Graham Greene : Der stille Amerikaner

Der stille Amerikaner

Graham Greene

Der stille Amerikaner

Manuskript: März 1952 - Juni 1955 Originalausgabe: The Quiet American, 1955 Der stille Amerikaner Übersetzung: Walther Puchwein und Käthe Springer Paul Zsolnay Verlag, Wien 1958 Neuausgabe: dtv, München, Juni 2003 235 Seiten, ISBN 3-423-13129-2, 8.50 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während die französischen Kolonialherren in Vietnam durch die Kommunisten aus dem Norden unter Druck geraten, befreundet sich ein junger, idealistischer Amerikaner mit einem älteren, desillusionierten Engländer und verliebt sich in dessen vietnamesische Lebensgefährtin. Anders als der Amerikaner glaubt der Brite, politisch neutral bleiben zu können. Doch am Ende ergreift er Partei ...
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Kritik

"Der stille Amerikaner" ist eine spannende, unterhaltsame und eindringliche Geschichte, die von dem Protagonisten Fowler in sachlichem Journalisten-Stil erzählt wird. Graham Greene braucht keine pseudointellektuellen Formen, um komplexe Gedanken zu transportieren.
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Thomas Fowler trennte sich vor fünf Jahren von seiner Ehefrau Helen in London. Nach drei Jahren verließ der Journalist auch seine Geliebte und ging als Korrespondent nach Saigon, um über den französischen Indochina-Krieg zu berichten. Seit zwei Jahren lebt er mit einer jetzt zwanzigjährigen Vietnamesin zusammen, der verarmten Tochter eines Mandarins aus Hué, die sich ihren Lebensunterhalt als Tänzerin im „Grand Monde“ verdiente, bis sie Fowler kennen lernte.

Der Brite beobachtet das politische und militärische Geschehen in Vietnam und versucht, dabei neutral zu bleiben. Später, als ein französischer Sicherheitsbeamter namens Vigot in einem Mordfall ermittelt, wird er sagen:

„Mich können Sie aus dem Spiel lassen. […] Ich habe nichts damit zu tun. Nichts damit zu tun“, wiederholte ich. Das war einer meiner Glaubensartikel gewesen. Mit den Menschen, wie sie nun mal waren, mochten sie kämpfen, mochten sie lieben, mochten sie morden: ich wollte nichts damit zu tun haben. Meine Kollegen von der Presse nannten sich Korrespondenten; ich zog die Bezeichnung Berichterstatter vor. Ich schrieb nieder, was ich sah. Ich unternahm nichts – selbst eine Meinung zu haben, ist schon eine Art von Tat.

Einmal sitzt er, wie gewohnt, vor dem Continental; da kommt ein Amerikaner über den Platz, spricht ihn an und setzt sich zu ihm. „Alden Pyle“, stellt er sich vor. Der 32-jährige Professorensohn aus Boston kam gerade erst als Mitarbeiter einer US-Wirtschaftshilfsmission nach Vietnam. Obwohl der zynische und fast doppelt so alte Engländer den Amerikaner für naiv und idealistisch hält, befreundet er sich mit ihm.

Nach ein paar Wochen sehen Pyle und Phuong sich zum ersten Mal. Pyle tanzt den ganzen Abend über mit der Vietnamesin, und als deren ältere Schwester, Miss Hei, auftaucht, schwärmt er von einer großen Familie:

„Ich habe mir schon immer gedacht, dass ich viele Kinder haben möchte. Eine große Familie ist ein wunderbarer Lebenszweck. Sie festigt die Ehe. Und auch für die Kinder ist das gut. Ich war ein Einzelkind, und das ist ein großer Nachteil.“

Fowler weiß, dass Miss Hei gegen sein Verhältnis mit Phuong ist und sich einen jüngeren, unverheirateten Mann für sie wünscht. Er merkt natürlich auch, dass Pyle sich in Phuong verliebt hat.

