Klaus Mann : Mephisto

Mephisto
Mephisto. Roman einer Karriere Manuskript: Amsterdam 1936 Erstausgabe (in deutscher Sprache):Querido Verlag, Amsterdam 1936 Erstausgabe in Deutschland:Aufbau-Verlag, Berlin (Ost) 1956

Inhaltsangabe


Der ehrgeizige Schauspieler Hendrik Höfgen ist im Grunde kein schlechter Mensch, aber sein maßloser Ehrgeiz verleitet ihn dazu, potenzielle Förderer verlogen zu umschmeicheln, seine politischen Ideale zu verraten und sich mit führenden Nationalsozialisten zu arrangieren. Zu spät erkennt er, dass der Preis dafür sein Identitätsverlust ist.

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Kritik

"Mephisto" ist ein außergewöhnlich vielschichtiges Porträt eines Karrieristen. In seiner tiefschürfenden psychologischen Analyse zeigt Klaus Mann die Charakterzüge und die persönliche Entwicklung des Protagonisten. Formal und thematisch ist "Mephisto" ein großer Roman.
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Der Roman beginnt mit einer pompösen Feier in den Räumen des Berliner Opernhauses anlässlich des 43. Geburtstags des preußischen Ministerpräsidenten im Jahr 1936. Zwei junge Attachés ausländischer Botschaften schimpfen über den Prunk, der ihnen umso unangemessener erscheint, als sie wissen, dass in Deutschland die Löhne fallen und die Preise steigen. „Ekelhaft, dass man den Rummel mitmachen muss“, sagt er eine. Als ein deutscher Offizier vorbeikommt, verbeugen sie sich und lächeln freundlich, und gegenüber einem Herrn von Auswärtigen Amt preisen sie die kolossale und geschmackvolle Saaldekoration.

Der Propagandaminister — Herr über das geistige Leben eines Millionenvolkes — humpelte behende durch die glänzende Menge, die sich vor ihm verneigte. Eine eisige Luft schien zu wehen, wo er vorbeiging. Es war, als sei eine böse, gefährliche, einsame und grausame Gottheit herniedergestiegen in den ordinären Trubel genusssüchtiger, feiger und erbärmlicher Sterblicher. Einige Sekunden lang war die ganze Gesellschaft wie gelähmt vor Entsetzen. Die Tanzenden erstarrten mitten in ihrer anmutigen Pose, und ihr scheuer Blick hing, zugleich demütig und hassvoll, an dem gefürchteten Zwerg. Der versuchte durch ein charmantes Lächeln, welches seinen mageren, scharfen Mund bis zu den Ohren hinaufzerrte, die schauerliche Wirkung, die von ihm ausging, ein wenig zu mildern; er gab sich Mühe, zu bezaubern, zu versöhnen und seine tief liegenden, schlauen Augen freundlich blicken zu lassen. Seinen Klumpfuß graziös hinter sich her ziehend, eilte er gewandt durch den Festsaal und zeigte dieser Gesellschaft von zweitausend Sklaven, Mitläufern, Betrügern, Betrogenen und Narren sein falsches, bedeutendes Raubvogelprofil.

Der Propagandaminister geht auf den 39-jährigen Staatstheaterintendanten Hendrik Höfgen zu und präsentiert sich den Pressefotografen im Gespräch mit ihm. Dabei hasst er Höfgen, dessen Berufung der Ministerpräsidenten gegen den Kandidaten des Propagandaministers durchgesetzt hatte.

Der Ministerpräsident zögert sein Erscheinen hinaus, um die Wirkung zu erhöhen. An seiner Seite tritt seine Gattin auf, die ehemalige Schauspielerin Lotte Lindenthal.

Sie war unberührbar, unangreifbar; denn sie war ahnungslos und sentimental. Sie glaubte sich umgeben von der „Liebe ihres Volkes“, weil zweitausend Ehrgeizige, Käufliche und Snobs Lärm machten zu ihren Ehren. Sie schritt durch den Glanz und verschenkte Lächeln — mehr verschenkte sie nie.

