Johann Wolfgang von Goethe : Faust

Faust
Urfaust, 1887 Faust. Ein Fragment von Goethe, 1790 Faust. Eine Tragödie von Goethe, 1808
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Heinrich Faust ist ein innerlich zerrissener Charakter. Der strebsame Gelehrte hat die Freuden des Lebens versäumt, und seine angestrengten Forschungen bleiben erfolglos: Er gewinnt weder grundlegende Erkenntnisse noch Ruhm oder Geld. Faust erkennt die Unzulänglichkeit der Wissenschaft, ist jedoch nicht bereit, sich damit abzufinden: Er giert danach, zu begreifen, was die Welt im Innersten zusammenhält ...
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Kritik

In Goethes "Faust" verbinden sich "Gelehrten-" und "Gretchentragödie". An Fausts Hybris wird die Frage festgemacht, wie weit die Wissenschaft gehen darf. Welche ethischen Grenzen gibt es für den Forscherdrang?
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Johann Wolfgang von Goethe hat für die Tragödie „Faust“ eine „Zueignung“ in Gedichtform geschrieben.

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten? […]

Dann folgt ein „Vorspiel auf dem Theater“: Ein Theaterdirektor, ein Dichter und ein Schauspieler („lustige Person“) diskutieren darüber, was sie von einer Bühnenaufführung erwarten. Dem Theaterdirektor geht es um den geschäftlichen Erfolg, der Dichter hebt die künstlerische Bedeutung hervor, und der Schauspieler möchte das Publikum unterhalten. Am Ende meint der Direktor:

Der Worte sind genug gewechselt, / Lasst mich auch endlich Taten sehn! […]
So schreitet in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, / Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle / Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Das eigentliche Stück beginnt mit einem „Prolog im Himmel“, der von der Hiobswette im Alten Testament inspiriert ist. Gott fragt Mephistopheles, ob er Faust kenne, und der Angesprochene antwortet:

Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne / Und von der Erde jede höchste Lust, / Und alle Näh und alle Ferne / Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

Mephistopheles wettet mit Gott, dass er in der Lage sei, Faust vom rechten Weg abzubringen.

Mephistopheles: Was wettet Ihr? Den sollt Ihr noch verlieren! / Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt, / Ihn meine Straße sacht zu führen.
DER HERR: Solang er auf der Erde lebt, / So lange sei dir’s nicht verboten, / Es irrt der Mensch so lang er strebt. […]
Und steh beschämt, wenn du bekennen musst: / Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, / Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Nun sehen wir Dr. Heinrich Faust nachts in seinem gotischen Studierzimmer. Der Gelehrte ist verzweifelt, weil er sich der Unzulänglichkeit der Wissenschaften bewusst ist und ihm seine eigenen Forschungen weder tiefere Erkenntnisse noch Ruhm oder Geld eingebracht haben.

Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor; / Heiße Magister, heiße Doktor gar / Und ziehe schon an die zehen Jahr / Herauf, herab und quer und krumm / Meine Schüler an der Nase herum – / Und sehe, dass wir nichts wissen können! / Das will mir schier das Herz verbrennen.

O glücklich, wer noch hoffen kann, / Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! / Was man nicht weiß, das eben brauchte man, / Und was man weiß, kann man nicht brauchen.

Um die Grenzen der Wissenschaft zu sprengen, beschwört er den Erdgeist. Doch er erträgt den Anblick des Geistes in der Flamme nicht.

Weh! ich ertrag dich nicht!

Der Erdgeist weist den hochmütigen Gelehrten auf seine Beschränktheit hin:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!

Da bricht Faust zusammen.

Sein Famulus Wagner betritt den Raum. Faust schickt ihn bald wieder hinaus. Er trägt sich mit Selbstmord-Gedanken und fasst eine Phiole mit Gift ins Auge. Nachdem er die Flüssigkeit in eine Schale gegossen hat, setzt er diese an den Mund. In diesem Augenblick läuten die Glocken den Ostersonntag ein und Chorgesänge erklingen. Das hält Faust davon ab, sich zu töten.