Mit einem Mal sah ich mich selbst, wie er [Pyle] mich sehen musste, als einen Mann in mittleren Jahren, die Augen leicht gerötet, mit beginnendem Fettansatz, plump und ungelenk in der Liebe, weniger aufdringlich als Granger vielleicht, aber zynischer, weniger unschuldig …

Um Material für einen Artikel über den Krieg zu sammeln, nutzt Fowler seine guten Beziehungen zu einem französischen Marineoffizier. Mit dessen Hilfe kommt er unkontrolliert von Hanoi nach Nam Dinh und von dort auf einem Landungsboot nach Phat Diem. In dieser zwischen den französischen Kolonialherren und den Vietminh umkämpften Gegend stößt er auf zahlreiche Leichen.

Nachts erwacht Fowler in seinem Unterschlupf, weil ein Mann hereinkommt: Es ist Pyle! Mit der Begründung, nach der Trachom-Bekämpfungsabteilung sehen zu müssen, war er nach Nam Dinh gereist. Dort hatte er sich einen Kahn gekauft und war den Fluss hinuntergerudert. Er sei gekommen, um mit Fowler zu sprechen und ihm zu gestehen, dass er sich am ersten Abend in Phuong verliebt habe.

„Hätte das nicht warten können, bis ich zurückkam?“, fragte ich. „Nächste Woche bin ich wieder in Saigon.“
„Sie hätten ums Leben kommen können“, sagte er. „Dann wäre es unehrenhaft gewesen. Und außerdem weiß ich nicht, ob ich es fertiggebracht hätte, Phuong die ganze Zeit fernzubleiben.“
„Wollen Sie damit sagen, Sie haben sich von ihr ferngehalten?“
„Selbstverständlich. Sie werden doch nicht etwa annehmen, dass ich es ihr sagen würde – ohne Ihr Wissen.“
„So etwas kommt vor“, meinte ich.

Erst nach drei Wochen kehrt Fowler nach Saigon zurück. Pyle, der bereits vor ihm eintraf, sucht ihn und Phuong auf, um seinen Heiratsantrag zu machen. Weil Phuong kein Amerikanisch versteht, übersetzt Fowler, was Pyle sagt, ins Französische.

„Nun, Phuong“, sagte ich, „willst du mich verlassen und zu ihm gehen? Er wird dich heiraten. Ich kann es nicht. Du weißt, warum.“

Phuong lehnt Pyles Antrag ab. Erschrocken über die Gefährdung seiner Beziehung mit Phuong schreibt Fowler seiner Frau in London und bittet sie um ihre Einwilligung zur Ehescheidung, damit er seine Geliebte heiraten kann.

Auf einem Fest in Tanyin, 80 km nordwestlich von Saigon, sieht Fowler Pyle im Gespräch mit einem Anhänger von General Thé, einem Warlord, der gegen die französischen Kolonialherren und deren kommunistische Gegner gleichermaßen kämpft. Pyle bittet Fowler, ihn im Auto mit zurück nach Saigon zu nehmen. Unterwegs geht plötzlich das Benzin aus: Offenbar hat in Tanyin jemand den Tank angezapft. In einem Wachturm suchen die beiden Männer Schutz für die Nacht.

Sie sprechen über Phuong.

[Pyle:] „Aber sie liebt Sie doch, nicht wahr?“
„Nicht auf dieselbe Weise. Das liegt nicht im Wesen dieser Frauen. Das werden Sie noch entdecken. Es ist eine abgedroschene Phrase, sie als Kinder zu bezeichnen – jedoch sie haben eine Eigenschaft, die durchaus kindlich ist: Sie lieben einen als Gegenleistung für Güte, für Sicherheit, für die Geschenke, die man ihnen gibt, und sie hassen einen für einen Schlag oder für eine Ungerechtigkeit. Sie alle wissen nicht, wie das ist – ein Zimmer zu betreten und plötzlich in einen wildfremden Menschen verliebt zu sein. Für einen alternden Mann, Pyle, bedeutet das große Sicherheit – eine Frau wie Phuong wird nicht aus ihrem Heim davonlaufen, solange dieses Heim glücklich ist.“