Oskar H. Kroge leitete nach dem Ersten Weltkrieg die Kammerspielbühne in Frankfurt am Main. Für ihn war das Theater eine moralische Anstalt. Er bekannte sich zu den Idealen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Kroge fühlte sich als Vorkämpfer des dramaturigschen Expressionismus. Frank Wedekind, August Strindberg, Georg Kaiser, Carl Sternheim, Fritz von Unruh, Walter Hasenclever, Ernst Toller, Leo Tolstoi und Rabindranath Tagore standen bei ihm auf dem Spielplan. Als ihm 1923 die Direktion des Hamburger Künstlertheaters angetragen wurde, ließ er sich darauf ein, musste aber bald feststellen, dass die Hamburger für seine anspruchsvollen Experimenten weniger aufgeschlossen waren als die Frankfurter.

Das Künstlertheater blieb literarisch — was seinen Einnahmen schädlich war.

Zum Ensemble des Hamburger Künstlertheaters gehört auch der aus Köln stammende Hendrik Höfgen, der eigentlich Heinz heißt, aber sogar von seinen Eltern und seiner Schwester Josy mit „Hendrik“ angesprochen werden will und sich sehr darüber aufregt, wenn jemand das „d“ in der Mitte des Vornamens übersieht. Hendrik Höfgen ist Regisseur und Schauspieler zugleich. Neben ihm gibt es da noch seinen Freund Otto Ulrichs, der ebenso wenig wie Höfgen seine kommunistische Gesinnung verhehlt. Hans Miklas dagegen hofft auf den „Führer“ der Nationalsozialistischen Partei.

Otto Ulrichs und Hendrik Höfgen planen ein „Revolutionäres Theater“, das aus einer Serie sonntäglicher Matinees bestehen soll. Doch Höfgen hält seinen Freund immer wieder hin.

Hendrik Höfgen arbeitet 16 Stunden am Tag und hat jede Woche mindestens einen Nervenzusammenbruch. Bei den Proben demonstriert er, dass er seinen Kollegen weit überlegen ist; als Regisseur setzt er sie herab und verhöhnt sie. Er leidet darunter, nur ein Provinzschauspieler zu sein; an etwas anderes kann er gar nicht denken. Bei einem Gastspiel der berühmten Charakterdarstellerin Dora Martin aus Berlin versteckt er sich in seiner Garderobe. Erst als sie aufbricht, drängt er sich in seinem abgenützten Bühnen-Smoking durch die Umstehenden, küsst ihr die Hand und schwärmt von ihrer Vorstellung. Sie weiß zwar, dass er gar nicht im Theater war, nimmt aber seine Ovation huldvoll entgegen.

Vor einiger Zeit sah er in einer Hamburger Hafenkneipe die junge schwarze Juliette Martens, die dort als „Prinzessin Tebab“ einen erotischen Tanz aufführte. Danach sprach er sie an und erhält seither Tanzunterricht von ihr. Er bezahlt sie für die Stunden, aber sie ist nicht nur seine strenge Lehrerin, die ihn mit Peitschenhieben züchtigt, sondern auch seine Geliebte. Juliettes Mutter war eine Afrikanerin, ihr Vater ein Hamburger Ingenieur, aber die dunkle Hautfarbe setzte sich durch. Hendrik Höfgen fühlt sich zu ihr hingezogen.

Ihm imponierte das Exzentrische, abenteuerlich-Fragwürdige, da er selbst aus den bürgerlichsten Verhältnissen kam.

Durch seine Kollegin Nicoletta von Niebuhr lernt Hendrik Höfgen deren Freundin Barbara Bruckner kennen. Als Nicoletta dreizehn war, starb ihr Vater in Shanghai. Kurz vorher hatte er noch seinem Freund Bruckner in einem Brief gebeten, sich um das Mädchen zu kümmern. Der Geheimrat nahm sie auf, und Nicoletta freundete sich mit ihr an.

Nicoletta, die selbst in den verschrobenen Satiriker Theophil Marder verliebt ist, ermutigt Höfgen, Barbara den Hof zu machen. Die ist von seinem Antrag überrascht und zeigt deutlich, dass sie überhaupt nicht daran dachte, näher mit ihm in Beziehung zu treten. Da stürzt er theatralisch vor auf die Knie und bittet weinend um Erbarmen.

„Ohne dich muss ich ganz zugrunde gehen. Es ist so viel Schlechtes in mir. Allein bringe ich die Kraft nicht auf, es zu besiegen, du aber wirst das Bessere in mir stark machen!“

Zögernd lässt sie sich auf die Verlobung ein. Hendrik Höfgen setzt seinem zukünftigen Schwiegervater, dem liberal gesinnten, toleranten Geheimrat Bruckner, leidenschaftlich seine sozialistischen Anschauungen auseinander, flucht über den „ausbeuterischen Zynismus der Bourgeoisie“ und zugleich über den „frevelhaften Irrsinn des Nationalismus“.

