Graham Greene : Der Mann, der den Eiffelturm stahl

Der Mann, der den Eiffelturm stahl

Graham Greene

Der Mann, der den Eiffelturm stahl

Manuskripte: 1923 – 1989 Originalausgabe: The Last Word and other Stories, 1990 Der Mann, der den Eiffelturm stahl Übersetzung: Monika Seeger Paul Zsolnay Verlag, Wien 1993 dtv, München 1996 / 2004 ISBN 3-423-13180-2, 183 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Mann, der den Eiffelturm stahl – Nachrichten in englischer Sprache – Der Augenblick der Wahrheit – Das letzte Wort – Der Leutnant starb als letzter – Ein Dienst im Dienst – Das Gedächtnis eines alten Mannes – Das Lotterielos – Das neue Haus – Ein Dichter in Nöten – Mord aus falschem Motiv – Eine Verabredung mit dem General
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Kritik

Die von Graham Greene in einem Band mit dem Titel "Der Mann, der den Eiffelturm stahl" zusammengefassten, sehr verschiedenen zwölf Erzählungen stammen aus den Jahren 1923 bis 1989.
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Der Mann, der den Eiffelturm stahl

Es war nicht so sehr der Diebstahl des Eiffelturms, der mir Schwierigkeiten bereitete; es war die Frage, wie ich ihn zurückbringen sollte, bevor ihn irgendwer vermisste. (Seite 9)

Mit einer Flotte von 102 sechsrädrigen Lastwagen lässt der Erzähler den Eiffelturm heimlich nach Chantilly transportieren und fährt dann zurück zum verwaisten Standort in Paris, wo die großen Betonklötze, auf denen bis dahin der Eiffelturm stand, wie Grabmäler aussehen. Jemand hat auch bereits ein Blumengebinde zu Ehren der Helden der Résistance niedergelegt. Einem irritierten Taxifahrer, der ein amerikanisches Touristenpaar zum Eiffelturm bringen soll, rät er Erzähler, stattdessen zum Tour d’Argent zu fahren.

Natürlich bestand immer das Risiko, dass die Belegschaft das öffentliche Interesse auf sich ziehen könnte, aber das hatte ich berücksichtigt. Die Arbeiter und Angestellten wurden wöchentlich entlohnt, und welcher Mann oder welche Frau wäre wohl so töricht, zuzugeben, dass der Arbeitsplatz verschwunden war, bis die Woche wieder vorbei und das Geld verdient war? (Seite 11)

Nach fünf Tagen bringt der Erzähler den Eiffelturm unbemerkt wieder zurück. Kurze Zeit später erlebt er, wie ein Taxifahrer mit dem amerikanischen Touristenpaar vor dem Eiffelturm hält, das der Erzähler schon einmal beobachtete. Als die beiden den Eiffelturm sehen, glauben sie, der Taxifahrer habe sich geirrt, denn diesen Turm kennen sie nicht. Geistesgegenwärtig empfiehlt der Erzähler dem Taxifahrer, sie zum Tour d’Argent zu bringen.

Nachrichten in englischer Sprache

Als Mrs Bishop und ihre Schwiegertochter Mary in ihrem Haus in Crowborough kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs den Sender Zeesen hören und in einer Propagandasendung um 21.15 Uhr ein neuer Sprecher ans Mikrofon kommt, erkennen sie die Stimme ihres Sohnes bzw. Ehemanns David Bishop. Einige Tage später schreiben die englischen Zeitungen, der Mathematikprofessor David Bishop sei nach Deutschland übergelaufen und habe seine Frau und seine Mutter den deutschen Bomben ausgeliefert.

Jeden Abend um 21.15 Uhr ist er zu hören. Einmal fallen die Worte „Die Sache ist die …“; dann folgen Angaben über Lebensmittelpreise und die Menge des verfügbaren Fleisches, und er spricht von scheinbar irrelevanten Dingen wie Mandarinen und Spielzeugzebras. Will er eine Vorstellung vom Reichtum der Deutschen vermitteln? Plötzlich springt Mary Bishop hoch, sucht Bleistift und Papier. Ihre Schwiegermutter wundert sich.

Am nächsten Morgen meldet sich Mary Bishop im Kriegsministerium.