Stattdessen unternimmt er mit Wagner einen Osterspaziergang. Ein alter Bauer rühmt Faust, weil dieser vor längerer Zeit ebenso wie sein Vater während einer Pestepidemie uneigennützig zu den Kranken ging, und das Volk stimmt in das Lobeslied mit ein. Statt sich darüber zu freuen, klagt Faust seinem Famulus:

Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.

Er weiß, dass sein Vater und er alchimistische Arzneien verwandten, die viele Patienten nicht heilten, sondern unbeabsichtigt vergifteten. Faust gesteht Wagner seine innere Zerrissenheit:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Als es bereits dämmert, bemerkt Faust einen schwarzen Pudel, der ihnen folgt. Sie kehren zurück, und Faust nimmt den Hund mit in sein Studierzimmer, wo er den Anfang des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt.

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“ / Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? / Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, / Ich muss es anders übersetzen, / Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. / Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. / Bedenke wohl die erste Zeile, / Dass deine Feder sich nicht übereile! / Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? / Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! / Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, / Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. / Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat / Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Der knurrende schwarze Pudel verwandelt sich in einen Scholastikus. Es ist Mephistopheles.

Faust: Das also war des Pudels Kern! […]
Nun gut, wer bist du denn?
Mephistopheles: Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. […]
Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / Ist wert, dass es zugrunde geht; / Drum besser wär’s, dass nichts entstünde. / So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz, das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.

Mephistopheles geht, kehrt jedoch am nächsten Morgen als Junker gekleidet zurück und gewinnt Faust für einen Pakt: Er verspricht, die Wünsche seines Vertragspartners im Diesseits zu erfüllen, und dieser muss ihm als Gegenleistung seine Seele überlassen.

Faust: Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! / Dann mag die Totenglocke schallen, / Dann bist du deines Dienstes frei.

Als Professor verkleidet, narrt Mephistopheles einen neu angekommenen, Rat suchenden Studenten und mokiert sich zugleich auf satirische Weise über die Gelehrsamkeit.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, / Und grün des Lebens goldner Baum.

Danach führt Mephistopheles Faust in Auerbachs Keller, wo angetrunkene Studenten garstige Lieder grölen. Mephistopheles stimmt mit ein und bohrt Löcher in die Tischplatte, aus denen die von den Studenten gewünschten Weinsorten sprudeln. Als sich der Wein in Feuer verwandelt, greifen die Studenten Mephistopheles mit Messern an, aber er verwirrt ihre Sinne und entkommt mit Faust, den das ordinäre Treiben angewidert hat.

In einer Hexenküche lässt Mephistopheles Faust einen Zaubertrank verabreichen, der erotische Bedürfnisse weckt und Faust zugleich verjüngt, denn er soll versäumte Genüsse nachholen.

Gleich darauf begegnet Faust Gretchen auf der Straße. Das Mädchen kommt gerade von der Beichte.

Faust: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, / Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
Margarete: Bin weder Fräulein, weder schön, / Kann ungeleitet nach Hause gehn.

Nach dieser Abfuhr verlangt Faust von Mephistopheles, ihm Gretchen zuzuführen. Der zögert, weil er über ein so tugendhaftes Mädchen keine Macht hat, aber Faust droht ihm mit der Aufkündigung des Vertrags.

Das einfache Mädchen hätte gern gewusst, wer sie auf der Straße ansprach.

Ich gäb was drum, wenn ich nur wüsst, / Wer heut der Herr gewesen ist! / Er sah gewiss recht wacker aus / Und ist aus einem edlen Haus; / Das konnt ich ihm an der Stirne lesen – / Er wär auch sonst nicht so keck gewesen.

