Patricia Highsmith : Der talentierte Mr Ripley

Der talentierte Mr Ripley

Patricia Highsmith

Der talentierte Mr Ripley

Originaltitel: The Talented Mr Ripley Coward-McCann, New York 1955 Deutsche Erstausgabe: Nur die Sonne war Zeuge Rowohlt Verlag, Reinbek 1961 Der talentierte Mr Ripley Neuübersetzung: Melanie Walz Diogenes Verlag, Zürich 2002 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 16, München 2004 ISBN 3-937793-13-5, 333 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Tom Ripley wuchs nach dem frühen Tod seiner Eltern bei einer Tante auf, die ihn für einen Versager hielt. In New York schlägt er sich mit Aushilfstätigkeiten und Betrügereien durch, bis ein Werftbesitzer dem vermeintlichen Freund seines Sohnes eine Reise nach Italien bezahlt, damit er ihn überredet, sein Bohemienleben aufzugeben und nach Hause zurückzukehren ...
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Kritik

In diesem spannenden Kriminalroman lässt Patricia Highsmith uns miterleben, wie ein mehr oder weniger unauffälliger 25-jähriger Underdog zum Mörder wird: "Der talentierte Mr Ripley" ist eine sensible psychologische Studie über eine Verbrecherkarriere.
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Tom Ripley stammt aus Boston, wuchs jedoch nach dem Unfalltod seiner Eltern bei seiner Tante Dottie in Denver auf. Vermutlich weil seine Eltern im Hafen von Boston ertrunken waren, hat er Angst vor dem Wasser und kann nicht schwimmen. Die Tante verachtet ihn als Schwächling und Versager. Er hasst sie dafür. Mit zwanzig verließ er sie, zog nach New York City und träumte davon, Schauspieler zu werden. Seither schlägt er sich mit Aushilfstätigkeiten, Diebstählen und Urkundenfälschungen durch. Zur Zeit – er ist inzwischen fünfundzwanzig – hat er wieder einmal keine Arbeit.

Als er merkt, dass jemand ihm folgt, befürchtet er, verhaftet zu werden, aber der Fremde spricht ihn schließlich an und stellt sich vor: Es handelt sich um den reichen Werftbesitzer Herbert Greenleaf. Durch gemeinsame Bekannte hat er von Tom Ripley erfahren und nimmt fälschlicherweise an, er sei ein enger Freund seines gleichaltrigen Sohnes Richard („Dickie“). Der hat sich vor zwei Jahren in Mongibello, einem Dorf südlich von Neapel, ein Haus gekauft und verbringt seine Zeit mit Malen und Segeln, statt eine Karriere im väterlichen Unternehmen zu beginnen. Weil Richard sich weder durch Drohungen noch gutes Zureden von seinem Bohemienleben abbringen ließ, setzt Mr Greenleaf seine Hoffnungen darauf, dass Tom seinem Sohn schreibt. Bevor Tom es mit dem Verstand begreift, wittert er die Chance, aus New York wegzukommen, wo er aufgrund seiner Betrügereien nicht mehr sicher ist, und für eine Weile in Europa ein unbeschwertes Leben führen zu können.

Irgendetwas fand sich immer. Das war Toms Credo. (Seite 15)

Geschickt lenkt er Mr Greenleaf auf den Gedanken, ein persönliches Gespräch zwischen den beiden vermeintlichen Freunden sei Erfolg versprechender als ein Brief, und als der Unternehmer ihm anbietet, die Reisekosten zu bezahlen und ihn mit 600 Dollar in Travellerschecks auszustatten, tut er so, als müsse er Urlaub beantragen und zahlreiche Verpflichtungen bedenken. Zweimal wird er von Mr Greenleaf und seiner an Leukämie erkrankten Ehefrau Emily zum Essen eingeladen. Mitte Oktober reist Tom Ripley in einer Erster-Klasse-Kabine nach Cherbourg. Dort nimmt er den Zug nach Paris und fährt im Schlafwagen weiter nach Neapel, von wo aus eine Busverbindung nach Mongibello besteht.

Er findet Richard Greenleaf und dessen Freundin Marge Sherwood am Strand. Der reiche Unternehmersohn kann sich an Tom nicht erinnern, den er nur einmal flüchtig sah und verhehlt nicht, dass er keine Lust hat, ihn näher kennen zu lernen. Ungeduldig wartet er darauf, dass der ungebetene Besucher sich verabschiedet.