„Wenn er von mir getrennt war und mir am Telefon sagte: ‚Die Sache ist die‘, bedeutete das immer: ‚Das sind alles Lügen, aber nimm die Anfangsbuchstaben der folgenden Wörter.'“ (Seite 20)

Weil sie nicht rechtzeitig etwas zum Schreiben zur Hand hatte, konnte sie nur noch die Buchstabenfolge „SOSPIC“ notieren. Die zunächst skeptischen Herren im Kriegsministerium finden heraus, dass die Deutschen um 4 Uhr ein Schiff namens „Pic“ versenkten. „SOS Pic“! Wenn man die Warnung rechtzeitig erhalten hätte, könnten zweihundert Menschen noch am Leben sein.

Mary Bishop drängt darauf, ihren Mann aus Deutschland herauszuholen oder ihm wenigstens eine entsprechende Nachricht zu übermitteln. Mit der gleichen Verschlüsselung werden in deutschsprachige Sendungen der Briten Hinweise auf einen Mittelsmann eingestreut, der David Bishop helfen würde, über die Grenze nach Holland zu kommen.

Ängstlich hofft Mary nun jeden Abend darauf, dass statt ihres Mannes ein anderer zu hören ist. Aber mit einer Ausnahme – bei der sie sich schon ausmalt, wie David nach Holland fährt –, tritt er auch weiterhin jeden Abend um 21.15 Uhr vors Mikrofon, und Mary schreibt die verschlüsselten Botschaften mit. Nach vier Wochen sagt er so abstruse Sätze, dass auch die Deutschen merken müssen, dass es sich um einen Code handelt, aber die Briten erhalten dadurch einen Hinweis auf die genaue Position, die fünf deutsche U-Boote in einigen Stunden einnehmen werden. Die letzten Anfangsbuchstaben ergeben:

Ende. Für meine Frau, leb wohl. (Seite 29f)

Mrs Bishop, die nichts von dem Code ahnt, schimpft ihren Sohn einen Feigling. Da schreit Mary:

„Oh, wenn er doch nur ein Feigling wäre, wenn er nur einer wäre! Aber er ist ein Held, ein verdammter Held, ein Held, ein Held …“ (Seite 30)

Der Augenblick der Wahrheit

Arthur Burton arbeitet seit etwa zwanzig Jahren als Kellner in einem Restaurant in Kensington, das vor einiger Zeit von The Queen in Chez Auguste umbenannt wurde. Ein amerikanisches Touristenehepaar – er um die sechzig, sie Ende vierzig – kommt mehrmals zum Mittagessen vorbei: offenbar gefällt es ihnen in dem Restaurant. Als die beiden auch für den nächsten Tag wieder den gewohnten Tisch reservieren möchten, verrät Arthur ihnen, dass er nicht da sein werde. Mrs Hogminster ist entsetzt:

„Nicht hier? Quel désastre! Warum?“
„Ich muss ins Krankenhaus.“
„Oh, Arthur, das tut mir so Leid. Weshalb? Ist es etwas Ernstes?“
„Eine Untersuchung, Madame.“
„Sehr klug“, warf Mr Hogminster ein. „Ich halte viel von Vorsorgeuntersuchungen.“
„Er hat vier hinter sich, oder sind es sechs?“, erklärte Mrs Hogminster. „Ich glaube fast, er hat Spaß dran, aber ich mache mir jedesmal Sorgen. Aus welchem Grund lassen sie sich untersuchen?“
„Die Untersuchung habe ich schon hinter mir. Jetzt erfahre ich das Ergebnis.“
„Oh, ich bin sicher, es ist alles in Ordnung, Arthur.“
„Ich freue mich, dass es Ihnen bei uns gefallen hat, Madam.“
„Das hat es. Dank Ihnen.“
Arthur Burton sagte ehrlich: „Es tut mir Leid, dass wir Lebewohl sagen müssen.“
„O nein – noch nicht. Wir werden am Donnerstag wieder hier sein. Morgen werden wir Ihren Rat befolgen und in der Nähe der Herrenausstatter essen, aber übermorgen werden wir wieder hier sein, um unser Abschiedsmahl bei Chez Augustine einzunehmen.“
„Chez Auguste“, korrigierte Mr Hogminister sie erneut, doch sie ignorierte es.
„Am Freitag fliegen wir nach New York, aber am Donnerstag werden wir Sie gewiss sehen und die gute Nachricht hören, Arthur. Ich bin sicher, es wird eine gute Nachricht sein. Ich werde an Sie denken und ihnen die Daumen drücken, aber ich bin sicher, ganz sicher.“ (Seite 34f)

