Helmut Krausser : UC

UC

Helmut Krausser

UC

UC Originalausgabe: Rowohlt Verlag, Reinbek 2003 ISBN 3-498-03511-8, 479 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Arndt Hermannstein gilt als viel versprechender Dirigent. Aber der 39-Jährige gerät in den Verdacht, vor 22 Jahren seine Mitschülerin Marita Schuhmacher ermordet zu haben. Arndt erinnert sich zwar noch an eine wilde Schülerparty, weiß aber nicht mehr, was danach geschah. Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit begegnet er Schulfreundinnen von damals und einem Philosophen und Schriftsteller, der einen Roman über einen Dirigenten plant ...
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Kritik

An der Oberfläche geht es in "UC" um einen unaufgeklärten Sexualmord. Hinter dieser Fassade befindet sich jedoch eine komplexe, vielschichtige Konstruktion, mit der Helmut Krausser die parallele Existenz potenzieller und realisierter Ereignisvarianten veranschaulicht.
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Der viel versprechende Dirigent Arndt Hermannstein wohnt mit seiner Ehefrau Laura in einer mondänen Villa am Lago Bracciano bei Aguillera oberhalb von Rom und besitzt außerdem Apartments in Paris, auf Kreta und der Kanareninsel Las Palmas. Arndt und Laura sind seit 1989 verheiratet. Als erfolgreicher Dirigent verdient Arndt zwar gut, aber der eigentliche Reichtum stammt von Laura bzw. deren Vater Heribert Feuer, der durch Immobilienspekulationen reich geworden war und in der Nähe von Küsnacht ein Schloss besaß.

Hermannstein gilt als talentierter und aufstrebender, aber auch umstrittener, streitbarer und provokanter Künstler, der aus seinen erotomanen Eskapaden keinen Hehl macht. (Seite 133)

2003 fliegt Arndt eigens von Rom zu einem Klassentreffen in einem Münchner Biergarten. Die Klasse hatte das Abitur 1984 am Siegfriedgymnasium gemacht. Auch seine früheren Freunde Frank, Markus, Christoph und Andreas sind da. Der Neununddreißigjährige erinnert sich, mit drei der anwesenden dreizehn ehemalligen Mitschülerinnen Sex gehabt zu haben: mit Anne in Florenz während einer Klassenfahrt und später mit Christine; das Verhältnis mit Julia („Ala“) beendete er erst, als er zum Musikstudium nach Zürich zog. So weit er weiß, schlug Ala sich danach als Kneipenbedienung in München durch und heiratete schließlich in Amsterdam einen Marihuana-Raucher, der eine Stahlfabrik geerbt hatte. Alle versuchen, Eindruck zu schinden – bis auf Marita Schuhmacher, die nicht nur verhärmt wirkt, sondern auch ungepflegt aussieht und schlecht angezogen ist.

Kurze Zeit nach dem Abituriententreffen reist Arndt nach London, um dort die „Metamorphosen“ von Richard Strauss und Anton Bruckners 9. Sinfonie zu dirigieren.

Die Klarinettistin hat es ihm angetan. Als er sie schlichtweg fragt, wieviel sie für einen Koitus verlangen würde, verlässt sie wortlos den Raum, aber er lässt ihr Zettel mit seinen Geboten zukommen, bis sie bei 20 000 Pfund in sein Apartment kommt, sich schweigend auszieht und aufs Bett legt. Arndt stellt ihr daraufhin einen Scheck aus und schickt sie wieder fort, ohne sie angefasst zu haben.

Weil er das Orchester für unfähig hält, seine musikalischen Ideen zu verwirklichen, bricht er die Proben vorzeitig ab und steigt mit einem Eklat aus seinem Vertrag aus.

[…] ich erschien nicht mehr zur fünften Probe, trieb mich stattdessen in einem Sohoer Pornokino herum. Was gleich darauf die Presse durch mich selbst erfuhr. Wenn schon Skandal, dann richtig. Ich posierte für die Kamera mit einer fast zahnlosen Stripperin im Arm. Gab ein Interview, in dem es hieß, dass die zahnlose Stripperin blasfertiger sei als etwaige Posaunisten gewisser ortsansässiger Orchester. (Seite 15)

In London wohnt Arndt im Apartment einer mit ihm befreundeten lesbischen Sopranistin namens Annabelle, die zur selben Zeit in New York auftritt und es ihm deshalb zur Verfügung stellte. Dort ruft Frank ihn an und teilt ihm kurz mit, man habe im Wald bei Gauting die Gebeine ihrer seit zweiundzwanzig Jahren vermissten Mitschülerin Marita Schuhmacher gefunden. Kurz darauf kommt Frank durch einen Stromschlag im Bad ums Leben. Die Frage, ob es sich um Suizid oder einen Unfall handelte, bleibt offen.

