Michael Köhlmeier : Zwei Herren am Strand

Zwei Herren am Strand

Michael Köhlmeier

Zwei Herren am Strand

Zwei Herren am Strand Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-446-24603-4, 253 Seiten, 17.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Ich-Erzähler findet im Nachlass seines Vaters ein dickes Bündel von Briefen, die William Knott, der Privatsekretär des britischen Premierministers Winston Churchill, seinem Vater schrieb. Darin liest er, wie Churchill und Charlie Chaplin Freunde wurden und sich von da an gegenseitig in depressiven Phasen beistanden. – William Knott gab es in der Realität jedoch nicht: Vor dem Hintergrund der Film- und Zeitgeschichte von 1927 bis 1940 hat sich Michael Köhlmeier einen weitgehend fiktiven Plot über zwei historische Persönlichkeiten ausgedacht ...
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Kritik

"Zwei Herren am Strand" ist ein origineller und geistreicher Roman. Nicht stringent, sondern aus­schweifend und im Plauderton vor und zurück springend, erzählt Michael Köhlmeier von der (fiktiven) Freundschaft zweier grund­verschiedener Männer.
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Der Vater des Erzählers, dessen Namen wir nicht erfahren, hatte Geschichte studieren wollen, aber diese Absicht war wegen des Zweiten Weltkriegs nicht zu verwirklichen; er arbeitete schließlich als Beamter bei der kommunalen Marktaufsicht. Als Kind hatte er Charlie Chaplin und Winston Churchill gesehen, die beide gleichzeitig in seine kleine Heimatstadt gekommen waren. Der Clown und der Staatsmann wurden zu seinen großen Vorbildern. Als der Erzähler fünf Jahre alt war, starb seine Mutter. Der Witwer kam über den Verlust nicht hinweg und begann zu trinken [Alkoholkrankheit]. Um sich und seinen Sohn zu retten, machte er sich eine Biografie über Churchill zur Lebensaufgabe. Sein Sohn wurde Lehrer für Geschichte und Literatur an einem Gymnasium. An den Wochenenden trat er als Spaßmacher auf und schrieb Sketches für zwei Personen, die er zusammen mit einer Kollegin aufführte, er als Pierrot, sie als August mit roter Knollennase und zu großer karierter Latzhose. Als sie heiratete und Kinder bekam, trat er einige Zeit solo auf, aber dann brachte er eine Puppe mit auf die Bühne und sprach mit ihr.

Im Herbst 1974 nahm sein Vater im Aachener Rathaus an einem Symposium anlässlich des 100. Geburtstags von Winston Churchill teil und saß im Publikum, als Sebastian Haffner William Knott interviewte, „the very private Private Secretary to a very prime Prime Minister“. Der Churchill-Biograf und der ehemalige Privatsekretär kamen ins Gespräch, und daraus entwickelte sich eine intensive Brieffreundschaft.

Der Erzähler liest nach dem Tod seines Vaters William Knotts Briefe und auch die seines Vaters an den Engländer, die ihm Knotts Witwe zur Verfügung gestellt hat. Auf diese Weise erfährt er von der Freundschaft, die Winston Churchill und Charlie Chaplin verband. Das fasziniert ihn, denn auf den ersten Blick könnten zwei Freunde kaum unterschiedlicher sein. Churchill gehörte dem britischen Hochadel an, war Kriegspremier und Literaturnobelpreisträger, Chaplin wuchs dagegen im Prekariat auf. Während beispielsweise der Politiker einen Streik mit Gewalt niederschlug, bekundete der Schauspieler den Gewerkschaften seine Solidarität.

Der Lehrer und Weißclown beschließt, ein Buch darüber zu schreiben und beschäftigt sich intensiv mit den Biografien von Charlie Chaplin und Winston Churchill. Besonders aufschlussreich findet er das 1979 vom W. Kerr Verlag in Bern veröffentlichte Buch „Chaplins Tugend“ von Josef Melzer, einem Journalisten, der im Sommer 1977 oberhalb von Vevey am Genfer See ein letztes ausführliches Interview mit Charlie Chaplin geführt hatte.