Auf Pyles Frage, warum er nicht zu seiner Frau nach London zurückkehre, antwortet Fowler:

„Es ist nicht leicht, mit einem Menschen zusammenzuleben, dem man Leid zugefügt hat.“

Im Dunkeln werden sie von einer militärischen Einheit angegriffen, und bei der Flucht verstaucht Fowler sich den linken Knöchel. Pyle schleppt ihn ein Stück weit, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Fowler wundert sich:

„Es wäre für Sie besser gewesen, wenn Sie mich dort liegen gelassen hätten.“
„Ich hätte Phuong nicht unter die Augen treten können“, sagte er [Pyle].

Dann läuft Pyle allein weiter, um eine französische Patrouille zu finden und Hilfe zu holen. Selbstlos rettet er seinem Freund und Rivalen das Leben.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus findet Fowler zu Hause die Antwort seiner Frau vor. Sie lehnt es kategorisch ab, sich von ihm scheiden zu lassen. Aber Fowler lügt gegenüber Phuong, Helen wolle sich mit einem Anwalt beraten; es bestehe also durchaus Hoffnung. Pyle schreibt er einen Brief, um sich zu bedanken und fügt beiläufig hinzu, seine Frau habe so gut wie zugesagt, sich von ihm scheiden zu lassen: „Sie brauchen sich also um Phuong nicht mehr zu sorgen.“

Einige Zeit später kommt Pyle vorbei. Fowler fragt, ob er den Brief erhalten habe.

„Ja. Ich wollte, Sie hätten ihn nicht geschrieben.“
„Warum?“
„Weil er lauter Lügen enthält. Ich habe Ihnen vertraut, Thomas.“
„Sie sollten keinem Mann trauen, wenn eine Frau im Spiel ist.“

Fowler erfährt, dass Phuong ihrer Schwester voller Freude Helens Antwortbrief zeigte. Miss Hei, die inzwischen im Büro des US-Handelsattachés arbeitet, und im Gegensatz zu Phuong Englisch versteht, las den Brief und erzählte auch Pyle von der Lüge Fowlers.

Gerüchten zufolge arbeitet Pyle für einen Geheimdienst. Angeblich importiert er Medikamente, aber auch Kunststoff, und die Zollbeamten dürfen die als Diplomatengepäck deklarierten Sendungen nicht kontrollieren. Auf einer Gesellschaft vertrat er die Meinung, dass die beiden alten Kolonialmächte – England und Frankreich – niemals das Vertrauen der Asiaten gewinnen können, die USA dagegen schon. Er lehnte sowohl die Wiederherstellung der französischen Kolonialherrschaft in Vietnam als auch ein kommunistisches Regime ab und propagierte stattdessen einen sogenannten „dritten Weg“, die Etablierung eines einheimischen Machthabers, der sich gegen Franzosen und Kommunisten gleichermaßen abgrenzt. Fowler weiß, dass Pyle sich diese Überzeugung angelesen hat. Das Buch heißt „Die Rolle des Westens“ und stammt von York Harding.

Sein aus Indien stammender Mitarbeiter Dominguez ist erkrankt, aber er schickt eine Nachricht und schlägt Fowler ein Treffen mit einem Herrn Chou vor, den er in einem Lagerhaus für Altmetall am Quai Mytho finden könne. Chous Geschäftsführer Heng zeigt Fowler im Lager einen leeren trommelförmigen Blechkanister mit der Aufschrift „Diolacton“ und eine Pressform. Beides stamme von dem vietnamesischen Unternehmer Muoi und sei offenbar nur versehentlich in den Abfall geraten, denn inzwischen habe jemand danach gesucht. Muoi soll Beziehungen zu General Thé und zu Pyle haben. Fowler wird daraus nicht schlau.