Wenn er Publikum sein sollte, Mensch unter anderen, fühlte er sich befangen und oft verstört; seine Sicherheit kehrte wieder, und ward zur Siegesgewissheit, sowie er sich distanzieren, in ein grelleres Licht treten und dort schimmern durfte.

Bald darauf findet die Hochzeit statt. Die Flitterwochen verbringt das Paar mit Nicoletta auf deren Empfehlung in einem Hotel an einem der oberbayrischen Seen. Am anderen Ufer wohnt Theophil Marder, und den besucht Nicoletta fast täglich.

Einmal erzählt Hendrik Höfgen von einem Erlebnis, das er mit elf oder zwölf Jahren im Knabenchor des Gymnasiums hatte. Weil er glaubte, besser als die anderen zu sein, sang er bei der Probe für eine Veranstaltung eine Oktave höher als vorgesehen und hielt sich dabei für einen jubilierenden Engel, aber der Chorleiter sagte nur abfällig: „Sei doch still.“ Da stürzte er aus seinem Himmel und schämte sich.

In der altmodischen Villa der Witwe des Konsuls Mönkeberg in einem vornehmen Hamburger Viertel, wo Hendrik Höfgen bisher ein Einzelzimmer im Erdgeschoss bewohnte, mietet er jetzt auf Kosten seines Schwiegervaters das gesamte Parterre. Nicoletta dagegen ist es in der Villa zu spießig; sie zieht ein Hotel vor.

In Barbaras Armen ist Hendrik Höfgen impotent. Aber bereits in der zweiten Woche nach seiner Rückkehr aus den Flitterwochen beginnt er sich wieder regelmäßig mit Juliette zu treffen.

Am Tag nach der erfolgreichen Premiere eines neuen Stücks erhält Nicoletta von Niebuhr ein Telegramm von Theophil Marder:

„Verlange von dir, dass sofort zu mir kommst stopp verbiete dass dich länger als Schauspielerin prostituierst stopp männliches Ehrgefühl in mir protestiert gegen deine Erniedrigung stopp disziplinierte Frau hat bedingungslos total genialem Mann zu gehören, der sie zu sich hinaufziehen will stopp …“

Unverzüglich gibt sie ihren Beruf auf und eilt zu dem mehr als dreißig Jahre älteren Kauz, um ihn zu heiraten.

Barbara unterhält sich gern mit Otto Ulrichs. Die Einfachheit und Unbedingtheit seiner Gesinnung imponieren ihr. Ihr Mann aber kritisiert sie:

„Der revolutionäre Glaube ist für dich ein interessantes psychologisches Phänomen. Für uns aber ist er heiligster Lebensinhalt.“

Für Hans Miklas empfindet sie eher Mitleid, aber sie hört ihm zu und diskutiert mit ihm über seine politischen Ansichten. Als Hendrik Höfgen danach wieder mit ihr allein ist, tobt er:

„Man sitzt nicht mit einem Lumpen von Nationalsozialisten den ganzen Abend an einem Tisch! Alle Nazis sind Lumpen. Man beschmutzt sich, wenn man sich abgibt mit einem von ihnen. Die liberalistischen Traditionen deines Hauses haben dich verdorben. Du hast keine Gesinnung, sondern nur eine verspielte Neugierde.“

Eines Abends bezeichnet Höfgen die Schauspielerin Lotte Lindenthal als „blöde Kuh“. Hans Miklas verwahrt sich gegen die Beleidigung der Freundin eines führenden Nationalsozialisten. (Jeder weiß, dass Lotte Lindenthal die Geliebte eines ehemaligen Fliegeroffiziers ist, der in der Hierarchie der NSDAP ganz oben steht.) Nach dem heftigen Streit erzwingt Höfgen mit der Drohung, selbst das Ensemble des Hamburger Künstlertheaters zu verlassen, die Kündigung seines Gegners.