Chaplin und Churchill begegneten sich erstmals im Frühjahr 1927 bei der Einweihungsfeier des „Ocean House“ in Santa Monica, das der Schauspielerin Marion Davies gehörte, der langjährigen Geliebten des Medien-Tycoons William Randolph Hearst. Winston Churchill – der damals als britischer Schatzkanzler amtierte – schlug Charlie Chaplin einen Strandspaziergang vor. Der Regisseur und Schauspieler machte gerade eine schreckliche Zeit durch. Seine Ehe mit Lita Grey war gescheitert, und er wurde in der Öffentlichkeit durch den Schmutz gezogen. Er erzählte seinem Begleiter von seiner Kindheit, von seiner Mutter, seinem vier Jahre älteren Bruder Sydney und dass für ihn kein anderer Beruf als der des Künstlers in Frage gekommen sei. Aber nun, mit 38 Jahren, würde er sich am liebsten am nächsten Baum erhängen oder von der nächsten Brücke stürzen. Churchill hörte ihm zu und vertraute ihm dann an, dass er seit seinem sechsten Lebensjahr ebenfalls von Selbstmordgedanken heimgesucht werde. Sie schlossen einen Pakt gegen ihren gemeinsamen Feind, den „schwarzen Hund“. So nannten sie Phasen der Depression. (Die Bezeichnung stammt von dem englischen Dichter und Gelehrten Samuel Johnson.)

Kurz nach dem ersten Spaziergang der beiden Herren am Strand lud Winston Churchill seinen neuen Freund ins Biltmore Hotel in Coral Gables/Florida ein, wo er mit seiner Familie abgestiegen war, und Charlie Chaplin folgte der Einladung.

Er hatte finanzielle Sorgen, denn er musste nicht nur einen riesigen Betrag an Einkommensteuer nachzahlen, sondern Lita Grey erwirkte außerdem einen Gerichtsbeschluss, demzufolge sie 800 000 Dollar von ihm bekommen sollte, und seine Anwaltskosten beliefen sich auf eine weitere Million. Später berichtete Chaplin dem Journalisten Josef Melzer von dem Abend mit Churchill im Speisesaal des Biltmore Hotels. Churchill habe eine Zigarre nach der anderen geraucht, Unmengen von Alkohol getrunken und viel lauter als nötig gesprochen. Vielleicht wäre die Freundschaft gleich wieder zerbrochen, wenn nicht der Oberkellner Churchills 13 Jahre alte Tochter Sarah an ihren Tisch geführt hätte. Das Mädchen konnte nicht schlafen. Angesichts seiner Tochter änderte Churchill sofort sein Verhalten und trank nichts mehr. Da wusste Chaplin, dass ihre Freundschaft besiegelt war.

Was wer auch immer über ihn, Chaplin, sagen mochte, es würde Churchill ganz egal sein. Und wenn er tatsächlich der miese Schuft wäre, als den ihn Lita und ihre Anwälte und journalistischen Komplizen der Welt unter die Nase rieben, es war Churchill ganz egal. Dass sie politisch einander diametral gegenüberstanden; dass der eine in Gandhi einen nackten Fakir ohne Bedeutung sah, der andere aber einen großen Politiker, der dem Empire noch mächtig zusetzen könnte; dass der eine dem Kommunismus zutraute, die Ungerechtigkeit abzuschaffen, der andere ihn als eine Maschine zur gleichmäßigen Verteilung des Elends bezeichnete […], das alles war ganz egal. Sie hatten einen gemeinsamen Feind, der saß in ihnen; er lauerte nicht in dem mondänen, gold- und vanillefarbenen Speisesaal des Biltmore Hotels, nicht in dem skandalsüchtigen Hollywood, nicht in den Hirnen irgendwelcher heruntergekommener Schreiber, nicht in Anwaltskanzleien und nicht hinter Richterpulten, er lauerte nicht in irgendeiner Parteizentrale und nicht im Schützengraben jenseits einer Stacheldrahtbarriere – er saß in ihnen, und diesem Feind galt ihre Allianz; alles andere stand nicht zur Diskussion und würde nie zur Diskussion stehen.

Von da an nannten sie sich Charlie und Winston.

An einem der nächsten Tage wanderten sie zu den Malibu Hills, wo Churchill einen Platz für seine Staffelei suchte. Malen, erklärte er Chaplin, sei sein Versuch, sich von Selbstmordgedanken abzulenken und depressive Phasen zu überwinden. Dann fragte er, wie Chaplin mit dem „schwarzen Hund“ umgehe, und der Filmkünstler beschrieb ihm die „Methode des Clowns“. Dabei breitete er einen großen Papierbogen auf dem Fußboden aus, legte sich bäuchlings darauf und schrieb sich selbst einen Brief, während er sich im Uhrzeigersinn drehte. Die Schrift verlief also in einer Spirale von außen nach innen.

Einige Zeit später probierte Churchill die „Methode des Clowns“ aus, die Chaplin von Buster Keaton und dieser von Harold Lloyd übernommen hatte. Sie funktionierte über einen Entfremdungseffekt: Man machte sich selbst lächerlich, damit ein Teil des Ichs über den anderen lachen konnte.