Daraufhin lässt Tom Ripley sich drei Tage Zeit, bis er Richard erneut am Strand anspricht. Er versteht längst, dass es mehr Spaß macht, in alten Klamotten zu segeln und niemandem Rechenschaft zu schulden, als mit Anzug und Krawatte in einem Büro zu sitzen, aber er hat versprochen, seinen vermeintlichen Einfluss auf Richard zu nutzen und ihn zur Rückkehr in die USA zu bewegen. Weil das Vorhaben an dessen abweisender Haltung zu scheitern droht, spielt Tom seine letzte Karte aus: Er verrät Richard, dass er nicht zufällig nach Mongibello gekommen sei, sondern im Auftrag seines Vaters, um ihn zur Aufgabe seiner Lebensweise zu überreden. Darüber amüsiert Richard sich; er wird zugänglicher, lädt Tom zum Essen ein und zeigt ihm seine (stümperhaften) Gemälde.

Die beiden jungen Männer befreunden sich, und schließlich fordert Dickie Tom auf, vom Hotel in sein Haus umzuziehen.

Über das Verhältnis von Dickie und Marge wird Tom sich nicht ganz klar. Marge schreibt in einem eigenen kleinen Haus an ihrem ersten Roman, und er vermutet, dass sie Dickie wirklich liebt, während es sich für den Unternehmersohn, der sich für einen Künstler hält, mehr um eine platonische Freundschaft handelt. Tom ist ein wenig eifersüchtig auf Marge und fühlt sich wohler, wenn er mit Dickie allein ist. Umgekehrt reagiert Marge auf die wachsende Freundschaft zwischen den beiden Männern mit Eifersucht und argwöhnt, Tom könne homosexuell sein.

Tom jedenfalls sorgte dafür, dass Dickie sich amüsierte. Er konnte ihm zahllose komische Geschichten über Leute in New York erzählen, manche wahr, andere erfunden. Jeden Tag fuhren sie mit Dickies Segelboot hinaus. Von Toms Abreise war nicht mehr die Rede. Offenkundig genoss Dickie seine Gesellschaft. (Seite 81)

Als Tom und Dickie zu einem Ausflug nach Neapel aufbrechen, begegnen sie an der Bushaltestelle einem engen Freund Dickies, Freddie Miles, dem Sohn eines amerikanischen Hotelkettenbesitzers. Er hat mit Dickie und Marge in ein paar Wochen einen Skiurlaub in Cortina d’Ampezzo geplant.

Einmal nimmt Tom ein Hemd, Schuhe und einen Flanellanzug seines Freundes aus dem Schrank, schlüpft hinein und betrachtet sich im Spiegel. Dickie ertappt ihn dabei, fordert ihn ärgerlich auf, die Sachen wieder auszuziehen und wundert sich über das eigenartige Verhalten Toms.

Am 10. November schreibt Mr Greenleaf Tom einen Brief, in dem er feststellt, dass dessen Bemühungen offenbar fehlgeschlagen seien und er ihm höflich klarmacht, dass er den Auftrag für beendet hält.

Eigentlich sollte Tom mit nach Cortina kommen, doch während einer Ausflugsfahrt nach San Remo erklärt Dickie, er wolle doch lieber nur Marge dabei haben, denn sie weigere sich sonst, mitzukommen. Tom glaubt zu wissen, dass seine Freundschaft mit Dickie – und damit auch das herrliche Leben an dessen Seite – zu Ende geht. Unvermittelt beginnt er Dickie zu hassen.

Er hatte Dickie Freundschaft, Kameradschaft und Achtung dargebracht, alles, was er geben konnte, und Dickie hatte es ihm mit Undank und nun sogar mit Feindseligkeit gelohnt. Dickie warf ihn ungerührt in die Kälte hinaus. Wenn er ihn auf dieser Reise ermordete, dachte Tom, konnte er einfach einen Unfall vortäuschen. Er konnte … Plötzlich hatte er eine brillante Idee: Er konnte Dickie Greenleaf werden. Er konnte alles tun, was Dickie tat. Er konnte nach Mongibello fahren und Dickies Sachen abholen, Marge irgendeinen Unsinn erzählen, in Rom oder Paris eine Wohnung mieten, Dickies monatlichen Scheck entgegennehmen und Dickies Unterschrift darauf fälschen. Er konnte ohne weiteres Dickies Rolle spielen. (Seite 114)

Tom schlägt Dickie vor, ein kleines Motorboot zu mieten. Als sie weit draußen sind und Tom sich vergewissert hat, dass kein anderes Schiff in Sichtweite ist, hebt er das für den Notfall gedachte Ruder auf, holt aus und schlägt damit Dickie auf den Kopf. Immer wieder schlägt er zu, bis das Opfer sich endlich nicht mehr bewegt. Dann zieht Tom dem Leichnam die beiden Ringe ab, bindet ihn an das an Bord vorhandene Zementgewicht und kippt ihn ins Wasser. In einer menschenleeren Bucht füllt er das Boot mit Steinen, schiebt es ins tiefere Wasser und versenkt es, indem er es volllaufen lässt.