Am Mittwoch nimmt Arthur sich den ganzen Tag frei, obwohl der Arzttermin erst um 17 Uhr ist. Der Chirurg bestätigt seinen Verdacht, dass es sich um Krebs handelt und eine Operation dringend erforderlich ist. Arthur soll am nächsten Morgen im Krankenhaus aufgenommen und am Freitag operiert werden. Er möchte jedoch erst am Donnerstagnachmittag ins Krankenhaus kommen und vorher noch einmal ins Restaurant, denn Mrs Hogminister wäre sicher enttäuscht, ihn vor dem Abflug nicht mehr zu sehen.

Im Restaurant erfährt Arthur, dass das amerikanische Ehepaar auch am Mittwoch da war und sich vom Geschäftsführer an einem anderen als dem gewohnten Tisch bedienen ließ. Auch an diesem Tag kümmert der Geschäftsführer sich um sie. Als Arthur einmal an ihrem Tisch vorbeikommt, winkt Mrs Hogminster ihn herbei:

„Arthur, wir haben Sie vermisst, doch der Geschäftsführer war so nett, und wir wollten seine Gefühle nicht verletzten.“ (Seite 39)

Arthur hält sich so häufig und so lange wie möglich in der Küche auf. Nach einer halben Stunde bringt ihm der Geschäftsführer einen Brief von Mrs Hogminster, die mit ihrem Mann bereits zum Flughafen gefahren sei. Erleichtert steckt Arthur den Umschlag ein: Natürlich besitzt Mrs Hogminster genügend Feingefühl, sich nicht vor den anderen Gästen im Restaurant nach seiner Krankheit zu erkundigen und hat ihm deshalb ihre mitfühlende Frage nach dem Untersuchungsergebnis aufgeschrieben. Mit dem Brief in der Tasche fühlt er sich nicht mehr so allein. Im Krankenhausbett öffnet er das Kuvert und wundert sich über die drei Pfundnoten, die herausfallen.

„Lieber Arthur, ich musste Ihnen einfach ein paar Worte des Dankes schreiben, bevor wir in unser Flugzeug steigen. Wir haben unsere Besuche bei Chez Augustine sehr genossen und werden gewiss eines Tages wiederkommen. Und der Ausverkauf – wir haben wundervolle Schnäppchen gemacht – Sie hatten wirklich Recht mit Ihrem Hinweis auf die Jermyn Street. Dolly Hogminster“ (Seite 40)

Das letzte Wort

Ein alter Mann wohnt in einem Zimmer und erhält einmal im Monat eine bescheidene Rente. Woher sie stammt, weiß er nicht.

Vielleicht hing das mit dem Unfall vor Jahren zusammen, der ihn seines Erinnerungsvermögens beraubt hatte. In seinem Gedächtnis waren nur ein lautes Geräusch, ein Lichtblitz und dann eine lange Dunkelheit voller wirrer Träume haften geblieben, aus denen er schließlich in eben jenem kleinen Zimmer erwacht war, in dem er jetzt lebte. (Seite 41)

Die Nachbarn gehen ihm aus dem Weg und reden nicht mit ihm. Es ist so, als hätten sie Angst, mit ihm gesehen zu werden.

Auf der Straße hielt sich stets ein Mann auf, den man nicht als Nachbarn bezeichnen konnte, weil er jeden zweiten Tag ausgetauscht wurde […] (Seite 42)

Ein Fremder bringt den alten Mann am 25. Dezember zum Flughafen und erklärt ihm, der Weihnachtstag sei vor mehr als zwanzig Jahren abgeschafft worden. Im Flughafengebäude salutiert ein Offizier vor dem alten Mann. Der Flug in der luxuriös eingerichteten Maschine des Generals dauert vier Stunden.

Am Zielort wird der alte Mann zu einem teuren Hotel gebracht und dort vom Hoteldirektor persönlich begrüßt. Man begleitet ihn zu seinem für eine Nacht reservierten Zimmer. Als der alte Mann außer Hörweite ist, erkundigt sich der Portier bei dem Offizier, der den Hotelgast begleitete, um wen es sich da handele und erfährt, dass es der Papst sei. Verständnislos fragt er nach der Bedeutung dieses Begriffs, erhält jedoch keine Antwort.