Wie konnte Marita kürzlich an dem Abituriententreffen teilnehmen, wenn sie seit mehr als zwanzig Jahren tot ist? Hat Arndt sie in dem Münchner Biergarten mit einer anderen Mitschülerin verwechselt? Und was war 1981 geschehen? Arndt erinnert sich an eine wilde Party im Haus eines in Gauting wohnenden Mitschülers. Es war alles sehr spießig; ein Brandfleck von einer Zigarettenglut löste beim Gastgeber einen Nervenzusammenbruch aus. Doch bald waren sie alle betrunken. Marita kletterte auf einen Tisch, tanzte und zog dabei ihren Slip aus. Die anderen Mädchen mussten sie danach vor den aufgegeilten Jungen beschützen, bis Marita die Party morgens um 3 oder 4 Uhr allein verließ.

ER hockt auf ihren schulterblättern, mondweiße schulterblätter. hinter seinem rücken ist einer von den jungs dabei, sie, die kaum noch etwas mitbekommt, zu ficken. ER, der nicht warten will, bis die reihe an ihm ist, hat sich auf ihren hals gesetzt, stützt sich auf dem waldboden mit knien und ellbogen ab, steckt ihr seinen schwanz in die kehle, sie würgt, ER stößt zu, sie erbricht sich, schluckt erbrochenes, keucht, spuckt, erbrochenes fließt ihr aus den nasenlöchern, ER merkt davon nichts, hat ihre haare mit beiden händen gepackt und fickt ihren kopf, sie droht zu ersticken, beißt zu, beißt in seinen schwanz, bis blut kommt, ER brüllt, ER schlägt nach ihr, ohrfeigt sie, worauf ihr biss nur hysterischer wird, ER greift nach einem apfelgroßen stein, schlägt ihr zweimal auf den kopf, bis der druck ihrer kiefer nachlässt. (Seite 108; dieselbe Geschichte, von dem Jungen in der Ich-Form erzählt, dann von dem Mädchen zunächst in der 2. Person und schließlich in der 1. Person Singular erzählt: Seite 336f)

Statt der Aufforderung der Münchner Kriminalpolizei nachzukommen und eine schriftliche Zeugenaussage abzuliefern, versteckt sich Arndt einige Zeit in dem Apartment, das er in Berlin-Kreuzberg anonym für seine Geliebte Claudia Schneider gemietet hatte. Seit Claudia vor vier Monaten spurlos verschwunden war, stand es leer.

Unsere Beziehung war eine der körperlichen Ausschweifung, des gemeinsamen Genusses von Tabak, Wein, gutem Essen, Musik, Pillen, Speed und Koks. (Seite 323)

Dann fliegt er nach Las Palmas und trifft sich dort mit Laura, die zu seiner Verblüffung abstreitet, mit ihm verheiratet zu sein. Zwei Tage später ist er mit Laura in der Villa am Lago Bracciano, und sie behauptet, in der letzten Zeit nicht in Las Palmas gewesen zu sein.

Aber Parallelen berühren sich nun einmal nicht, und wenn es zwei Lauras gibt, die voneinander nichts wissen, und vielleicht sogar zwei Maritas, dann existieren womöglich auch zwei Arndt Hermannsteins, für jede Laura und jede Marita einer. Stelle ich mir vor. (Seite 120)

Um mehr über Marita zu erfahren, besucht Arndt deren damalige Freundin Anne in München. Sie hatte drei Semester Psychologie studiert, dann Jura, war am Staatsexamen gescheitert und arbeitet inzwischen als Anwaltsgehilfin in Pasing. Obwohl ihm ihr Intimgeruch unangenehm ist, nimmt er sie mit in sein Apartment in Paris. Allerdings weigert er sich zunächst, mit ihr zu schlafen. Stattdessen bestellt er für 600 Euro den Weckdienst des Club Desirée. Zur gewünschten Zeit schließt eine als Kellnerin verkleidete Edelprostituierte mit einem vorher hinterlegten Wohnungsschlüssel auf und weckt ihn zärtlich, während zwei richtige Kellner ein opulentes Frühstücksbüffet mit Champagner hereinbringen. Die inzwischen nackte Prostituierte kniet gerade neben Arndt auf dem Bett und hat seinen Penis im Mund, als Anne in Slip und BH aus dem anderen Zimmer kommt. Erregt schaut sie zu.

