Andrea Maria Schenkel : Bunker

Bunker

Andrea Maria Schenkel

Bunker

Bunker Originalausgabe: Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg Hamburg 2009 ISBN: 978-3-89401-586-2, 125 Seiten, 12.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Mann überfällt kurz vor Geschäftsschluss ein Autohaus und versucht zunächst, aus der einzigen noch anwesenden Angestellten die Information herauszuprügeln, wo sich der Tresorschlüssel befindet. Als ihm dies nicht gelingt, entführt er sie in eine stillgelegte Mühle im Wald, bei der es auch einen Bunker gibt. Sie fragt, was er vorhabe, bekommt jedoch keine Antwort ...
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Kritik

Andrea Maria Schenkel entwickelt die Handlung in ihrem Roman "Bunker" im Wechsel von drei Perspektiven. Der Aufbau sorgt für ein Höchstmaß an Spannung, und die Inszenierung ist so konkret, farbig und lebendig, dass man glaubt, dabei zu sein.
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Ich muss noch die Schlüssel holen. Sie sind im Schlafraum auf dem Bett. Rein in den Bunker. Verdammt, die Petroleumlampen sind leer gebrannt […] Wenn ich die Tür weit offen lasse, müsste das Licht vom Treppenflur ausreichen, bis hinten in den letzten Raum […] Warum sind die blöden Lampen bloß schon ausgegangen, ich hab sie doch gefüllt, oder hab ich das vergessen? Bringt jetzt auch nichts. Ich brauch die verdammten Schlüssel. (Seite 5)

Mit diesen Sätzen beginnt Andrea Maria Schenkel ihren Roman „Bunker“. Wir wissen zunächst nicht, wessen Gedanken wir verfolgen. Die Person sucht im Dunkeln nach Schlüsseln, und als es ihr nicht gelingt, sie zu finden, beschließt sie, aus dem in einiger Entfernung geparkten Auto eine Taschenlampe zu holen. Aber da wird die Bunkertüre quietschend zugemacht und verschlossen. Es ist finster, und der Sauerstoff droht knapp zu werden.

Szenenwechsel.

Am Freitagabend, zwei Minuten bevor der Gebrauchtwagenhändler schließt, betritt ein Mann das Gebäude und überfällt die einzige Angestellte, die noch da ist.

Wir erleben die Szene zunächst aus seiner, dann aus ihrer Sicht.

Sie kniet vor mir, ihre Hände sind mit einem Stück Wäscheleine um die Handgelenke auf dem Rücken gefesselt. (Seite 10)

Ich knie vor ihm, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Er trippelt nervös vor mir herum, dabei wippt er mit dem Oberkörper vor und zurück. (Seite 12)

Sie starrt auf seine Turnschuhe, aber er reißt ihr den Kopf an den Haaren hoch und will wissen, wo die Tresorschlüssel sind. Sie schweigt, obwohl er ihr mehrmals mit der Faust ins Gesicht schlägt und eines ihrer Augen zuschwillt.

Monika erinnert sich, wie ihr jüngerer Bruder Joachim einmal vor ihr kniete. Sie war damals dreizehn. Wie eine Klette hing er an ihrem Rockzipfel. Immer wieder verpetzte er sie bei den Eltern, und er stahl ihr Geld aus dem Portemonnaie. Als er ihr Sparschwein in einen Wandspiegel warf, drückte sie ihn in die Scherben auf dem Boden und schlug ihn, bis sein Körper schlaff an ihrer Hand hing. Sie glaubte damals, er sei tot.

Der Mann, der Monika in seiner Gewalt hat, wuchs in einer Mühle im Wald auf, die seinen Eltern gehörte. Der Vater hatte einen Bunker ins Erdreich gegraben. Als das Wasser des Baches einbrach, zog er eine Betonmauer ein, aber für die obere Hälfte der Wand reichten Ziegelsteine. Weil ihm ein Lüftungssystem zu teuer war, achtete er darauf, dass die Tür stets einen Spalt offen blieb.

Die Eltern stritten häufig. Der Vater sperrte dann die Mutter in der Dachkammer ein. Obwohl es mehrere Tage dauerte, bis er betrunken wiederkam, wagte der Sohn es nicht, die Mutter zu befreien. Als sie wieder einmal eingesperrt war, erhängte sie sich [Suizid].

Am Freitagmorgen schaute er noch einmal bei der längst stillgelegten Mühle vorbei und prüfte, ob sie als Versteck für sich und die Frau geeignet ist.