Statt der armseligen Kleidung, in der er angereist war, soll der alte Mann am nächsten Morgen in ein weißes Chorhemd und einen weißen Umhang schlüpfen, die man aus diesem Anlass eigens aus dem Weltmuseum der Mythen entliehen hat. Um 11.30 Uhr empfängt ihn der General mit militärischen Ehren und beteuert unaufgefordert, dass er den Mordanschlag seines Vorgängers missbillige, denn da wäre der Papst beinahe zum Märtyrer geworden. Das aber hätte die Schaffung des Weltstaates sehr erschwert. Außerdem sei es unnötig gewesen, weil der Papst zu diesem Zeitpunkt kaum noch Anhänger gehabt hatte. Jetzt möchte der General dem Papst – bei dem es sich zugleich um den letzten Christen handelt – die Gelegenheit geben, in Würde zu sterben. Deshalb füllt er zwei Gläser mit Wein, und während er alte Mann trinkt, erschießt er ihn.

Der Leutnant starb als Letzter. Ein nicht protokollierter Sieg im Jahre 1940

Im Frühjahr 1940 wurde das Dörfchen Potter Schauplatz der ersten Invasion Englands seit der Landung napoleonischer Truppen in der Nähe von Fishguard. Weil an diesem Abend die Männer mit wenigen Ausnahmen bereits im Gasthof „Schwarzer Eber“ saßen und ihre Frauen zu Hause das Geschirr vom Abendessen spülten, bemerkte nur der alte Wilderer Bill Purves die deutschen Fallschirmspringer. Er hatte keine Ahnung, wer oder was sie waren, ging ihnen aber lieber erst einmal aus dem Weg und versteckte sich.

Die Deutschen brachten alle Dorfbewohner in den Gasthof. Der Leutnant, der die Fallschirmspringergruppe anführte, forderte die Versammelten auf, ruhig zu bleiben; dann werde ihnen nichts geschehen. Fluchtversuche müssten er und seine Männer allerdings verhindern, damit niemand außerhalb des Dorfes von ihrer Anwesenheit erfuhr.

Als Purves wieder allein war, stellte er ein paar Fallen auf, lud sein Gewehr und nahm einen Schluck aus der Whiskyflasche. Da schreckte ihn ein Schuss auf. Da Lord Drew verreist war, musste es sich um einen anderen Wilderer handeln! Aber es waren Fallschirmjäger, die auf den jungen Brewitt schossen, der davonrannte, bis sie ihn in die Beine trafen und ins Gasthaus trugen.

Der Leutnant ließ zwei Wachen am Gasthaus zurück und marschierte mit seinen übrigen Männern zur nahen Bahnlinie. Zwei von ihnen schleppten eine schwere Kiste. Purves schlich ihnen nach. Zum Spaß legte er auf einen der Männer an und schoss auf ihn. Die Angegriffenen erwiderten das Feuer, aber sie waren vom letzten Sonnenlicht geblendet. Purves verwundete einen weiteren Deutschen, bevor er selbst an der Schulter getroffen wurde. Als er nur noch eine Patrone hatte, fluchte er still vor sich hin. Die Männer gaben ein paar zusätzliche Schüsse in seine Richtung ab; dann öffneten sie die Kiste. Zornig darüber, dass sie sein Spiel verdarben und ihn nicht weiter beachteten, verschoss Purves seine letzte Kugel. Da zerfetzte eine gewaltige Explosion die Männer, die neben der Kiste gestanden hatten. Nur das Bahngleis blieb unbeschädigt. Purves drehte sich der Magen um. Weil der Leutnant noch lebte und um den Gnadenschuss bat, hob Purves den am Boden liegenden Revolver auf. Danach durchsuchte er die Taschen des Toten und steckte das Foto eines nackten Babys auf einem Kaminvorleger ein.

Mit den beiden inzwischen in seine Fallen geratenen Karnickeln ging er zum „Schwarzen Eber“, wo die Leute ängstlich auf die Schüsse und die Explosion gelauscht hatten. Die deutschen Wachposten waren ebenso eingeschüchtert wie die Dorfbewohner und ergaben sich sofort, als Purves mit dem Revolver auftauchte. Sie und die beiden verwundeten Soldaten, die in einiger Entfernung von der Kiste lagen, waren die einzigen Überlebenden.

