Das Leben der Anderen

Das Leben der Anderen

Das Leben der Anderen

Originaltitel: Das Leben der Anderen – Regie: Florian Henckel von Donnersmarck – Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck – Kamera: Hagen Bogdanski – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Gabriel Yared, Stéphane Moucha – Darsteller: Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Thomas Thieme, Hans-Uwe Bauer, Volkmar Kleinert, Herbert Knaup, Hinnerk Schönemann u.a. – 2005; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Ende 1984 erhält der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler den Auftrag, den Dramatiker Georg Dreyman zu abzuhören, der mit der Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland zusammenlebt. Als Wiesler begreift, dass die Bespitzelung nicht aus politischen Gründen angeordnet wurde, sondern weil der Kulturminister Christa-Maria Sieland begehrt und seinen Rivalen ausschalten will, gerät er in einen Gewissenskonflikt, der durch die Konfrontation mit dem Leben der Anderen verstärkt wird ...
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Kritik

"Das Leben der Anderen" evoziert mit Mitteln des Politthrillers und der Liebestragödie die Atmosphäre der Angst und Einschüchterung in der DDR. Das Drehbuch ist sorgfältig durchdacht, die Inszenierung spannend und die Besetzung grandios.
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Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) lebt allein in einem unpersönlichen Apartment in Ostberlin, das ihm das Ministerium für Staatssicherheit zur Verfügung stellt. Davon, dass die Stasi „Schild und Schwert der Partei“ zu sein hat, ist der spießige Asket überzeugt, und entsprechend kompromisslos erfüllt er seine Pflicht. Angehenden Stasi-Offizieren spielt er die Tonband-Aufnahme eines Verhörs vor, das er mit dem Häftling 227 (Bastian Trost) in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen führte. Der Häftling bestreitet zunächst, von den Republikflucht-Plänen seines Freundes gewusst zu haben. Erst nach 40 schlaflosen Stunden, in denen er gezwungen wird, immer wieder auszusagen, was er an einem bestimmten Abend machte, bricht er zusammen und verrät den Namen des Fluchthelfers. Nachdem Wiesler auf einer vor ihm liegenden Liste den Namen eines Offiziersanwärters, der die Verhörmethode als unmenschlich kritisiert, markiert hat, erklärt er seinen Zuhörern, massiver Schlafentzug sei eine sichere Methode, um Lügner zu entlarven: Verdächtige, die nichts zu verbergen haben, werden im Lauf der Zeit immer rebellischer und variieren bei ihren Aussagen die Formulierungen. Lügner verraten sich dagegen durch zunehmende Antriebslosigkeit und die Wiederholung der Sätze, die sie sich zurechtgelegt haben.

Im November 1984 erhält Wiesler von Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur), seinem früheren Kommilitonen und jetzigen Vorgesetzten, den Befehl, den berühmten Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) zu observieren, der mit der gefeierten Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) zusammenlebt. Wiesler gehorcht mit der ihm eigenen Effizienz: Während niemand in der Wohnung ist, lässt er in jedem der Räume Abhörmikrofone installieren, und auf dem Dachboden des Mietshauses richtet er eine Überwachungszentrale ein.

Dreyman verstößt in seinen Theaterstücken zwar nicht gegen die Vorgaben der Partei, aber er ist mit dem Regimekritiker Paul Hauser (Hans-Uwe Bauer) und dem wegen seiner politischen Überzeugung seit sieben Jahren vom Theater verbannten Regisseur Albert Jerska (Volkmar Kleinert) befreundet.

Als Wiesler erfährt, dass die Bespitzelung gar nicht aus Sorge um den sozialistischen Staat angeordnet wurde, sondern weil der Kulturminister Bruno Hempf (Thomas Thieme) Christa-Maria Sieland begehrt und seinen Rivalen ausschalten will, äußert er gegenüber Grubitz zaghaft Bedenken, ob sich das mit ihrem Eid vertrage. Grubitz, der von Hempf massiv unter Druck gesetzt wird, erklärt Wiesler jedoch, dass ein Erfolg der Aktion für ihre beiden Karrieren entscheidend sei. Dreyman müsse mit allen Mitteln diskreditiert werden.