Im September 1927 nahm Charlie Chaplin nach achtmonatiger Unterbrechung die Arbeit an „Der Zirkus“ wieder auf. Anfang Oktober fand die Premiere des von Gordon Hollingshead und Alan Crosland inszenierten ersten abendfüllenden Tonfilms statt: „Der Jazzsänger“. Charlie Chaplin fand es zwar gut, dass der Regisseur nun die Musikuntermalung eines Films festlegen konnte, aber von Dialogen hielt er nichts: „Musik ja, Wort nein.“

Im November 1927 beendete Charlie Chaplin die Dreharbeiten für „Der Zirkus“. Nachts wachte er auf, und der „schwarze Hund“ war wieder da. Um ihn zu überwinden, arbeitete Chaplin wie besessen im Schneideraum. Er schnitt den Film auf die Hälfte zusammen. Sein Bruder Sydney meinte, die Handlung sei in der drastisch gekürzten Form ohne ausführliche Zwischentitel nicht mehr verständlich, aber davon wollte Charlie Chaplin nichts wissen:

„Keine Zwischentitel. Keine gesprochenen, keine geschriebenen. Die Zwischentitel sind liquidiert. Wir werden Gedichte darüber sprechen. Es ist ein lyrischer Film.“

Weihnachten verbrachte Charlie mit Sydney und dessen Ehefrau Minnie in den San Gabriel Mountains. Seine Depression schien vorbei zu sein. Aber als er dann zurück in seinem Haus in Beverly Hills unterhalb der alles überragenden Villa „Pickfair“ von Mary Pickford und Douglas Fairbanks war, meldete sich der „schwarze Hund“ zurück. Am dritten Tag rief er den Arzt Dr. Van Riemsdyk an und bat ihn, ihm ein „gewisses Analgetikum“ zu bringen. Der Mediziner weigerte sich jedoch, ihm Morphium zu beschaffen. Daraufhin wandte Chaplin sich an dessen Kollegen Raphael Brooks. Der stand eine Stunde später in der Tür und empfahl ihm eine Dreitagekur mit Heroin, um den Teufelskreis von Schlaflosigkeit und Sinnlosigkeit zu durchbrechen.

Eine kurzfristige Kur mit relativ hoher Dosierung sprenge die Depression weg und gebe dem Körper keine Gelegenheit, eine Sucht zu entwickeln. Brooks verglich die Depression mit einer brennenden Ölquelle und das Heroin mit Nitroglycerin.

Am letzten Tag des Jahres um die Mittagszeit telegrafierte Chaplin: „Charlie braucht Winston.“ Und der Freund versprach, sich so rasch wie möglich auf den Weg zu machen.

Vier Tage später führte man „Der Zirkus“ einem ausgewählten Publikum in New York vor. Das war begeistert. Sogar Kritiker, die Chaplin gegenüber kritisch eingestellt waren, lobten den Film. Marti Hobsons hymnische Besprechung in der Cosmopolitan leitete einen Umschwung in der öffentlichen Meinung ein. Als Churchill am 5. Januar in New York eintraf und sich sogleich zu Chaplin ins Waldorf Astoria fahren ließ, traf er auf einen kerngesunden und bestens gelaunten Filmemacher. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, kommentierte Chaplin. Am nächsten Tag fand im Strand Theatre in New York die Weltpremiere von „Der Zirkus“ statt. Chaplin hatte alle Hände voll zu tun und kaum Zeit für seinen Freund. Churchill nahm jedoch an, Chaplin gehe ihm aus dem Weg.

Erst drei Jahre später, im Februar 1931, sahen sie sich wieder. Charlie Chaplin hielt sich anlässlich der Premiere von „Lichter der Großstadt“ im Dominion Theatre in London auf, und Lady Astor lud ihn mit anderen Prominenten zusammen zum Lunch auf ihren Landsitz Cliveden ein. Ohne von der Freundschaft der beiden Herren etwas zu wissen, hatte sie auch Churchill auf die Gästeliste gesetzt. Der lud Chaplin auf seinen Landsitz Chartwell ein, überließ es dann aber seiner Ehefrau Clementine, sich um den Gast zu kümmern.