Purves erzählte seine Geschichte immer wieder gegen etwas Trinkgeld, doch wenn er allein war, betrachtete er das Foto von dem Baby, und da fühlte er sich mies.

Ein Dienst im Dienst

Der Vater des Erzählers war Koch und reiste mit seinem Sohn viel herum – in England, Deutschland, Italien, in der Schweiz und einmal sogar nach Russland. Damals genoss es der Erzähler noch zu essen, und zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen zählen die Düfte aus den Küchen, in denen sein Vater beschäftigt war. Sein Vater war es auch, der ihm schließlich eine Stelle beim „International Guide to Good Restaurants“ verschaffte, bei dem es sich um eine getarnte Geheimdienstorganisation handelt. Unter dem Vorwand, die Küche eines Restaurants zu beurteilen und die Sauberkeit der Toilettenanlagen zu überprüfen, besuchen die Mitarbeiter vorwiegend einfachere Gaststätten und observieren dort Verdächtige, deren Foto man ihnen vorher zeigte.

Bei der Beobachtung eines Franzosen und einer Engländerin, die sich am Nachbartisch während eines mehrgängigen Menüs über Flaubert unterhalten, fällt dem Erzähler auf, dass die Dame dem Herrn eine Zigarette anbietet, die dieser zwar nimmt, aber nicht raucht. Später gelingt es ihm, die Zigarette zu rauben, und bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass sie eine geheime Botschaft enthält.

Kurz darauf soll der Erzähler einen verdächtigen Arzt observieren. Zu dem einzigen Menü, das in dem Gasthaus angeboten wird, gehört ausgerechnet eine Zwiebelsuppe. Der Erzähler verträgt keine Zwiebeln. Wenn er die Suppe jedoch auslässt, wird er rascher fertig sein als der Arzt, und wie soll er ihn dann weiterhin beobachten, ohne aufzufallen? Während bereits das abschließende Apfeltörtchen auf dem Tisch steht, muss der Erzähler plötzlich zur Toilette, die sich im Obergeschoss befindet – und als er zurückkommt, hat der Verdächtige das Lokal durch den Hinterausgang verlassen.

Sein Chef will ihm aufgrund des Erfolgs mit der Zigarette noch eine Chance geben, aber der Erzähler kündigt von sich aus, denn er „kann auf Essen keine Karriere aufbauen“.

Ich war schweren Herzens gezwungen, einen Beruf aufzugeben, den ich höchst interessant und manchmal sogar gefährlich fand, weil ich meine Lust am Essen verloren hatte. In letzter Zeit esse ich nur noch, damit ich eine Kleinigkeit zu trinken bestellen kann […] (Seite 77)

Das Gedächtnis eines alten Mannes

1994 verfolgt der Erzähler die Eröffnung des Kanaltunnels im Fernsehen. Mrs Thatcher begrüßt den ersten französischen Zug in Dover. In Calais wartet der französische Staatspräsident allerdings vergeblich auf den ersten britischen Zug, denn der wurde von Terroristen im Tunnel gesprengt.

Zwei Jahre später verkündet die Euro-Tunnel-Gesellschaft, sie wolle den Tunnel 1997 neu eröffnen.

(Tatsächlich wurde der in siebenjähriger Bauzeit entstandene 50 km lange Tunnel unter dem Ärmelkanal am 6. Mai 1994 von Königin Elisabeth II. und Staatspräsident François Mitterand feierlich eröffnet.)

Das Lotterielos

Henry Thriplow, ein fast zweiundvierzig Jahre alter wohlhabender Junggeselle aus London, reist nach Mexiko. Bevor er in Veracruz an Bord eines schäbigen Schleppkahns mit Hilfsmotor geht, kauft er einem kleinen Mädchen ein Los ab. Nach vierzig Stunden legt der Kahn in einem anderen Hafen an, und von dort geht es mit einem Boot zehn Stunden flussaufwärts in einen kleinen tropischen Staat, wo Thriplow im einzigen Hotel ein Zimmer mietet.