Das Mühlrad steckt im Schlamm des ehemaligen Zulaufs fest, umwachsen von Schilf. Von den hölzernen Spanten hängen nur noch wenige im Metallrahmen. Das Haus selbst ist noch gut in Schuss. Bis auf das Dach […] Irgendwann wurde die alte hölzerne Eingangstür durch eine aus Eisen ersetzt. Die alte Tür liegt vor dem Eingang im Schlamm, überbrückt ein morastiges Stück Boden. (Seite 18f)

Er verbindet Monika die Augen. Sie fahren mit seinem schrottreifen Auto, bei dem er den Kofferraum mit einem Schraubenzieher aufhebeln muss, einen Forstweg entlang, bis es nicht mehr weitergeht. Er zerrt sie heraus. Sie stolpert und fällt hin. Im Liegen gelingt es ihr, die Fesseln zu lösen und die Augenbinde abzustreifen. Er ist weg. Monika beugt sich in den Wagen, aber er hat den Zündschlüssel mitgenommen. Sie flüchtet in den Wald. Schließlich stößt sie auf ein Holzhaus.

[…] ein großes schwarzes Holzhaus. Ich überquere eine über einem sumpfigen Bach liegende Holztür. Sie wackelt beim Darübergehen. Ich gehe zum Haus, die rostige Eisentür ist einen Spalt offen. (Seite 22)

Im Fußboden sieht sie eine hölzerne Klappe und das obere Ende einer Leiter. Eine steile Treppe führt zu einer verschlossenen Falltür in der Decke. In der Dachkammer hört sie jemanden. Sie hofft auf Hilfe, geht hinauf und öffnet die Falltür. Da sieht sie ihn, verliert vor Schreck den Halt und schlägt mit dem Kopf auf.

Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in der oberen Kammer nackt unter einer Decke auf einem Bett. Er sagt, ihre Sachen seien im Schrank, sie solle sich anziehen.

Vom Safe redet er nicht mehr. Aber was will er dann von ihr? Wozu hat er sie hergebracht? Warum hat er sie ausgezogen? Auf ihre Fragen bekommt sie keine Antwort. Sie empfindet Ohnmacht, Wut und Angst.

Er lässt sie allein, sperrt die Falltür ab. Das Fenster ist zu schmal, um durchzukommen. Sie schaut sich um und findet in einer Schublade ein gerahmtes Bild. Es zeigt sie und Joachim als Kinder. Das bei einer Radtour aufgenommene Foto stand bei ihr im Bücherregal. Der Kerl muss in ihrer Wohnung gewesen sein!

Das Foto erinnert sie an ihre Kindheit. Hans war kräftiger als die anderen Kinder, aber er wurde als Dorfdepp verlacht. Immer wieder stifteten die Kinder ihn zu etwas an, was sie selbst nicht wagten, und weil er dazugehören wollte, machte er es. Beispielsweise stahl er dem größten Bauern im Dorf ein Schwein und warf es in einen Brunnen. Das Großmaul Gerold machte sich am lautesten lustig über ihn – bis Hans ihn durchs Dorf jagte und ihn auf dem Huber-Hof erwischte. Er hätte ihn totgeschlagen, wenn der Bauer ihn nicht mit dem Greifer des Traktors gepackt und in den Löschwasserteich geworfen hätte. Als Joachim tot war, sagte Monika der Polizei, Hans sei der Letzte gewesen, der ihn lebend gesehen habe. Ohnehin hielten ihn alle für den Schuldigen. Er kam in eine Nervenheilanstalt.

Handelt es sich bei ihrem Peiniger um Hans? Kam er wieder frei? Will er sich rächen? Es wäre nicht schwer gewesen, sie aufzuspüren, denn sie zog vom Heimatdorf nur in die nächste Kreisstadt. Aber was wollte er in ihrer Wohnung? Warum nahm er das Bild mit?

Ob er nun Hans ist oder nicht, überlegt sie, müsse sie eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen, denn dann fiele es ihm schwerer, sie umzubringen. Das wäre gewissermaßen ein umgekehrtes Stockholm-Syndrom. Monika fragt ihn nach seinem Namen, aber er verrät ihn nicht, und als sie vorschlägt, ihn Hans zu nennen, reagiert er gleichgültig darauf.

