgrenska-Krankenhaus in Göteborg im Rahmen einer „Arbeitsplatzreportage“ auskundschaften. Dann nimmt er auf Olofssons Empfehlung hin Kontakt mit dem kurdischen Irak-Flüchtling Idris Ghidi auf, der zu den Reinigungskräften im Sahlgrenska-Krankenhaus gehört. Ghidi platziert für ihn ein Handy mit abgeschaltetem Klingelton und Vibrationsalarm hinter einer Lüftungsklappe neben Lisbeths Zimmer und wechselt täglich den Akku aus dem Gerät gegen einen frisch aufgeladenen. Ghidi kann sich zwar nicht vorstellen, was das soll, aber er wird gut dafür bezahlt und stellt keine Fragen.

Als Nächstes passt Mikael Dr. Jonasson ab und überredet ihn, seiner Patientin ihren Palm zu bringen. Lisbeth kann es kaum glauben, als sie nach einer Visite des Arztes ihren Palm findet. Wider Erwarten glückt auch ihr Versuch, eine Verbindung ins Internet aufzubauen. In der Nähe muss sich ein Handy befinden. Sie meldet sich als „Citizen Wasp“ bei der „Hacker Republic“ zurück und schaut nach Mitteilungen in der Yahoo-Nachrichtengemeinschaft „Verrückte Tafelrunde“, die nur zwei Mitglieder hat: sie und Mikael. Lisbeth fängt an, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ihre Hacker-Freunde bittet sie, Mikael eine Kopie der Computer-Festplatte Ekströms zu schicken und ihr die Dateien Teleborians. Auf der Festplatte des Psychiaters befinden sich 8756 kinderpornografische Fotos.

Henry Cortez, einer der Redakteure von „Millennium“, findet heraus, dass Vitavara, ein Tochterunternehmen von SveaBygg, Kloschüsseln in Schweden verkauft, die von Kindern in Vietnam hergestellt werden. Magnus Börgsjö sitzt nicht nur bei SveaBygg im Aufsichtsrat, sondern er führt auch den Vorsitz im Aufsichtsrat der „Svenska Morgen-Posten“ und stellte Erika Berger ein. Cortez möchte seine frühere Chefin nicht in Schwierigkeiten bringen, aber eine solche Nachricht unter den Teppich zu kehren, widerspricht den Maximen der „Millennium“-Redaktion. Deshalb bespricht er sich mit Mikael, der daraufhin Erika eine Kopie des Manuskripts gibt.

Erika akzeptiert, dass „Millennium“ die Informationen nicht unterdrücken will und nimmt sich vor, Börgsjö rechtzeitig zu unterichten. Auch ohne diese Sache hätte sie schon genügend Schwierigkeiten, nicht nur wegen der fehlenden Einarbeitung, sondern auch aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über Budgetkürzungen und weil sie mit unflätigen E-Mails gemobbt wird. Ein Unbekannter beschimpft sie als Nutte und schickt in ihrem Namen der sechsundzwanzigjährigen Praktikantin Eva Carlsson lesbische Liebesmails.

Obwohl es sich bei Lisbeth um eine Eigenbrötlerin handelt, die nie soziale Kontakte gepflegt hat, setzen sich nicht nur Mikael und Annika für sie ein, sondern auch Dragan Armanskij, der Geschäftsführer des Sicherheitsunternehmens Milton Security, für das Lisbeth vor ein paar Jahren arbeitete. Dragan und seine Frau Ritva laden Torsten Edklinth, den Chef des Verfassungsschutzes der Sicherheitspolizei, zum Essen ein. Sie kennen sich seit zwölf Jahren. Auf diese Weise erfährt Edklinth von Mikaels Verdacht, dass es innerhalb der Sicherheitspolizei eine kriminelle Gruppe gibt.