„Liebling eines provinziellen Publikums zu sein — ich bedanke mich schön. Lieber fange ich in Berlin von vorne an, als dass ich diesen kleinstädtischen Betrieb länger mitmache.“

Durch Fürsprache von Theophil Marder, Geheimrat Bruckner und Dora Martin wird „der Professor“, der berühmte Regisseur und Theaterleiter in Berlin und Wien, auf Hendrik Höfgen aufmerksam. Durch sein Sekretariat lässt er ihm 1928 die Rolle eines geckenhaften Kavaliers in einem Lustspiel anbieten, das in Wien aufgeführt wird. Obwohl Hendrik Höfgen miserabel spielt, überredet Dora Martin den Professor, ihn ans Staatstheater in Berlin zu engagieren. Die Gage beträgt zwar weniger als die Hälfte dessen, was er in Hamburg erhielt, aber Hendrik Höfgen ergreift die Chance, in der Reichshauptstadt ganz von vorn anzufangen.

Für die Spielzeit 1929/30 wird seine Gage verdreifacht. Nach den Abendvorstellungen singt er noch Chansons in der Music-Hall. In dem Kriminalfilm „Haltet den Dieb!“ steht erstmals vor der Kamera. Höfgen zieht aus der Zwei-Zimmer-Wohnung aus, die er in Berlin für sich und seine Frau mietete, und nimmt sich eine helle Wohnung am Reichskanzlerplatz. Auch das Autofahren erlernt er.

Geheimrat Bruckner kommt nicht mehr gern nach Berlin:

„Es bereiten sich hier Dinge vor, die mich entsetzen — und das Schaurigste ist, dass die Menschen, mit denen ich Umgang habe, die Gefahren nicht zu bemerken scheinen. Man ist geschlagen mit Blindheit.“

Der Geheimrat Bruckner entzieht sich einer Gesellschaft — in welcher Hendrik Höfgen Triumphe feiert.

Barbara zieht sich von ihm zurück und kommt immer seltener nach Berlin. Hendrik Höfgen schickt Juliette Reisegeld und mietet ihr ein Zimmer in einer entlegenen Berliner Gegend, wo er sie jede Woche heimlich besucht.

Während Hendrik Höfgen von linken und links-bürgerlichen Blättern und jüdischen Feuilletonredakteuren gefeiert wird, verfolgen ihn die nationalistischen Dramatiker mit Hass, weil er ihre Stücke ablehnt. In seiner Wohnung bewirtet Höfgen mitunter junge Schriftsteller, denen er effektvoll seine Wut gegen den Kapitalismus und seine Hoffnung auf die Weltrevolution vorträgt. Otto Ulrichs lebt inzwischen auch in Berlin. Er leitet das politische Kabarett „Der Sturmvogel“. Dort tritt Höfgen einmal als besondere Attraktion des Abends auf. Mit den Worten: „Nichts von Berühmtheit, nichts von Staatstheater!“ springt er aus den Kulissen und ruft: „Ich bin euer Genosse Höfgen!“

Anlässlich von Johann Wolfgang von Goethes 100. Todestag wird in der Saison 1932/33 „Faust“ ins Repertoire des Staatstheaters aufgenommen. Die Rolle des „Mephisto“ wird zu Hendrik Höfgens größtem Erfolg. Nach der stürmisch gefeierten Premiere kommt Dora Martin zum ihm in die Garderobe. Sie lerne jetzt Englisch, verrät sie ihm, denn bevor die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernähmen, werde sie nach Amerika auswandern. Höfgen ist fassungslos. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten an die Regierung kommen.

Am 30. Januar 1933 hält er sich gerade zu Dreharbeiten in der Nähe von Madrid auf. Da wird Hitler zum Reichskanzler ernannt. Bekannte schreiben Höfgen aus Berlin, dass bereits schwarze Listen existieren. Darauf stehen auch die Namen des „Professors“, Geheimrat Bruckners und seiner. Nach Abschluss der Filmaufnahmen wagt Höfgen es nicht, nach Deutschland zurückzukehren. Stattdessen reist er nach Paris. Dort erfährt er vom Reichstagsbrand und der Verhaftung seines Freundes Otto Ulrichs.

Seine frühere Hamburger Kollegin Angelika Siebert, die ihn anhimmelte, obwohl er sie ignorierte, schreibt ihm, sie habe für ihn ein gutes Wort eingelegt bei Lotte Lindenthal, die sie vor längerer Zeit bei gemeinsamen Bühnenauftritten kennen gelernt hatte. Die Lindenthal habe daraufhin ihren Fliegergeneral, der jetzt preußischer Ministerpräsident ist, erzählt, sie wünsche sich für ihr Debüt am Berliner Staatstheater in dem Lustspiel „Das Herz“ Hendrik Höfgen als Partner. Er würde also unter der Protektion des Ministerpräsidenten stehen und nichts zu befürchten haben, wenn er nach Deutschland käme.