Während Gretchen bei der Nachbarin Marthe Schwerdtlein ist, führt Mephistopheles Faust in ihr Zimmer, lässt ihn kurz allein und versteckt dann ein von ihm gestohlenes Schmuckkästchen in Gretchens Kleiderschrank.

Als Gretchen sich abends auszieht und die Kleidungsstücke einräumt, findet sie das Geschmeide, probiert es an und betrachtet sich damit im Spiegel.

Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!

Gretchen zeigt das Schmuckkästchen ihrer Mutter. Die ruft nach dem Pfarrer, und der nimmt es mit.

[…] „So ist man recht gesinnt! / Wer überwindet, der gewinnt. / Die Kirche hat einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen / Und doch noch nie sich übergessen; / Die Kirch allein, meine lieben Frauen, / Kann ungerechtes Gut verdauen.“

Faust fordert Mephistopheles auf, Gretchen ein neues Geschenk zukommen zu lassen. Diesmal zeigt das Mädchen den Schmuck nicht der Mutter, sondern der Nachbarin. Marthe Schwerdtlein rät ihr, das Geschmeide bei ihr zu lassen und es nur bei ihr heimlich zu tragen.

Während Gretchen noch bei der Nachbarin ist, überbringt Mephistopheles dieser die erlogene Nachricht, ihr verschollener Ehemann sei tot und man habe ihn in Padua beerdigt. Außerdem verspricht er ihr, am Abend mit jemandem zu ihr zu kommen, der den Tod des Ehemanns mit ihm zusammen bezeugen werde, so wie es für die Ausstellung eines Totenscheins erforderlich ist. Gretchen soll an dem Treffen im Garten ebenfalls teilnehmen.

Am Abend gehen Faust und Gretchen, Mephistopheles und Marthe Schwerdtlein im Garten herum. Gretchen pflückt eine Blume, zupft die Blütenblätter aus und murmelt: „Liebt mich – nicht – liebt mich – nicht – / Er liebt mich!“ Die beiden küssen sich im Gartenhäuschen, werden aber von Mephistopheles gestört, der sich Marthes Avancen nicht länger erwehren kann und deshalb zum Aufbruch drängt.

Faust zieht sich in eine Höhle im Wald zurück. Er ahnt, dass er Gretchen durch sein übermächtiges Begehren ins Unglück stürzen wird. Mephistopheles kommt zu ihm und verspottet ihn.

Währenddessen sitzt Gretchen am Spinnrad.

Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / und nimmermehr.

Im Garten der Nachbarin treffen Faust und Gretchen sich erneut. Das Mädchen fragt: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Darüber möchte Faust nicht reden, aber Gretchen lässt nicht locker: „Glaubst du an Gott?“ Da erklärt Faust seine pantheistische Vorstellung:

Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, / Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, / Nenn es dann, wie du willst, / Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott / Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut.

Sein Begleiter sei ihr zuwider, sagt Gretchen. Und sie gesteht Faust, dass sie ihn gern in ihr Zimmer lassen würde. Das sei jedoch nicht möglich, weil sie mit ihrer Mutter zusammen schlafe. Daraufhin gibt Faust ihr ein Fläschchen mit einem Schlafmittel, das sie ihrer Mutter am nächsten Abend heimlich verabreichen soll. Sie fragt, ob das Mittel ihrer Mutter auch nicht schaden werde, und Faust versichert es ihr.

Am Brunnen trifft Gretchen auf Lieschen. Das andere Mädchen erzählt ihr, Bärbelchen sei von ihrem Liebhaber verlassen worden, nachdem sich herausstellte, dass sie schwanger ist. Lieschen hat kein Mitleid mit der Unglücklichen, die ihrer Meinung nach durch ihr sündiges Verhalten selbst schuld ist.

Gretchen betet zur Mater Dolorosa und fleht darum, vor der Schmach eines gefallenen Mädchens bewahrt zu werden.