Edklinth beauftragt zunächst seine Mitarbeiterin, die sechsunddreißigjährige Kriminalinspektorin Monica Figuerola, mit Nachforschungen. Von ihrem Wagen aus beoachtet sie, wie Mikael aus dem Haus kommt. Kurz darauf betreten Göran Mårtensson und Lars Faulsson das Haus. Sie werden von einer Unbekannten gefilmt. Sobald die Männer das Haus nach knapp einer halben Stunde verlassen haben, geht die Frau mit der Kamera hinein, kommt aber schon nach wenigen Minuten wieder heraus. Erst nachdem Monica ihrem Chef darüber berichtet hat, erfährt sie, dass es sich bei der Filmerin um Susanne Linder handelte, eine Mitarbeiterin von Milton Security, deren Aufgabe es war, nach dem Einbruch der beiden Männer in Mikaels Wohnung die Kassette der versteckt installierten Überwachungskamera auszutauschen.

Nachdem Edklinth sich davon überzeugt hat, dass der von Armanskij geäußerte Verdacht nicht aus der Luft gegriffenen ist, bittet er den Innenminister, ihm eine Unterredung mit dem Regierungschef zu vermitteln. Dabei lässt er sich mit außerordentlichen Befugnissen ausstatten, dem Verdacht weiter nachzugehen, ohne seine Vorgesetzten davon in Kenntnis zu setzen.

Kurz darauf passt Monica Mikael ab und bringt ihn zu einer Geheimbesprechung mit Edklinth, dem Regierungschef und dem Innenminister. Die Herren wissen, dass Mikael einen Informationsvorsprung hat und drängen ihn, Edklinth bei der Aufklärung des Falls zu unterstützen, also sein Wissen mit ihm zu teilen. Zögernd und misstrauisch lässt Mikael sich darauf ein. Die Aufdeckung der kriminellen Gruppe innerhalb der Sicherheitspolizei soll für den Journalisten ein Scoop werden, aber mehr noch geht es ihm darum, Lisbeths erneute Einweisung in eine psychiatrische Klinik zu verhindern.

Mikael und Monica kommen sich näher und lassen sich miteinander auf ein Liebesverhältnis ein.

In Erika Bergers Wohnung fliegt ein Stein durchs Fenster. Mit bloßen Füßen tritt sie in die Glassplitter und verletzt sich so stark, dass sie im Krankenhaus ambulant behandelt werden muss. Als sie wieder nach Hause kommt, bemerkt sie, dass die Mappe mit dem Artikel über Magnus Börgsjö und die Kinderarbeit fehlt. Noch schlimmer ist, dass jemand intime Fotos von ihr geraubt hat und ein Urlaubsvideo, auf dem sie, ihr Mann Greger Backman und der Glaskünstler Torkel Bollinger bei einem flotten Dreier zu sehen sind.

Lisbeth gelingt es mit Hilfe ihrer Hacker-Freunde, den Stalker zu entlarven. Es handelt sich um Peter Fredriksson, den Redaktionssekretär der „Svenska Morgen-Posten“, den Erika als Letzten verdächtigt hätte. Er war mit ihr zusammen am Djursholmer Gymnasium gewesen, aber sie hatte ihn nicht beachtet und bei der SMP nicht einmal wiedererkannt. Bei einem erneuten Einbruchsversuch wird Peter Fredriksson von Susanne Linder überwältigt und gezwungen, das Video und die Fotos zurückzugeben. Den von Henry Cortez verfassten Artikel schickte er jedoch noch vorher als Anhang einer E-Mail an Magnus Börgsjö.

Der fordert Erika Berger nun auf, die Veröffentlichung des Artikels zu verhindern und droht ihr andernfalls mit der Entlassung. Die Chefredakteurin legt den Beitrag dem Nachrichtenchef Anders Holm vor, der ihn in der SMP abdrucken möchte. Nachdem Erika das Einverständnis des Autors Henry Cortez und der neuen „Millennium“-Chefredakteurin Malin Eriksson für die Veröffentlichung in der SMP eingeholt hat, beruft sie eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats ein und kündigt mit sofortiger Wirkung. Sie wird zu „Millennium“ zurückkehren.