Höfgen hat die Schlafwagenkarte bereits in der Tasche, da sieht er zufällig vor dem Café du Dôme Barbara. Sie sitzt da mit Hedda Herzfeld, einer seiner Hamburger Kolleginnen, einer unbekannten Frau und zwei jungen Männern, von denen einer ihr Jugendfreund Sebastian ist. Zuerst will er hingehen, dann lässt er es, denn er fürchtet ihre Blicke, wenn sie erfahren, dass er zu den Leuten fährt, vor denen sie geflohen sind. (Auch Geheimrat Bruckner hat Deutschland verlassen. Er lebt jetzt an der Riviera, ganz in der Nähe übrigens von Theophil und Nicoletta Marder.)

Bei der ersten persönlichen Begegnung mit Lotte Lindenthal wundert Hendrik Höfgen sich darüber, warum der mächtige Ministerpräsident gerade diese unattraktive, affektierte Frau ausgesucht hat, die zudem eine schlechte Schauspielerin ist. Aber er weiß, dass er ohne sie bzw. die Protektion ihres Geliebten verloren wäre, denn er hat mächtige Feinde unter den Nationalsozialisten, zum Beispiel Staatsrat Cäsar von Muck, den neuen Staatstheaterintendanten, einen Protegé des Propagandaministers. Deshalb sagt er zu Lotte Lindenthal:

„Es bedeutet eine so große, große Freude für mich, mit Ihnen spielen zu dürfen. In den letzten Jahren habe ich gar zu viel unter den Manieriertheiten meiner Partnerinnen zu leiden gehabt. Dora Martin hat die deutschen Schauspielerinnen durch das schlechte Beispiel ihres krampfhaften Stils verdorben — das war kein Theaterspielen mehr, sondern hysterisches Gemauschel. Und nun höre ich von Ihnen wieder einen klaren, einfachen, seelenvollen und warmen Ton.“

Angelika Siebert hoffte vergeblich, er würde sich dankbar für ihre Hilfe zeigen. Seit sie ihn Lotte Lindenthal vorstellte, behandelt Höfgen sie wieder wie Luft. (Sie heiratet später einen jungen Filmregisseur.)

Während der Proben zu „Das Herz“ erfährt Hendrik Höfgen, dass „Faust“ wieder ins Repertoire des Staatstheaters aufgenommen werden soll. Allerdings hat Cäsar von Muck nicht ihn, sondern einen nationalsozialistischen Schauspieler für die Rolle des „Mephisto“ ausgesucht. Wenn nicht er, sondern ein anderer den „Mephisto“ spielen würde, wäre seine Karriere beendet und allen klar, dass seine Gegner stärker sind als er. Hilfesuchend wendet er sich an Lotte Lindenthal, und sie erreicht über den Ministerpräsidenten, dass Hendrik Höfgen für die Rolle engagiert wird. Intendant von Muck beherrscht sich, gratuliert höflich und beginnt auf eine günstige Gelegenheit zur Rache zu lauern.

Hans Miklas soll im „Faust“ den Schüler spielen. Er ist am Staatstheater! Wird er verraten, dass Hendrik Höfgen Lotte Lindenthal in Hamburg eine „dumme Kuh“ nannte?

Der Ministerpräsident und Lotte Lindenthal wohnen der „Faust“-Aufführung bei. In der Pause bestellt der Fliegergeneral den „Mephisto“-Darsteller in seine Loge. Alle im Publikum sehen, wie er sich 25 Minuten lang offenbar prächtig mit dem Schauspieler unterhält und ihm zum Abschied die Hand drückt.

Jetzt habe ich mich beschmutzt, war Hendriks bestürztes Gefühl. Jetzt habe ich einen Flecken auf meiner Hand, den bekomme ich nie mehr weg … Jetzt habe ich mich verkauft … Jetzt bin ich gezeichnet!

Bei einer Abendgesellschaft des Fliegergenerals „im kleinen Kreis“ lässt nicht nur dieser, sondern auch der Propagandaminister sich mit dem erfolgreichen Staatsschauspieler zusammen fotografieren.