Kurz darauf schlägt der noch immer bettlägrige Dominguez ihm vor, an einem bestimmten Tag um 10.30 Uhr zu dem großen Kaufhaus an der Ecke des Boulevard Charner zu kommen. Kurz vor elf hält ein LKW mit quietschenden Reifen. Polizisten springen von der Ladefläche, greifen drei der zahlreichen vor dem Kaufhaus abgestellten Fahrräder heraus und werfen sie hastig in einen nahen Springbrunnen. Dann rast der LKW weiter. Fowler weiß nicht, was diese Aktion bedeuten soll und fragt Heng, der hinzukommt. In diesem Augenblick zerbirst der Brunnen. Es stellt sich heraus, dass zur selben Zeit an zehn Stellen in Saigon als Fahrradpumpen getarnte Bomben explodierten. Sechs Menschen wurden dabei verletzt. Die kurz zuvor alarmierte Polizei hatte Schlimmeres verhindern können. Fowler erinnert sich an die Pressform, die er in dem Lager am Quai Mytho gesehen hat: Jetzt weiß er, dass damit die Bomben hergestellt wurden.

Heimlich sieht Fowler sich in einer Garage von Muoi um und findet dort eine uralte Presse, jedoch keine Formwerkzeuge.

Als er nach Hause kommt, fehlen Phuongs Sachen: Sie hat ihn verlassen.

In seiner Verzweiflung lässt er sich zur US-Gesandtschaft fahren, aber Pyle ist nicht da. Der sucht danach seinen Rivalen auf und erzählt ihm, Phuong in Boston heiraten zu wollen. Es sei ihm sehr wichtig, seine Eltern dabei zu haben, denn das bedeute gewissermaßen die Aufnahme Phuongs in die Familie.

Einige Zeit später sitzt Fowler wieder vor dem Continental und beobachtet zwei Eis essende junge Amerikanerinnen am Nebentisch. Trotz der Hitze sind sie adrett und sauber. „Warren sagte, wir dürfen nicht länger als bis elf Uhr fünfundzwanzig hierbleiben“, hört er eine von ihnen sagen. Vermutlich eine Demonstration.

Es war unmöglich, sich eine von beiden als Opfer einer zügellosen Leidenschaft vorzustellen: Zerknüllte Betttücher und der Schweiß von Sex gehörte nicht zu ihnen. […] Ich stellte fest, dass ich sie einen Augenblick lang um ihre sterilisierte Welt beneidete, so verschieden von jener, die ich bewohnte – und die jetzt mit einem Schlag und auf unerklärliche Art in Trümmer sank. Zwei von den Wandspiegeln kamen auf mich zugeflogen und zerbarsten auf halbem Weg.

Auf der Place Garnier ist eine Bombe explodiert. Mindestens fünfzig Tote und schwer Verletzte liegen herum. Um diese Zeit pflegt Phuong in der Milchbar auf der anderen Seite des Platzes zu sein. Fowler rennt los, aber ein Polizist versperrt ihm den Weg. Er kann seinen Presseausweis nicht finden. Da kommt Pyle und beruhigt ihn: Phuong sei bestimmt nicht in der Milchbar gewesen. Er habe sie rechtzeitig gewarnt, nicht hinzugehen.

Nach dem Bombenanschlag sucht Fowler Heng auf.