Die Publikation des Artikels zwingt Magnus Börgsjö, auf seinen Sitz im SMP-Aufsichtsrat zu verzichten.

In Teleborians Dateien findet Lisbeth ein neues Gutachten über sich, das der Psychiater offenbar dem Gericht vorlegen will. Eine Kopie davon schickt sie Mikael. Beinahe hätte sie eine E-Mail übersehen, der zu entnehmen ist, dass Teleborian in einer halben Stunde mit „Jonas“ am Stockholmer Hauptbahnhof verabredet ist. Sie alarmiert Mikael, der daraufhin mit seinen Kolleginnen und Kollegen Cortez, Malin Eriksson und Lottie Karim zur Centralstation eilt, Teleborian observiert und Monica Figuerola unterrichtet. Bei dem Mann mit dem Vornamen Jonas handelt es sich um Sandberg. Nach dem konspirativen Treffen mit dem Sektionsmitglied geht Teleborian ins Polizeigebäude auf Kungsholmen. Monica ruft Bublanski an: Sonja Modig soll überprüfen, mit wem sich der Psychiater dort trifft. Es sind Staatsanwalt Richard Ekström und Georg Nyström von der Sicherheitspolizei.

Lisbeth mailt Mikael ihre inzwischen abgeschlossene „Autobiografie“.

Mit dem Argument, der Zustand seiner Patientin erlaube noch keinen Transport, hat Anders Jonasson ihre Überstellung in ein Untersuchungsgefängnis verzögert. Als sie ihm nun signalisiert, bereit zu sein, gibt er grünes Licht, und Kriminalinspektor Hans Feste beeilt sich, Lisbeth nach Stockholm zu bringen.

Zwei Tage vor dem Beginn der Gerichtsverhandlung gegen Lisbeth erhält Ekström die Aufzeichnungen über ihre Lebensgeschichte. Er rät der Verteidigerin dringend, das Papier nicht dem Gericht vorzulegen, denn die verrückten Verschwörungstheorien würden nur den Verdacht erhärten, dass es sich bei der Angeklagten um eine Psychopathin handelt. Annika Giannini lässt sich jedoch nicht einschüchtern.

In der Sektion wundert man sich darüber, dass die Abgehörten nie über Lisbeth Salander sprechen und der Inhalt der nächsten Ausgabe des Magazins „Millennium“ harmlos zu sein scheint. Jonas Sandberg fährt mit Lars Faulsson nachts zu Hallvigs Reklamtryckeri, wo das Heft gedruckt wird, aber sie scheuen vor einem Einbruch zurück, als sie sehen, dass das Gebäude von Milton Security bewacht wird.

Diese besondere Sicherheitsmaßnahme kommt den Männern der Sektion allerdings erst recht verdächtig vor. Clinton würde Lisbeth inzwischen am liebsten ermorden lassen, um den Prozess zu verhindern, aber im Gefängnis kommen seine Leute nicht an sie heran. Weil zu befürchten ist, dass Mikael eine Enthüllungsgeschichte über Lisbeth und ihren Vater und vielleicht sogar die Sektion plant, soll er in der Öffentlichkeit diskreditiert werden. Zu diesem Zweck dringen Sandberg und Faulsson erneut in seine Wohnung ein und verstecken dort nicht nur Kokain, sondern auch noch 120 000 Kronen in bar. Dass sie von der Überwachungskamera gefilmt werden, ahnen sie nicht.

Eine Kopie des Films bringt Mikael einer Reporterin des Fernsehsenders TV4. Nachdem sie versichert hat, alles an einem von ihm bestimmten Tag zu senden, gibt er ihr Hintergrundinformationen und weiteres Material.

