Patrick Modiano : Unbekannte Frauen

Unbekannte Frauen

Patrick Modiano

Unbekannte Frauen

Originalausgabe: Des Inconnues Éditions Gallimard, Paris 1999 Unbekannte Frauen Übersetzung: Elisabeth Edl Carl Hanser Verlag, München 2002 ISBN: 3-446-20134-3, 140 Seiten, 14.90 € (D) dtv, München 2014 ISBN: 978-3-423-14433-9, 140 Seiten, 8.90€ (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Namen der drei französischen Ich-Erzählerinnen, von denen keine über 20 Jahre alt ist, erfahren wir nicht. Gemeinsam ist ihnen außer der Unsicherheit die Suche nach ihrem Weg und der Traum von einer schönen Zukunft. Jede von ihnen gerät an einen undurchsichtigen Verführer, von dem sie glaubt, dass er ihr weiterhilft – was sich jedoch als Illusion erweist. Der erste wird von der Polizei verhaftet, der zweite entpuppt sich als Sexabenteurer und der dritte als Sektenmitglied ...
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Kritik

Das Buch "Unbekannte Frauen" besteht aus drei eigenständigen Er­zählungen. Während sich die ande­ren Romane von Patrick Modiano durch eine elegante Sprache aus­zeich­nen, reiht er hier kurze, schmucklose Sätze aneinander.
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I

Eine 18-jährige Französin, die nach Ablauf einer auf ein halbes Jahr befristeten Bürotätigkeit in ihrer Heimatstadt Lyon nach Torremolinos fuhr, wohnt dort in einem kleinen Strandhotel. Die Besitzerin, Mireille Maximoff, erzählt ihr, dass sie vor längerer Zeit, als sie 17 Jahre alt war, die Abiturprüfung verschlafen habe. Sie schreibt der Jüngeren, deren Namen wir nicht erfahren, eine Adresse in Paris auf. Dort werde sie im Herbst einige Zeit bei Freunden verbringen, sagt sie.

Zurück in Lyon, bewirbt sich die schüchterne Ich-Erzählerin im Herbst als Mannequin in einem Modesalon, wird jedoch abgelehnt. Enttäuscht fährt sie mit dem Nachtzug nach Paris und verabredet sich mit Mireille Maximoff in einem Café an der Place du Trocadéro. Als Mireille erfährt, dass sich das Mädchen kein Hotelzimmer leisten kann, nimmt sie es in der Wohnung auf, die sie für eine abwesende Freundin hütet. Ihr sei es nach dem versäumten Abitur ähnlich ergangen, erzählt sie. Sie kam allerdings nicht aus Lyon, sondern aus Bordeaux nach Paris. Dort lernte sie dann einen russisch-stämmigen Mann namens Eddy Maximoff kennen und wurde schließlich seine Frau.

Mireille trifft sich jeden Tag mit Freunden. Als sie die jüngere Frau in ein chinesisches Restaurant mitnimmt, werden sie dort von zwei Männern erwartet. Der, den Mireille küsst, heißt Walter und „irgendetwas Italienisches“. Der andere stellt sich als Guy Vincent vor, aber die Erzählerin findet bald heraus, dass das nicht sein richtiger Name ist. Er ist zehn oder fünfzehn Jahre älter als sie. Nach dem Essen verabschieden sich Mireille und Walter von den beiden anderen. Guy verbringt die Nacht mit seiner neuen Bekannten.

Als sie am nächsten Morgen zu Mireille zurückkommt, lügt sie, sie habe Freunde aus Lyon getroffen.

Guy reist mit der jungen Frau in die Schweiz. Nach einer Lesung in einem Hotel in Lausanne lässt er den Autor Jacques Chardonne ein Exemplar des Buches mit dem Titel „Vivre à Madère“ signieren. Bei dieser Gelegenheit hört seine Begleiterin zum ersten und einzigen Mal seinen richtigen Namen: Alberto Zymbalist.

Danach fahren sie weiter nach Genf und zurück nach Paris. Als ihn das Mädchen dort im Hotel aufsuchen will, stehen überall Polizisten, und in der Halle trifft sie auf einen Algerier im blauen Regenmantel, der ihr schon in Genf auffiel. Er erkennt sie ebenfalls und sagt zu ihr:

„Gehen Sie schnell weg. Die wissen noch nicht, wer Sie sind. Vorläufig sind Sie nur ein nicht identifiziertes blondes Mädchen.“

II

Die junge Ich-Erzählerin wurde in Annecy geboren. Als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater. Die Mutter zog bald darauf zu einem Metzger, und das Kind kam zu einer Tante nach Veyrier-du-Lac, die sich wenig um die Nichte kümmerte. Mit fünf wurde das Mädchen an der École Sainte-Anne eingeschult. Wegen hervorragender Noten rieten die Lehrerinnen später zum Besuch eines Gymnasiums, aber die Tante wollte ihre inzwischen zwölfjährige Nichte loswerden und schickte sie in ein von Nonnen geführtes Internat am Lac d’Annecy.