Wochenlang tippt Wiesler Berichte über das, was er aus der verwanzten Wohnung hört. Er protokolliert nicht nur Gespräche über das Theater, die Kunst und die Freiheit des Denkens, sondern hält auch fest, wann Dreyman und Christa-Maria Sieland Geschlechtsverkehr haben. Wenn er nach jeweils zwölf Stunden von seinem Untergebenen Udo (Charly Hübner) abgelöst wird, kehrt er in sein tristes Apartment zurück und isst vor dem Fernseher ein belegtes Brot. Einmal lässt er die Prostituierte Ute (Gabi Fleming) kommen und vergräbt seinen Kopf zwischen ihren großen, schlaffen Brüsten, aber sie kann nicht lang bleiben: Nach fünfzehn Minuten muss sie zum nächsten Freier. Während Wiesler bisher in der Pflichterfüllung für die Partei aufging, wird ihm durch das Leben der Anderen die Trostlosigkeit seiner eigenen Existenz bewusst. Heimlich holt er sich ein Buch von Bertolt Brecht aus Dreymans Wohnung, um es zu lesen.

Mit der Drohung, sie sonst von der Bühne zu verbannen, zwingt der Kulturminister Christa-Maria Sieland dazu, sich auf eine Affäre mit ihm einzulassen. Im Fond seiner von einem Chauffeur gesteuerten Limousine reißt er sich die Unterhose herunter und fällt gierig über sie her.

Auf dem Monitor einer Überwachungskamera sieht Wiesler, wie die Schauspielerin mit dem Wagen des Ministers nach Hause gebracht wird. Um Dreyman die Augen zu öffnen, lässt er es so lange bei ihm klingeln, bis der Schriftsteller zur Haustür hinuntergeht und seine Lebensgefährtin aus der dunklen Limousine steigen sieht. Bevor sie ihn bemerkt, zieht Dreyman sich wieder zurück und lässt Christa-Maria zunächst nicht merken, dass er sie verdächtigt, ihn mit dem Minister zu betrügen.

Als Albert Jerska sich aus Verzweiflung über das Berufsverbot das Leben nimmt, beschließt Dreyman, endlich politisch Stellung zu beziehen. Er schreibt einen Essay über die außergewöhnlich hohe Suizidrate in der DDR, die von der Staats- und Parteiführung geheim gehalten wird. Paul Hauser und ein weiterer Regimegegner namens Karl Wallner (Matthias Brenner) wollen ihm helfen, den Artikel anonym im Westen zu veröffentlichen. Sie treffen sich in Dreymans Wohnung mit Pauls Onkel Frank (Paul Faßnacht), der zu Besuch aus Westberlin gekommen ist und reden laut darüber, dass Frank Hauser vorhabe, seinen Neffen in dieser Nacht illegal über die Grenze in den Westen zu bringen. Der Plan ist fingiert: Frank Hauser fährt allein zurück. Als er aus Westberlin anruft und berichtet, dass er an der Grenze nicht weiter behelligt wurde, halten Georg Dreyman, Paul Hauser und Karl Wallner das für einen Beweis dafür, dass die Wohnung nicht abgehört wird. Sie ahnen nicht, dass Wiesler bereits die Nummer des erwähnten Grenzübergangs gewählt hatte, um die Republikflucht zu verhindern – und dann wieder aufgelegt hatte, ohne sich zu melden.

Einige Tage später besucht der „Spiegel“-Redakteur Gregor Hessenstein (Herbert Knaup) Dreyman in dessen vermeintlich nicht abgehörter Wohnung und bringt ihm eine kleine Reiseschreibmaschine mit, auf der er die Endfassung des Artikels schreiben soll. Weil damit zu rechnen ist, dass die Stasi auch in der „Spiegel“-Redaktion einen Informanten hat, der nach der Veröffentlichung des Beitrags eine Kopie der Originalvorlage in die DDR schickt, kann Dreyman nicht seine eigene Schreibmaschine benutzen. Beim Kauf hatte man sie auf seinen Namen registriert. Das ist in der DDR so üblich, damit die Stasi die individuellen Schriftbilder der Schreibmaschinen im Bedarfsfall den Besitzern zuordnen kann.

Um seine Lebensgefährtin nicht damit zu belasten, versteckt Dreyman die Schreibmaschine im Hohlraum unter einer herausnehmbaren Türschwelle und tut so, als würde er mit Hauser und Wallner an einem Theaterstück zum vierzigjährigen Bestehen der DDR arbeiten.

Diese Lüge greift Wiesler in seinem Bericht auf: Obwohl er alles mitbekommt, erwähnt er in seinem Bericht nichts von dem konspirativen Treffen mit dem „Spiegel“-Redakteur und erfindet stattdessen Inhaltsangaben zu einem Theaterstück, an dem der Überwachte angeblich schreibt.

Zufällig ertappt Christa-Maria Sieland jedoch ihren Lebenspartner eines Tages dabei, wie er die Schreibmaschine unter der Türschwelle versteckt.