Noch am selben Tag reist er nach Mongibello zurück. Auf dem Weg von der Busstation zu Dickies Haus begegnet er Marge. Sie fragt nach Dickie, und er lügt, der sei in Rom geblieben, wo er die nächsten Wochen verbringen wolle und habe ihn geschickt, um ein paar Sachen zu holen. Am 28. November schreibt er in Dickies Handschrift einen Brief an Marge, in dem er ihr mitteilt, er habe sich entschlossen, den Winter in Rom zu verbringen, denn er benötige einen Szenenwechsel und müsse allein sein, um sich über seine Gefühle ihr gegenüber klar zu werden.

Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Paris kehrt Tom Ripley alias Richard Greenleaf am 4. Januar nach Rom zurück und mietet eine Wohnung für ein Jahr. Allerdings hat er nicht vor, die ganze Zeit über in Rom zu bleiben: Als Erstes will er mit dem Zug nach Neapel und dort am 31. Januar mit dem Schiff nach Palma de Mallorca.

Während er die Koffer packt, steht unangemeldet Freddie Miles in der Tür. Irgendwie muss er die Adresse herausgefunden haben. Tom zieht unbemerkt die Ringe ab und behauptet, Dickie sei zum Essen ausgegangen und komme voraussichtlich erst in ein paar Stunden zurück. Freddie wundert sich, wieso Dickie nicht nach Cortina d’Ampezzo kam und sich nicht bei ihm gemeldet hat. Nachdem Freddie endlich gegangen ist, hört Tom, wie er im Erdgeschoß mit Signora Buffi redet, die ihm erklärt, Mr Greenleaf wohne allein in seiner Wohnung und er müsse auch da sein, denn er habe heute das Haus noch nicht verlassen. Argwöhnisch kehrt Freddie zurück. Tom erschlägt ihn mit einem schweren Aschenbecher. Bei dem Toten findet er Autoschlüssel und einen Fahrzeugschein für ein schwarzes Fiat-Cabriolet, das er vom Fenster aus sehen kann. Er trinkt selbst etwas Gin und Pernod, um danach zu riechen und hält der Leiche die Flaschen an den Mund, wobei ein Gutteil davon die Kleidung bekleckert. Sobald es dunkel wird, setzt Tom dem Toten einen Hut auf, um die Wunde an der Schläfe zu verbergen, zieht den leblosen linken Arm um seine Schulter und schleppt den Körper wie den eines Betrunkenen zu dem Fiat.

Das erste Risiko und das Schlimmste, was ihm passieren konnte, war die Möglichkeit, dass er unter Freddies Gewicht zusammenbrach, bevor er den Wagen erreichte. Er hatte sich vorgenommen, auf der Treppe nicht innezuhalten, und er tat es nicht. Niemand kam aus einer der Wohnungen, niemand kam zur Haustür herein. Während der Stunden des Wartens hatte Tom Folterqualen gelitten bei der Vorstellung, was alles geschehen könnte – dass Signora Buffi oder ihr Ehemann aus ihrer Wohnung kamen, während er gerade das Erdgeschoß erreichte, oder dass er ohnmächtig wurde und man ihn und Freddie nebeneinander reglos auf der Treppe fand oder dass er Freddie nicht wieder hochzustemmen vermochte, nachdem er ihn abgesetzt hatte, um zu verschnaufen –, und er hatte sich all das so lebhaft ausgemalt und sich dabei vor Entsetzen gewunden, dass er nun, als er die Treppe bewältigt hatte, ohne eine einzige seiner Befürchtungen wahr werden zu sehen, den Eindruck gewann, er stehe unter einem überirdischen Schutz und bewege sich deshalb trotz des enormen Gewichts auf seinen Schultern mit verblüffender Leichtigkeit. (Seite 168)

An der Via Appia Antica legt er die Leiche hinter einem Grabmal ab und parkt dann den Wagen vor einem Nachtlokal.