„Heng, was kann ich unternehmen? Man muss ihm das Handwerk legen.“
„Sie können die Wahrheit veröffentlichen. Oder ist Ihnen das vielleicht unmöglich?“
„Meine Zeitung interessiert sich nicht für General Thé. Dort interessiert man sich nur für Ihre Leute, Heng.“
„Mr Fowler, Sie wollen wirklich, dass Mr Pyle das Handwerk gelegt wird?“
„Wenn Sie ihn gesehen hätten. Er stand da und behauptete, es sei alles ein bedauerlicher Irrtum gewesen. Eigentlich hätte eine Parade stattfinden sollen. Er meinte, er müsse sich die Schuhe putzen lassen, bevor er zum Gesandten gehe.“

Fowler soll sich mit Pyle zwischen 21.30 und 22.00 Uhr im „Vieux Moulin“ zum Essen verabreden. Als der Journalist zögert, gibt Heng ihm Bedenkzeit. Wie wäre es, wenn er Pyle am frühen Abend in seine Wohnung einlüde und mit ihm rede. Falls er dann am Fenster ein Buch aufschlage, wüssten Hengs Leute Bescheid.

„Und was haben Sie vor?“
„Das werden Sie nicht wissen wollen, Mr Fowler. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir so rücksichtsvoll mit ihm umgehen werden, wie es die Situation gestattet.“

„Früher oder später muss man Partei ergreifen“, sagt Heng. „Wenn man ein Mensch bleiben will.“

Fowler schickt Pyle eine Nachricht, und er kommt zu ihm, prahlt naiv, er habe bereits mit General Thé gesprochen und ihn ermahnt, solche Fehler wie den Bombenanschlag auf Zivilisten nicht noch einmal zu machen. Aber er ist nach wie vor überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen und meint: „Jedenfalls starben die Leute für die richtige Sache.“ – Fowler geht ans Fenster, schlägt ein Buch auf und liest laut vor:

Ich saus‘ durch die Straßen ganz achtlos dahin.
Die Leute, die starr’n und fragen, wer ich bin.
Überfahr‘ ich so’n Kerl und brech‘ ihm das Bein,
ich bezahl‘ doch den Schaden, mag er noch so groß sein.

Sie verabreden sich im „Vieux Moulin“.

„Es spielt keine Rolle, wenn sie später kommen. Sollten Sie wirklich aufgehalten werden, dann besuchen Sie mich nachher hier. Um zehn bin ich wieder daheim und warte auf Sie, falls es Ihnen mit dem Dinner nicht ausgehen sollte.“
„Ich werde Sie verständigen …“
„Nur keine Umstände. Entweder kommen Sie ins ‚Vieux Moulin‘ oder wir treffen uns später hier.“ Damit gab ich die Entscheidung an jenen Jemand zurück, an den ich nicht glaubte. Du kannst eingreifen, wenn du willst; durch ein Telegramm auf seinem Schreibtisch, durch eine Weisung vom Gesandten; du kannst nicht existieren, wenn du nicht die Macht besitzt, die Zukunft zu ändern.

Im „Vieux Moulin“ lässt er sich einen Tisch für eine Person anweisen. Pyle erscheint nicht, und spätabends wartet Fowler auch zu Hause vergeblich auf ihn. Um Mitternacht geht er auf die Straße hinunter und trifft dort Phuong, die sich Sorgen um Pyle macht. Er nimmt sie mit in seine Wohnung. Dort werden sie zwei Stunden später von einem Sicherheitsbeamten abgeholt, zu Inspektor Vigot gebracht und noch in der Nacht über Pyle befragt.

Man fand Pyles Leiche unter der Brücke nach Dakow, fünfzig Meter vom „Vieux Moulin“ entfernt. Fowler soll sie im Leichenschauhaus identifizieren. In der Brust klafft eine Wunde, aber Vigot erklärt, der Bajonettstich sei nicht tödlich gewesen; Pyle sei im Schlamm erstickt.