Die Staatsanwältin Ragnhild Gustavsson, die inzwischen den Auftrag erhielt, gegen die Sektion zu ermitteln, beruft eine Konferenz ein, an der ihre Kollegin Agneta Jervas, Jan Bublanski mit seinen Mitarbeitern Sonja Modig, Jerker Holmberg und Curt Svensson, Torsten Edklinth und Monica Figuerola mit ihren Mitarbeitern Stefan Bladh, Anders Beglund und Jesper Thomas teilnehmen. Thomas berichtet, Nyström habe sich am Hauptbahnhof mit zwei Unbekannten getroffen. Svensson erkennt die beiden auf dem Foto: Es handelt sich um die serbischen Brüder Tomi und Miro Nikolic, zwei zwischen Belgrad und Stockholm pendelnde Auftragskiller. Monica, die weiß, dass Mikael in wenigen Minuten im Restaurant „Samirs Kochtopf“ mit Erika verabredet ist, begreift, was das bedeutet: Die Sektion will den Journalisten und seine Begleiterin erschießen lassen. Bei den Ermittlungen würde die Polizei unweigerlich auf das Kokain und das Geld in der Wohnung des Toten stoßen. Als scheinbar überführter Drogenhändler wäre Mikael als Autor irgendwelcher Enthüllungen unglaubwürdig. Die vermutlich untreue Ehefrau eines anderen an seiner Seite würde die Geschichte noch publikumswirksamer machen.

Monica, Sonja und Svensson rasen zu „Samirs Kochtopf“. Während Monica Tomi Nikolic festnimmt, der vor dem Restaurant im Wagen wartet, stürmt Svensson hinein und überwältigt Miro Nikolic, der beim Versuch, Mikael zu erschießen, in ein Handgemenge mit dem Journalisten geriet. Als die angeforderte Verstärkung eintrifft, behaupten Sonja und Svensson, sie seien zufällig in das Lokal gekommen, hätten den polizeilich gesuchten Gangster Miro Nikolic erkannt und dieser habe daraufhin zur Waffe gegriffen.

Clinton und Nyström fallen darauf herein, dass es sich bei der Verhaftung der serbischen Brüder um einen Zufall gehandelt habe.

Am 13. Juli beginnt der Prozess gegen Lisbeth. Den Vorsitz führt Jörgen Iversen, ein siebenundfünfzig Jahre alter integrer Richter. Er folgt dem Antrag des Staatsanwalts Richard Ekström und schließt die Öffentlichkeit aus.

Die Verteidigerin Annika Giannini, die auf Übergriffe gegen Frauen spezialisiert ist, wirkt überfordert. Doch als am dritten Prozesstag Peter Teleborian als Zeuge aufgerufen wird, ändert sich das. Der von sich überzeugte Psychiater diagnostiziert bei der Angeklagten eine paranoide Schizophrenie. Die wilden Fantastereien in Lisbeths autobiografischen Aufzeichnungen untermauerten die Diagnose, betont er. Annika fragt ihn, was er von Lisbeths Behauptung halte, sie sei von ihrem Vormund Nils Bjurman mehrmals brutal vergewaltigt worden, und dabei habe ihr der Rechtsanwalt beispielsweise die rechte Brustwarze mit einer Nadel durchstochen. Erwartungsgemäß tut Teleborian das als Hirngespinst einer psychisch Kranken ab. Daraufhin führt die Verteidigerin dem Gericht Ausschnitte aus einem Film vor, den Lisbeth am 7. März 2003 mit einer versteckten Kamera aufgenommen hatte. Nach wenigen Minuten ist klar, dass Lisbeth die Wahrheit sagt. Schritt für Schritt entlarvt Annika die Machenschaften des Psychiaters und weist unter anderem nach, dass Torsten Edklinth bereits am 4. Juni von Mikael Blomkvist eine Kopie des neuen Gutachtens bekam, obwohl Lisbeth am 5. Juni nach Stockholm gebracht wurde und der Psychiater erst dort Gelegenheit hatte, sie zu sehen. Als Teleborians Glaubwürdigkeit vollends zerstört ist, verhaften ihn die beiden Polizistinnen Sonja Modig und Lisa Collsjö im Gerichtssaal wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials.