Rückblende:

Ein Mann kommt nach Hause. Er wohnt im 4. Stock eines Mietshauses. Er schaut zum Haus gegenüber und beobachtet in einem der beleuchteten Fenster eine Frau, die nur ein T-Shirt trägt, sich dann ganz auszieht, zu einem Schrank geht und sich ankleidet. Einige Zeit später wartet er am Morgen, bis sie das Haus verlässt und in einen Linienbus steigt. Sobald sie fort ist, geht er zu ihrer Wohnung. Die Tür ist nur zugezogen; er drückt das Schloss mit einer Kreditkarte auf. Es ist nicht sein erster Einbruch, aber er hat nicht vor, etwas zu stehlen, sondern will sich nur umsehen. Im Bücherregal fällt ihm ein Foto von zwei Kindern auf. Das nimmt er mit.

Durch eine Ritze in der Falltür beobachtet Monika, wie der Kerl einen Hasen streichelt.

Er erinnert sich an seinen achten Geburtstag. Sein Vater hatte wieder nicht daran gedacht. Als es ihm einfiel, ging er in den Stall und schenkte ihm einen kleinen Hasen. Den liebte er über alles. Zwei Jahre später meinte der Vater: „Jetzt wird’s Zeit, sonst schmeckt er nicht mehr. Komm mit, kannst zuschauen.“ (Seite 54) Wie erstarrt stand der Junge da, während der Vater den Hasen schlachtete. – Er nimmt den Hasen an den Hinterläufen, schlägt ihm mit der Handkante ein paar Mal ins Genick, schlachtet ihn und zieht ihm das Fell ab.

Als Monika merkt, dass er vergaß, die Falltür abzusperren, schleicht sie sich über die steile Treppe hinunter. Er ist nicht da. Beim Anblick des abgehäuteten Hasen übergibt sie sich. Dann rennt sie in den Wald. Nachdem sie ein Stück gelaufen ist, kommt sie nicht weiter. Sie muss zurück, an der Mühle vorbei in die entgegengesetzte Richtung.

Er sucht sie vergeblich und findet sich schießlich damit ab, dass sie fort ist. Unerwartet taucht sie wieder auf. Sie ist völlig verstört. Er bringt sie in den Bunker.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Es dauert einige Zeit, bis sie zu sich kommt und merkt, dass die Bunkertüre nicht verschlossen ist, sondern nur klemmt. Er steht bei einem Lagerfeuer vor der Mühle und grillt das Hasenfleisch.

Die spinnt, geht es mir durch den Kopf, lass dir nur nichts anmerken. Wer weiß, zu was die fähig ist. Die ist total neben der Kappe! Ich hätte sie nicht einsperren dürfen, manche Leute drehen dann durch, bekommen es nicht auf die Reihe. War im Knast auch so. Immer wieder ist einer total durchgedreht.
Er steht vor mir mit dem Spieß in der Hand. Ich höre nur noch das Pochen und Dröhnen in meinen Ohren […]
In Panik stürze ich nach vorn, an den Rand des Feuers. Greife mit beiden Händen nach einem der glühenden Holzscheite.
Ich sehe, wie der Kerl mich überrascht anstarrt! Die Augen weit aufgerissen, der Mund offen. Er lässt Flasche und Spieß fallen, reißt beide Arme hoch, hält sie schützend vors Gesicht. Ich schlage mit dem Holz immer wieder auf seinen Kopf ein. Überall Glut, Funken springen in alle Richtungen […] Er nimmt die Arme herunter und starrt mich an. Ich stehe vor ihm, das Holzscheit immer noch in den Händen. Sehe seinen entsetzten Blick, schaue auf meine Hände. Alles schwarz, total schwarz. Jetzt spüre ich den Schmerz […]
Sie ist neben dem Feuer zusammengebrochen, das Holzscheit noch immer in den Händen. Mein Gott! Schockzustand. Kein Wunder, die Hände sehen verkohlt aus, kleben am glühenden Holz. Das muss ab! Die Hände müssen ins kalte Wasser […] (Seite 77f)

Er flößt ihr Wodka ein, bis sie betrunken ist, verbindet ihr die verbrannten Hände und bringt sie in die Dachkammer. Als sie erwacht, dröhnt ihr der Kopf, und ihre dick eingebundenen Hände schmerzen unerträglich. Inzwischen hat er Heroin besorgt. Er verflüssigt etwas von dem Pulver in einem Löffel, zieht damit eine Einwegspritze auf und injiziert seiner Gefangenen die Droge.

Sie ist nun völlig hilflos und auf ihn angewiesen. Weil sie nichts anfassen kann, muss sie sich von ihm füttern und zum Urinieren den Slip herunterziehen lassen.