Das Los hat er längst vergessen. Doch am dritten Tag seines Aufenthalts in dem kleinen Staat nähert sich ein Mann mit Losen seinem Tisch, und eingerahmt im Zentrum langer Zahlenkolonnen erblickt Thriplow seine Losnummer: 20375. Er hat 50 000 Pesos – etwa 2500 britische Pfund – gewonnen. Zunächst schämt er sich, inmitten all der armen Leute diesen Gewinn gemacht zu haben. Der Lotterieverkäufer erzählt gleich herum, wer der Gewinner ist. Man rät Thriplow, zur Bank zu gehen. Der Direktor erwartet ihn bereits. Leider spricht er ebenso wenig Englisch, wie Thriplow Spanisch kann. Aber der Tourist versteht, dass die Ausfuhr von Geld verboten ist, und der Bankdirektor begreift irgendwie, dass Thriplow den Gewinn auch gar nicht behalten, sondern für einen guten Zweck spenden möchte. Deshalb führt er ihn zum Staatspräsidenten, der gerade beim Zahnarzt ist. Schließlich sucht der Manager mit ihm eine bestimmte Adresse auf und spricht dort im Patio mit einem offenbar gerade Billard spielenden Mann, denn Thriplow zunächst nicht sehen kann. Es handelt sich um den Polizeichef, der glücklicherweise englisch spricht.

„Dieser Mann möchte, dass ich Ihnen sage, wie glücklich der Gouverneur über Ihr Geschenk ist.“
„Und was“, warf Thriplow ein, „beabsichtigt er damit zu tun?“
„Fortschritt“, erwiderte der Polizeichef. „Wir sind hier sehr rückständig.“ Wieder schreckte das Klicken der Billardkugel ihn auf.
„Eine neue Schule?“
„Alles zu seiner Zeit“, sagte der Polizeichef. „Zunächst müssen wir die reaktionäre Bewegung niederschlagen.“ (Seite 111f)

Thriplow betont, dass er das Geld nicht für politische, sondern für kulturelle oder wohltätige Zwecke spenden will.

Als er sich abends radebrechend mit dem Hotelier unterhält, erfährt er, dass Wahlen bevorstehen und die Herrschaft des Präsidenten gefährdet war, weil die Polizisten und die Soldaten seit Monaten auf ihre Bezahlung warteten. Heute jedoch wurden sie mit dem Geld aus Thriplows Gewinn entlohnt.

Soldaten marschieren vorbei; der Hotelier vermutet, dass sie den Gegenkandidaten verhaften. Thriplow lässt sich dessen Adresse geben und läuft hin. Die Tochter des Kandidaten öffnet ihm. Offenbar ist die Familie sehr arm. Der Kandidat wurde vor einer halben Stunde festgenommen und inzwischen wohl „auf der Flucht“ erschossen.

Mr Thriplow fand überhaupt keine Worte, doch irgendwo hinten in seinem Bewusstsein begann sich Hass zu regen – Hass auf den Lotterieverkäufer, Hass auf den Bankmanager, den Gouverneur, den Polizeichef, sogar auf das tote Opfer seiner Unbesonnenheit, Hass auf alle, die so unerwartet in sein Leben eingebrochen waren, Hass auf die neuen Ideen, die neuen Wörter. (Seite 119)

Das neue Haus

Der Medienmogul Samuel Josephs lässt sich von dem Architekten Handry, der seit dreißig Jahren hier wohnt, dessen in zwanzigjähriger Arbeit geschaffenen Plan für die Bebauung des Geländes zeigen. Stolz darauf, dass es ihm gelungen ist, das geplante Haus in die Natur zu integrieren, wartet Handry auf die Reaktion seines Auftraggebers. Mr Josephs ist jedoch enttäuscht, denn er hat sich ein gigantisches, schon von weitem auffallendes Gebäude vorgestellt. Als Handry begreift, dass zwanzig Jahre Arbeit umsonst waren, verabschiedet er sich überstürzt und läuft ins Freie.

Dort wird ihm bewusst, dass er bald zurückkehren und einen neuen Plan vorlegen wird, denn er unterliegt dem Zwang, seine Familie ernähren zu müssen.

Ein Dichter in Nöten

„Du schreibst Bücher, du musst doch Geschichten erzählen können.“ (Seite 128)

Diesen Spruch hört der Autor immer häufiger; er soll dann einem Großneffen oder einer Großnichte eine Geschichte erzählen. Aus Verlegenheit greift er dann auf eine Komödie zurück, die er seit Jahren plant: „Mein Mädchen in Gamaschen“.