Gretchens Bruder Valentin bleibt nicht verborgen, dass sie sich mit einem Verehrer eingelassen hat. Der Soldat wartet vor dem Elternhaus auf ihn, um die schändliche Affäre zu beenden.

Faust kommt jedoch nicht allein, sondern in Begleitung Mephistos. Als dieser beginnt, ein Lied für Gretchen zu singen, tritt Valentin vor und zerschlägt die Zither. Es kommt zum Duell zwischen Faust und Valentin. Mephistopheles feuert Faust an und fordert ihn im entscheidenden Augenblick auf: „Stoß zu!“ Da sticht Faust Valentin nieder und flüchtet dann mit Mephistopheles. Marthe alarmiert wegen der lautstarken Auseinandersetzung die Nachbarschaft, hat aber nicht gesehen, wer daran beteiligt war.

Der Sterbende beschimpft Marthe als Kupplerin und redet seiner jüngeren Schwester ins Gewissen:

Du fingst mit einem heimlich an / Bald kommen ihrer mehre dran, / Und wenn dich erst ein Dutzend hat, / So hat dich auch die ganze Stadt.

Als Gretchen eine Messe im Dom besucht, wird sie von Schuldgefühlen heimgesucht, denn sie hat nicht nur gegen das sechste Gebot verstoßen, sondern auch den Tod ihres Bruders auf dem Gewissen und ihre Mutter mit dem vermeintlich harmlosen Schlafmittel vergiftet. Mit den Worten „Nachbarin! Euer Fläschchen!“ fällt Gretchen in Ohnmacht.

In der Walpurgisnacht bringt Mephistopheles Faust zum Hexentanz auf den Brocken im Harz. Dort tanzt Mephistopheles mit einer alten Hexe, und Faust mit einer jungen. Plötzlich springt Fausts lüsterner Tanzpartnerin ein rotes Mäuschen aus dem Mund. Da bricht er den Tanz ab und lässt sie stehen. Am Rande der Gesellschaft glaubt er ein blasses, schönes Mädchen zu sehen, das ihn an Gretchen erinnert.

Fürwahr, es sind die Augen einer Toten, / Die eine liebende Hand nicht schloss. / Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten, / Das ist der süße Leib, den ich genoss.
[…] Wie sonderbar muss diesen schönen Hals / Ein einzig rotes Schnürchen schmücken, / Nicht breiter als ein Messerrücken!

Um Faust auf andere Gedanken zu bringen, führt Mephistopheles ihn auf einen Hügel, auf dem anlässlich der goldenen Hochzeit des Elfenkönigspaares Oberon und Titania ein Theaterstück aufgeführt wird.

Einige Zeit später erfährt Faust, dass Gretchen ihr neugeborenes Kind ertränkt hat und deshalb zum Tod verurteilt wurde. Er wirft Mephistopheles vor, ihm Gretchens Elend verheimlicht zu haben, aber der verhöhnt ihn:

Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, da, wo euch Menschen der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

Faust fordert Mephistopheles auf, Gretchen zu retten, aber dieser entgegnet:

„Rette sie!“ – Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?

Weil Mephistopheles behauptet, Gretchen nicht retten zu können, will Faust selbst in die Stadt zurückkehren, obwohl er wegen der Ermordung Valentins selbst mit der Todesstrafe rechnen muss, wenn er aufgegriffen wird. Mephistopheles erklärt sich immerhin bereit, den Türmer zu umnebeln und für das Vorhaben Zauberpferde bereitzustellen. Sie brechen auf.

Faust dringt zu Gretchen in den Kerker vor. In ihrer geistigen Verwirrung hält sie ihn zunächst für den Henker. Dann erkennt sie ihn. Er will sie befreien und mit ihr fliehen. Aber sie hat bereits mit dem Leben abgeschlossen und bittet ihn, für die Gräber zu sorgen.

