Robert Galbraith : Der Seidenspinner

Der Seidenspinner

Robert Galbraith

Der Seidenspinner

Originalausgabe: The Silkworm Sphere, London 2014 Der Seidenspinner Übersetzung: Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz Blanvalet Verlag, München 2014 ISBN: 978-3-7645-0515-8, 671 Seiten, 19.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Leonora Quine beauftragt den Privatdetektiv Cormoran Strike, nach ihrem vermissten Mann Owen zu suchen. Der 58-jährige Schriftsteller ist verschwunden. Allerdings taucht das Manuskript eines Schlüssel­romans auf, in dem er einige Menschen aus seiner Umgebung in den Schmutz zieht. Seine Agentin Liz Tassel versucht es unter Verschluss zu halten, denn die Veröffentli­chung würde einen Skandal und gerichtliche Klagen auslösen. In einem leer stehenden Haus stößt Strike auf Owen Quines Leiche ...
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Kritik

Joanne K. Rowling alias Robert Galbraith erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Privatdetektivs, dessen Charakter sie lebendig wer­den lässt Die Mordverdächtigen bleiben jedoch Karikaturen, und der Krimiplot von "Der Seidenspinner" ist für 671 Seiten zu schlicht.
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Bei Cormoran Strike handelt es sich um einen in London lebenden Privatdetektiv Mitte 30. Der berühmte Rocksänger Jonny Rokeby fand sich erst nach einem entsprechenden DNA-Test mit der Vaterschaft ab, vermied aber auch dann jede Begegnung mit seinem Sohn. Cormoran Strike wuchs bei seiner Tante Joan und seinem Onkel Ted in Cornwall auf. Sein in Oxford begonnenes Studium brach er ab, nachdem seine drogensüchtige Mutter an einer Überdosis gestorben war. Bei der Special Investigation Branch, der zivilen Ermittlungseinheit der britischen Militärpolizei, fing er zu arbeiten an. Bei einem Einsatz in Afghanistan verlor Cormoran Strike vor dreieinhalb Jahren den rechten Unterschenkel.

Nach seiner Genesung eröffnete er mit einem von seinem neun Jahre jüngeren, in einem Schweizer Internat erzogenen Halbbruder Alexander („Al“) Rokeby vermittelten Darlehen seines Vaters ein Detektivbüro in London. Aufträge erhielt er nur wenige, bis er im Frühjahr 2010 im Fall des vom Balkon gestürzten oder gestoßenen Supermodels Lula Landry für Schlagzeilen sorgte, weil er statt der Polizei den Mörder überführte. Dabei half ihm Robin Ellacott, eine Psychologie-Studentin, die ihr Studium abgebrochen hatte. Er hatte sie als Assistentin eingestellt, obwohl er sich das gar nicht leisten konnte. In der Hoffnung, nicht nur am Schreibtisch sitzen zu müssen, sondern selbst Ermittlungen durchführen zu dürfen, ist Robin bei Cormoran Strike geblieben, obwohl sie anderswo das Doppelte verdienen könnte.

Weil er sich damit einen Namen gemacht hatte, erhielt Cormoran Strike in den letzten acht Monaten mehr Aufträge und brauchte nicht mehr im Büro zu übernachten, sondern konnte eine Wohnung mieten. Er arbeitet rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche, weil er das Darlehen seines Vaters so schnell wie möglich zurückzahlen will.

Robin Venetia Ellacott beabsichtigt, in wenigen Wochen, am 8. Januar 2011, mit ihrem Verlobten Matthew John Cunliffe in der Church of St. Mary the Virgin in Masham vor den Altar zu treten. Die beiden kennen sich seit der Schulzeit und sind seit neun Jahren ein Paar. Lange zögert Robin, bis sie ihrem Chef von der geplanten Hochzeit erzählt und ihm eine Einladung übergibt. Cormoran Strike schmerzt es, denn obwohl er auf Distanz zu seiner Angestellten achtet, hat er sich heimlich in sie verliebt.

Er ist seit März allein. 16 Jahre lang, allerdings mit einigen Unterbrechungen, hatte er eine Lebensgefährtin: das bildschöne Model Charlotte Campbell. Am 4. Dezember wird die Tochter des Fernsehmoderators Anthony Campbell und Tula Clermonts, eines It-Girls aus den Sechzigerjahren, ebenfalls heiraten, und zwar Jago Ross, den Erben des Vierzehnten Viscount of Croy.

