Andrea Maria Schenkel : Tannöd

Tannöd
Tannöd Originalausgabe: Edition Nautilus, 2006 ISBN 3-89401-479-2, 128 Seiten Taschenbuch: btb, München 2008 ISBN 978-3442736737, 125 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In der Einöde Tannöd wundert man sich, weil auf dem Danner-Hof seit Tagen niemand zu sehen ist. Drei Männer, die schließlich nachschauen, stoßen auf sechs Leichen. Jemand hat die ganze Familie samt dem zweijährigen Josef und der neuen Magd ermordet und ihnen die Köpfe mit einer Spitzhacke eingeschlagen. Der Pfarrer und seine Köchin, der Lehrer, der Postbote, die Krämerin und andere Bewohner von Tannöd werden vernommen. "Eigenbrötler waren das alles, besonders der Alte war kein guter Mensch", heißt es.
Weiterlesen

Kritik

"Tannöd" ist eine gelungene, formal eigenständige und erstaunlich stilsichere Mischung aus Heimat- und Kriminalroman. Andrea Maria Schenkel evoziert von Anfang an eine dichte, unheimliche Atmosphäre, baut Spannung auf und stellt das nur vordergründig idyllische Milieu überzeugend dar.
Weiterlesen

Mitte der Fünfzigerjahre wundern sich die Leute in der zur bayrischen Gemeinde Einhausen gehörenden Einöde Tannöd, dass man von den Danners seit Tagen – seit Samstag – nichts hört oder sieht. Hansl Hauer, der dreizehnjährige Sohn des seit drei Jahren verwitweten Bauern Georg Hauer (49), wird am Dienstagnachmittag hingeschickt. Dem kommt es auf dem Hof nicht geheuer vor. Deshalb tun sich Georg Hauer, der Bauer Johann Sterzer (52) und dessen Knecht und zukünftiger Schwiegersohn Alois Huber (25) zusammen und gehen hinüber zu dem abgelegenen Hof. Sie stellen fest, dass die Tür des Maschinenhauses offen ist. Von dort kommt man in den Stadel, der wiederum über den Stall mit dem Wohnhaus verbunden ist. Im Heu entdecken die Männer die Leichen von Hermann Danner, seiner Ehefrau Theresia, seiner Tochter Barbara Spangler und seiner achtjährigen Enkelin Maria-Anna („Marianne“). Man hat ihnen die Köpfe mit einer Spitzhacke eingeschlagen. Die Leiche der Magd Maria („Marie“) Meiler (44) liegt auf dem Fußboden ihrer Kammer, und Barbaras zweijähriger Sohn Josef wurde im Kinderbett erschlagen.

Babette Kirchmeier (86), die kinderlose Witwe des vor fünfzehn Jahren verstorbenen Beamten Ottmar Kirchmeier, sagt aus, Marie sei bei ihr jahrelang als Haushaltshilfe beschäftigt gewesen; es habe sich um eine fleißige und anständige Frau gehandelt. Als Babette Kirchmeier ins Seniorenheim musste, wurde Marie vorübergehend von ihrer acht Jahre jüngeren Schwester Traudl Krieger aufgenommen, obwohl deren Ehemann, der Maurer Erwin Krieger, keine zusätzliche Esserin im Haus haben wollte. Traudl Krieger meint, ihre Schwester sei naiv gewesen.

Wenn es einer verstand, konnte der die Marie ausnutzen. Sie machte immer alles, was man ihr sagte, sie stellte nie Fragen. (Seite 28)

Als Traudl dann von der Krämerin Anna Meier (55) erfuhr, dass auf dem Danner-Hof eine Magd davongelaufen war, sorgte sie dafür, dass Marie die Stelle bekam und brachte sie am Freitag selbst hin. Marie überlebte die erste Nacht auf dem Hof nicht.