Der Mutter den besten Platz geben, / Meinen Bruder sogleich darneben, / Mich ein wenig beiseit‘, / Nur nicht gar zu weit! / Und das Kleine mir an die rechte Brust.

Mephistopheles kommt herein und drängt zum Aufbruch.

Margarete: Dein bin ich, Vater! Rette mich! / Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen, / Lagert euch umher, mich zu bewahren! / Heinrich! Mir graut’s vor dir.
Mephistopheles: Sie ist gerichtet!
Stimme (von oben): Ist gerettet!
Mephistopheles (zu Faust): Her zu mir!
(Verschwindet mit Faust.)
Stimme (von innen, verhallend): Heinrich! Heinrich!

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Am 14. Januar 1772, drei Wochen vor ihrem 26. Geburtstag, wurde die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt in Frankfurt am Main hingerichtet. Johann Wolfgang von Goethe verarbeitete dieses Ereignis zunächst im „Urfaust“. Diesen noch vor seiner Übersiedlung nach Weimar verfassten Text entdeckte Erich Schmidt 1887 im Nachlass der Weimarer Hofdame Luise von Göchhausen (1747 – 1807) und veröffentlichte ihn im selben Jahr unter dem Titel „Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt“.

Johann Wolfgang von Goethe erweiterte den „Urfaust“ dann in Italien um einige Szenen und verschob den Akzent von der „Gretchentragödie“ zur Tragödie des verzweifelten Gelehrten Faust. Diese Fassung erschien 1790 in Leipzig unter dem Titel „Faust. Ein Fragment von Goethe“.

Eine zur Menschheitsparabel erweiterte und um Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel ergänzte Fassung wurde 1808 in Tübingen gedruckt: „Faust. Eine Tragödie von Goethe“.

Von 1800 bis 1808 und ab 1825 arbeitete Johann Wolfgang von Goethe am zweiten Teil. „Faust II“ erschien 1832 posthum. (Seither lautet der Titel des ersten Teils: „Faust. Der Tragödie erster Teil“.)

In „Faust“ greift Johann Wolfgang von Goethe die Legenden über Johann Georg Faust (ca. 1480 – um 1540) auf und verbindet die „Gretchentragödie“ mit der „Gelehrtentragödie“ (die in „Faust II“ fortgesetzt wird).

Der Protagonist Heinrich Faust ist ein innerlich zerrissener Charakter. Der strebsame Gelehrte hat die Freuden des Lebens versäumt, und seine angestrengten Forschungen bleiben erfolglos: Er gewinnt weder grundlegende Erkenntnisse noch Ruhm oder Geld. Faust erkennt die Unzulänglichkeit der Wissenschaft, ist jedoch nicht bereit, sich damit abzufinden: Er giert danach, zu begreifen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Faust wurde zum Sinnbild des deutschen Gelehrten. Oswald Spengler schrieb von der faustischen Seele der abendländischen Kultur. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird an Fausts Hybris die Frage festgemacht, wie weit die Wissenschaft gehen darf. Was kann sie verantworten? Welche ethischen Grenzen gibt es für den Forscherdrang? In den Sechzigerjahren dachte man dabei vor allem an Kernwaffen. Heute steht der Bereich künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik, Klonen im Fokus.

„Faust“ gilt als Menschheitsparabel. Es geht um Gut und Böse, Willensfreiheit, Verzicht, Selbstbeschränkung und Verantwortungsbewusstsein, Liebe, Schuld, Sühne und die Frage, wie weit wir in der Lage sind, die naturgesetzlichen Zusammenhänge zu ergründen. Einige Passagen von „Faust“ sind auch als Satire auf den Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb zu lesen.

Anders als „Faust II“ ist „der Tragödie erster Teil“ leicht zu lesen und zu verstehen.

Mit Ausnahme der Prosa-Szene „Trüber Tag“ ist „Faust. Der Tragödie erster Teil“ in Knittel- bzw. Madrigal-Versen geschrieben.