Parallel dazu werden die Sektions-Mitglieder Birger Wadensjöö, Georg Nyström, Jonas Sandberg, Fredrik Clinton, Göran Mårtensson, Albert Shenke und Gustav Atterbom festgenommen. Wadensjöö beteuert, er habe mit den Mordanschlägen nichts zu tun gehabt. In einer fünfstündigen Vernehmung sagt er über die Sektion aus.

An diesem Tag erscheint die „Millennium“-Ausgabe mit dem Scoop über den Fall Lisbeth Salander, das Buch über „Die Sektion“, und der Fernsehsender TV4 sendet das von Mikael zur Verfügung gestellte Material.

Ekström begreift, dass sich die Behauptung, die Angeklagte sei geisteskrank und müsse in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen werden, nicht aufrechterhalten lässt. Er beantragt eine Vertagung, aber die Verteidigerin besteht darauf, dass das Gericht noch am selben Tag ein Urteil über ihre Mandantin spricht.

Einige Stunden später wird Lisbeth freigesprochen und für geschäftsfähig erklärt. Allerdings muss sie sich nach ihrer Freilassung noch von Jan Bublanski und Sonja Modig vernehmen lassen. Lisbeth erzählt alles, lügt jedoch in zwei Punkten: Sie behauptet, nach Gosseberga gefahren zu sein, weil sie ihren Vater überreden habe wollen, sich der Polizei zu stellen. Und sie verrät nicht, dass sie Carl-Magnus Lundin vor Bjurmans Sommerhütte ins Bein schoss, weil er gerufen hatte: „Ich glaube, die Lesbe braucht mal einen ordentlichen Schwanz!“ Stattdessen sagt sie aus, Sonny Nieminen habe seinen Kumpel versehentlich angeschossen, als sie ihn mit dem Elektroschocker attackierte. Bublanski und Modig glauben ihr zwar nicht, können ihr aber auch nicht nachweisen, dass sie die Unwahrheit sagt.

Lisbeth fliegt nach Málaga und fährt von dort mit einem Taxi nach Gibraltar, wo sie sich ein teures Hotelzimmer nimmt. Nachdem sie sich eine Woche lang in Harry’s Bar betrunken und dann einige Tage mit einem achtundzwanzig Jahre älteren deutschen Geschäftsmann herumgevögelt hat, taucht sie im Büro von Jeremy Stuart MacMillan auf. Der frühere Londoner Wirtschaftsjurist und Investmentberater hatte sich durch Kokain und Alkohol seine Karriere ruiniert und seine Frau und seine Kinder verloren. 1991 war er nach Gibraltar gezogen und hatte mit dem Anwaltskollegen George Marks zusammen eine Kanzlei eröffnet. Dann kam Lisbeth, forderte ihn auf, sich von seinem Sozius zu trennen und alle seine Fälle abzugeben und übertrug ihm gegen ein großzügiges Honorar die Verwaltung ihres Vermögens, das aus 2,4 Mrd. Dollar bestand, um die sie den Großindustriellen Hans-Erik Wennerström betrogen hatte.

Drei Monate bleibt Lisbeth in Gibraltar. Dann besucht sie ihre Freundin Miriam Wu in Paris und kehrt schließlich nach Schweden zurück.

Sie versucht Annika klarzumachen, dass sie auf eine Entschädigung verzichten und in Ruhe gelassen werden wolle, aber die Anwältin erklärt ihr, dass mit dem Freispruch Vorgänge in Gang gesetzt wurden, die sich nicht aufhalten lassen. Beispielsweise wird man Lisbeth voraussichtlich im Verfahren gegen Teleborian als Zeugin vorladen. Außerdem muss sie entscheiden, was mit dem Nachlass ihres Vaters geschehen soll, dessen Wert auf 4 Millionen geschätzt wird.