Dort schenkt ihr eine Mitschülerin, deren Eltern in Cruseilles eine Apotheke besitzen, eines von zwei Röhrchen Schlaftabletten, das sie zu Hause gestohlen hat. Das verschaffe ihnen mit der Möglichkeit zum Suizid die Entscheidung über Leben und Tod, meint die Apotheker-Tochter.

Während der großen Ferien hilft die Erzählerin ihrer Tante beim Putzen, Einkaufen und Kochen für andere Leute. In dem Sommer, in dem sie 16 ist, arbeiten sie in einer Villa in Talloires für ein Ehepaar mit zwei Töchtern ungefähr im Alter der Internatsschülerin und zwei Söhnen. Der 19-Jährige wohnt noch zu Hause, sein sechs Jahre älterer Bruder leistet seinen Militärdienst in Algerien ab, verbringt aber diesen Sommer bei der Familie in Talloires.

Als der 25-Jährige einmal mit der jüngeren Haushaltshilfe allein in der Villa ist, tut er sehr erfahren, aber sein Kuss wirkt verkrampft.

Solche hatte ich mit ungefähr dreizehn von Jungen bekommen, wenn sie auf die Uhr schauten und wir zu mehreren Der-Kuss-der-am-längsten-dauert spielten.

Er wirft die junge Frau zwar aufs Bett, beginnt dann jedoch, eine schlüpfrige Stelle aus dem Buch „Comme le temps passe …“ von Robert Brasillach vorzulesen, und als sie zu lachen beginnt, wirft er sie hinaus.

An den beiden Nachmittagen und Abenden, an denen sie ihrer Tante nicht helfen muss, fährt sie mit dem Bus nach Annecy und trifft sich dort mit ihrer zwei Jahre älteren Mitschülerin Sylvie im Café Le Reganne.

Als die Ferien zu Ende sind, nimmt sie statt des Busses zum Intenat den in der Gegenrichtung, nach Annecy, obwohl sie kein Geld hat und nicht weiß, was sie in der Stadt anfangen soll. In einer Taverne sieht sie Gaëlle, eine früher Mitschülerin an der École Sainte-Anne, mit zwei Männern Mitte 30 sitzen. Sie geht hinein. Die Männer heißen Lafon und Orsini. Nach dem Essen lassen sich Gaëlle und Lafon am Hôtel d’Angleterre absetzen. Orsini fährt mit der Schülerin zurück in die Taverne, weil sie ihre Reisetasche vergessen hat. Danach nimmt Orsini sie mit ins Hotel, in das Zimmer, in dem es Gaëlle und Lafon laut stöhnend auf einem Sofa treiben.

Die Ich-Erzählerin kehrt nicht mehr ins Internat zurück und sieht weder ihre Tante noch ihre Mutter wieder.

Bob Brune, ein Freund ihres verstorbenen Vaters Lucien, der in Annecy ein Café betreibt, lässt sie als Kellnerin arbeiten. Er übergibt ihr auch einen kleinen Koffer mit von ihrem Vater hinterlassenen Sachen, darunter einen Revolver aus dem Krieg.

Im Jahr darauf kann Bob Brune sie zwar nicht mehr weiterbeschäftigen, sorgt aber dafür, dass ihr von der Rezeption des Hôtel Impérial Gelegenheitsjobs vermittelt werden. Éliette El-Koutoub, eine über 70 Jahre alte Dame, nimmt ihre Dienste als Gesellschafterin in Anspruch und lässt sie auch den Hund Bobby-Bagnard ausführen. Als die junge Frau eines Morgens ins Hotel kommt, ist Madame El-Koutoub überraschend abgereist, hat aber einen mit Geld gefüllten Umschlag und einem „Danke“ für sie hinterlassen.

Kurz darauf erhält sie durch die Hotelrezeption einen Job für drei Tage als Babysitterin bei Monsieur und Madame Aspen, einem ebenso reichen wie hochnäsigen, um die 30 Jahre alten Ehepaar. Nachdem die Familie zurück nach Genf gefahren ist, ruft Frédéric Aspen im Hotel an und bietet der jungen Frau eine weitere Woche als Babysitterin an, weil die Gouvernante noch nicht aus dem Urlaub zurückgekommen ist.

Also fährt sie mit dem Bus nach Genf. Monsieur Aspen öffnet ihr. Die Kinder kämen erst am nächsten Tag mit seiner Frau aus Gstaad zurück, sagt er und lädt sie ein, mit ihm und einem Freund namens Alain ein Glas zu trinken. Der 35-Jährige hält sie zunächst für eine Freundin Frédérics.