Nachdem sich der Politiker und der Schauspieler im September kurz in Biarritz getroffen hatten, reiste Chaplin im Dezember 1931 erneut nach London. Eigentlich wollte er über Weihnachten dort bleiben und mit den Waisenkindern der Hanwell Schools feiern. Als er jedoch erfuhr, dass Churchill in Manhattan von einem Taxi angefahren worden war, kehrte er sofort in die USA zurück. Der Butler und die Krankenschwester, die sich um den Verletzten kümmerten, hielten den Besucher für einen Hochstapler, als er sich mit seinem Namen vorstellte, aber Charlie Chaplin ließ sich nicht abweisen. Über eine Woche lang besuchte er seinen Freund täglich. Churchill, der bei einer Cousine in New York zu Gast war, malte ein Porträt von ihm.

Charlie Chaplin räsonierte über sich und die Filmfigur des Tramps.

Sein Beitrag zur Kunst war der Tramp und nichts anderes. Er hatte den Film nicht erfunden, er hatte den Slapstick nicht erfunden, die lustigen Verfolgungsjagden nicht, nicht den Kampf mit den Dingen, nicht die Tortenschlachten und nicht das stumme Spiel mit Gesicht und Gebärden; Asta Nielsen war die bessere Mimin, Douglas Fairbanks der vielseitigere Charakterdarsteller. Die Figur des Tramps aber hatte er erfunden, er allein. Er hatte sie zu einer Ikone gestaltet, die einen stolzen Platz neben Don Quijote hätte einnehmen können.

Er habe sich gedacht: Ich bin ich, wie Gott mich gemacht hat, der Tramp aber bin ich, wie ich mich gemacht habe, und der Tramp ist besser, und das ist mein Betrug.

Ich bin, was sie über mich sagen: eitel, egozentrisch, geizig, herrschsüchtig, brutal, rücksichtslos, bösartig, lüstern. Aber ich habe einen geschaffen, der besser ist als ich. Darin besteht meine Tugend.

Der erste von zwei erhaltenen Briefen Churchills an Chaplin datiert aus dem Jahr 1932. Er machte sich Sorgen wegen seiner inzwischen 18-jährigen Tochter Sarah, die seiner Meinung nach zu sehr nach seiner Mutter Jeanette („Jennie“) geriet, die ein promiskuitives Leben führte und Männern wie dem englischen König Edward VII., König Milan von Serbien, dem ungarischen Diplomaten Karl Graf Kinsky und dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck den Kopf verdrehte. Angeblich kam sie auf mehr als 200 Liebhaber. Ihr letzter Ehemann war 25 Jahre jünger als sie, fünf Jahre jünger als ihr Sohn.

Charlie Chaplin und Winston Churchill hatten einmal davon gesprochen, sich gemeinsam einen Plot über Napoleon auszudenken. Daraus wurde nichts. Aber 1940 brachte Chaplin eine Satire über einen anderen Diktator ins Kino, über Adolf Hitler, der wie er im April 1889 geboren worden war und einen ähnlichen Bart trug. Bereits Mitte der Dreißigerjahre, als er daran noch gar nicht dachte, kamen seltsamerweise Gerüchte darüber auf, dass Chaplin einen Film über Hitler vorbereite. Von entsprechenden Medienberichten am meisten überrascht war er selbst. Es ereigneten sich aber noch weitere Merkwürdigkeiten. So erhielt er im Mai 1939 den Anruf einer Frau, die sich als „Hannelore“ vorstellte und sich mit ihm in einem Bistro am Wilshire Boulevard in Los Angeles verabredete. Chaplin, der gerade Lust auf ein Abenteuer hatte, wartete dort eine dreiviertel Stunde. Dann kam ein Paar auf ihn zu. Die angebliche Hannelore verließ das Lokal gleich wieder, ohne Chaplin begrüßt oder auch nur angeschaut zu haben. Der Mann erklärte Chaplin, sie müsse zu einem wichtigen Termin. Dann sprach er eine seltsame Warnung aus und ließ den Filmkünstler stehen.

Chaplin werde, wenn er nicht auf sich achte, in spätestens einem Jahr sich selbst das Leben nehmen; er werde glauben, es sei sein eigener Entschluss, in Wahrheit aber werde er, ohne es gemerkt zu haben, so weit getrieben worden sein. Er müsse sich im Klaren sein, dass er es mit Leuten zu tun habe, die über die raffiniertesten Methoden der Kriegsführung verfügten. Die Ausschaltung seiner Person sei ein Akt der Kriegsführung. Mehr habe er ihm nicht zu sagen.

Ein halbes Jahr später kündigte Kono Toraichi, der vor 18 Jahren als Chauffeur bei Charlie Chaplin angefangen und sich nicht nur zum Privatsekretär, sondern auch zur Vertrauensperson hochgearbeitet hatte, ohne greifbaren Grund. Während eines Besuchs bei Douglas Fairbanks in Santa Monica klagte Charlie Chaplin, man wolle ihn fertigmachen.