Phuong hat die englisch geführte Unterredung nicht verstanden. Erst zu Hause sagt Fowler: „Pyle est mort. Assassiné.“

Zwei Wochen später trifft er Vigot. Man hat Pyles Hund unweit des Tatorts mit durchschnittener Kehle gefunden. Seine Pfoten wiesen Zementspuren auf. Das deutet darauf hin, dass Pyle kurz vor seinem Tod bei Fowler war, denn im Treppenhaus arbeiten Maurer, aber der Journalist sagt nichts weiter, und Vigot meint:

„Dann werde ich mich wohl auf den Weg machen. Ich glaube nicht, dass ich Sie noch einmal belästigen werde.“

Als Phuong vom Kino nach Hause kommt, zeigt Fowler ihr ein Telegramm seiner Frau: Sie hat nun doch über ihren Anwalt eine Scheidungsklage eingereicht. „Das ist dein Happy-End“, sagt Fowler.

Seit seinem Tod war mir alles geglückt. Doch wie sehr wünschte ich, dass jemand existierte, dem ich hätte sagen können, wie Leid es mir tat.

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Graham Greene erzählt nicht streng chronologisch, sondern er beginnt mit den Stunden nach Pyles Ermordung und holt die vorangegangenen Ereignisse in Rückblenden nach, nicht ohne hin und wieder zeitlich zu springen.

„Der stille Amerikaner“ ist eine spannende, unterhaltsame und eindringliche Geschichte, die von dem Protagonisten Fowler in sachlichem Journalisten-Stil erzählt wird. Graham Greene braucht keine pseudointellektuellen Formen, um komplexe Gedanken zu transportieren.

Die verbreitete Unterschätzung, der die Romane Graham Greenes […] begegnen, geht nicht zuletzt auf den pathetischen Kulturbegriff eines Publikums zurück, das literarischen Rang nicht ohne Verständnismühe und einen Hauch anspruchsvoller Langeweile denken kann. (Joachim Fest in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 10. April 1982)

Die melodramatische Dreiecksgeschichte zwischen einem Briten, einem Amerikaner und einer Vietnamesin ist mit der politischen Entwicklung im Indochina-Krieg verknüpft. Phuong symbolisiert das von der alten Kolonialmacht England und der neuen Weltmacht USA umworbene Vietnam. Das klingt nach einer Konstruktion. Aber Graham Greene lässt nicht einfach drei repräsentative Figuren auftreten, sondern drei Charaktere mit Fleisch und Blut, Schwächen und Stärken: die Vietnamesin Phuong, den Engländer Fowler und den Amerikaner Pyle.

Während der naive Pyle in der Dreiecksgeschichte mit offenen Karten spielt, arbeitet er – von idealistischem Eifer getrieben – heimlich im Auftrag eines US-amerikanischen Geheimdienstes mit einem vietnamesischen Warlord zusammen, um den Hass auf die Kommunisten zu schüren. Es ist der Beginn des amerikanischen Engagements in Vietnam. Die US-Regierung glaubt, ein Volk vor dem Kommunismus bewahren und ihm zu westlichen Werten wie Freiheit und Demokratie verhelfen zu müssen. (Graham Greene erwies sich als weitsichtig, denn er veröffentlichte seinen Roman 1955.)

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt – im politischen wie im persönlichen Bereich. Es geht auch um Liebe, Freundschaft, Loyalität – und die Ambivalenz moralischer Werte. Der englische Journalist, dessen Maxime es ist, neutral zu berichten, ergreift am Ende doch noch Partei – und verrät den Mann, der ihm einmal das Leben rettete. Tut er es im Dienst der Humanität, für Vietnam oder letztlich doch, um seinen Rivalen auszuschalten?

Phillip Noyce hat den Roman meisterhaft verfilmt: „Der stille Amerikaner“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: Paul Zsolnay Verlag

Benjamin Lebert - Crazy

Eine Entwicklung ist im Verlauf der wohl autobiografischen, aber auch klischeehaften Episoden allenfalls in Ansätzen auszumachen. Was dem Roman "Crazy" jedoch an Tiefe fehlt, gleicht Benjamin Lebert durch die Lebendigkeit seiner selbstironischen Darstellung aus.

Crazy

Benjamin Lebert

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