Schon am nächsten Tag erhält Tom alias Dickie Besuch von der Polizei. Ein Arbeiter hatte Frederick Miles‘ Leiche am Morgen entdeckt, und die ersten Ermittlungen ergaben, dass der Ermordete gestern Nachmittag hier gewesen war. Tom wird gebeten, sich in den nächsten Tagen für eventuelle weitere Fragen zur Verfügung zu halten. Seine Reise nach Mallorca storniert er. Um von Marge und anderen Freunden Freddies, die von dem Mord aus der Zeitung erfahren, nicht so leicht überrascht zu werden, verlässt Tom die Wohnung, nimmt ein Zimmer im Hotel Inghilterra und weist das Personal an der Rezeption an, er wolle weder telefonisch noch durch Besucher gestört werden.

Am selben Tag liest er in der Zeitung, dass bei San Remo das Motorboot gefunden wurde und Blutspuren auf eine Gewalttat schließen lassen. Gewiss wird die Polizei die Melderegister in den Hotels überprüfen und dabei auf die Namen Tom Ripley und Richard Greenleaf stoßen! Mit Greenleaf glaubt die Polizei gerade noch in Rom gesprochen zu haben, aber wo ist Ripley? Wurde er ermordet? Man wird Dickie verdächtigen, weil er sich zum Zeitpunkt eines möglichen Gewaltverbrechens in San Remo aufgehalten hatte und Fredrick Miles unmittelbar vor seiner Ermordung bei ihm zu Besuch gewesen war. Tatsächlich dauert es nicht lang, bis die Polizei den vermeintlichen Richard Greenleaf nach Mr Ripley befragt.

Mit ausdrücklicher Genehmigung der römischen Polizei darf Tom alias Dickie nach Palermo fahren. Er will gerade das Hotel in Rom verlassen, da klingelt das Telefon: Marge ist in der Halle! Tom, der sich nur mit „pronto“ gemeldet hat, erzählt Marge, Dickie sei gerade nicht da und er selbst erwarte in der nächsten Minute einen Besucher für ein Bewerbungsgespräch, denn er bemühe sich gerade um eine Stelle. Marge soll in einer Bar in der Nähe des Hotels auf ihn und Dickie warten. Nachdem er sich vergewissert hat, dass Marge nicht mehr in der Halle ist, begleicht Tom alias Dickie seine Rechnung und ruft ein Taxi zum Bahnhof.

Seine Adresse in Palermo hat er der Polizei in Rom dagelassen. Marge schreibt einen Brief an Dickie, in dem sie ihm vorwirft, sich augenscheinlich aus Feigheit davor zu drücken, mit ihr Schluss zu machen. Die Polizei, der Marge mitteilte, sie habe im Hotel Inghilterra mit Tom Ripley telefoniert, meldet sich bei dem vermeintlichen Richard Greenleaf in Palermo und fragt nach dem Vermissten. In der Rolle Dickies sagt Tom, er habe seinen Freund vor drei oder vier Tagen in Rom gesehen, wisse aber nicht, wo er sich zur Zeit aufhalte.

Die Schwierigkeiten nehmen zu: Die Bank teilt Mr Richard Greenleaf mit, man halte die Unterschrift unter seinem Januar-Scheck für gefälscht. Tom schreibt unter Dickies Namen zurück, er habe den Scheck persönlich unterzeichnet und das Geld ordnungsgemäß erhalten, es bestehe also kein Anlass für irgendwelche weiteren Nachforschungen. Aber die Polizei, die von dem Fälschungsverdacht erfahren hat, fordert ihn auf, unverzüglich nach Rom zurückzukehren.