Von seinem Rechtsanwalt Walter erfährt Arndt, dass Sibylle, die 1981 ebenfalls an der Party teilgenommen hatte, kürzlich zur Polizei ging und ihre damalige Aussage widerrief, Markus sei mit ihr von der Party nach Hause gegangen. Und die frühere Mitschülerin Cosima („Coco“) zeigt Arndt wegen eines Vergewaltigungsversuches im Sommer 1990 in der Umkleidekabine eines Freibads an. Arndt ist entrüstet, denn er erinnert sich, wie er vor dreizehn Jahren Cosima wiedertraf und mit ihr über den Zaun eines geschlossenen Freibads kletterte, weil sie ihm die Umkleidekabine zeigen wollte, in der sie mit siebzehn defloriert worden war. Sie demonstrierte es ihm und hockte sich mit gespreizten Schenkeln vor ihn hin, aber er hatte keine Lust, sie zu berühren und verärgerte sie dadurch.

Markus, der aufgrund von Sibylles neuer Aussage als Hauptverdächtiger gesucht wird, taucht unerwartet bei Arndt in Paris auf. Sibylle betreibe in München ein Reisebüro und stehe vor dem Bankrott, behauptet Markus. Sobald er ihr 20 000 Euro gegeben habe, werde sie erneut für ihn aussagen. Weitere 10 000 Euro benötigt Markus, um sich zu einem Freund in Südafrika abzusetzen. Arndt gibt ihm die 30 000 Euro.

Der Philosoph und Schriftsteller Samuel („Sam“) Kurthes nimmt Kontakt mit Arndt auf. Der Sohn eines niederländischen Vaters und einer tschechischen Mutter, der eigentlich Kurt Samuel Heß heißt, beabsichtigt, einen Roman über einen Dirigenten zu schreiben, dessen Welt aus den Fugen gerät: „Ultrachronos“. Zur von Sam vorgeschlagenen Zeit kommen Arndt und Anne ins Hotel Ritz. Zur Überraschung Arndts ist Sam in Begleitung Alas. Sie klärt ihn darüber auf, dass sie von dem Holländer, den sie geheiratet hatte, geschieden ist und seit einem Jahr mit Sam zusammenlebt.

Sam beschäftigt sich intensiv mit esoterischen Fragen und propagiert seine Ansichten auch in gut besuchten Seminaren.

Kurthes redete davon, dass heutzutage der Mensch von Niveau eine multiple Persönlichkeit sei, sein müsse, virtuell schizophren, nicht im Sinne eines Kranheitsbildes, einfach nur, um die vielen Erfordernisse, die eine rasante und vielschichtige Gegenwart an die Persönlichkeit stelle, verarbeiten und erfüllen zu können. (Seite 193)

„Wir halten unsere Erinnerung für eine Faktensammlung. In Wahrheit ist unsere Erinnerung eine Imagination, eine subjektive Auswahl jener Ereignisse, die für uns wahrnehmbarer, ‚realistischer‘ waren als die anderen.“ (Seite 227)

„Der UC [Ultrachronos] ist die allerletzte Phase des physischen Daseins. Traumhaft und zeitlos. Gemeinhin beschrieben wird er als der Film, der vor dem Auge eines Sterbenden abläuft und alles ihm Wesentliche noch einmal in Erinnerung ruft. Die höchste Transzendenzstufe einer menschlichen Entität, nahe am Übertritt zu den Geistern.“ (Seite 311)

„Der Tod ist, glaube ich, das Entrée in die Gleichzeitigkeit von allem. Nacheinander wird Nebeneinander.“ (Seite 203)

Von Claudia fehlt jede Spur. Wurde sie wie Marita ermordet?

Laura verlangt von Arndt die Ehescheidung. Da Walter sie vertritt, beauftragt Arndt Annes Chef Krutzler, seine Interessen wahrzunehmen. Bei einer Verhandlung zu viert in Zürich einigen die Parteien sich auch über die finanziellen Regelungen.

Während Arndt in Zürich ist, kehrt Anne allein nach München zurück. Einige Zeit später erfährt Arndt, dass sie bei Sam und Ala auf Las Palmas ist. Er fliegt hin und nimmt an einem von Sam bzw. dessen Sekretär Dr. Frantisek Mucos organisierten Ausflug auf den Teide in Teneriffa teil.

Durch einen Besuch Arndts bei Sibylle in München stellt sich heraus, dass Markus log. Weder hat sie finanzielle Schwierigkeiten mit ihrem Reisebüro, noch bekam sie Geld von Markus.

