Speer und Er

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Speer und Er

Originaltitel: Speer und Er - Regie: Heinrich Breloer - Drehbuch: Heinrich Breloer und Horst Königstein - Kamera: Gernot Roll - Schnitt: Monika Bednarz-Rauschenbach und Olaf Strecker - Musik: Hans Peter Ströer - Darsteller: Sebastian Koch, Tobias Moretti, Dagmar Manzel, André Hennicke, Susanne Schäfer, Axel Milberg, Erika Marozsán u.a. - 2005

Inhaltsangabe

Der ehrgeizige Architekt Albert Speer (1905 - 1981) verdankte Adolf Hitler eine beispiellose Karriere. Trotz seiner herausragenden Machtposition und seiner außergewöhnlich erfolgreichen Arbeit als Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion wurde Albert Speer 1946 nicht zum Tod, sondern zu einer zwanzigjährigen Haftstrafe verurteilt, denn es gelang ihm, sich als verführten Künstler und unpolitischen Macher darzustellen.

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Kritik

Heinrich Breloer hat eine besondere Kunst entwickelt, Originalaufnahmen, Spielszenen und Interview-Ausschnitte so zusammenzustellen, dass daraus ein spannender, seriöser und aufschlussreicher Film entsteht. In "Speer und Er" geht es ihm dabei v.a. um die Frage, wieviel Albert Speer von den Vernichtungslagern wusste.
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(1) Germania. Der Wahn (1905 – 1945)

Albert Speer (Sebastian Koch) gehört zu den einundzwanzig Hauptangeklagten, die sich ab November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg verantworten müssen. Der Film beginnt im Oktober 1945: Speer liest in seiner Zelle die Anklageschrift. Nachdem Robert Ley, der Leiter der deutschen Arbeitsfront, sich am 25. Oktober 1945 das Leben genommen hat, versichert Albert Speer dem Psychologen Gustave M. Gilbert (August Zirner), er werde sich dem Prozess nicht durch Selbstmord entziehen. Er halte das Verfahren für sinnvoll und notwendig. Die Öffentlichkeit müsse über die grauenhaften Verbrechen unterrichtet werden, von denen er selbst bis jetzt keine Ahnung hatte.

In seiner Zelle erinnert Albert Speer sich, wie er am 4. Dezember 1930 erstmals eine Rede Adolf Hitlers (Tobias Moretti) gehört hatte und daraufhin der NSDAP beigetreten war.

Dem ehrgeizigen Architekten Albert Speer verhalf Adolf Hitler zu einer einmaligen Karriere und ernannte ihn am 30. Januar 1937 zum Generalbauinspekteur für die Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin und anderer deutscher Städte. Fünf Jahre später wurde Albert Speer Reichsminister und im Jahr darauf vertraute Hitler ihm die gesamte Rüstung und Kriegsproduktion an. Auch in diesen Aufgaben beeindruckte Albert Speer seinen Mäzen durch besondere Führungsstärke und ein außergewöhnliches Organisationstalent.

(2) Nürnberg. Der Prozess (1945/46)

Dr. Hans Flexner, der Albert Speer vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg verteidigt, drängt seinen Mandanten, sich als einen unpolitischen Architekten darzustellen, und Speers frühere Chefsekretärin, Annemarie Kempf (Susanne Schäfer), schmuggelt entlastende Dokumente nach Nürnberg. Albert Speer folgt dem Rat des Anwalts: Er gibt sich einsichtig, distanziert sich von dem Pöbel der anderen Nationalsozialisten, äußert seinen Abscheu vor deren Gräueltaten und stilisiert sich zum verführten Künstler bzw. unpolitischen Macher.