Widerwillig nimmt Tom seine alte Identität wieder an. Er fährt mit dem Zug nach Verona und mit dem Bus weiter nach Trient, um dort einen Gebrauchtwagen zu kaufen. Dickies Sachen deponiert er unter dem Namen Robert S. Fanshaw bei American Express in Venedig. Nur Dickies Ringe behält er und bewahrt sie in einem alten Lederkästchen mit Knöpfen, Füllerfedern, Garn und Nadeln auf. Als in der Zeitung zu lesen ist, dass die Polizei nach Tom Ripley fahndet, meldet er sich bei der Polizei in Venedig und tut so, als habe er gerade erst erfahren, dass die Polizei mit ihm sprechen möchte. Der Beamte, dem der Name Ripley nichts sagt, telefoniert mit einem Kollegen in Rom. Tom wird gebeten, nach Rom zu kommen, doch als er kaltblütig klarstellt, dass er nicht vorhabe, nach Rom zu reisen, wird ihm der Besuch eines Kriminalbeamten in seinem Hotel in Venedig angekündigt. Er sei einige Zeit in Norditalien herumgefahren, sagt Tom aus, und habe vorwiegend im Auto geschlafen. Man will von ihm wissen, wo der seit seiner Abreise aus Palermo spurlos verschwundene Richard Greenleaf zu finden sei; man müsse dringend mit ihm sprechen, denn an dem Abend, als Frederick Miles ermordet wurde, beobachtete ein Zeuge zwei Männer in der Nähe seines in der Straße vor Greenleafs Wohnung geparkten Autos. Sie wirkten betrunken, aber einer der beiden Männer könne auch tot gewesen sein.

Am 28. Februar schreibt Tom einen Brief an Mr Herbert Greenleaf und teilt ihm mit, er habe Dickie um den 2. Februar herum, also wenige Tag nach Freddies Ermordung, im Hotel Inghilterra in Rom zum letzten Mal gesehen. Damals habe er nervös und niedergeschlagen gewirkt und möglicherweise darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen.

Tom mietet einen venezianischen Palazzo mit Blick auf den Markusplatz und stellt ein italienisches Paar für die Hausarbeit ein.

Auf Dickies alter Hermes-Reiseschreibmaschine tippt er ein Testament, in dem Dickie seinen Freund Tom als Alleinerben einsetzt und wirft dann die Maschine ins Wasser.

Am 4. April ruft Marge an: Sie ist in Venedig am Bahnhof und will zu ihm kommen. Bevor sie eintrifft, überprüft Tom noch einmal, dass nichts herumliegt, was Dickie gehörte.

Mr Greenleaf ist nach Rom gereist, und weil er von der italienischen Polizei nicht viel hält, hat einen amerikanischen Privatdetektiv namens Alvin McCarron engagiert, um herauszufinden, was mit seinem Sohn geschehen ist. Am nächsten Tag um die Mittagszeit wollen die beiden Herren nach Venedig kommen und sich mit Tom treffen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Marge, die bei Tom im Gästezimmer übernachtete, hält ihm am Morgen verwundert ein Lederetui hin, in dem sie Dickies Ringe fand, als sie nach Nähzeug suchte, um ihren Büstenhalter zu flicken. Während Tom behauptet, er habe ganz vergessen, dass Dickie ihm die Ringe in Rom zur Aufbewahrung übergab, nimmt er einen Schuh in die Hand und überlegt, ob er Marge mit dem hölzernen Absatz bewusstlos schlagen und sie dann in den Kanal werfen soll. Aber sie gibt sich mit der Erklärung zufrieden und begleitet ihn zu dem Hotel, in dem die Herren Greenleaf und McCarron abgestiegen sind. Tom erzählt auch hier die Geschichte von den Ringen und antwortet auf die Fragen des Privatdetektivs. Nachdem alle wieder abgereist sind, hat er den Eindruck, dass niemand ihn verdächtigt, etwas mit Dickies Verschwinden zu tun zu haben. Greenleaf, McCarron und Marge kehren schließlich wieder in die USA zurück.

Dreist schickt Tom am 3. Juni eine Fotokopie des gefälschten Testaments an Herbert Greenleaf und schreibt in einem Begleitbrief, er habe von Dickie ein verschlossenes Kuvert mit der Aufschrift „nicht vor Juni zu öffnen“ erhalten, es jetzt aufgerissen und zu seiner grenzenlosen Überraschung gelesen, was Dickie in dem Testament geschrieben hat.

Mitte Mai kaufte er sich eine Fahrkarte nach Griechenland. Zwei Tage vor der Abreise besucht er Gräfin Titi della Latta-Cacciaguerra, die er bei einer Abendgesellschaft kennen gelernt hatte und erfährt von ihr, dass in der Zeitung stand, man sei durch Zufall auf Dickies unter einem falschen Namen bei American Express eingelagerte Habseligkeiten gestoßen. Jetzt ist alles aus, denkt Tom, denn die Polizei wird seine Fingerabdrücke auf den Sachen finden. Dazu dann noch das gefälschte Testament mit der merkwürdigen Verfügung zu seinen Gunsten!