Gemeinsam verfolgen sie in der Tagesschau der ARD die Nachricht über den „Spiegel“-Artikel.

Erich Mielke (Klaus Münster) persönlich ruft Grubitz an und verlangt eine rasche Entlarvung des Autors. Der Experte („Zack“ Volker Michalowski), den Grubitz kommen lässt, weiß zwar alles über die Schriftbilder von Schreibmaschinen, aber in diesem Fall kann er auch nur sagen, dass das von einem Informanten beim „Spiegel“ übermittelte Manuskript auf einer in der DDR nicht vertriebenen Maschine getippt wurde. Aus dem Kopf weiß er, dass der Dramatiker Dreyman, den Grubitz als Urheber verdächtigt, für seine Stücke ein anderes Modell benutzt.

Um die nächste von Hempf aufgezwungene Verabredung einhalten zu können, lügt Christa-Maria Sieland, sie wolle sich mit einer früheren Schulfreundin treffen. Dreyman gibt daraufhin erstmals zu erkennen, dass er von der Affäre mit dem Minister weiß und fleht sie an, zu Hause zu bleiben. Christa-Maria glaubt, nicht anders zu können, verlässt die Wohnung und trinkt in einer nahen Kneipe noch einen Cognac gegen den Ekel. Wiesler, der die Auseinandersetzung des Paares belauscht hat, verlässt seinen Beobachterposten, spricht Christa-Maria Sieland in der Gaststätte an und versucht, sie dadurch aufzubauen, dass er ihr sagt, wie sehr er sie als Schauspielerin bewundert. Damit erreicht er, dass sie Hempf versetzt.

Der lässt sie daraufhin nicht nur fallen, sondern er verrät außerdem Grubitz, dass Christa-Maria Sieland sich bei dem Zahnarzt Dr. Czimmy (Michael Gerber) verbotene Psychopharmaka gegen ihre Selbstzweifel besorgt. Der Stasi-Offizier lässt die Schauspielerin festnehmen und in die Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen bringen, um sie dort persönlich zu vernehmen. Dabei setzt er sie solange unter Druck, bis sie seinen Verdacht bestätigt, dass Georg Dreyman den „Spiegel“-Artikel geschrieben hat. Unverzüglich ordnet Grubitz eine Hausdurchsuchung bei dem Schriftsteller an. Dabei werden zwar verbotene Bücher und Zeitschriften aus der BRD gefunden, aber nichts, was Dreyman mit dem „Spiegel“-Beitrag in Zusammenhang bringt.

Grubitz, der dennoch an seinem Verdacht festhält, wundert sich darüber, dass der für seinen Spürsinn bekannte Wiesler nicht mitbekommen haben will, wie Dreyman an dem Essay arbeitete. Um Wieslers Loyalität auf die Probe zu stellen, befiehlt er ihm, Christa-Maria Sieland zu verhören und herauszufinden, wo Dreyman die Schreibmaschine versteckt hat. Durch einen Einwegspiegel verfolgt Grubitz im Nebenraum das Verhör, bei dem es Wiesler gelingt, Christa-Maria Sieland zur Preisgabe des Verstecks zu bringen. Grubitz lässt sie danach eine Verpflichtungserklärung als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit unterschreiben und ordnet dann an, sie nach Hause zu fahren. Damit Dreyman nicht merkt, wer das Versteck verraten hat, will er mit der zweiten Hausdurchsuchung erst beginnen, wenn Christa-Maria Sieland wieder bei ihrem Lebensgefährten ist und erst einmal duscht.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

An der Haustür wartet Wiesler auf seinen Vorgesetzten und das halbe Dutzend Männer, die ihn begleiten. Um Dreyman zu täuschen, befiehlt Grubitz seinen Leuten, die Bücher nach Notizen zu durchsuchen. Dann tut er so, als komme ihm die Türschwelle verdächtig vor. Während er sich daranmacht, sie herauszunehmen, rennt Christa-Maria Sieland, die ihren Verrat nicht länger erträgt, im Bademantel auf die Straße und vor einen Lastwagen.

Wiesler ist als Erster bei der Sterbenden. Verzweifelt flüstert er ihr zu, er habe die Schreibmaschine rechtzeitig aus dem Versteck geholt.

Grubitz kann zwar weder Dreyman noch Wiesler etwas nachweisen, aber er ist überzeugt, dass sein Untergebener die Seiten gewechselt hat und sorgt dafür, dass dieser keine verantwortungsvollen Aufgaben mehr übernehmen, sondern nur noch verdächtige Briefe öffnen darf.