Heinrich Breloer konterkariert die Aussagen Albert Speers in Nürnberg mit Spielszenen über den Besuch des Rüstungsministers im Werk „Dora Mittelbau“ im Harz, wo er zwar sieht, wie sich die Zwangsarbeiter unter Tage zu Tode schuften müssen, aber keine Kritik äußert, sondern die SS-Offiziere vor Ort für den raschen Ausbau des Werkes für die Produktion der „V2“ ausdrücklich lobt. Auch die Behauptung Albert Speers, er habe 1945 vergeblich versucht, Adolf Hitler im „Führerbunker“ durch die Einleitung von Giftgas in die Lüftungsanlage zu töten, zieht Heinrich Breloer durch die Einblendung der Aussage eines Experten für den Bunkerbau in Zweifel.

In Nürnberg gelingt es Albert Speer jedenfalls, die Richter zu beeindrucken und der Todesstrafe zu entgehen. Stattdessen wird er am 1. Oktober 1946 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Hingerichtet: Hans Frank, Wilhelm Frick, Hermann Göring, Alfred Jodl, Ernst Kaltenbrunner, Wilhelm Keitel, Joachim von Ribbentrop, Alfred Rosenberg, Fritz Sauckel, Arthur Seyß-Inquart, Julius Streicher;
Freiheitsstrafen: Karl Dönitz, Walther Funk, Rudolf Heß, Konstantin von Neurath, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Albert Speer;
Freigesprochen: Hans Fritzsche, Hjalmar Schacht, Franz von Papen

(3) Spandau. Die Strafe (1946 – 1966)

Die sieben zu Freiheitsstrafen Verurteilten werden im Juli 1947 von Nürnberg in die eigens für diesen Zweck reservierte Strafanstalt in der Wilhelmstraße in Berlin-Spandau überführt („Kriegsverbrecher-Gefängnis“). Bei der Bewachung der Häftlinge lösen sich die Alliierten (USA, Großbritannien, Frankreich, UdSSR) im monatlichen Rhythmus ab.

Das „Kriegsverbrecher-Gefängnis“ in Spandau (nicht zu verwechseln mit der Zitadelle) wurde nach dem Tod des letzten Häftlings im Jahr 1987 abgerissen. Auf dem Gelände wurde ein Einkaufszentrum errichtet.

Albert Speer schreibt seiner Tochter Hilde (Milena Dreißig) 1953, er habe von den „scheußlichen Dingen“ nichts gewusst.

Auf Initiative des Architekten Rudolf Wolters (Axel Milberg) sammeln Speers Freunde jeden Monat Geld für die Anwaltskosten und die Familie des Häftlings; rund 180 000 Mark kommen in den zwanzig Jahren zusammen.

Um während der langen Inhaftierung nicht verrückt zu werden, schreitet Albert Speer jeden Tag neunundvierzig Runden im Hof von Spandau ab und stellt sich dabei vor, wie er um die Erde geht – 31 000 Kilometer weit. Dann öffnen sich am 1. Oktober 1966 um 0.00 Uhr die Tore für Albert Speer und Baldur von Schirach (Markus Boysen). Albert Speer, der von seiner Frau Margarete (Dagmar Manzel) und Dr. Flexner abgeholt wird, öffnet die Beifahrertür; erst als sein Anwalt meint, er wolle doch sicher neben seiner Gemahlin sitzen, steigt er durch die hintere Tür ein.

Konstantin Freiherr von Neurath (1873 – 1956), Erich Raeder (1876 – 1960) und Walter Funk (1890 – 1960) waren 1954, 1955 bzw. 1957 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen worden. Karl Dönitz (1891 – 1980) hatte seine zehnjährige Haftstrafe am 30. September 1956 verbüßt. Nach der Entlassung von Albert Speer und Baldur von Schirach (1907 – 1974) blieb Rudolf Heß (1894 – 1987) als einziger Insasse im Kriegsverbrecher-Gefängnis von Berlin-Spandau zurück. Er erhängt sich am 17. August 1987.

Aus den in der Zelle verfassten Aufzeichnungen stellt Albert Speer nach seiner Freilassung mit Unterstützung des Historikers Joachim Fest und des Verlegers Wolf Jobst Siedler zwei Bestseller zusammen: „Erinnerungen“ (1969) und „Spandauer Tagebücher“ (1975). Damit prägt er das Bild, das die Öffentlichkeit sich von ihm macht.