Als sein Schiff in den Hafen von Piräus einläuft, stehen vier Polizisten mit verschränkten Armen am Kai. Doch als er auf sie zugeht, ignorieren sie ihn. Tom kann es kaum glauben, dass sie nicht da sind, um ihn zu verhaften. Er kauft Zeitungen und liest, die Polizei habe inzwischen festgestellt, dass die Fingerabdrücke auf den Sachen des Vermissten mit denen in seiner Wohnung in Rom übereinstimmen; er habe seine Habe also persönlich bei American Express in Venedig deponiert. Vermutlich sei er unter einem falschen Namen ins Ausland gereist und untergetaucht.

Mr Greenleaf schreibt ihm, er und seine Frau seien über das Testament offenbar weniger erstaunt als Tom, denn ihnen war klar, dass Dickie ihn gern hatte. Der Unternehmer versichert, er sei mit der Verfügung einverstanden und habe seine Anwälte beauftragt, die Vermögensübertragung an Tom in die Wege zu leiten.

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In dem Kriminalroman „Der talentierte Mr Ripley“ geht es nicht um das „Whodunit“, sondern Patricia Highsmith lässt uns miterleben, wie ein mehr oder weniger unauffälliger fünfundzwanzigjähriger Underdog zum Mörder wird, die Identität seines Opfers annimmt und weiter mordet, um nicht entlarvt zu werden. Es geht also nicht, wie üblich, um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um den Versuch des Mörders, den Verdacht von sich abzulenken. Weil es Patricia Highsmith gelingt, den Täter nicht als Schurken, sondern als Menschen mit Stärken und Schwächen darzustellen, bleibt es nicht aus, dass der Leser mit ihm bangt. Sie bringt also das Kunststück fertig, dass der Leser sich mit der Figur des Mörders identifiziert! Damit zeigt sie gleichzeitig, dass Mörder keine geborenen Monster sind, sondern normale Menschen – und genau das ist besonders beunruhigend. (Vergleiche dazu auch das Vorwort in meinem Buch „Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie“.)

„Der talentierte Mr Ripley“ ist ein außergewöhnlich spannender Kriminalroman und zugleich eine sensible psychologische Studie über eine Verbrecherkarriere. Wie detailliert und sorgfältig Patricia Highsmith ihren Protagonisten beobachtet, zeigt eine Leseprobe.

Eine erste deutsche Übersetzung des Romans von Barbara Bortfeldt erschien 1951 unter dem Titel „Nur die Sonne war Zeuge“.

Aufgrund des Erfolgs verwendete Patricia Highsmith die Romanfigur Mr Ripley auch als Protagonisten in drei weiteren Romanen:

  • Ripley Under Ground, 1970 (Übersetzung von Anne Uhde: Ripley Under Ground, 1972)
  • Ripley’s Game, 1974 (Übersetzung von Anne Uhde: Ripleys Game oder Der amerikanische Freund, 1976)
  • The Boy Who followed Ripley, 1980 (Übersetzung von Matthias Jendis: Der Junge, der Ripley folgte, 1980)
  • Ripley Under Water, 1991 (Übersetzung von Otto Bayer: Ripley Under Water, 1991)

René Clément verfilmte den Roman „Der talentierte Mr Ripley“ 1960 unter dem Titel „Nur die Sonne war Zeuge“. Weitere Verfilmungen der Geschichten über Tom Ripley folgten: „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders (1977), „Der talentierte Mr Ripley“ von Anthony Minghella (1999), „Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund“ von Liliana Cavani (2002).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Diogenes Verlag

René Clément: Nur die Sonne war Zeuge
Wim Wenders: Der amerikanische Freund
Anthony Minghella: Der talentierte Mr Ripley
Liliana Cavani: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund

Patricia Highsmith (Kurzbiografie)

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug
Patricia Highsmith: Carol / Salz und sein Preis
Patricia Highsmith: Tiefe Wasser (Verfilmung)
Patricia Highsmith: Der Schrei der Eule (Verfilmung)
Patricia Highsmith: Venedig kann sehr kalt sein
Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund
Patricia Highsmith: „Small g“ – eine Sommeridylle

Nikola Hahn - Baumgesicht
In den Geschichten und Gedichten, die Nikola Hahn unter dem Titel "Baumgesicht" zusammengestellt hat, geht es weder um ambitionierte noch um spektakuläre Themen, sondern um teils nachdenkliche, teils schalkhafte, immer einfühlsame Erlebnisse von Durchschnitts­menschen im Alltag.
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