„Faust“ gilt als bedeutendstes Werk der deutschen Literatur und ist auch gewiss das am meisten zitierte, denn zahlreiche Textstellen wurden zu geflügelten Worten. Unter einer „Gretchenfrage“ versteht man übrigens eine entscheidende Frage.

Von den bedeutenden „Faust“-Inszenierungen seien die von Gustaf Gründgens (Hamburg 1956/57), Claus Peymann, Achim Freyer und Hermann Beil (Stuttgart 1977) und Peter Stein (Hannover 2000) genannt.

Fürst Anton Radziwill begann 1808, Szenen aus dem „Faust“ zu vertonen und arbeitete bis kurz vor seinem Tod daran weiter. Musik zu Themen aus „Faust“ komponierten Ludwig van Beethoven („Es war einmal ein König“), Franz Schubert („Gretchen am Spinnrade“, „Der König von Thule“), Felix Mendelssohn Bartholdy („Meine Ruh‘ ist hin“), Richard Wagner („Eine Faust-Ouvertüre“, „Sieben Kompositionen zu Goethes Faust“, „Gretchens Bitte“), Robert Schumann („Szenen aus Goethes Faust“), Ferruccio Busoni („Lied des Mephistopheles aus Goethes Faust“). „Faust“-Opern gibt es von Louis Spohr („Faust“, 1816), Hector Berlioz („La damnation de Faust“, 1846/93), Charles Gounod („Faust et Marguerite“, 1859) und Arrigo Boito („Mefistofele“, 1868).

Die Tragödie wurde mehrmals verfilmt, beispielsweise von Friedrich Wilhelm Murnau mit Gösta Ekman als Faust und Emil Jannings als Mephistopheles („Faust. Eine deutsche Volkssage“, 1926) und Aleksandr Sokurov („Faust“, 2011).

Thomas Mann greift in „Doktor Faustus“ auf den Stoff zurück.

Literatur zu „Faust“

  • Hans Arens: Kommentar zu Goethes Faust I (Heidelberg 1982)
  • Rüdiger Bernhardt: Textanalyse und Interpretation zu Johann Wolfgang von Goethe, Faust I (Hollfeld 2011)
  • Alwin Binder: Faustische Welt. Interpretationen von Goethes Faust in dialogischer Form. Urfaust – Faust-Fragment – Faust I. (Münster, Hamburg, London 2002)
  • Karl Eibl: Das monumentale Ich. Wege zu Goethes „Faust“ (Frankfurt/M 2000)
  • Theodor Friedrich, Lothar J. Scheithauer: Kommentar zu Goethes Faust. Mit einem Faust-Wörterbuch und einer Faust-Bibliographie (Stuttgart 1932)
  • Ulrich Gaier: Kommentar zu Goethes Faust (Stuttgart 2002)
  • Heinz Hamm: Goethes „Faust“. Werkgeschichte und Textanalyse (Berlin 1997)
  • Elke Reinhardt-Becker: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I. Text, Kommentar und Materialien (München 2008)
  • Ralf Sudau: Johann Wolfgang Goethe, Faust I und Faust II (München 1998)
  • Klaus Völker: Faust, ein deutscher Mann. Die Geburt einer Legende und ihr Fortleben in den Köpfen. Ein Lesebuch (Berlin 1991)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Johann Georg Faust (kurze Biografie)

Susanna Margaretha Brandt (kurze Biografie)

Aleksandr Sokurov: Faust

Bohumil Hrabal - Ich dachte an die goldenen Zeiten
Das Besondere an dem Roman "Ich dachte an die goldenen Zeiten" ist, dass Bohumil Hrabal aus der Sicht seiner Ehefrau Eliška erzählt.
Ich dachte an die goldenen Zeiten

Bohumil Hrabal

Ich dachte an die goldenen Zeiten

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