In der Küche des befreundeten Ehepaars Ben und Ethel Eichengreen in Carmel/Kalifornien hörte er die Nachricht von Hitlers Überfall auf Polen. Die Uraufführung der Groteske „Der große Diktator“ am 15. Oktober 1940 konnte Hitler allerdings nicht verhindern.

Am 3. September 1939, zwei Tage nach Kriegsbeginn, wurde Winston Churchill von Premierminister Arthur Neville Chamberlain als Erster Lord der Admiralität erneut ins Kabinett geholt, und im Mai 1940 übernahm er die britische Regierung. Mit seiner Antrittsrede, in der er „blood, wweat and tears“ ankündigte, profilierte er sich als Kriegspremier.

Zum Privatsekretär berief er den 29 Jahre alten William Knott, der am 22. Mai 1911 im Londoner Stadtteil Lambeth zur Welt gekommen gekommen war. Dem Vater des Erzählers schrieb Knott später, Winston Churchill habe in dieser Zeit wie drei Personen gelebt, die sich den Tag untereinander aufteilten. Diese Äußerung wurde dann auch von Churchills Tochter bestätigt:

Mary schreibt in der Biografie ihrer Mutter (Mary Soames, Clementine Churchill, London 1979), für Clementine sei die schier übermenschliche Geschäftigkeit ihres Mannes „eine schwere Bürde“ gewesen. Seinen zweifellos gebenedeiten Monologen zuzuhören, in denen er zweifellos die Geister aller Zeiten in ein einziges fließendes Argument einzubauen verstand, seine Launen, die zweifellos etwas Genialisches hatten, zu parieren oder ihnen auszuweichen, sich gegen sein depressives Schweigen zu stemmen, seine Wutausbrüche hinzunehmen wie das Wetter, kurz: diesem zweifellos großen Leben zuzusehen, sei nicht weniger anstrengend gewesen, als dieses Leben zu führen, weil es ein zweites, eben ihr eigenes Leben, daneben nicht gab.

In der Nacht zum 15. Dezember 1940 sei der Premierminister so niedergeschlagen gewesen, berichtete William Knott dem Vater des Erzählers, dass er ihn mit einem Taxi unerkannt nach Hammersmith gebracht habe, wo Charlie Chaplin im Schneideraum der Haydon Studios arbeitete und ebenfalls mit einer Depression kämpfte. Gemeinsam hätten die beiden Herren in dieser Nacht den „schwarzen Hund“ wieder einmal besiegt.

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Michael Köhlmeier macht in seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ Winston Churchill und Charlie Chaplin zu Freunden, die sich gegenseitig helfen, wenn sie von depressiven Phasen und Selbstmordgedanken heimgesucht werden. Dabei lässt Michael Köhlmeier einen Ich-Erzähler auftreten, übrigens einen Clown, der auf ein 1000 Seiten dickes Konvolut von Briefen zurückgreift, die Churchills Privatsekretär William Knott seinem Vater schrieb. Diesen William Knott gab es in der Realität jedoch ebenso wenig wie das Buch „Chaplins Tugend“ von Josef Melzer, aus dem der Erzähler eifrig zitiert. Vor dem Hintergrund der Film- und Zeitgeschichte von 1927 bis 1940 hat sich Michael Köhlmeier einen weitgehend fiktiven Plot über zwei historische Persönlichkeiten ausgedacht. Dass sowohl Churchill als auch Chaplin die Gefährlichkeit Hitlers spätestens nach dem Überfall auf Polen erkannten und ihn bekämpften – der eine politisch-militärisch, der andere mit den Mitteln der Groteske –, ist immerhin verbürgt.

Nicht stringent, sondern ausschweifend und im Plauderton vor und zurück springend, erzählt Michael Köhlmeier in „Zwei Herren am Strand“ von der Freundschaft der grundverschiedenen Männer. Zwischendurch beschäftigt er sich in längeren Passagen auch einzeln mit seinen Romanfiguren Winston Churchill und Charlie Chaplin.

„Zwei Herren am Strand“ ist ein origineller und geistreicher Roman, eine anregende Lektüre.

Den Roman „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor (2014, ISBN 978-3-8445-1619-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Charlie Chaplin (kurze Biografie)
Winston Churchill (kurze Biografie)

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Jakob Arjouni - Kismet
Die knapp, rasant und spannend erzählte Handlung des Kriminalromans "Kismet" von Jakob Arjouni ist nicht besonders ausgeklügelt. Ein Vergnügen ist die Lektüre vor allem wegen der flapsig-pointierten Dialoge und der parodistischen Elemente.
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