Das sei Wieslers Aufgabe für die nächsten zwanzig Jahre, droht Grubitz. Doch nach vier Jahren, am 9. November 1989, fällt die Berliner Mauer [Wiedervereinigung].

Zwei Jahre später begegnet Dreyman im Foyer eines Theaters zufällig Bruno Hempf. Er nutzt die Gelegenheit, um den ehemaligen Minister zu fragen, warum er nicht abgehört wurde und vernimmt verblüfft, dass man jeden Raum seiner Wohnung verwanzt hatte. Zu Hause findet er die winzigen Mikrofone in den Steckdosen und die Leitungen. Da lässt er sich in der Gauck-Behörde die Akten zur Einsichtnahme aushändigen, die von der Stasi über ihn angelegt worden waren. Erst jetzt erfährt er, dass man Christa-Maria Sieland verhaftet und unter Druck gesetzt hatte, bis sie ihn verriet und eine Verpflichtungserklärung unterschrieb. Doch wer war der Stasi-Offizier HGW XX/7, in dessen Berichten nichts von dem Besuch des „Spiegel“-Redakteurs und der Arbeit an dem Essay über die hohe Suizidrate in der DDR steht, sondern stattdessen eine erfundene Inhaltsangabe zu einem nie geschriebenen Theaterstück? Dreyman macht den Mann in Berlin ausfindig und beobachtet, wie er Werbeprospekte in Briefkästen steckt. Zuerst will er Kontakt mit ihm aufnehmen, aber dann überlegt er es sich anders.

Weitere zwei Jahre später bemerkt Gerd Wiesler beim Austragen der Werbeprospekte im Schaufenster einer Buchhandlung ein Plakat mit dem Cover des neuen Romans von Georg Dreyman: „Die Sonate vom guten Menschen“. Wiesler kauft das Buch und schlägt es auf. Es ist HGW XX/7 in Dankbarkeit gewidmet. Auf die Frage des Verkäufers (Kai Ivo Baulitz), ob das Buch als Geschenk verpackt werden soll, antwortet er: „Nein, es ist für mich.“

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In seinem Spielfilm-Debüt „Das Leben der Anderen“ beschäftigt sich Florian Henckel von Donnersmarck, ein Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film in München, mit dem ebenso monströsen wie menschenverachtenden Überwachungsapparat der DDR. Der Hauptteil der Handlung beginnt wohl nicht zufällig im Jahr 1984 (George Orwell: 1984) und setzt sich ins folgende Jahr fort, in dem Michail Sergejewitsch Gorbatschow (*1931) Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU wurde, der Mann, der unter den Schlagworten „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestrojka“ (Umgestaltung) tiefgreifende Reformen in der Sowjetunion einleitete. Dem korrupten Minister Bruno Hempf und dem rücksichtslosen Karrieristen Anton Grubitz stellt Florian Henckel von Donnersmarck den pflichtbewussten Stasi-Offizier Gerd Wiesler gegenüber, der bei der Bespitzelung des Künstlerpaares Georg Dreyman und Christa-Maria Sieland – alles fiktive Figuren – eine Art Stockholm-Syndrom mit umgekehrten Vorzeichen erlebt, sich durch die Konfrontation mit dem Leben der Anderen der Trostlosigkeit seines eigenen Daseins bewusst wird, sich allmählich vom Saulus zum Paulus wandelt – und damit den Minister widerlegt, der behauptete, dass Menschen sich niemals ändern.

Einige Stasi-Opfer protestierten gegen die Figur eines Stasi-Offiziers, der sich zum Guten gewandelt haben soll und warfen Florian Henckel von Donnersmarck vor, die Realität in dem Film „Das Leben der Anderen“ verharmlost zu haben.

[…] müssen auf diejenigen, deren Leben durch die Machenschaften der Staatssicherheit zerstört wurde, wie ein Faustschlag ins Gesicht wirken. Bis heute hat sich kaum ein Stasi-Offizier kritisch mit seiner Arbeit auseinandergesetzt oder sich öffentlich zu seiner Schuld bekannt […] Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck stilisiert seine Hauptfigur, Hauptmann Wiesler, zu einem weltfremden Gut-Menschen, weil er sich in den Kopf setzte, eine Art Schindler der Staatssicherheit erfinden zu müssen. Den gab es nicht. Im Gegenteil. (Günter Jeschonnek, Süddeutsche Zeitung, 16. Mai 2006)