Im November 2010 kommt eine Frau um die 50 namens Leonora Quine ins Detektivbüro. Ihr Ehemann, der 58-jährige Schriftsteller Owen Quine, ist seit zehn Tagen verschwunden. Vorangegangen war ein lautstarker Streit mit seiner Literaturagentin Elizabeth („Liz“) Tassel am 5. November in einem Restaurant. Sie hatte ihm erklärt, dass sie das Manuskript, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hatte, nicht vermitteln werde. Leonora Quine kennt den Inhalt nicht, denn sie liest die Bücher ihres Mannes immer erst, wenn sie gedruckt und gebunden sind. Leonora Quine vermutet, dass sich ihr Mann in einem von dem Verleger Christian Fisher bei einer Party erwähnten Schriftsteller-Refugium versteckt, aber Fisher lässt sich am Telefon verleugnen.

Robin ruft Christian Fisher an, und der Gründer von Crossfire Publishing ist sogleich bereit, den Privatdetektiv zu empfangen. Darüber wundert sich Cormoran Strike, aber der etwa 30 Jahre alte Verleger scheint einfach neugierig zu sein, denn nachdem er versichert hat, dass sich Owen Quine nicht in dem Schriftsteller-Refugium Bigley Hall aufhalte, fragt er, ob Strike von Daniel Chard oder Michael Fancourt beauftragt worden sei, nach dem Vermissten zu suchen. Daniel Chard ist der Geschäftsführer des Verlags Roper Chard, Michael Fancourt ein Schriftsteller. Als Fisher erfährt, dass Leonora Quine die Klientin des Privatdetektivs ist, begreift er, warum sie ständig versuchte, ihn ans Telefon zu kriegen. Bisher dachte er, der eitle Autor von „Bombyx Mori“ habe sie vorgeschoben, um ihn nach seiner Meinung über das Manuskript zu fragen, das Christian Fisher vor ein paar Tagen von Liz Tassel bekam.

„Wie viele Bücher von ihm haben Sie denn schon veröffentlicht?“, fragte Strike.
Fisher sah ihn verdutzt an. „Kein einziges“, sagte er schließlich.
„Ich dachte …“
„Seine letzten drei – oder waren es vier? – sind bei Roper Chard erschienen. Nein, es war folgendermaßen: Ich habe Liz Tassel, seine Agentin, vor ein paar Monaten auf einer Party getroffen, und sie hat mir im Vertrauen erzählt – sie hatte schon ein paar Drinks intus –, sie gehe nicht davon aus, dass Roper Chard es noch sehr viel länger mit ihm aushalte. Daraufhin sagte ich, dass ich mir sein neues Manuskript ja mal ansehen könne.“

Bombyx mori, den lateinischen Namen des Seidenspinners, wählte Owen Quine als Titel für sein neues Buch. Christian Fisher berichtet seinem Besucher, dass es sich um einen Schlüsselroman handelt, in dem die Figuren leicht wiederzuerkennen sind. Auf gehässige Weise habe der Autor einige Menschen aus seinem Umfeld dargestellt, darunter auch seinen Verleger Daniel Chard und seinen Konkurrenten Michael Fancourt. Eine Veröffentlichung von „Bombyx Mori“ würde einen Skandal und eine Reihe von Klagen wegen Rufmords auslösen, meint Fisher.

Die 60 Jahre alte Literaturagentin Liz Tassel, mit der Strike den nächsten Termin hat, erzählt ihm mit heiserer Stimme, sie habe das Manuskript nicht gründlich gelesen. „Ich hatte die Grippe und lag eine Woche lang im Bett.“ Sie hustet noch immer. Ohne den Inhalt also ganz zu kennen, habe sie Kopien des Manuskripts an Christian Fisher und Jerry Waldegrave, Owen Quines Lektor bei Roper Chard, geschickt. Erst von ihrem Assistenten Ralph sei sie auf den brisanten Inhalt von „Bombyx Mori“ aufmerksam gemacht worden. Danach traf sie sich mit Owen Quine in einem Restaurant und lehnte die Vermittlung des Manuskripts ab.

„Als ich ihm erklärte, dass sein Machwerk widerwärtig, infam und nicht zu veröffentlichen sei, sprang er auf, warf seinen Stuhl um und fing an zu schreien. Nachdem er mich sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene beleidigt hatte, verkündete er lautstark, dass er es dann eben auf eigene Faust publizieren würde – als E-Book –, wenn ich nicht länger den Mut hätte, ihn zu vertreten. Dann stürmte er hinaus und ließ mich mit der Rechnung sitzen.“

Strike erfährt von Liz Tassel den Namen einer Geliebten von Owen Quine. Sie lernten sich bei einem seiner Schreibkurse kennen. Kathryn Kent, die ihre Texte im Internet und als E-Books veröffentlicht, ist nicht zu Hause, als Strike bei ihr klingelt, aber er wartet vor ihrer Tür, bis sie kommt. Als sie im Halbdunkel seine Silhouette erblickt, stürzt sie sich auf ihn, prügelt auf ihn ein und schreit: „Du verdammtes Arschloch! Pippa wird dich umbringen!“ Erst dann erkennt sie, dass sie nicht ihren Liebhaber vor sich hat.