Wenn der Vorhang sich hebt, stehen zwölf Gamaschen tragende anglikanische Bischöfe auf der Bühne und singen einen Eröffnungschor:

Dreizehn Bischöfe erscheinen zur Provinzialsynode,
Bischöfe in Gamaschen und gar nicht marode. […] (Seite 129)

Ein Journalist weist die Bischöfe darauf hin, dass sie nur zu zwölft sind.

Die Bischöfe schauen einander bestürzt an und beginnen noch einmal zu zählen. (Seite 130)

Tatsächlich wurde einer von ihnen gekidnappt, und alle anderen ereilt das gleiche Schicksal: Eine von einer Frau angeführte Verbrecherbande aus London sperrt die Bischöfe ohne Hosen in den Keller eines baufälligen Gebäudes. Dann übernimmt die Rädelsführerin die Rolle des Erbischofs von Canterbury und lässt ihre Komplizen auslosen, wer an die Stelle der anderen Bischöfe treten soll. Da trifft der Bischof von Melbourne in London ein, der als Beobachter an der Provinzialsynode teilnehmen möchte. Er schöpft bald Verdacht, verliebt sich jedoch in die falsche Erzbischöfin, und sie erwidert seine Gefühle. Im zweiten – noch nicht ganz ausgearbeiteten – Akt gelingt es den echten Bischöfen, in Unterhosen zu fliehen. In der letzten Szene schiffen sich der Bischof von Melbourne und seine Geliebten nach Australien ein.

Mord aus falschem Motiv

Inspektor Mason von Scotland Yard bricht die Tür zu Hubert Collinsons Büro auf, blickt flüchtig auf den Erstochenen und telefoniert mit seiner Abteilung. Man wird Groves schicken. Vom Fenster aus ruft Mason einen zufällig vorbeikommenden Konstabler herauf.

Der durchsucht auf seine Anordnung hin den Schreibtisch des Ermordeten. „Donnerwetter, Sir, wir haben’s“. Mit diesen Worten reicht der Konstabler dem Inspektor ein undatiertes Schreiben:

„Wenn Sie mich nicht empfangen, werde ich Ihnen vor Ihrer Tür auflauern und Sie auf der Straße verprügeln. Arthur Callum“ (Seite 145)

Der Inspektor macht den Konstabler auf die verblasste Tinte aufmerksam und erklärt ihm, er habe Arthur Callum früher gekannt und wisse zufällig, dass dieser Brief mit einer alten, längst nicht mehr aktuellen Auseinandersetzung zu tun habe.

Während Mason auf das Schreiben blickt, erinnert er sich: Der Medizinstudent Arthur Callum war damals eng mit Rachel Mann befreundet, einer ehrgeizigen Fünfundzwanzigjährigen, die unbedingt eine Bühnenkarriere machen wollte. Weil Hubert Collinson ihr dabei durch seine Kontakte förderlich sein konnte, wurde sie dessen Geliebte. Obwohl Callum davon wusste, bat er sie, seine Frau zu werden, aber Rachel wäre nur bereit gewesen, ihm eine dreiviertel Stunde lang ihre Liebe zu schenken, danach war sie mit Collinson verabredet. Rachel wäre der richtige Grund für die Ermordung Collinsons gewesen, aber sie ist seit zehn Jahren tot.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Der Inspektor gibt dem Konstabler den Brief zurück und verrät ihm, dass er vor mehr als fünfzehn Jahren geschrieben wurde. Durch Hinweise versucht er dem biederen Konstabler dabei zu helfen, den Mordfall noch vor dem Eintreffen seines jungen, ehrgeizigen Mitarbeiters Groves aufzuklären, aber er muss ihm schließlich erzählen, dass er selbst es war, der die Tür von außen schloss und dann aufbrach. Er sei einmal Arthur Callum gewesen, aber der habe nichts mit der Tat zu tun. Der Mörder sei ein älterer, korrupter Polizeioffizier, und bei dem Opfer habe es sich um einen gemeinen Erpresser gehandelt. In dem Augenblick als Groves eintrifft, reicht Mason dem Konstabler Handschellen und lässt sich von ihm festnehmen.