Tatsächlich findet man Einzelheiten in „Das Leben der Anderen“, bei denen es zweifelhaft erscheint, ob sie realistisch sind. Beispielsweise ist es fraglich, ob ein Kulturminister in der DDR in der Lage gewesen wäre, so viel Einfluss auf die Karriere eines Oberstleutnants der Stasi auszuüben, dass dieser sich von ihm unter Druck hätte setzen lassen, denn die Macht lag in den kommunistischen Staaten nicht bei der Regierung, sondern bei der Parteiführung, und obwohl es sich bei der Staatssicherheit um ein Ministerium handelte, stand der Überwachungsapparat ganz im Dienst der Partei. Doch abgesehen von Einzelheiten wirkt die in „Das Leben der Anderen“ evozierte Atmosphäre der Angst und Einschüchterung authentisch. Das hat auch Wolf Biermann bestätigt:

Ich komme aus dem Staunen gar nicht raus, dass solch ein westlich gewachsener Regie-Neuling wie Donnersmarck mit ein paar arrivierten Schauspielern in den Hauptrollen ein dermaßen realistisches Sittenbild der DDR mit einer wahrscheinlich frei erfundenen Story abliefern konnte. Er hat ja alles das nicht selber erlebt! Und trotzdem kann solch ein junger Mann mitreden! (Wolf Biermann: Die Gespenster treten aus dem Schatten. „Das Leben der Anderen“: Warum der Stasi-Film eines jungen Westdeutschen mich staunen lässt)

Es war ein fremdes Land, von dem Donnersmarck erzählt, und doch zeichnete er das Emotions- und Seelenleben der DDR in seinem Film subtil nach […]
Ein Filmemacher, der nichts dem Zufall überlässt – fast schon beängstigend, wie gründlich und detailversessen er sich in die Materie einarbeitet, wie er Konzepte entwickelt, ästhetische Reflexionen durchspielt, mit seinem Mitarbeitern das Dekor festlegt oder die Kameraeinstellungen. Als er zur Vorbereitung Fotobände aus der DDR studierte, bemerkte er die Abwesenheit von Rot-Tönen, und auch wenn man das Fehlen dieser Farben in „Das Leben der Anderen“ nicht bewusst wahrnimmt – man spürt, welche Auswirkungen es hat auf die Stimmung, die Lebensqualität in diesem Land. Die professionellen Standards können gar nicht hoch genug sein, die Donnersmarck sich setzt – es ist, als wolle er im Alleingang den klassischen Hollywood-Studiobetrieb wieder aufleben lassen.
(Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 23. Februar 2007)

„Das Leben der Anderen“ ist ein „raffinierter Mix aus Politthriller und Liebesmelo, Gewissensdrama und Gesellschaftsporträt“ (Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 23. März 2006), der sowohl auf der politischen wie auf der Gefühlsebene „funktioniert“. Dafür sorgen ein sorgfältig durchdachtes Drehbuch, eine spannende Inszenierung, bei der auf Authentizität geachtet wurde und ein grandioses Schauspieler-Ensemble. Martina Gedeck drückt die Selbstzweifel und die Zerrissenheit der Christa-Maria Sieland überzeugend aus. Ulrich Mühe stellt die schrittweise Wandlung des Stasi-Offiziers mit minimalen Veränderungen von Mimik und Gestik dar. Ulrich Tukur, der in der Rolle des Karrieristen brilliert, demonstriert in einer Szene, die in der Kantine des MfS spielt, gegenüber einem unbedarften Stasi-Mann die Klaviatur des Einschüchterns. Kameraführung und Schnitt verdienen ebenfalls hohe Anerkennung. Nur die Musik halte ich für zu aufdringlich, auch wenn sie von dem „Oscar“-Preisträger Gabriel Yared („Der englische Patient“, „Unterwegs nach Cold Mountain“) stammt.

Die Dreharbeiten fanden mit wenigen Ausnahmen in Berlin statt, die Außenaufnahmen vor dem Haus des Dramatikers Georg Dreyman beispielsweise in der Wedekindstraße im Stadtteil Friedrichshain.

„Das Leben der Anderen“ wurde mehrfach ausgezeichnet: Deutscher Filmpreis 2006 (in sieben Kategorien), Bayerischer Filmpreis 2006 (in vier Kategorien), Europäischer Filmpreis 2006 (in drei Kategorien), „Oscar“ 2007 (bester nicht englischsprachiger Film).

Im Suhrkamp Verlag erschien 2006 das Drehbuch von Florian Henckel von Donnersmarck: „Das Leben der Anderen“ (ISBN 3-518-45786-1, 219 Seiten, 8.50 €).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

Ministerium für Staatssicherheit (Stasi)

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