Niemand wird nach ihr suchen. Ihre Nachbarin passt auf die Katze auf, weil sie ankündigte, für ein paar Tage zu verreisen. Und wenn sie im Autohaus nicht mehr auftaucht, wird der Besitzer annehmen, dass sie die wiederholten Kündigungsdrohungen wahrgemacht habe.

Der Chef beutet sie und ihre Kollegin Lilli aus: Für ein schäbiges Gehalt arbeiten sie als Sekretärinnen, Autoverkäuferinnen, Gärtnerinnen, Putzfrauen und springen schon mal ein, wenn ein Ölwechsel zu machen ist. Lilli schläft auch noch mit dem Chef und macht sich Hoffnungen, ihn ganz für sich zu gewinnen, aber er wird seine Familie nicht verlassen. Bei der Feier anlässlich seines 50. Geburtstags vor zwei Wochen machte er sich auch an Monika heran, aber sie wies ihn ab.

Es wäre gerecht, ihm den Tresor zu leeren, überlegt Monika. Hans könnte dabei ihr Werkzeug sein. Sie traut sich zu, ihn so zu manipulieren, wie sie es damals im Dorf mit ihm machten.

Auf ihren Vorschlag, gemeinsam den Tresor auszurauben, geht er zunächst nicht ein. Erst als sie es noch einmal versucht und ihm erklärt, sie habe einen Plan, um an den Tresorschlüssel heranzukommen, hört er ihr zu. Sie weiß, dass der Chef den Schlüsselbund immer bei sich hat, und zwar in der Innentasche seines Sakkos. Wenn sie Rüdiger abends zur Mühle lockt, kann Hans ihn niederschlagen; dann haben sie die ganze Nacht Zeit, um den Tresor auszurauben und mit dem Geld zu verschwinden.

Sie fahren zu einer Telefonzelle. Hans wählt die von ihr angegebene Nummer und hält ihr den Hörer ans Ohr. Monika gurrt, sie habe sich nicht getraut, Rüdigers Avancen anzunehmen, aber inzwischen sei das anders. Sie habe auch schon ein abgelegenes Häuschen gefunden, in dem sie ungestört die Nacht verbringen können.

Bevor der Autohändler eintrifft, benötigt Monika noch einmal einen Schuss, weil sie die Schmerzen sonst nicht aushält. Ihr Bewacher hält das für keine gute Idee, denn sie benötigt für ihr Vorhaben einen klaren Kopf. Aber wenn sie sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmt, nützt sie ihm auch nichts. Deshalb injiziert er ihr etwas Heroin.

Als sie Rüdiger hört, ruft sie ihm zu, er solle zu ihr heraufkommen. Im Drogenrausch befürchtet sie, von ihm vergewaltigt und erdrückt zu werden. „Hilf mir, stich das Schwein ab!“, schreit sie. Da taucht ihr Entführer mit einem Messer in der Hand auf, sticht zu, und aus Rüdigers Bauch pulst Blut. Ihr wird übel.

Es dauert einige Zeit, bis sie wieder zu sich kommt. Von Rüdiger ist nichts zu sehen. Hat sie das alles geträumt?

Ihr Bewacher weiß es besser: Sie lachte schon hysterisch, als Rüdiger kam. Damit hätte sie beinahe alles verpatzt. Er folgte dem Gebrauchtwagenhändler mit einem Messer in die Dachkammer. Als der dicke Kerl ihn bemerkte, wusste er sofort, dass er in eine Falle getappt war und stürzte sich auf ihn. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Messer zuzustoßen. So wie damals, als sein betrunkener Vater ihn hatte umbringen wollen. – Die Leiche warf er durch die Luke, zerrte sie in den Bunker und packte sie in einen Plastiksack.

Jetzt hat er einen Mord am Hals! Das macht ihn nervös. Und warum nennt sie ihn Hans? Er heiße Dimitri, fährt er sie an.

Er ist also doch nicht Hans, sondern ein Fremder, ein Krimineller, ein Mörder! Das ändert alles. Als er noch einmal in den Bunker geht, um Rüdigers Schlüssel zu holen, schließt sie die Eisentür und sperrt ab. Er soll ersticken oder verdursten.

Dimitri weiß jedoch, dass der obere Teil einer Wand aus Ziegeln besteht. Im Dunkeln hackt er mit einer Schere auf die Wand ein.