Arndt, nach dem inzwischen mit einem Haftbefehl gefahndet wird, taucht erneut in Berlin unter. Weil er jedoch sein Apartment versiegelt vorfindet, treibt er sich tagsüber in Kaufhäusern herum und schläft nachts in Swingerclubs, bis er ein „teilmöbliertes Wohnklo“ mieten kann.

Sieht aus wie Gefängnis, nur fehlt der Fernseher. (Seite 386)

Bei einem russischen Mafioso bestellt er einen gefälschten Reisepass, spaßeshalber auf den Namen Samuel Kurthes.

Zufällig begegnet er auf der Straße Ala. Er spricht die Achtunddreißigjährige an, aber sie erkennt ihn erst nach einer Weile. Offenbar hat sie ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen; den Namen Ala hört sie zum ersten Mal und sie streitet ab, als Abiturientin eine Affäre mit ihm gehabt zu haben. Arndt gesteht ihr, dass er von der Polizei gesucht wird. Ala nimmt ihn mit in ihren Holzwohnwagen, den sie sich mit dem Aussteiger Henry und ihrer fünfjährigen Tochter Kerstin teilt. Kerstins Vater sei Philosoph und Schriftsteller, ein halber Tscheche, antwortet sie auf Arndts entsprechende Frage und wundert sich, wieso er weiß, dass der Mann Sam heißt. Um Mitternacht lässt Ala sich von Arndt zum Ufer der Elbe begleiten und klaut fünf Stangen Zigaretten von einem Boot der Zigarettenmafia. Dabei werden sie vom Scheinwerfer eines Polizeiboots erfasst, aber es gelingt ihnen, sich auf einem anderen Motorboot zu verstecken, das – so stellt sich heraus – Arndt gehört. Ala beschwert sich über den üblen Geruch und fragt neugierig nach dem Inhalt eines großen Pakets, das sie in einem Stauraum gefunden hat, aber Arndt will nicht, dass sie es anfasst, und sobald die Polizei abgedreht hat, geht er mit ihr wieder an Land. Dort werden sie von einem kleinen Chinesen mit vorgehaltener Pistole angehalten. „Wasse mach hieee?“ Arndt stürzt sich auf den Zigarettenschmuggler. Der schießt und rennt davon. Ala bricht mit einem Kopfschuss tot zusammen. Ihre Leiche wird am nächsten Morgen von der Polizei gefunden.

Arndt fliegt nach Heraklion, um sich in sein Apartment auf Kreta zurückzuziehen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zwanzig Jahre später empfängt Sam in der Villa am Lago Bracciano, die Laura ihm zur Verfügung gestellt hat, eine Fünfundzwanzigjährige. Sie heißt Kerstin Decker (ob er wohl weiß, dass es seine Tochter ist?), studiert Musik und Medienwissenschaften und möchte mit Sam ein Interview über seinen Roman „Ultrachronos“ führen, dessen Protagonist ein Dirigent ist, dem er den Namen Arndt-Hermann Stein gab. Im Verlauf des Gesprächs spielt Sam seiner Besucherin eine Tonbandaufnahme vor, auf der Sibylle berichtet, was 1981 nach der Party in Gauting geschah. Sie war nach Hause gegangen und hatte dort auf Markus gewartet. Als es ihr zu lang dauerte, lief sie noch einmal zurück. Im Wald hörte sie Arndt, Frank, Andreas und Christoph betrunken herumgrölen. Ein Stück weiter vernahm sie ein Stöhnen. Das kam von Markus, der über der am Boden liegenden Marita kniete und sich auf den Ellbogen abstützte, bis er in ihrem Mund kam. Marita übergab sich. Angewidert stand Markus auf, zog seine Hose hoch und ging weg. Sibylle jedoch nahm einen Stein auf, schlug Marita damit tot und verscharrte die Leiche mit bloßen Händen.

Arndt nahm einen letzten Schluck vom köstlichen Wein.
Und er sah vor dem Fenster ein Wesen, ein Wesen von großer Leuchtkraft und Schönheit, und wusste im Moment, als er das Wesen sah, dass er dem Wächter aller Wächter, mehr noch, dem Chef, dem Schöpfer, dem Maximus Creator ins Antlitz sah. Ihm wurde schwindlig, er beugte vor dem Wesen sein Haupt und klammerte sich mit beiden Händen ans Fensterbrett.
„Wer bist du?“
„Der, dessen Schatten du warst.“
[…]
„Dein Schatten?“
„Einer von vielen meiner Schatten.“
Arndt betrachtete das Wesen, geblendet vom grellen Schein […]
„Sag mir, wie ich dich nennen soll.“
„Helmut.“ (Seite 474f)

Arndt fällt ein Zahnputzbecher aus dem Hotelfenster, fünf Meter tief. Dann stürzt er selbst hinaus. Wenn nicht ein Zacken des am Boden zerbrochenen Glases sein Herz durchbohrt hätte, wäre er am Leben geblieben.