Der Monteur Kurt Huber (21) sagt aus, er sei am Dienstagmorgen auftragsgemäß zum Danner-Hof gefahren, um die Futterschneidemaschine zu reparieren. Er wunderte sich, weil weder der Bauer noch sonst jemand zu sehen war. (Er konnte nicht ahnen, dass im Stadel bzw. im Wohnhaus sechs Leichen lagen.) Nachdem er eine Stunde lang vergeblich gewartet hatte, fing er auf eigene Faust mit der Arbeit an. In den fünf Stunden, die er für die Reparatur benötigte, sah und hörte er niemanden. Nur einmal kam es ihm so vor, als sei jemand an ihm vorbeigehuscht. (Tatsächlich melkte und fütterte der Mörder seit der Tat die Kühe. An diesem Morgen hatte er auch vom Rauchfleisch gegessen. Nachdem ihm das Fehlen seines Taschenmesser aufgefallen war, schlich er sich an dem Monteur im Maschinenhaus vorbei, um es aus der Speisekammer zu holen.)

Befragt werden auch Mariannes Schulfreundin Betty, der Lehrer Hermann Müllner (35), der Pfarrer Hans-Georg Meißner (63) und dessen Köchin Maria Lichtl (63), der Postzusteller Ludwig Eibl (32) und Johann Sterzers mit Alois Huber verlobte Tochter Dagmar (20). Dagmars Mutter Maria Sterzer (42) sagt über die Danners:

Eigenbrötler waren das alles, besonders der Alte war kein guter Mensch. Mit denen ist man nicht warm geworden und ich hab auch nicht warm werden wollen. Nicht einmal geredet habe ich mit denen, seit der Sache mit der Amelie. (Seite 102f)

Amelie hatte man Hermann Danner im Krieg als Zwangsarbeiterin zugewiesen. Sie war vom Bauern schlecht behandelt und zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden, bis sie sich in ihrer Verzweiflung erhängt hatte. Vielleicht – so Maria Sterzer – habe ihr Bruder sie nun gerächt. Der Bürgermeister Franz-Xaver Meier (47) will die alte Geschichte, die sich unter seinem Vorgänger zutrug, nicht wieder aufwärmen.

Theresia war zweiunddreißig und unverheiratet, als der fünf Jahre jüngere Knecht Hermann Danner auf den Hof ihres Vaters kam. Obwohl sie wusste, dass es Hermann Danner nur auf den Hof abgesehen hatte, ließ sie sich auf die Eheschließung mit ihm ein, um nicht als alte Jungfer zu enden. Glücklich wurde sie nicht. Als ihre Tochter Barbara zwölf war, begann Hermann Danner sie zu missbrauchen. Theresia wollte es nicht wahrhaben und unternahm nichts dagegen. Sie war froh, dass ihr Mann sie von da an kaum noch anrührte. Als Barbara das erste Mal schwanger war, machte sie dem Knecht Vinzenz Spangler schöne Augen, bis dieser sie heiratete. Später kam er dahinter, wer das Kind gezeugt hatte. Da gab ihm Hermann Danner eine Menge Geld, damit er den Mund hielt und aus Tannöd verschwand. Bevor Barbara vor zwei Jahren mit ihrem Sohn niederkam, hatte sie ein Verhältnis mit Georg Hauer angefangen, dessen Ehefrau ein Jahr zuvor an Krebs gestorben war. Er ließ sich dann auch als Vater Josefs eintragen, obwohl er wusste, dass das Kind nicht von ihm sein konnte. Danach wollte Barbara jedoch nichts mehr von ihm wissen.