Hendrik Höfgen beichtet dem General, dass er früher sozialistisches Gedankengut vertreten habe. Der weiß das natürlich längst, aber er zeigt Verständnis für die Jugendsünden seines Protegés.

Im Lande musste eiserne Zucht herrschen, und möglichst viele sollten hingerichtet werden. Was seine engere Umgebung betraf, war der große Mann liberal.

Da bittet Hendrik Höfgen auch für Otto Ulrichs. Und tatsächlich lässt man seinen Freund frei, gibt ihm sogar ein kleines Engagement am Staatstheater. Otto Ulrichs sträubt sich zunächst dagegen, aber Höfgen erklärt ihm, man müsse das verhasste System unterwandern, um etwas für die kommunistische Sache zu erreichen.

Hans Miklas ist tief enttäuscht über die Entwicklung der Politik, fühlt sich von Hitler betrogen und hält sich mit seiner Kritik nicht zurück:

„Der Führer wollte die Macht, sonst gar nichts. Was hat sich denn in Deutschland gebessert, seitdem er sie hat? Die reichen Leute sind nur noch ärger geworden. Jetzt reden sie patriotischen Quatsch, während sie ihre Geschäfte machen — das ist der einzige Unterschied. Die Intriganten sind immer noch obenauf.“

Es dauert nicht lang, da wird Hans Miklas von zwei ehemaligen Kameraden abgeholt und im Wald erschossen. „Ein Autounfall“, heißt es offiziell.

Aus Angst, die Nationalsozialisten könnten etwas über sein Verhältnis mit einer Schwarzen herausfinden, fordert Hendrik Höfgen seine Geliebte auf, sich nach Paris abzusetzen, aber sie weigert sich, denn sie fühlt sich als Deutsche und sieht keinen Grund, ins Exil zu gehen. Höfgen sieht keinen anderen Ausweg, als auch das seinem Gönner zu beichten. Der verspricht, das Problem aus der Welt zu schaffen, ohne Juliette etwas anzutun. Kurz darauf wird sie von zwei Herren abgeholt und in eine Einzelzelle gesperrt. Dann erscheint Höfgen bei Juliette im Gefängnis und sagt ihr, man werde sie nach Paris ausreisen lassen. Er verspricht ihr, monatlich etwas Geld zu schicken, aber sie dürfe auf keinen Fall etwas von ihrem Verhältnis mit ihm erzählen.

1934 schreibt Barbara aus Paris, sie wolle sich scheiden lassen. Rasch wird das Verfahren abgewickelt, denn man kann dem prominenten Staatsschauspieler und persönlichen Freund des Ministerpräsidenten ohnehin nicht zumuten, mit einer Dame verheiratet zu bleiben, die als Emigrantin im Ausland lebt und aus ihrer staatsfeindlichen Gesinnung kein Hehl macht.

Dora Martin hat ihre Karriere in Großbritannien und in den USA erfolgreich fortgesetzt. Als Anfang 1934 ein Film mit ihr nach Berlin kommt, ordnet der Propagandaminister „spontane Empörung“ an. SA-Männer in Zivil mischen sich unter das Kinopublikum. Sie pfeifen, johlen und werfen Stinkbomben, bis das Licht angeht und der Film aus dem Programm genommen wird. Die liberal gesinnte deutsche Regierung habe den minderwerten Film tolerieren wollen, behauptet der Propagandaminister, aber das Berliner Publikum lasse sich so ein Machwerk nicht mehr bieten.

Eines Tages kommt Nicoletta Marder zurück und möchte wieder auf die Bühne. Sie lässt sich von ihrem Mann scheiden, der angesichts der Entwicklung in Deutschland resignierte. Mit Hendrik Höfgen als Partner tritt sie in Hamburg auf.

Als Höfgen wieder in Berlin ist, berichtet ihm Lotte Lindenthal von einer Auseinandersetzung des Ministerpräsidenten mit dem Propagandaminister. Es geht um die Neubesetzung des Staatstheaterintendanten-Postens. Der Ministerpräsident besteht auf einer Ablösung Cäsar von Mucks und setzt sich dafür ein, Hendrik Höfgen zum Nachfolger zu ernennen. Der Propagandaminister versucht, das zu verhindern und kämpft mit dem Ministerpräsidenten um die Kompetenz für das Staatstheater, doch am Ende setzt sich der General durch. Staatsrat Cäsar von Muck wird als Präsident der Dichterakademie fortgelobt.