„Das ist die neue Babysitterin“, sagte Monsieur Aspen.
Da hat mich der andere gemustert, als ob ich ein Stück Vieh wäre.

Alain meint:

„Jetzt werden Sie uns mal zeigen, wie Sie Babysitterin spielen …“

Sie schlägt vor, dazu in ihr Zimmer zu gehen und lässt es sich vom Hausherrn zeigen.

„Sieh zu, dass du unsere Babysitterin gut für mich vorbereitest“, sagte der andere mit seiner piepsigen Stimme. „Ich komme in einer halben Stunde nach …“
Und wieder lächelte er mich an.
„Ich werde mein Möglichstes tun“, sagte Monsieur Aspen.

Statt in ihre Kammer führt Frédéric Aspen sie in ein großes Schlafzimmer mit Bad. Dort drückt er ihr einen 50-Franc-Schein in die Hand. Sie bittet darum, sich für einen Augenblick ins Bad zurückziehen zu dürfen und nimmt ihre Reisetasche mit hinein. Auf den Wannenrand sitzend, holt sie den Revolver und eine Schachtel mit Patronen hervor, lädt die Waffe und kehrt zum Hausherrn zurück.

Was das Schießen angeht, besitze ich wohl dieselbe Begabung wie mein Vater, denn ich habe Monsieur mit dem ersten Schuss getötet.

III

Eine 19-jährige Französin hat einige Zeit in London gelebt und dort eineinhalb Jahre lang in Barker’s Kaufhaus gearbeitet. Als sie entlassen wird, vertraut ihr der österreichische Bekannte Georg Cramer, der für längere Zeit nach Mallorca reist, die Schlüssel seines Ateliers in Paris an.

Es befindet sich in einem ihr unbekannten Viertel der französischen Metropole. Morgens, wenn sie noch im Bett liegt, hört die einsame junge Frau Hufgetrappel. Als sie dann herausfindet, dass die Tiere zu den Pferdeschlachthöfen von Vaugirard geführt werden, will sie das Stadtviertel verlassen, hat aber kein Geld, um ein Zimmer zu mieten.

In einem Café wird die einsame junge Frau von einem Lehrer angesprochen, der dort Arbeiten seiner Schüler korrigiert. An drei Tagen pro Woche unterrichtet Michel Kérourédan, so heißt er, Philosophie an einem Gymnasium außerhalb von Paris. Er fragt, ob sie maschineschreiben könne und bietet ihr Arbeit an. Sie soll von ihm und einer Gruppe von Freunden gemeinsam verfasste Texte abtippen, und er leiht ihr auch eine Schreibmaschine. Der erste Text, den er ihr mitgibt, trägt den Titel „Besinnung auf sich selbst“. Zu lesen gibt er ihr kurz darauf ein in englischer Sprache geschriebenes Buch von V. Bode: „In Search of Light and Shadow“.

Zwei Tage später nimmt er sie mit zu einem Treffen der von Doktor Bode beseelten Gruppe bei Geneviève Peraud. Außer der Dame des Hauses sind nur zwei Herren da, Michel Kérourédan und ein anderer, der sich als Gianni vorstellt. Die junge Frau bekommt Pfefferminztee mit einem besonderen Beigeschmack zu trinken, und als die beiden Männer gegangen sind, fühlt sie sich benommen. Geneviève Peraud sagt zu ihr:

„Entspannen Sie sich, mein Kleines … Sie sehen so traurig aus … Legen Sie sich auf das Sofa.“

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Patrick Modiano spricht von einem Roman, aber das Buch „Unbekannte Frauen“ setzt sich aus drei eigenständigen Erzählungen zusammen. Es ist auch nicht charakteristisch für den Nobelpreisträger und gehört zu seinen schwächeren Werken.

In jedem der drei Kapitel von „Unbekannte Frauen“ lässt Patrick Modiano eine andere Ich-Erzählerin zu Wort kommen, deren Namen wir nicht erfahren. Es handelt sich um einsame, schüchterne Französinnen ohne starkes Selbstwertgefühl; keine von ihnen ist über 20 Jahre alt. Gemeinsam ist ihnen außer der Unsicherheit die Suche nach ihrem Weg und der Traum von einer schönen Zukunft. Jede von ihnen gerät an einen undurchsichtigen Verführer, von dem sie glaubt, dass er ihr weiterhilft – was sich jedoch als Illusion erweist.

Die Darstellung ist karg, ernüchternd und pessimistisch. Während sich fast alle anderen Romane von Patrick Modiano durch eine elegante Sprache auszeichnen, hat er für „Unbekannte Frauen“ eine extrem schmucklose Sprache mit kurzen, übergangslosen Sätzen gewählt, die beinahe wie die eines Polizeiprotokolls wirkt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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