„Ich wurde damit beauftragt, den Schriftsteller Owen Quine zu finden“, erklärte Strike. „Er wird seit fast zwei Wochen vermisst, und da Sie eine Bekannte von ihm sind …“
„Nein, bin ich nicht“, sagte sie und bückte sich, um die klirrenden Tüten aufzunehmen. „Richten Sie ihr das aus. Von mir aus kann sie ihn behalten.“
„Sie haben nichts mehr miteinander zu tun? Dann wissen Sie wohl auch nicht, wo er steckt?“
„Es ist mir scheißegal, wo er steckt!“

Kathryn Kent ist nicht bereit, weiter mit dem Privatdetektiv zu reden und schlägt ihm die Türe vor der Nase zu.

Der Sensationsreporter Dominic Culpepper, der Cormoran Strike einige Hinweise beispielsweise auf hochgestellte Steuerbetrüger verdankt, bringt ihn auf seinen Wunsch mit einer Angestellten von Roper Chard zusammen. Nina Lascelles nimmt ihn mit zu einer Abendgesellschaft des Verlags. Das Manuskript „Bombyx Mori“, über das alle tuscheln, liegt zwar bei Jerry Waldegrave im Safe, aber eine ganze Reihe von Angestellten, darunter Nina, kennen die Kombination des Schlosses. Nina hat heimlich in dem Manuskript geblättert. Sie erzählt ihrem Begleiter, dass Daniel Chard in dem Schlüsselroman als schwuler Phallus Impudicus auftaucht. Bei der Party lernt Strike auch den alkoholkranken Lektor Jerry Waldegrave kennen. Als Nina erwähnt, dass Owens Agentin krank gewesen sei und das Manuskript nicht richtig gelesen habe, entgegnet er:

„Scheiße, sie wusste genau, was sie tat, als sie das Manuskript rausgeschickt hat. Sie hat geglaubt, es wäre ihre letzte Chance, mit Owen noch ein bisschen Geld zu machen. Ein hübscher PR-Gag im Kielwasser des Skandals um Fancourt, den sie seit Jahren hasst … Aber nachdem die Bombe geplatzt ist, distanziert sie sich von ihrem Autor. Wirklich empörend!“

Strike erkundigt sich nach dem erwähnten Skandal und erfährt, dass Michael Fancourts erste Ehefrau, Elspeth, einen Roman schrieb. Als in einer Literaturzeitschrift eine Parodie erschien, legte sie sich mit dem Kopf in den Gasbackofen und nahm sich das Leben. Wer die Parodie verfasste? Darüber gibt es nur Spekulationen. Michael Fancourt glaubt, Owen Quine sei es gewesen und hat seit dem Tod seiner Frau nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen. In „Bombyx Mori“ wird nun jedoch angedeutet, dass Michael Fancourt selbst der Autor gewesen sei.

Nachdem Daniel Chard in einer kurzen Ansprache Michael Fancourt als neuen Autor des Verlags willkommen geheißen hat, überredet Strike seine abenteuerlustige Begleiterin, das Manuskript „Bombyx Mori“ aus Waldegraves Tresor zu holen und für ihn zu kopieren.

Am nächsten Morgen wacht Strike in Ninas Bett auf, schnallt sich so schnell wie möglich die Prothese ans Bein und verabschiedet sich.

Er sucht seine Auftraggeberin Leonora Quine auf. Sie kümmert sich rührend um ihre Tochter Orlando. Die junge Frau ist 24 Jahre alt und geistig behindert. Ihr Zwillingsbruder starb bei der Frühgeburt kurz nach Elspeth Fancourts Suizid im Jahr 1986.

Owen Quine, Michael Fancourt und ein weiterer Schriftsteller namens Joseph („Joe“) North waren die ersten drei Autoren, die sich von der Literaturagentin Liz Tassel unter Vertrag nehmen ließen. Joe North stammte aus Kalifornien, hatte aber englische Wurzeln und zog schließlich nach London. Owen Quine und Michael Fancourt halfen ihrem jüngeren Kollegen, wo sie konnten. Als der homosexuelle Schriftsteller 1986 an AIDS starb, hinterließ er ein Romanfragment. Michael Fancourt brach die Arbeit an seinem eigenen Buch ab und vollendete das Manuskript seines toten Freundes, damit der Roman bei Harold Weaver unter dem Titel „Das Ziel vor Augen“ veröffentlicht werden konnte. Joe North hatte sein Haus in der Talgarth Road in London den beiden Freunden vermacht, die sich allerdings kurz nach seiner Beerdigung zerstritten. Keiner der beiden hat es je benutzt, und verkaufen ließ es sich aufgrund der Auflagen des Erblassers auch nicht. Der Bildhauer Todd Harkness, der sich dort eingemietet hatte, wurde hinausgeworfen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er mit ätzenden Chemikalien Schrottmetall bearbeitet und Schäden verursacht hatte. Liz Tassel beaufsichtigte vor einem halben Jahr die Renovierungsarbeiten im Auftrag der beiden Besitzer.

Cormoran Strike lässt sich von Leonora Quine eine Handvoll Schlüssel mitgeben, von denen sie annimmt, dass einer in der Talgarth Road passen könnte.

In dem unbewohnten Haus riecht es stark nach Chemikalien. Die Heizung ist voll aufgedreht. Überall wurde Säure verspritzt. Im Obergeschoss übertönt Verwesungsgestank den Geruch der Säure. Cormoran Strike stößt auf einen Toten, augenscheinlich den vermissten Schriftsteller Owen Quine.

Um den verwesenden Leichnam herum waren sieben Teller und sieben Gedecke platziert worden, als wäre er ein gigantischer Braten. Der Torso war von der Kehle bis zum Becken aufgeschlitzt, und Strike war groß genug, um selbst von der Schwelle aus die klaffende schwarze Höhle erkennen zu können, die darin zurückgeblieben war. Die inneren Organe und Eingeweide fehlten, als wären sie verzehrt worden.

Ohne in den Raum hineinzugehen, ruft Strike Detective Inspector Richard Anstis von der Metropolitan Police an. Der war mit ihm in Afghanistan, und bei dem Sprengstoffanschlag, der Strikes rechten Unterschenkel zerfetzte, wäre Richard Anstis getötet worden, wenn Strike ihn nicht im letzten Augenblick im Fahrzeug nach hinten gerissen hätte. Ihr Kriegskamerad Gary Topley kam bei der Explosion ums Leben. Zwei Tage vorher hatte Richard Anstis‘ Ehefrau Helen („Helly“) einen Sohn geboren. Cormoran Strike wurde später der Pate des auf den Namen Timothy Cormoran getauften Jungen. Nun, dreieinhalb Jahre später, übernimmt Richard Anstis die Leitung der Ermittlungen in dem bizarren Mordfall.

Strike liest das Manuskript „Bombyx Mori“. Es handelt sich um eine perverse Variation des 1678 von John Bunyan veröffentlichten Erbauungsbuches „The Pilgrim’s Progress from This World to That Which Is to Come“. Bei einigen der Figuren weiß Strike rasch, wer gemeint ist. Prahlhans entspricht dem eitlen Schriftsteller Michael Fancourt, Effigie dessen Frau Elspeth, eine Zecke der Agentin Liz Tassel und so weiter.

Zu den sechs Gestalten, die Strike erkannt hatte – Succuba, die Zecke, der Schnittmeister, Harpyie, Prahlhans und Impudicus –, gesellte sich nun auch noch Epicoene. Die sieben Gäste nahmen an einer langen Tafel Platz, auf der ein großer Krug mit einer rauchenden Flüssigkeit sowie eine mannsgroße, leere Fleischplatte standen.
Als Bombyx den Speisesaal betrat, stellte er überrascht fest, dass für ihn kein Platz vorgesehen war. Die anderen Gäste erhoben sich, kamen mit Stricken in den Händen auf ihn zu und überwältigten ihn. Er wurde gefesselt, auf die Platte gelegt und aufgeschnitten.

Sobald Strike die Parallelität der Mordfälle in der Realität und im Roman entdeckt hat, weist er Richard Anstis telefonisch darauf hin. Offenbar kannte der Mörder das unveröffentlichte Manuskript!

Aufgrund der hohen Raumtemperatur und weil die Leiche nicht nur ausgeweidet, sondern außerdem mit Säure übergossen wurde, lässt sich der Todeszeitpunkt nicht genau feststellen, aber der Gerichtsmediziner geht davon aus, dass Owen Quine bereits kurz nach seinem Verschwinden erschlagen wurde.

Die Polizei findet Fotos von Owen Quine, auf denen er gefesselt bei Sexspielen zu sehen ist. Dass der Schriftsteller seine Frau betrog, könnte das Tatmotiv sein: Hat Leonora Quine ihn umgebracht? Ihre Behauptung, sie habe das Manuskript nicht gekannt, hält Richard Anstis für unglaubwürdig. Selbst wenn sie es noch nicht gelesen habe, meint er, sei anzunehmen, dass mit ihr über den Inhalt geredet worden sei. Leonora Quine verfügte über einen Schlüssel für das Haus in der Talgarth Road, und weil sie früher in der Metzgerei eines Onkels ausgeholfen hatte, weiß sie wohl, wie ein Toter aufgeschnitten wird. Weil Richard Anstis die Witwe für die Mörderin hält, gibt Cormoran Strike ihr die Telefonnummer seiner früheren Schulfreundin Ilsa Herbert und rät ihr, sich von der Rechtsanwältin beraten zu lassen.

Der Privatdetektiv verabredet sich ein weiteres Mal mit Liz Tassel. Sie versichert ihm, dass Owen Quine der Verfasser der Parodie auf Elspeth Fancourts Roman gewesen sei; sie habe sein Manuskript selbst gesehen. Nach dem Suizid seiner Frau verdächtigte Michael Fancourt seinen früheren Freund als Urheber und forderte die Literaturagentin auf, Quine nicht länger zu vertreten. Weil sie sich weigerte, trennte er sich von ihr. Strike wundert sich darüber, dass die Agenten sich für den weniger lukrativen der beiden Autoren entschied, aber sie behauptet, es sei ihr dabei nie ums Geld gegangen.

Der Verleger Daniel Chard hat sich das Bein gebrochen und kehrt deshalb nicht von seinem Landhaus in Devonshire nach London zurück. Umso mehr wundert Cormoran Strike sich, als Robin ihm mitteilt, dass Chard mit ihm in Tiverton reden wolle. Weil kein Leihwagen mit Automatik zu bekommen ist, erklärt Robin sich bereit, ihren beinamputierten Chef zu fahren, obwohl sie am selben Tag von ihrem Verlobten in Masham erwartet wird. Matthews Mutter ist gestorben. Die Beerdigung soll am Samstag stattfinden. Robin will nun statt am Freitag erst mit dem Nachtzug hinfahren.

Daniel Chard erklärt seinem Besucher, er sei überzeugt, dass Owen Quine „Bombyx mori“ nicht allein verfasst habe. Er verdächtigt Jerry Waldegrave als Co-Autor. Das würde auch die Verunglimpfung Michael Fancourts in der Romanfigur Prahlhans erklären. Der Schriftsteller hatte nämlich vor einigen Jahren eine Affäre mit Fenella Waldegrave, der Ehefrau des Lektors.

„Ich glaube, Folgendes ist passiert“, sagte Chard und sah mehrmals zu Strike hinüber, als wollte er dessen Reaktion einschätzen. „Jerry hat Owen von unserer Abmachung mit Michael erzählt, obwohl das natürlich streng geheim war. Und dann heckte er mit Owen, der seit einem Vierteljahrhundert mit Fancourt verfeindet war, die Idee zu diesem … verfluchten Buch aus, in dem Michael und ich Opfer dieser … dieser widerwärtigen Verleumdungen werden.“

Strike erfährt, dass der Lektor vor zwei Tagen kündigte.

Jerry Waldegrave beteuert im Gespräch mit Strike, dass er nicht mit an dem Manuskript gearbeitet habe und vertritt die Meinung, dass Liz Tassel die Co-Autorin sei.

„Hatte Quine mit Ihnen über den Inhalt seines neuen Romans gesprochen, bevor er das Manuskript abgeliefert hat?“, fragte Strike.
„Niemals“, sagte Waldegrave. „Über Bombyx Mori hat er mir nur erzählt, dass der Seidenspinner eine Metapher für den Autor sei, der Höllenqualen erleiden muss, um etwas Gutes hervorzubringen.“

Wie befürchtet, lässt Inspektor Richard Anstis Eleanor Quine festnehmen und dem Haftrichter vorführen. Die Anwältin Ilsa Herbert berichtet ihrem früheren Schulfreund, dass es schlecht für die Beschuldigte aussehe. Die Polizei hat nämlich inzwischen herausgefunden, dass die beim Mord verwendeten Chemieschutz­anzüge, Gummistiefel, Handschuhe und Seile vor einem halben Jahr mit der gemeinsamen Kreditkarte des Ehepaars Quine bezahlt wurden. Die Witwe des toten Schriftstellers wird wegen Mordes angeklagt. Sie macht sich vor allem Sorgen um ihre behinderte Tochter, die vorübergehend von der Nachbarin Edna aufgenommen worden ist.

Ungeachtet der erdrückenden Beweislast ist Cormoran Strike überzeugt, dass Owen Quine nicht von seiner Ehefrau ermordet wurde.

Eine von ihm befragte Kellnerin vermutet, dass der von ihr beobachtete Streit zwischen Liz Tassel und Owen Quine von dem Schriftsteller inszeniert worden sei.

„Er hat’s genossen“, sagte sie und nippte an ihrem Wasser.
„Genossen?“
„Ihr eine Szene zu machen. Er hat getobt und geschrien. Alles nur Show, das hat man gemerkt. Er wollte, dass jeder ihn hört. Er wollte ein Publikum. Er war kein guter Schauspieler.“

Strike glaubt jetzt zu wissen, wer Owen Quine ermordet hat. Seiner Meinung nach gehörte der lautstarke Streit im Restaurant ebenso wie das Verschwinden des Schriftstellers zu dessen Plan, bereits im Vorfeld möglichst große Aufmerksamkeit für den geplanten Schlüsselroman zu erzeugen. Nach der Szene im Restaurant versteckte er sich in dem leerstehenden Haus in der Talgarth Road, wo er allerdings ermordet wurde, wahrscheinlich noch am ersten Abend. Cormoran Strike erläutert Robin seine Theorie. Beweise hat er dafür allerdings nicht.

Robin bringt Kathryn Kent dazu, ihren Chef in die Wohnung zu lassen. Bei ihr ist auch Phillip Midgley alias Pippa, eine Transsexuelle, die in Kürze eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen möchte. Sie griff Cormoran Strike bereits mit einem Teppichmesser auf der Straße an, weil sie weiß, dass er von Leonora Quine engagiert wurde und glaubt, sein Auftrag sei es, den Mord ihr und Kathryn Kent in die Schuhe zu schieben. Das Manuskript lag bei ihnen am 6. November morgens im Briefkasten. Eine Nachbarin will Owen Quine um 2 Uhr nachts durch den Türspion gesehen haben. Die Lektüre von „Bombyx Mori“ machte Kathryn Kent und Pippa zornig, denn Owen Quine hatte lange Gespräche vor allem mit Pippa geführt und behauptet, er wolle sie möglichst realistisch darstellen. Mit einer Verunglimpfung, wie sie nun in dem Manuskript nachzulesen ist, rechneten sie nicht.

Bei einem Besuch von Eleanor Quines Nachbarin Edna begleitet Robin ihren Chef ebenfalls. Ihr gelingt es, Orlandos Vertrauen zu gewinnen. Die geistig behinderte junge Frau leert sogar den Inhalt einer Tasche aus. Dabei kommt eine benutzte Farbbandkassette zum Vorschein. Strike steckt sie unbemerkt ein, denn er ist überzeugt, dass sie aus dem Arbeitszimmer von Orlandos Vater stammt. Tatsächlich wird er damit beweisen können, dass das vorliegende Manuskript „Bombyx Mori“ nicht das von Owen Quine geschriebene ist.

Als Strike mit Hilfe von Robin und des mit ihm eng befreundeten Tauchers Dave Polworths weitere Beweise für eine Hypothese erhält, ruft er Richard Anstis an, aber der Inspector will nicht wahrhaben, dass er sich verrannt hat. Strike ärgert sich darüber und beschließt, auf eigene Faust zu handeln.

Sein Halbbruder Alexander Rokeby verschafft ihm Zugang zu dem exklusiven Chelsea Arts Club, in dem der Verlag den 90. Geburtstag des Autors Pinkelman feiert. Strike provoziert Daniel Chard, Michael Fancourt und Liz Tassel durch seine demonstrative Anwesenheit, und als er in den Garten geht, folgt ihm Fancourt.

Strike überrascht den Schriftsteller mit der Behauptung, das Manuskript „Bombyx Mori“, das er gelesen habe, stamme nicht von Owen Quine. Der hätte ihm nicht verklausuliert unterstellt, der leibliche Vater von Jerry und Fenella Waldegraves Tochter Joanna zu sein, weil er von seiner Zeugungsunfähigkeit wusste.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Nach einer Weile kommt auch Liz Tassel heraus. Cormoran Strike meint, sie könne fremde Schreibstile hervorragend imitieren und habe die Parodie auf Elspeth Fancourts Roman geschrieben. Weil Owen Quine es wusste, erpresste er sie seit damals. Michael Fancourt starrt die beiden fassungslos an. Der Privatdetektiv fährt fort:

„Sie dachten, Sie hätten alles berücksichtigt, stimmt’s? Seile, Verkleidung, Overalls zum Schutz gegen die Säure – aber Ihnen war nicht klar, dass Ihre Atemwege durch die Dämpfe geschädigt würden.“

Nicht eine Grippe, sondern die Verätzung ihrer Atemwege verursachte Husten und Heiserkeit. Die Literaturagentin hatte dem seit längerer Zeit erfolglosen Schriftsteller eingeredet, dass mit „Bombyx Mori“ ein Comeback zu schaffen sei. Um bei der Veröffentlichung einen Knall zu erzeugen, dürfe allerdings nichts von dem Inhalt des Manuskripts nach außen dringen. Schließlich überzeugte sie den Schriftsteller, dass für die PR ein vorgetäuschter Streit mit ihr im Restaurant und ein vorübergehendes Abtauchen wirkungsvoll sei.

„Quine kam gar nicht auf den Gedanken, dass er von Elizabeth etwas zu befürchten haben könnte – doch nicht von seiner Mitverschwörerin beim Comeback des Jahrhunderts. Ich glaube, er hatte komplett vergessen, dass er Sie jahrelang mehr oder weniger erpresst hatte, nicht wahr?“, fragte er Tassel. „Inzwischen war es ihm einfach zur Gewohnheit geworden, Geld von Ihnen zu bekommen, wenn er danach fragte.“

Strike vermutet, dass Liz Tassel ihr Opfer bei ihrem Besuch in der Talgarth Road für ein angebliches Werbefoto niederknien ließ, dann von hinten herantrat und Quine mit einem Türstopper den Schädel zertrümmerte. Danach verschickte sie eine Version von „Bombyx Mori“, die sie heimlich selbst verfasst hatte.

„Sie packten Owens Magen und Därme und das Originalmanuskript in eine Reisetasche“, fuhr der Detektiv fort. Sie hatte sich so nahe an ihn heran geschoben, dass er wieder die Kombination von Parfüm und kaltem Zigarettenrauch riechen konnte. „Dann zogen Sie Quines Umhang und Hut an und gingen aus dem Haus. Unterwegs schoben Sie eine vierte Kopie des gefälschten Bombyx-Mori-Manuskripts durch Kathryn Kents Briefschlitz, um den Kreis der Verdächtigen zu erweitern und um eine weitere Frau zu belasten, die das bekommen hatte, was Sie nie hatten – Sex. Gemeinschaft.“

Solange Liz Tassel glaubt, dass der Privatdetektiv keine Beweise für seine Theorie habe, bleibt sie gelassen. Aber er weist sie darauf hin, dass ein Freund bei den Klippen von Hell’s Mouth in Gwithian nicht nur eine Schreibmaschine herauftauchte, sondern auch mehrere Overalls mit Säureflecken, die mit Steinen beschwert worden waren.

Liz Tassel rennt los. Michael Fancourt schreit:

„Sie müssen sie aufhalten!“
„Ich kann sie nicht einholen“, sagte Strike und warf den Zigarettenstummel in den Schnee. „Das macht mein Knie nicht mit.“
„Sie könnte weiß Gott was tun …“
„Wahrscheinlich will sie sich umbringen“, stimmte Strike ihm zu und zog sein Handy heraus.
Der Schriftsteller starrte ihn an.
„Sie … Sie kaltblütiger Bastard!“
„Sie sind nicht der Erste, der das sagt“, stellte Strike fest und drückte eine Nummernkombination auf seinem Handy. „Fertig?“, sprach er hinein. „Es geht los.“

Liz Tassel winkt einem Taxi, das sich gerade nähert und steigt ein. Al Rokeby folgt ihr mit seinem Halbbruder in einem roten Sportwagen. Als Liz Tassel merkt, dass die Taxifahrerin nicht den richtigen Weg nimmt, will sie aussteigen, aber die Türen sind verriegelt. Sie zerrt die Fahrerin an den Haaren und würgt sie, bis diese die Kontrolle über das Fahrzeug verliert und in ein Schaufenster kracht. Während Al der flüchtenden Mörderin nachrennt und sie zu Fall bringt, eilt Cormoran Strike zum Taxi und schaut nach der Fahrerin, bei der es sich um seine Assistentin Robin handelt. Zum Glück kommt sie mit Hämatomen am Hals und einer Gehirnerschütterung davon.

Das Taxi hat er sich ausgeliehen. Es gehört dem Vater des mit ihm befreundeten Gastroenterologen Nick Herbert, des Ehemanns der Anwältin Ilsa Herbert.

Bei seinem Krankenbesuch kündigt Cormoran Strike seiner Assistentin die Teilnahme an einem Überwachungskurs im Januar an.

„Damit Sie beim nächsten Mal keiner sieht, wenn Sie einen Beutel Hundescheiße aus dem Mülleimer ziehen.“

Robin wurde nämlich von Liz Tassels Assistenten Ralph gesehen, als sie nach Ausscheidungen des Hundes der Literaturagentin suchte. Nun erkundigt sie sich nach dem Untersuchungsergebnis, und ihr Chef berichtet:

„Ja. Voll von Spuren menschlicher Eingeweide. Sie hat sie portionsweise aufgetaut. Sie haben Teile davon im Futternapf des Dobermanns und den Rest in ihrer Tiefkühltruhe gefunden.“

Liz Tassel hatte mehrmals Gelegenheit, an die Kreditkarte des Autors zu kommen. Damit kaufte sie die Sachen, die sie für den geplanten Mord benötigte und ließ sie in die Talgarth Road liefern, während sie dort die Renovierungsarbeiten überwachte und über den Schlüssel verfügte, den sie bei dieser Gelegenheit nachmachen ließ.

Bei den Eingeweiden in der Tiefkühltruhe fand die Polizei auch das echte, von Owen Quine verfasste Manuskript „Bombyx Mori“. Der Verlag Roper Chard wird es veröffentlichen und hat Michael Fancourt gebeten, das Vorwort zu schreiben. Auf diese Weise wird Owen Quine posthum einen Bestseller bekommen.

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Joanne K. Rowling hat unter dem Pseudonym Robert Galbraith ihren zweiten Kriminalroman geschrieben: „Der Seidenspinner“. Von ihrem ersten Thriller – „Der Ruf des Kuckucks“ – waren zunächst nur ein paar tausend Exemplare verkauft worden. Erst als die Öffentlichkeit erfuhr, dass sich hinter Robert Galbraith die Autorin der Harry Potter-Romane verbirgt, musste nachgedruckt werden.

Während der „Der Ruf des Kuckucks“ in der Londoner Modeszene spielt, dreht sich „Der Seidenspinner“ um das Manuskript eines Schlüsselromans, dessen Veröffentlichung eitle Londoner Verleger, Lektoren, Literaturagenten und Schriftsteller in den Schmutz ziehen würde.

Erzählt wird die Geschichte chronologisch aus der Perspektive des Privatdetektivs Cormoran Strike. Joanne K. Rowling / Robert Galbraith gibt sich Mühe, dessen Charakter mehrschichtig herauszuarbeiten. Die fortwährenden Hinweise auf das unter dem Knie amputierte Bein und die Schmerzen wirken allerdings etwas penetrant. Auch bei seiner Assistentin Robin handelt es sich um einen lebendigen Charakter. Die Mordverdächtigen in „Der Seidenspinner“ bleiben dagegen eher Karikaturen.

Die Handlung kommt erst spät in Gang. Und auch dann noch walzt Joanne K. Rowling / Robert Galbraith die Darstellung breit aus. Für ein Buch mit 671 Seiten ist der Plot zu schlicht. Dass es in „Der Seidenspinner“ so gut wie keine Action gibt, sondern die Aufklärung des Mordfalls weitgehend durch Beobachtungen und Gespräche erfolgt, spricht für den Kriminalroman. Aber Joanne K. Rowling alias Robert Galbraith greift auch zu billigen Tricks, um ein wenig Spannung zu erzeugen, etwa wenn sie zwar erwähnt, dass Cormoran Strike seiner Assistentin, seinem Halbbruder und zwei Freunden Aufgaben anvertraut, den Leserinnen und Lesern jedoch erst einmal nicht verrät, um was es sich dabei handelt. Die Auflösung erfolgt dann auch ziemlich unvorbereitet, nicht schrittweise, sondern in einem langen Dialog.

Den Roman „Der Seidenspinner“ von Robert Galbraith gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Dietmar Wunder (ISBN 978-3-8371-2861-1).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Blanvalet Verlag

Joanne K. Rowling (kurze Biografie)

Natascha Wodin - Sie kam aus Mariupol
Obwohl sich Natascha Wodin für eine sach­lich-nüchterne Darstellung ent­schieden hat und v. a. die Lebens­geschichte ihrer Tante Lidia rekon­struiert, han­delt es sich bei "Sie kam aus Mariupol" um einen Tat­sachen­roman, nicht um einen Bericht oder eine Dokumentation.
Sie kam aus Mariupol

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