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An der Oberfläche geht es in Helmut Kraussers Roman „UC“ um einen unaufgeklärten Fall von Mord und Vergewaltigung – wie in „Die Nacht der Könige“ von Stefan Beuse (2002). Das Geschehen kreist auf dieser Ebene um Sex und Gewalt, Liebe und Tod.

Man baut seinen Text in vielen Schichten auf, sodass ganz oben eine Schicht erscheint, die selbst ein Depp zu verstehen glaubt. So kann man vor sich selbst die Würde bewahren, ohne hungern zu müssen. (Helmut Krausser)

Dass „UC“ nicht einfach ein Thriller ist, deutet Helmut Krausser im Untertitel an, in dem er sich auf das Märchen „Der Schatten“ von Hans Christian Andersen bezieht („UC. Roman von Helmut Krausser, unter Zuhilfenahme eines Märchens von H. C. Andersen“). Auf den Seiten 233 bis 272 erzählt Helmut Krausser das Märchen zwar chronologisch, aber in elf durch die Romanhandlung getrennten Abschnitten.

Während in dem Märchen von Hans Christian Andersen der Schatten an die Stelle des Menschen tritt, wird in Helmut Kraussers Roman „UC“ die Vorstellung zur Wirklichkeit, Fiktion zur Realität. Nicht die Materie ist primär, sondern der Geist erschafft erst die Wirklichkeit. Dabei gibt es – auch das veranschaulicht Helmut Krausser in „UC“ – mehrere Versionen wie in einem Traum, in dem Widersprüchliches gleichberechtigt nebeneinander existiert.

Dem entsprechen esoterisch-zeitphilosophische Überlegungen, die der Schriftsteller Samuel Kurthes – der Name der Figur ist beinahe ein Anagramm des Autorennamens Helmut Krausser – in einem mehrstündigen, auf den Seiten 180 bis 226 wiedergegebenen Vortrag erläutert. Kurthes postuliert einen sogenannten Hyperchronos, einen multidimensionalen Raum ohne Zeitachse, in dem potenzielle und realisierte Ereignisvarianten, Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges nebeneinander existieren. Bevor der Mensch mit dem Tod in diesen Komplex aus Parallelwelten eintritt, soll es vorkommen, dass er sein Leben in Sekundenbruchteilen wie in einem Film mit extremem Zeitraffer ablaufen sieht. Diese Art der Wahrnehmung heißt Ultrachronos. Die Abkürzung – UC – klingt englisch ausgesprochen wie „you see“ (du siehst).

Unsere gewohnte Denkweise wird durch „UC“ in Frage gestellt. Helmut Krausser kritisiert den Individualismus in der westlichen Zivilisation und stellt ihm das Aufgehen in einem kollektiven Bewusstsein gegenüber. Im wahren Sein sei alles mit allem verschmolzen, scheint Helmut Krausser zu glauben.

Der Roman „UC“ hat darüber hinaus eine poetologische Dimension: Helmut Krausser lässt zunächst den Dirigenten Arndt Hermannstein in der 1. Person Singular erzählen, bis auf Seite 185 unvermittelt seine Geliebte Anne in der Ich-Form auftritt. Weitere – durch ein halbes Dutzend verschiedener Schriftarten wiedergegebene – Stimmen kommen dazu und vermischen sich ebenso wie die Zeit- und Handlungsebenen. Textabschnitte (Prolog, Sexualmord-Szene) wiederholen sich mit kleinen Variationen. Samuel Kurthes sammelt Informationen über Arndt Hermannstein und greift in dessen Leben ein. Er fühlt sich als Genie, denn er ist der Romanautor und entscheidet über den Verlauf der Handlung. Ihm stehen die Figuren und potenziellen Ereignisse zur Verfügung. Er kann jedoch gar nicht frei entscheiden, denn er wird von einem mächtigeren Autoren kontrolliert, den Arndt Hermannstein am Ende sogar kurz zu Gesicht bekommt („Sag mir, wie ich dich nennen soll.“ – „Helmut [Krausser].“).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Hans Christian Andersen: Der Schatten
Stefan Beuse: Die Nacht der Könige

Helmut Krausser (Kurzbiografie)
Helmut Krausser: Der große Bagarozy
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