Eine Verabredung mit dem General

Weil die Journalistin Marie-Claire Duval sich mit ihrem Mann Jean überworfen hat, ist sie bereit, sich mit Jacques Durand zu treffen, dem Chefredakteur einer linken Pariser Wochenzeitschrift, der mit ihr bei einem Essen in Fouquet’s über einen Auftrag sprechen möchte. Sie ist froh, nach Lateinamerika reisen zu können. Dort soll sie ein Interview mit dem Machthaber in einem winzigen Staat führen.

Der General empfängt sie im Pyjama. Ein Sergeant mit dem Namen Gurdián fungiert als Dolmetscher. In den Augen des Generals entdeckt Marie-Claire Zukunftsangst, aber sie lässt sich davon nicht beirren und versucht, ihn durch Provokationen wütend zu machen, um ihm unüberlegte Statements zu entlocken. Das hat sogar bei Helmut Schmidt funktioniert. Immer wieder reizt sie den General, aber der bleibt ruhig, höflich und freundlich. Schließlich fragt sie:

„Wovon träumt er? Nachts, meine ich. Träumt er von Frauen?“ Spöttisch fuhr sie fort: „Oder träumt er von den guten Bedingungen, die ihm die Gringos einräumen werden?“ Der Blick der müden und verletzten Augen war auf die Wand hinter ihrem Rücken gerichtet. Sie konnte sogar den kurzen Satz verstehen, den er in Erwiderung auf ihre Frage sagte: „La muerte.“
„Er träumt vom Tod“, dolmetschte der Sergeant überflüssigerweise, und ich könnte einen Artikel darauf aufbauen, dachte sie und hasste sich selbst. (Seite 183)

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Die von Graham Greene in einem Band mit dem Titel „Der Mann, der den Eiffelturm stahl“ zusammengefassten zwölf Erzählungen stammen aus den Jahren 1923 bis 1989.

Zwei davon spielen in südamerikanischen Diktaturen („Das Lotterielos“; „Eine Verabredung mit dem General“). Einmal erzählt Graham Greene von einer futuristischen Weltdiktatur („Das letzte Wort“). In drei Geschichten geht es um Krieg und Spionage („Nachrichten in englischer Sprache“; „Der Leutnant starb als Letzter“; „Ein Dienst im Dienst“). Einen Architekten, der seine Überzeugungen verrät, um einen lukrativen Auftrag nicht zu verlieren, lernen wir in „Das neue Haus“ kennen. Bei „Mord aus falschem Motiv“ handelt es sich natürlich um einen Kriminalfall. Skurril und surrealistisch sind vier Erzählungen („Der Mann, der den Eiffelturm stahl“; „Das letzte Wort“; „Das Gedächtnis eines alten Mannes“; „Ein Dichter in Nöten“). Und die Geschichte, die mir mit am besten gefallen hat, „Der Augenblick der Wahrheit“, kritisiert auf zugleich anrührende und sarkastische Weise das besonders bei Amerikanern häufig zu beobachtende Heucheln mitmenschlicher Anteilnahme.

Die zwölf Erzählungen unterscheiden sich nicht nur in Stil und Inhalt, sondern auch in der Qualität. Einige davon funkeln vor Witz und Originalität. Und die Zusammenstellung veranschaulicht das weite literarische Spektrum Graham Greenes.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Paul Zsolnay Verlag
Die Seitenangaben beziehen sich auf die dtv-Taschenbuchausgabe vom März 2004.

Graham Greene (Kurzbiografie)

Graham Greene: Am Abgrund des Lebens (Verfilmung)
Graham Greene: Der dritte Mann
Graham Greene: Das Ende einer Affäre (Verfilmung)
Graham Greene: Der stille Amerikaner
Graham Greene: Unser Mann in Havanna
Graham Greene: Die Stunde der Komödianten
Graham Greene: Der Honorarkonsul

Milena Agus - Die Frau im Mond
Die Ich-Erzählerin orientiert sich am zeitlichen Ablauf der Ereignisse, hält sich jedoch nicht streng an die Chronologie. Milena Agus hat für "Die Frau im Mond" eine schlichte Sprache und eine naiv-romantische Art der Darstellung gewählt, die zum Landleben auf Sardinien passen.
Die Frau im Mond

Milena Agus

Die Frau im Mond

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