Über zwanzigtausend Blätter lagen vor mir, als ich den Koffer öffnete, in dem meine Familie aufbewahrt hatte, was aus Nürnberg und Spandau in über zwanzig Jahren von mir gekommen war: zahllose Seiten Tagebuchnotizen, offizielle Briefe und Kassiber, in möglichst kleiner Schrift geschrieben, auf Kalenderblättern, Zetteln, Pappdeckeln oder Toilettenpapier. (Albert Speer im Vorwort zu: „Spandauer Tagebücher“)

Für seine Frau und seine sechs Kinder bleibt Albert Speer ein fremder, unnahbarer Mann.

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Obwohl Heinrich Breloer auch in „Speer und Er“ wieder Originalaufnahmen zeigt und Zeugen – darunter die Söhne Albert und Arnold Speer, die Tochter Hilde Schramm, der Neffe Wolf Speer, Leni Riefenstahl, Joachim Fest, Wolf Jobst Siedler, Richard Sonnenfeldt (Dolmetscher beim Nürnberger Prozess), Kenneth Galbraith (US Strategic Bombing Survey), Werner Durth (Architekt) – zu Wort kommen lässt, hat er sich im Vergleich zu „Die Manns“ ein Stück weiter weg von der Dokumentation auf den Spielfilm bzw. das Fernsehspiel zubewegt. Heinrich Breloer hat eine ganz besondere Kunst entwickelt, Originalaufnahmen, Spielszenen und Interview-Ausschnitte so zusammenzustellen, dass daraus ein spannender, seriöser und aufschlussreicher Film entsteht. Dabei springt er nicht nur zwischen den verschiedenen Materialien, sondern auch zwischen den Jahren hin und her. Wer mit der Geschichte des „Dritten Reichs“ einigermaßen vertraut ist, wird sich dabei leicht zurechtfinden. Für Zuschauer, die sich damit zum ersten Mal auseinandersetzen möchten, könnte es trotz der eingeblendeten Datumsangaben schwierig sein, die Zeitsprünge vor allem in „Germania. Der Wahn“ zu verarbeiten.

Es geht Heinrich Breloer um mehr als eine fesselnde Handlung. Ihn treibt die Frage um, welche Kenntnisse Albert Speer über den Holocaust gehabt hatte. Viele Deutsche glaubten Albert Speer gern, denn wenn selbst einer der mächtigsten Männer des „Dritten Reichs“ nichts von Auschwitz gewusst hatte, wie hätte dann erst ein normaler Bürger ahnen können, was da vorgegangen war?! Sie identifizierten sich mit Albert Speer in seiner „Rolle des Gentleman-Nazi, des Verführten, des schließlich Geläuterten, der von guten Absichten und, nun ja, ein wenig Opportunismus getrieben war und der wie so viele einfach dem Faszinosum Hitler erlegen war“ (Wolfgang Benz, Süddeutsche Zeitung 17. Mai 2005). Die von Albert Speer verbreitete Legende vom unpolitischen und ahnungslosen Macher wird in Heinrich Breloers Film in Frage gestellt.

Mein Bild von Speer hat sich deutlich verfinstert. Nicht nur bei den Dreharbeiten, sondern auch bei der Recherche. Und dieses Suchen nach Zeugen und Akten in den Archiven dauerte ja noch bis weit in den Schnitt hinein an und ist eigentlich bis heute nicht beendet. Und ich musste die Figur trotzdem so offen gestalten, dass die Zuschauer an dieser Entwicklungs- und Entdeckungsreise in das Leben Speers beteiligt werden, dass sie sich mit ihm auseinandersetzen. Ich lege die Bestandteile alle auf den Tisch und bringe sie sozusagen ein wenig zum Tanzen. Nun müssen sich die Zuschauer entscheiden: Wie finden wir diesen Menschen, wie viel trauen wir ihm zu? (Heinrich Breloer in einem Interview; WDR print, Mai 2005, Seite 9)