Die Aussage von Anna Hierl (24), die früher als Magd auf dem Danner-Hof gearbeitet hatte, deutet auf einen Raubmord hin. Sie berichtet, dass der geizige Bauer Herumtreiber beschäftigte, weil er ihnen weniger Lohn zahlen musste. Gewiss habe der eine oder andere von ihnen den Hof ausgespäht, und es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass Hermann Danner stets eine größere Summe Bargeld im Haus hatte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Michael Baumgartner ist einer der früher von Hermann Danner beschäftigten Gelegenheitsarbeiter. Er nutzt die Tätigkeiten, um sich auf verschiedenen Höfen umzusehen und auszukundschaften, wo etwas zu holen war. Dann bricht entweder er oder sein Schwager oder einer ihrer Kumpane ein. Am letzten Freitag versteckte er sich auf dem Zwischenboden im Stadel des Danner-Hofs und wartete auf eine günstige Gelegenheit, um an die Barschaft des Bauern zu kommen. Er sah auch, wie Traudl Krieger fortradelte, nachdem sie ihre Schwester Maria Meiler herbegleitet hatte. Als er am Abend Feuer legen wollte, um in dem dadurch ausgelösten Durcheinander das Geld zu rauben, hörte er, dass noch jemand im Stadel war. Da achtete er darauf, kein Geräusch zu machen. So wurde er Zeuge eines Streits zwischen Barbara und einem Mann. Der packte die Frau am Hals, würgte sie und zertrümmerte ihr mit einer Spitzhacke den Kopf. Ein paar Minuten später kam Theresia Danner in den Stadel und rief nach ihrer Tochter. Der Mörder erschlug sie ebenso wie danach noch Hermann Danner und dessen Enkelin Marianne. Sobald der Mörder durch den Stall ins Haus geschlichen war, rannte Michael Baumgartner davon.

Georg Hauer gesteht seiner Schwägerin Anna, die vor sechs Jahren ins Haus gekommen war, um ihre todkranke Schwester zu pflegen, was er getan hat. Sie fragt: „Warum?“ Das kann er nicht sagen. Er weiß nur, dass er mit Barbara reden wollte. Als sie ihn auslachte und verhöhnte, packte er sie am Hals und schlug dann außer sich vor Zorn mit einer Spitzhacke auf sie ein. Danach ermordete er jeden, der in den Stadel kam und am Ende den kleinen Josef und die Magd im Haus, damit es keine Zeugen gab. Nach dem Geständnis nimmt Georg Hauer seine Pistole aus der Nachttischschublade und setzt sich hin …

nach oben

Für ihren Debütroman hat Andrea Maria Schenkel (* 1962) ein düsteres Thema gewählt: einen grauenvollen sechsfachen Mord auf einem Hof in der fiktiven bayrischen Einöde Tannöd. „Tannöd“ ist eine gelungene, formal eigenständige und erstaunlich stilsichere Mischung aus Heimat- und Kriminalroman. Aufbau und Sprache sind scheinbar ganz einfach, aber dahinter steckt eine kluge Autorin, die siebzehn Zeugen mit ihren unterschiedlichen Ausdrucksweisen zu Wort kommen lässt und die Aussagen mit kurzen Schilderungen aus einer auktorialen Perspektive ergänzt. Gleich zu Beginn schildert sie, wie jemand die Kühe auf dem Danner-Hof füttert und melkt, und wir wundern uns, warum er die frische Milch ins Heu schüttet, bevor er wieder geht. Erst später begreifen wir, dass wir dem noch nicht identifizierten Mörder über die Schulter schauten. Auf anfängliche Andeutungen, die „Tannöd“ bereits eine dichte unheimliche Atmosphäre geben, folgen weitere Informationen, bis sich ein immer deutlicheres Bild ergibt, das durch die Zeugenaussagen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Siebenmal schiebt Andrea Maria Schenkel ein Gebet ein und untermalt damit das Milieu in der vermeintlich idyllischen Einöde. – „Tannöd“ ist ein spannender, formal und inhaltlich überzeugender Roman ohne jeden Schnickschnack.

Die Handlung geht auf einen ungeklärten Mordfall zurück, der sich in der Nacht auf den 1. April 1922 in Hinterkaifeck ereignete, einem Einödhof 500 m außerhalb von Gröbern, 6 km von Schrobenhausen entfernt [Mordfall Hinterkaifeck]. Andrea Maria Schenkel verlegte die Handlung allerdings in die Fünfzigerjahre und in die fiktive Einöde Tannöd.