Bei einem Aufenthalt in Paris findet von Muck heraus, dass es dort eine Schwarze gibt, die ein Verhältnis mit Höfgen hatte, und um sich zu rächen, sorgt er für die Verbreitung des Gerüchts. Sogar dem „Führer“ kommt es zu Ohren, aber der zeigt sich nach einer kurzen Unterredung mit dem neuen Staatstheaterintendanten wieder beruhigt.

Hendrik Höfgen lässt seine Eltern und die Schwester Josy aus Köln nach Berlin kommen und bezieht mit ihnen eine schlossartige Villa im Grunewald, die er einem jüdischen Bankdirektor, der nach London emigrieren wollte, billig abkaufte. Seine Wohnung am Reichskanzlerplatz stellt er Nicoletta zur Verfügung. Schließlich heiratet er sie, um den Gerüchten über ein Verhältnis mit einer Schwarzen endgültig die Spitze zu nehmen.

Otto Ulrichs hilft weiterhin seinen kommunistischen Freunden im Untergrund, Flugblätter, Zeitungen, Broschüren zu verteilen und Sabotageakte in Fabriken vorzubereiten. Anfangs versuchte er Höfgen ins Vertrauen ziehen, doch der wollte von nichts wissen, obwohl er versicherte, sich weiterhin nur zu verstellen, um mitten im feindlichen Lager wirken zu können: „Von innen heraus unterhöhle ich seine Macht.“ Inzwischen durchschaut Ulrichs, dass es Höfgen um nichts anderes als Ruhm geht.

Als Hendrik Höfgen erfährt, dass Otto Ulrichs von der Gestapo abgeholt wurde, ruft er den Ministerpräsidenten an, aber der rät ihm unwirsch, sich nicht weiter darum zu kümmern. Lotte Lindenthal verrät ihm, Ulrichs habe angeblich Suizid begangen. Daraufhin sucht Höfgen den Ministerpräsidenten im Büro auf, doch der macht ihm unmissverständlich klar, dass er nicht weiter über den Fall sprechen wolle.

In der nächsten Spielzeit übernimmt Hendrik Höfgen die Rolle des „Hamlet“. Er macht daraus einen preußischen Leutnant mit neurasthenischen Zügen, weiß, dass er miserabel spielt und leidet darunter, obwohl die Kritiker ihn loben und die Premiere ein Erfolg ist.

Das neue Berliner Publikum beurteilte die Schauspieler weniger nach der Reinheit und Intensität ihrer künstlerischen Leistung als nach ihren Beziehungen zur Macht.

Am Ende bemitleidet er sich selbst und weint sich im Schoß seiner Mutter Bella aus.

Frau Bella war an die nervösen Zustände ihres Sohnes gewöhnt. Trotzdem erschrak sie. Ihr Instinkt begriff, dass dieses Schluchzen andere, tiefere und schlimmere Gründe hatte als die kleinen Zusammenbrüche, die er sich häufig gönnte.

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„Mephisto“ ist ein außergewöhnlich vielschichtiges Porträt eines Karrieristen. Hendrik Höfgen ist im Grunde kein schlechter Mensch; er setzt sich hin und wieder für Freunde ein, aber sein maßloser Ehrgeiz verleitet ihn dazu, potenzielle Förderer verlogen zu umschmeicheln, seine politischen Ideale zu verraten und sich mit führenden Nationalsozialisten zu arrangieren. Zu spät erkennt er, dass der Preis dafür sein Identitätsverlust ist. In seiner tiefschürfenden psychologischen Analyse zeigt Klaus Mann die Charakterzüge und die persönliche Entwicklung des Protagonisten vielfach gebrochen, gespiegelt, durch gegensätzliche Eigenschaften anderer Figuren kontrastiert und durch Übereinstimmungen verstärkt. Formal und thematisch ist „Mephisto“ ein großer Roman.

Klaus Mann schrieb die Rohfassung von November 1935 bis Juni 1936 in Amsterdam und auf Reisen. Erst sehr viel später wurde bekannt, dass Hermann Kesten ihn dazu in einem Brief vom 15. November 1935 angeregt hatte:

„Um es kurz zu machen, meine ich, Sie sollten den Roman eines homosexuellen Karrieristen im Dritten Reich schreiben, und zwar schwebte mir die Figur des […] Herrn Staatstheaterintendanten Gründgens vor.“

Natürlich weisen einige der Romanfiguren deutliche Übereinstimmungen zum Beispiel mit Hermann Göring, Emmy Sonnemann, Joseph Goebbels auf, und bei dem „Mephisto“-Darsteller und Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin denkt man sofort an Gustaf Gründgens (1899 – 1963), der dieses Amt von 1934 bis 1945 ausübte und von 1926 bis 1929 mit Klaus Manns Schwester Erika verheiratet war.