Lisbeth will zwar keine Krone aus dem Vermögen, aber sie schaut sich die Aufstellung an und wundert sich darüber, dass ihr Vater eine in den Achtzigerjahren von ihm erworbene, unbenutzte und augenscheinlich wertlose Ziegelei bei Norrtälje im Jahr 2003 für viel Geld renovieren ließ. Neugierig fährt sie hin, bricht mit einer Eisenstange ein Vorhängeschloss auf und schaut sich in dem Gebäude um. Sie stößt auf einen Raum, der offensichtlich als Gefängnis diente, den Pass einer Russin und zwei Frauenleichen. In einem anderer Raum läuft die elektrische Heizung. Bevor Lisbeth sich darüber Gedanken machen kann, steht ihr zehn Jahre älterer Halbbruder Ronald Niedermann vor ihr. Er hat ein Bajonett in der Hand. Das von ihr aufgebrochene Schloss hat er inzwischen durch ein anderes ersetzt. Sie sitzt in der Falle.

Nach der Ermordung des Polizisten Gunnar Andersson an der Straße nach Nossebro und des Kassenwarts Viktor Göransson versteckte sich Niedermann in der leer stehenden Ziegelei, die von seinem Vater als Zwischenstation beim Mädchenhandel benutzt wurde. Niedermann fand in dem Gefängnis zwei halb verhungerte Russinnen vor, und weil er nichts mit ihnen anfangen konnte, brach er ihnen das Genick.

Lisbeth hat kaum eine Chance, ihrem Halbbruder zu entkommen, doch es gelingt ihr schließlich, unter einen Schrank zu robben. Als Niedermann davor steht, jagt sie ihm mit einer elektrischen Nagelpistole einen Sieben-Zoll-Nagel durch den Stiefel. Bevor der Analgetiker merkt, was geschieht, ist er mit weiteren, in verschiedenen Winkeln durch beide Füße geschossenen Nägeln auf dem Holzboden fixiert. Lisbeth kriecht unter dem Schrank hervor und setzt ihm die Nagelpistole ins Genick. Aber dann überlegt sie es sich anders und drückt nicht ab. Stattdessen bricht sie wieder ein Vorhängeschloss auf und verlässt das Gebäude. Sie ruft Sonny Nieminen an und sagt ihm, wo Viktor Göranssons Mörder und Dieb der Klubkasse zu finden ist. Sobald sie aus der Ferne beobachtet, wie Nieminen und Hans-Åke Waltari mit einem Lieferwagen auf das Gelände fahren und in die Ziegelei gehen, alarmiert sie die Einsatzzentrale der Polizei in Norrtälje. Als die Einsatzkräfte eintreffen, fährt sie nach Hause.

Mikael besucht sie und berichtet ihr, Niedermann sei von Mitgliedern des Motorradklubs gefoltert und mit einem Bajonett erstochen worden. Die Polizei habe die Täter überwältigt und Nieminen dabei erschossen.

„Ich bin ein guter Freund, der eine gute Freundin besucht. Falls ich willkommen bin, heißt das.“
Sie zögerte. Seit zwei Jahren hielt sie größtmöglichen Abstand zu Mikael Blomkvist. Und doch schien er in ihrem Leben kleben zu bleiben wie ein Kaugummi an der Schuhsohle – entweder im Internet oder im wirklichen Leben. Im Internet war das ja noch okay. Da bestand er nur aus Elektronen und Buchstaben. Doch im wirklichen Leben vor ihrer Türe war er immer noch dieser verdammt attraktive Mann. Und er kannte ihre Geheimnisse, so wie sie seine Geheimnisse kannte.
Dann betrachtete sie ihn und stellte plötzlich fest, dass sie keine Gefühle mehr für ihn hegte. Zumindest nicht solche Gefühle.
Im letzten Jahr war er ihr wirklich ein Freund gewesen. Es irritierte sie fast ein wenig, dass einer der wenigen Menschen, denen sie vertraute, ein Mann war, dem sie konsequent aus dem Weg ging.
Da entschied sie sich. So zu tun, als würde er nicht existieren, war einfach albern. Es tat nicht mehr weh, ihn zu sehen.
Sie machte die Tür ganz auf und ließ ihn wieder in ihr Leben. (Seite 847f)