Über den authentischen Mordfall hatte der Journalist Peter Leuschner zwei Bücher geschrieben: „Hinterkaifeck. Deutschlands geheimnisvollster Mordfall“ (1978) und „Der Mordfall Hinterkaifeck. Spuren eines mysteriösen Verbrechens“ (1997). Andrea Maria Schenkel soll sich am 2. April 2006 mit ihm getroffen und ihm ein Buchexemplar mit Widmung geschenkt haben. Nachdem Peter Leuschner den Roman „Tannöd“ gelesen hatte, warf er Andrea Maria Schenkel vor, von ihm abgeschrieben zu haben. Während Andrea Maria Schenkel argumentiert, es handele sich bei Peter Leuschners Büchern um Dokumentationen, und historische Fakten seien urheberrechtlich nicht geschützt, weist Peter Leuschner darauf hin, dass er die Tatsachen mit fiktiven Szenen dramatisierte und Andrea Maria Schenkel auch Erfindungen von ihm übernommen habe. Eine gerichtliche Entscheidung, ob Plagiate vorliegen oder nicht, steht zwar noch aus, aber das Landgericht München I ließ im Februar 2008 erkennen, dass es die Vorwürfe gegen Andrea Maria Schenkel nicht für gerechtfertigt hält.

Andrea Maria Schenkel erhielt für „Tannöd“ den Deutschen Krimipreis, den Friedrich-Glauser-Preis und den internationalen Buchpreis Corine.

„Tannöd“ gibt es auch als Hörbuch, gesprochen von Monica Bleibtreu, und in einer Hörspielbearbeitung des NDR aus dem Jahr 2007 (Bearbeitung und Regie: Norbert Schaeffer; Komposition: Martina Eisenreich; mit Michael Vogtmann, Christa Berndl, Udo Wachtveitl, Brigitte Hobmeier, Ilse Neubauer u.a.).

Bettina Oberli verfilmte den Roman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel:

Originaltitel: Tannöd – Regie: Bettina Oberli – Drehbuch: Petra Lüschow, Bettina Oberli, nach dem Roman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel – Kamera: Stéphane Kuthy – Schnitt: Mike Schaerer, Antje Zynga – Musik: Johan Söderqvist – Darsteller: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Andreas Buntscheck, Janina Stopper, Filip Peeters, Gundi Ellert, Nils Althaus, Bernd Tauber, Vitus Zeplichal, Peter Harting, Brigitte Hobmeier, Lisa Kreuzer, Lukas Turtur, Clara Conzen, Dagmar Sachse u.a. – 2009; 95 Minuten

Esther Gronenborn orientierte sich bei ihrem Film „Hinter Kaifeck“ an dem Roman „Der Mordfall Hinterkaifeck“ von Peter Leuschner.

Kaifeck Murder – Originaltitel: Hinter Kaifeck – Regie: Esther Gronenborn – Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner, Christian Limmer, Bert Koß, Martin Muser, nach dem Roman „Der Mordfall Hinterkaifeck“ von Peter Leuschner – Kamera: Chris Valentien – Schnitt: Moune Barius, Dirk Grau – Musik: Alexander Hacke – Darsteller: Benno Fürmann, Alexandra Maria Lara, Henry Stange, Michael Gwisdek, Erni Mangold, Monika Hansen, Waldemar Kobus, Manfred Möck, Andrusch Jung, Myriam „Mia“ Aegerter, Andreas Bahr, Beles Adam, Samuel Pälchen, Chiara Beranek, Anna Böger u.a. 2009; 85–  Minuten

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007/2008/2012
Textauszüge: © Lutz Schulenburg. – Seitenangaben beziehen sich
auf eine Lizenzausgabe der Verlagsgruppe Weltbild, Augsburg 2007, 160 Seiten

Mordfall Hinterkaifeck

Andrea Maria Schenkel: Kalteis
Andrea Maria Schenkel: Bunker
Andrea Maria Schenkel: Finsterau
Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Sibylle Berg - Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
"Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" ist kein nuanciertes Beziehungsdrama, sondern eine zynische Groteske über den Gegen­satz von Sex und Liebe. Sibylle Berg entwickelt die Geschichte, indem sie abwechselnd Chloe und Rasmus zu Wort kommen lässt, also aus zwei Perspektiven.
Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sibylle Berg

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: