Jakob der Lügner

Jakob der Lügner

Jakob der Lügner

Originaltitel: Jakob the Liar - Regie: Peter Kassovitz - Drehbuch: Peter Kassovitz und Didier Decoin, nach einem Roman von Jurek Becker - Kamera: Elemér Ragály - Schnitt: Claire Simpson - Musik: Edward Shearmur - Darsteller: Robin Williams, Armin Mueller-Stahl, Bob Balaban, Hannah Taylor-Gordon, Liev Schreiber, Alan Arkin, Mathieu Kassovitz u.a. - 1999; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Um einen Freund im Ghetto vom Selbstmord abzuhalten, erzählt ihm Jakob Heym vertraulich von einer hoffnungsvollen Nachricht, die er zufällig erfuhr, und um glaubwürdig zu sein, lügt er und behauptet, ein Radio zu besitzen – was Juden bei Todesstrafe verboten ist ...
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Kritik

Peter Kassovitz versuchte, die zurückhaltende Inszenierung der ersten Verfilmung des Romans "Jakob der Lügner" zu übertreffen und wich an mehreren Stellen von der Vorlage ab. Das hat dem Film geschadet.
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Jakob Heym (Robin Williams) sitzt auf einem Stein und blickt nachdenklich auf einen Baum jenseits der Ghettomauer. Als der Wind ein Zeitungsblatt herüber weht, versucht der nach Neuigkeiten gierende Eingeschlossene, es zu fangen, jagt hinterher – und steht plötzlich vor einem Galgen, an dem mehrere Leichen baumeln. Ein Wachtposten ruft ihn an und behauptet, es sei nach 20 Uhr, also herrsche Ausgangssperre. Jakob Heym kann es nicht nachprüfen, denn ihm und den anderen Juden wurden längst alle Uhren abgenommen, und außerdem hätte es keinen Sinn, dem Deutschen zu widersprechen. Jakob Heym muss sich beim Wachhabenden in der Kommandatur melden und um eine gerechte Strafe bitten.

Aus der Kommandatur ist noch kein Jude lebend wieder herausgekommen. Aber Jakob Heym bleibt nichts anderes übrig, als dem Befehl zu folgen, denn der Scheinwerferkegel folgt ihm bis zur Eingangstür. Ängstlich schleicht er durch den Korridor. Plötzlich geht eine der Türen auf. Aus dem Büro hört Jakob Heym ein Radio. Zuerst erklingt amerikanische Swingmusik, dann berichtet ein Nachrichtensprecher: „In einer erbitterten Abwehrschlacht gelang es unseren heldenhaft kämpfenden Truppen, den bolschewistischen Angriff zwanzig Kilometer vor Bezanika zum Stehen zu bringen.“ Gleich darauf wird die Tür wieder geschlossen.

Bezanika liegt im Südosten, nur 400 km entfernt. Jakob Heym kann es kaum glauben, dass die Rote Armee schon so nah ist.

Beim Wachhabende ist die Geliebte zu Besuch. Auf dem Schreibtisch sieht Jakob Heym die Reste einer feinen Mahlzeit, und die junge Frau schenkt sich gerade ein neues Glas Wein ein. Die Wanduhr zeigt, dass es erst 19.36 Uhr ist. Der Wachtposten hat sich also einen Scherz erlaubt. Einen Scherz, der Jakob Heym das Leben kosten kann! Doch er hat Glück: Der Wachhabende, der nicht lange gestört werden möchte, schickt ihn einfach nach Hause.

Aber der Eingang zum Ghetto wurde inzwischen geschlossen. Weil es außerhalb für Juden kein Überleben gibt, sucht Jakob Heym nach einer Möglichkeit, wieder hineinzukommen. Dabei trifft er auf das achtjährige Mädchen Lina (Hannah Taylor-Gordon). Lina war mit ihren Eltern und anderen Juden in einen Güterwagen gepfercht und nach Osten transportiert worden, konnte aber während eines kurzen Aufenthalts mit Hilfe der Mutter fliehen. Jakob Heym glaubt zunächst, die Eltern Linas seien im Ghetto; erst nachdem es ihm und Lina gelungen ist, hineinzukommen, begreift er, was geschehen ist und nimmt das Mädchen mit in seine Behausung, um es dort zu verstecken und zu beschützen.

Als er seinen Freund Kowalski (Bob Balaban) aufsucht, ist dieser gerade dabei, sich zu erhängen. Um ihn vom Selbstmord abzuhalten, erzählt Jakob Heym, dass die Russen schon bis Bezanika vorgedrungen sind. Damit Kowalski ihm glaubt, fügt er hinzu, er habe die Nachricht aus dem Radio. Seinen Aufenthalt in der Kommandatur verschweigt er besser, damit man ihn nicht für einen Spitzel hält.

Am nächsten Tag, beim Säckeschleppen auf dem Güterbahnhof, bemerkt Jakob Heym, dass der verzweifelte Mischa (Liev Schreiber) fliehen will. Ein äußerst gefährliches Vorhaben! Da erzählt er auch ihm von seinem angeblichen Radio und dem Vormarsch der Roten Armee.

Am Abend sucht Mischa die Familie Frankfurter auf und hält bei Rosas (Nina Siemaszko) Eltern um ihre Hand an. Aber Felix Frankfurter (Alan Arkin) will nichts von Heiratsplänen wissen, weil er befürchtet, dass sie alle zusammen nicht mehr lange leben werden. In seiner Not erzählt Mischa, was er von Jakob Heym gehört hat. Sobald Mischa und Rosa die Wohnung verlassen haben, geht Felix Frankfurter mit seiner Frau in den Keller und zerstört das Radio, das er dort versteckt hielt, denn auf dem Besitz eines Radios steht für Juden die Todesstrafe.

Auch Herschel Schtamm (Mathieu Kassovitz) befürchtet, dass die Deutschen über kurz oder lang von dem Radio im Ghetto erfahren und dann alles auf den Kopf stellen werden. Deshalb fleht er Gott um eine Lösung an und glaubt schließlich, der tagelange Stromausfall in Jakob Heyms Straße gehe auf seine Gebete zurück.

Andere Ghettobewohner halten es ohne Nachrichten nicht mehr aus. Mischa schlägt vor, das Radio zu Kowalski zu bringen, der noch elektrischen Strom hat, aber der lehnt aufgeregt ab: er könne sich nicht auf die Leute in seinem Haus verlassen. Bei Jakob Heym sei das Radio sicherer.

Jakob Heym kann nicht mehr zurück. Als er merkt, wie durch die Neuigkeiten Hoffnung und neuer Lebensmut entstehen, beschließt er, weiterzumachen. Aber woher soll er die Meldungen nehmen?

Da beobachtet er eines Tages beim Abladen der Zementsäcke auf dem Güterbahnhof, wie einer der Bewacher mit einer Zeitung zu dem Toilettenhäuschen geht, das für die Deutschen reserviert ist. Eine Zeitung! Sie wird schon nicht zu alt sein. Hoffentlich lässt der Soldat noch etwas davon übrig. Sobald der Deutsche das Toilettenhäuschen verlassen hat, springt Jakob Heym hin und setzt sich hinein. Niemand außer den eigenen Leuten hat es bemerkt. Die Tür lässt sich nicht verriegeln, und als der Nächste austreten will, prallt er zurück und entschuldigt sich bei dem vermeintlichen Kameraden hinter der Zeitung. Aber er bleibt vor der Tür stehen. Jakob kann nicht mehr hinaus. Da lässt Kowalski in der Nähe einen Kistenstapel umstürzen. Wutschnaubend stürzt sich der Deutsche auf ihn und prügelt auf ihn ein. Währenddessen schlüpft Jakob Heym ins Freie.

Zu Hause setzt Jakob Heym die Zeitungsfetzen zusammen, aber er findet nur belanglose Sportnachrichten. Deshalb behauptet er von da an, das Radio sei kaputt.

Aus einem verschlossenen Waggon auf dem Güterbahnhof hört Herschel Schtamm Stimmen. Er pirscht sich ganz heran, und um den Eingeschlossenen Mut zu machen, sagt er ihnen, die Russen seien nicht mehr weit von hier. Die anderen Juden schauen wie gebannt zu. Dadurch wird einer der Deutschen auf den Vorfall aufmerksam. Bedächtig legt er das Gewehr an und tötet Herschel Schtamm mit einem einzigen Schuss.

Jakob Heym macht sich Vorwürfe, weil der bis dahin so unauffällige Herschel Schtamm durch seine Lügengeschichten zum Helden wurde und das mit dem Leben bezahlen musste.

Einige Tage später passt Kowalski seinen Freund auf dem Weg zum Güterbahnhof ab und stellt ihm Josef Najdorf vor, einen Rundfunkmechaniker, der sich trotz des Risikos bereit erklärte, das Radio zu reparieren. Da lügt Jakob Heym, das sei nicht mehr nötig, denn er habe den Fehler inzwischen selbst gefunden und das defekte Stromkabel ausgebessert.

Lina sucht nach dem Radio. Schließlich gibt Jakob Heym dem Drängen nach und schleicht mit ihr in den Keller. Sie dürfe das Radio zwar nicht sehen, aber ausnahmsweise hören, sagt er. Während sie auf einem Stuhl sitzt, spricht er hinter einem Bretterverschlag in leere Blechkannen und gaukelt ihr die Rundfunkübertragung eines Interviews mit Winston Churchill vor.