Sebastian Koch, der Albert Speer im Film verkörpert – und dabei eine außergewöhnliche schauspielerische Leistung zeigt –, meint, der Rüstungsminister habe viel mehr gewusst, als er zugab, aber er sei ein Mathematiker gewesen, für den die Opfer nichts als Zahlen einer Statistik waren. „Das hat ihn nicht berührt, glaube ich, er hat auch nicht hingeguckt.“

Ungeklärt bleibt die Frage, ob Albert Speer dabei war, als Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 in Posen eine Rede hielt, in der er unmissverständlich von der Ausrottung der Juden einschließlich ihrer Frauen und Kinder sprach (Himmler-Rede vom 4. Oktober 1943). Joachim Fest sagt in die Kamera, Albert Speer habe ihm versichert, er sei nicht unter den Zuhörern gewesen. Wolf Jobst Siedler ist inzwischen überzeugt, dass das eine Lüge war. Und die beiden Söhne Albert Speers meinen, es sei unwichtig, denn ihr Vater – einer der mächtigsten Männer im „Dritten Reich“ – habe wohl auch ohne Kenntnis der Himmler-Rede von den Vernichtungslagern gewusst.

Inzwischen hat die Historikerin Susanne Willems Dokumente vorgelegt, die darauf schließen lassen, dass Albert Speer den Ausbau von Gaskammern und Krematorien in Auschwitz leitete: Das Projekt trug die Bezeichnung „Sonderprogramm Prof. Dr. Speer“.

„Speer und Er“ kostete 12,5 Millionen Euro. Bei den Dreharbeiten, die vier Monate dauerten (70 Drehtage), kamen 87 sprechende Darsteller und 1500 Komparsen zum Einsatz.

Darsteller und ihre Rollen in „Speer und Er“:

  • Sebastian Koch (Albert Speer)
  • Tobias Moretti (Adolf Hitler)
  • Dagmar Manzel (Margarete Speer)
  • Eva Haßmann (Eva Braun)
  • André Hennicke (Rudolf Heß)
  • Peter Rühring (Karl Dönitz)
  • Michael Gwisdek (Erich Raeder)
  • Elert Bode (Konstantin Freiherr von Neurath)
  • Markus Boysen (Baldur von Schirach)
  • Andreas Kallauch (Hans Fritzsche)
  • Götz Burger (Walter Funk)
  • Andreas Conrad (Hans Frank)
  • Susanne Schäfer (Annemarie Kempf)
  • Axel Milberg (Rudolf Wolters)
  • Erika Marozsán (Marion Riesser)
  • Wilfried Hochholdinger (Joseph Goebbels)
  • Hannes Hellmann (Hermann Göring)
  • Hannes Jaenicke (Major Neave)
  • August Zirner (Dr. Gustave M. Gilbert)
  • Milena Dreißig (Hilde Speer)
  • Peter Schneider (Albert Speer im Alter von 18 bis 29 Jahren)
  • Franz Dinda (Arnold Speer)
  • u. a.

Der dreiteilige Fernsehfilm „Speer und Er“ wurde erstmals am 9., 11. und 12. Mai 2005 im Ersten Programm ausgestrahlt. In Ergänzung zu Heinrich Breloers Film „Speer und Er“ sendete die ARD am 12. Mai die Dokumentation „Nachspiel. Die Täuschung“ von Heinrich Breloer und am 16. Mai einen Bericht unter dem Titel „Breloer dreht Speer und Er“. Außerdem gibt es zwei Bücher dazu: Heinrich Breloer, Speer und Er. Hitlers Architekt und Rüstungsminister (2005); Heinrich Breloer, Unterwegs zur Familie Speer. Begegnungen, Gespräche, Interviews (2005).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Albert Speer (Biografie)

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