Als der mit Emmy Sonnemann, der späteren Frau Hermann Görings, befreundete Schauspieler Gustaf Gründgens im April 1933 von einer Auslandsreise nach Berlin zurückkehrte, erklärten ihm die beiden neuen Intendanten der Staatlichen Schauspiele, Franz Ulbrich und Hanns Johst, sie wollten seinen Vertrag auflösen. Aber nachdem ihn Hermann Göring im Mai als „Mephisto“ in einer von Gustav Lindemann inszenierten „Faust-II“-Aufführung erlebt hatte, versicherte er Gründgens noch am selben Abend seiner Unterstützung. Im Frühjahr 1934 ernannte Hermann Göring ihn außerdem zum neuen Intendanten. Joseph Goebbels konnte es nicht verhindern.

Trotz der Parallelitäten verwahrte Klaus Mann sich bereits im Juni 1936 dagegen, einen „Schlüsselroman“ geschrieben zu haben.

Ich bin genötigt, feierlich zu erklären: Mir lag nicht daran, die Geschichte eines bestimmten Menschen zu erzählen, als ich „Mephisto, Roman einer Karriere“ schrieb. Mir lag daran, einen Typus darzustellen, und mit ihm die verschiedenen Milieus (mein Roman spielt keineswegs nur im „braunen“), die soziologischen und geistigen Voraussetzungen, die solchen Aufstieg erst möglich machten.“

Und an anderer Stelle beteuerte Klaus Mann:

Dieses Buch ist nicht gegen einen Bestimmten geschrieben; vielmehr: gegen „den“ Karrieristen; gegen „den“ deutschen Intellektuellen, der den Geist verkauft und verraten hat. Dass er begabt ist, macht die Sache erst doppelt arg. Höfgen — der „Typ“ Höfgen, das „Symbol“ Höfgen — stellt der ruchlosen, blutbefleckten Macht ein großes Talent zur Verfügung. Für die propagandistischen Zwecke eines infernalischen „totalen Staates“ lässt er zynisch etwas missbrauchen, was fast Genie sein könnte, wenn es nur moralisch von einer reineren Substanz wäre.

„Mephisto“ wurde 1936 im Querido Verlag in Amsterdam in deutscher Sprache veröffentlicht. Die erste Ausgabe in Deutschland brachte der Ostberliner Aufbau-Verlag 1956 heraus. Im Spätsommer 1963 kündigte die Nymphenburger Verlagsbuchhandlung in München eine Werkausgabe von Klaus Mann an, in deren Rahmen der Roman „Mephisto“ erstmals in der Bundesrepublik erscheinen sollte. Gustaf Gründgens starb am 7. Oktober 1963 in Manila an einer Überdosis Schlafmittel. Sein Erbe und Adoptivsohn Peter Gorski klagte am 31. März 1964 vor dem Landgericht Hamburg gegen die geplante Veröffentlichung des Romans „Mephisto“. Das Gericht wies die Klage am 25. August 1965 ab, doch Peter Gorski ging in die Berufung, und das Oberlandesgericht Hamburg verlangte zunächst in einer Einstweiligen Verfügung ein Vorwort mit einigen Erläuterungen, darunter dem Satz: „Handlungen und Gesinnungen, die dieser Person [Hendrik Höfgen bzw. Gustaf Gründgens] im Roman zugeschrieben werden, entsprechen jedenfalls weitgehend der Phantasie des Verfassers.“ Nach Abschluss des Hauptverfahrens untersagte das Oberlandesgericht Hamburg am 9. Juni 1966 die Veröffentlichung des Romans „Mephisto“, und der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil am 20. März 1968. Einige Monate später legte der Verlag Verfassungsbeschwerde ein. Da sich drei Richter des Bundesverfassungsgerichts dafür und drei dagegen aussprachen, wurde die Verfassunsbeschwerde am 24. Februar 1971 zurückgewiesen. Erst 1981 wagte der Rowohlt Taschenbuch Verlag eine Publikation des Romans.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Ellermann Verlag, München

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