Ein Auto fährt ins Ghetto. Das geschieht selten. Die beiden SS-Offiziere Preuß und Meyer wollen zu Professor Kirschbaum (Armin Mueller-Stahl), und als sie von dessen Schwester Else erfahren, dass er nicht zu Hause ist, warten sie auf ihn. Sobald er auftaucht, nehmen sie ihn mit zum Auto. Sturmbannführer Hardtloff, der Kommandant der Wachmannschaft, hatte am Morgen einen Herzanfall erlitten, und sein Leibarzt verlangte daraufhin die Hinzuziehung eines Spezialisten. Während der Fahrt öffnet Kirschbaum seine Ledertasche, nimmt ein Röhrchen heraus, schraubt es auf und schüttet sich zwei Tabletten in die Handfläche. Auf Preuß‘ fragenden Blick behauptet er, Sodbrennen zu haben, schluckt die Tabletten und bleibt sitzen wie zuvor. Preuß äußert Verständnis für Kirschbaums unangenehme Lage: Hilft er Hardtloff, verübeln ihm das die anderen Juden, tut er es nicht, kann man sich vorstellen, was mit ihm geschieht. Bei der Ankunft fällt Kirschbaum tot aus dem Auto. Er hat sich vergiftet.

Als Mischa erfährt, dass die Menschen in der Franziskanerstraße aus ihren Wohnungen geholt werden, eilt er zu der Fabrik, in der Rosa beschäftigt ist. Sie habe eine Stunde nach Arbeitsbeginn frei bekommen und sei nach Hause gegangen, sagt man ihm. Mischa holt sie auf dem Weg ein, behauptet, ebenfalls frei zu haben und nimmt sie mit zu sich. Später sieht sie aus dem Fenster eine lange Marschkolonne und erkennt Nachbarn aus der Franziskanerstraße. Mischa umklammert Rosa und zerrt sie mit Gewalt weg zum Fenster, damit sie ihre Eltern nicht sieht.

Als die Deutschen von dem angeblich im Ghetto versteckten Radio erfahren, Geiseln festnehmen und die Wohnungen durchsuchen, ersucht Jakob Heym Mischa, Lina vorübergehend bei sich aufzunehmen. Mischa zögert, aber Rosa ist sofort einverstanden.

Noch einmal geht Jakob Heym zur Kommandatur und berichtet dem Wachhabenden, was tatsächlich geschah. Die Deutschen schlagen ihn zusammen und foltern ihn, bis sie annehmen, dass er bereit ist, die Lüge öffentlich zuzugeben und sie dadurch ihrer Mut machenden Wirkung zu berauben. Die Ghettobewohner versammeln sich auf einem Platz, aber Jakob Heym schweigt. Da zieht der Kommandant zornig seine Pistole und erschießt ihn.

Das Ghetto wird aufgelöst. Man deportiert die Juden in ein Vernichtungslager. Unterwegs glaubt Lina russische Panzer zu sehen, die den Zug aufhalten. Eine amerikanische Combo spielt Swingmusik, und auch drei Sängerinnen treten auf.

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Peter Kassovitz versuchte, Frank Beyers zurückhaltende Inszenierung („Jakob der Lügner“) zu übertreffen und wich an mehreren Stellen um dramatischer Steigerungen wegen von der Romanvorlage („Jakob der Lügner“) ab. (Man vergleiche die Inhaltsangaben auf meiner Website.) Das hat dem Film, glaube ich, eher geschadet. Einige Szenen sind regelrecht missglückt: Dass aus einem Radio in der SS-Kommandatur laute Swingmusik zu hören ist, erscheint ebenso wenig glaubhaft wie die Szene, in der Jakob Heym und Lina den Grenzzaun des Ghettos von außen nach innen überklettern. Das vom Wind verwehte Zeitungsblatt am Anfang erinnert an die Feder in der zauberhaften Eingangsszene von „Forrest Gump“, aber bei Peter Kassovitz wirkt der Einfall eher plump.

Robin Williams ist gewiss ein hervorragender Schauspieler, aber in der Titelrolle von „Jakob der Lügner“ bevorzuge ich das unbekannte Gesicht Vlastimil Brodskys, das in Frank Beyers Film zu sehen ist.

Frank Beyers Verfilmung des tragikomischen Romans „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker halte ich für gelungener, aber auch die von Peter Kassovitz geschaffene „modernere“ Version ist sehenswert – nicht zuletzt wegen der bewegenden Geschichte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

Christoph Hein - Willenbrock
In seinem Roman "Willenbrock" erzählt Christoph Hein eine zwar spannende, aber fragwürdige Geschichte ohne formales Raffinement und in einer schnörkellosen, nachlässigen Sprache.

Willenbrock

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