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Stieg Larsson gelingt es in „Vergebung“, rasch hohe Spannung aufzubauen und sie über rund 850 Seiten hinweg zu halten. Die enorme Komplexität des Kriminalromans und die Anzahl der Figuren zeugen von einer überbordenden Fantasie und Fabulierlaune des schwedischen Autors. Ein paar Kürzungen hätten „Vergebung“ allerdings gut getan. Beispielsweise wäre es nicht nötig gewesen, die Verhaftung jedes einzelnen Sektions-Mitglieds szenisch darzustellen. Andererseits muss man anerkennen, dass Stieg Larsson die Komplexität gut im Griff hat und keinen der vielen Handlungsstränge fallen lässt. (Am Ende bleibt zwar offen, was aus Lisbeth Salanders Schwester Camilla geworden ist, aber das wollte Stieg Larsson möglicherweise in einem Folgeband nachholen.) Bemerkenswert sind die häufigen Szenen- und Perspektivenwechsel. Die eine oder andere Szene sehen wir aus verschiedenen Blickwinkeln. Und eine Gerichtsverhandlung wurde selten so brillant dargestellt, wie von Stieg Larsson in „Vergebung“.

„Vergebung“ ist der dritte Teil der so genannten „Millennium-Trilogie“, die Stieg Larsson über den schwedischen Journalisten Mikael Blomkvist und die Hackerin Lisbeth Salander schrieb. Die deutschen Titel der ersten beiden Bände lauten: „Verblendung“ (2006) und „Verdammnis“ (2007). Für jeden der drei Kriminalromane wurde Stieg Larsson posthum mit dem Skandinavischen Krimipreis ausgezeichnet. Die „Millennium-Trilogie“ erwies sich als Weltbestseller.

Wer auf erzählerische Ökonomie und ein strenges Lektorat pocht, kann sich in den vielen Nebenhandlungen und Kleinteiligkeiten schon mal genervt verlieren, so vielsträngig, vielgesichtig und vielschichtig ist der Inhalt. Für den wahren Fan aber übt gerade diese moderne, sprunghafte, weit über das klassische Krimi-Genre (Kommissar löst Fall) hinaus- und in viele Teilbereiche der schwedischen Gesellschaft hineinführende Erzählweise einen fesselnden Reiz aus. Es geht hier um sehr viel mehr als um die reine kriminalistische Causa, die Fälle von Mord, Korruption, Wirtschaftskriminalität oder Frauenhandel. Es wird in diesen Büchern ein gesellschaftspolitisches Sittenbild der Unsitten entworfen – und weil Stieg Larsson ein aufrechter, politisch ebenso sachkundiger wie kämpferischer Journalist war, ist es auch ein moralisches. Und ein glaubwürdiges.
[…] Die „Millennium“-Trilogie ist […] auch ein Medienroman, gespickt mit traurigen journalistischen Wahrheiten und vielen schönen Insider-Details […]
Seine beiden Helden sind erwachsene Ausgaben der Lindgren-Kinder in einer modernen, korrupten, global vernetzten und verhetzten Welt. (Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung, 30. September 2009)

Daniel Alfredson verfilmte den Roman „Vergebung“ von Stieg Larsson. Der Film soll am 3. Juni 2010 in die deutschen Kinos kommen.

Vergebung – Originaltitel: Luftslottet som sprängdes – Regie: Daniel Alfredson – Drehbuch: Jonas Frykberg und Ulf Ryberg, nach dem Roman „Vergebung“ von Stieg Larsson – Kamera: Peter Mokrosinski – Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Michalis Koutsogiannakis, Anders Ahlbom, Hans Alfredson, Tina Berg, Alexandra Eisenstein, Lena Endre, Jacob Ericksson, Niklas Falk, Tekla Granlund, Annika Hallin u.a. – 2009; 145 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

Stieg Larsson (Kurzbiografie)
Stieg Larsson: Verblendung
Stieg Larsson: Verdammnis

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