Ich hacke, schabe, stoße, bis mein ganzer Arm vor Schmerzen pocht. Die Finger sind wund, tun höllisch weh. Aber einer der Ziegel bewegt sich bereits, wackelt ganz leicht. Ich brauche einen Hebel! Verdammt, ich brauche einen Hebel! Das lange Wetzeisen! Ich könnte es als Hebel einsetzen! Tastend suche ich den Boden danach ab. Das ist es! Mit all meiner Kraft setze ich das Eisen an, der Ziegel lockert sich immer mehr […] (Seite 118)

Es gelingt ihm, eine Öffnung in die Mauer zu brechen und sich hindurchzuzwängen. Er fällt in den Schlamm, arbeitet sich heraus und geht um die Mühle herum. Sie starrt ihn fassungslos an, als er in der Tür steht. In seiner Reichweite liegt ein Messer. Er nimmt es. Langsam gehen sie aufeinander zu, bis er sie packt und zusticht.

Einsatzwagen der Feuerwehr und Polizei, laufende Motoren, Blaulicht, Lärm, der schmale Waldweg ist durch die Fahrzeuge zugeparkt […] Vor der Mühle lärmend der Kompressor, dicke Kabel führen hinüber zum Haus. Vor der metallenen Eingangstür wurden zwei große Scheinwerfer aufgebaut. Sie beleuchten den Eingang der Mühle. (Seite 16)

Im Bunker findet man einen Plastiksack mit der Leiche eines Mannes. Die Schwerverletzte wird zu einer Notoperation ins Krankenhaus gebracht.

„Verdammt, irgendwo muss die Scheiß-Blutung doch herkommen!“, raunzt der Operateur.
Nach intensiver Suche entdeckt er einen Riss in der Darmwurzel. (Seite 96)

(Monika scheint gute Überlebenschancen zu haben, aber es ist anzunehmen, dass sie sich nach ihrer Genesung vor Gericht verantworten muss. Was mit Dimitri geschieht, bleibt offen. Vermutlich alarmierte er die Polizei und verschwand, bevor sie kam.)

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Andrea Maria Schenkel fängt mit dem Schluss an. Die Szene lässt sich zwar noch nicht einordnen, fesselt jedoch unsere Aufmerksamkeit. Erst auf der achten Seite erfahren wir, dass es sich bei den Personen um einen Mann und eine Frau handelt. Schritt für Schritt können wir dem Geschehen weitere Informationen entnehmen, die es uns ermöglichen, Zusammenhänge zu erkennen. Allmählich setzt sich daraus ein Bild zusammen – das sich durch überraschende Wendungen wieder ändert.

Der Aufbau sorgt für ein Höchstmaß an Spannung. Das ganz Besondere daran ist, dass Andrea Maria Schenkel aus drei Perspektiven im Wechsel erzählt. Dabei erleichtert die Verwendung verschiedener Schrifttypen die Orientierung. Die Autorin versetzt uns gewissermaßen abwechselnd in die Köpfe des Entführers und seines Opfers und lässt uns das Geschehen aus deren Sicht erleben, subjektiv und sehr emotional. Diese komplementären Passagen stehen in der ersten Person Singular. Dazwischen lesen wir sachliche Berichte über einen Polizeieinsatz, den Abtransport einer verletzten Person und eine mit verblüffender Detailkenntnis geschilderte Notoperation.

Die filigrane Form kontrastiert in „Bunker“ mit einer düsteren, klaustrophoben Atmosphäre und einer brutalen Handlung, in der sich menschliche Abgründe auftun. Andrea Maria Schenkel verzichtet auf psychologische Erklärungen und erhellt auch die Vorgeschichte nur teilweise. Statt zu beschreiben oder zu erläutern inszeniert sie die Handlung. Dabei malt sie die Situationen so konkret, farbig und lebendig aus, dass man glaubt, mit den Figuren zu sehen, zu riechen und zu fühlen.

„Bunker“ ist ein eindringliches, atemberaubendes Buch, das die Leser von der ersten bis zur letzten Zeile unter Spannung hält.

Den Roman „Bunker“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Andrea Maria Schenkel, Andrea Sawatzki und Rufus Beck (Regie: Regie: Rufus Beck, Hamburg 2009, 4 CDs, ISBN: 978-3-89903-658-9).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Lutz Schulenburg

Andrea Maria Schenkel: Tannöd
Andrea Maria Schenkel: Kalteis
Andrea Maria Schenkel: Finsterau
Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Wolfgang Herrndorf - Sand
Mit dem Roman "Sand" parodiert Wolfgang Herrndorf das Genre des Agententhrillers. Lesenswert ist "Sand" nicht wegen der grotesken, episodenhaften Handlung, sondern aufgrund der sprachlichen Virtuosität des Autors.
Sand

Wolfgang Herrndorf

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