William Faulkner : Wilde Palmen

Wilde Palmen

William Faulkner

Wilde Palmen

Originalausgabe: The Wild Palms (and Old Man), 1939 Wilde Palmen (und Der Strom) Übersetzung: Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser Fretz & Wasmuth Verlag, Zürich 1957 Die ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher Verlag Eder & Bach, München 2015 ISBN: 978-3-945386-16-3, 224 Seiten, 10 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als sich die Künstlerin Charlotte Rittenmeyer in den angehenden Arzt Harry Wilbourne verliebt, verlässt sie ihren Ehe­mann und die beiden kleinen Töchter in New Orleans und zieht mit ihm nach Chicago. Die beiden geben alles auf, aber Harrys Idee von einer insulären Liebes­beziehung außerhalb der Gesellschaft lässt sich nicht verwirklichen. Zwar verleiht die leidenschaftliche Liaison Charlottes Leben Intensität, aber am Ende verlieren sie beide alles ...
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Kritik

Der düstere Roman "Wilde Palmen" dreht sich um Gegensätze wie Natur und menschliche Ordnung, Bindung und Autarkie. William Faulkner kündigt gleich zu Beginn das tragische Ende an.
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Henry („Harry“) Wilbourne wurde 1910 als jüngstes von drei Kindern eines Arztes und dessen zweiter Ehefrau geboren. Als er zwei Jahre alt war, starb sein Vater nach dem Aussaugen eines Schlangenbisses bei einem Kind an Blutvergiftung. Daraufhin wurde Harry von einer seiner beiden sehr viel älteren Halbschwestern aufgezogen, die in Oklahoma verheiratet war und selbst Kinder hatte. Nach dem Studium zog er nach New Orleans und fing als Assistenzarzt in einem Krankenhaus zu arbeiten an.

1937 überredet ihn ein Kollege, mit zu einer Party zu kommen. Dort lernt Harry die zwei Jahre jüngere Charlotte Rittenmeyer kennen. „Charley“ ist mit einem reichen Mann namens Francis („Fuchs“) Rittenmeyer verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Die Bildhauerin versuchte sich bisher erst einmal an Stein und arbeitet stattdessen nun mit weicheren Materialien wie Ton oder Kupfer. Am übernächsten Abend nach der Party lädt das Ehepaar Rittenmeyer Harry zum Essen ein. Weil Harry sich in Charlotte verliebt, meidet er danach das Haus und verabredet sich mit ihr in der Mittagspause in einem Restaurant. Nach vier dieser kurzen Begegnungen gehen sie in ein Hotel und schreiben sich unter falschem Namen als Ehepaar ein. Um nicht aufzufallen, hat Harry einen Koffer mitgebracht, der mit Backsteinen gefüllt ist. Im Zimmer sagt Charlotte ihm, dass sie mit ihrem Mann über alles geredet habe. Er will keine Scheidung, und weil Harrys Einkommen noch nicht reicht, um ein Paar oder gar eine Familie zu ernähren, sieht Charlotte in ihrer Liebesbeziehung keine Zukunft. Ohne das Bett benutzt zu haben, verlassen sie das Hotel und gehen getrennte Wege.

Als Harry die Backsteine in den nächsten Abfallkorb wirft, findet er darin eine Brieftasche mit 1278 Dollar. Er geht damit zum Postamt, um den Fund abzugeben, aber es ist geschlossen. Im Krankenhaus verpackt Harry die Brieftasche, denn er will sie dem Eigentümer schicken. Aber dann ruft Francis Rittenmeyer an und erklärt ihm, Charlotte habe ihm auch von der Verabredung im Hotel berichtet und wolle die aussichtslose Beziehung beenden. Harry spricht mit ihr und erklärt ihr, dass er inzwischen über ausreichend Geld verfüge. Sie beschließen, miteinander nach Chicago zu ziehen.

Francis bringt seine Frau zum Bahnhof und steigt mit in den Zug. Er hat eine Fahrkarte bis Hammond. Wenn er nicht bis zum 10. jeden Monats von Charlotte höre, werde er die Polizei einschalten, droht er. Sobald ihr Mann den Zug verlassen hat, drängt Charlotte darauf, trotz der Extrakosten einen Salon im Zug zu mieten. Harry verschließt noch die Tür, da zieht sie sich bereits aus.

In Chicago nehmen sie zunächst ein Hotelzimmer. Charlotte sucht und findet rasch eine als Atelier geeignete Wohnung mit einem Oberlicht. Harry bewirbt sich in Krankenhäusern, ohne sich ernsthaft um eine gute Anstellung zu bemühen. Schließlich gibt er sich mit Laboratoriumsarbeit in einem Armenkrankenhaus im Schwarzenviertel zufrieden. Charlotte fertigt dagegen kleine Figuren an, die ihr ein Kaufhaus abnimmt, in dem sie auch Schaufenster gegen Honorar dekorieren darf. Sie arbeitet sogar nachts, wenn Harry schläft, aber nach ein paar Wochen bleiben weitere Aufträge aus.

Harry wird entlassen, wagt jedoch nicht, es Charlotte zu sagen und setzt sich tagsüber in einen Park, bis sie nach zwei Monaten herausfindet, dass er arbeitslos ist.

McCord, ein Journalist, mit dem Charlotte sich angefreundet hat, bringt das Paar in ein leer stehendes Ferienhaus an einem See, in dem Charlotte jeden Morgen nackt schwimmt. Als Harry über die zur Neige gehenden Vorräte lamentiert, weist sie ihn zurecht:

„Mein Gott, noch nie im Leben habe ich jemand gesehen, der so krampfhaft versucht hat, ein Ehemann zu sein. Nun hör mal zu, du Simpel. Wenn ich nur einen patenten Ehemann und genug zu essen und ein Bett gewollt hätte, was, zum Teufel, glaubst du, mache ich dann hier, anstatt dort zu bleiben, wo ich das alles gehabt habe?“

Es liegt bereits der erste Schnee, als sie nach Chicago zurückkehren. Charlotte arbeitet weiterhin als Dekorateurin in dem Kaufhaus, und Harry fängt an, lächerliche kleine Geschichten für eine Zeitung zu schreiben. Diese Möglichkeit hat McCord ihm vermittelt, und nach einer Weile schämt Harry sich auch nicht mehr wegen der Tätigkeit.

Als Charlotte gegen Ende 1937 freudestrahlend verkündet, dass das Kaufhaus sie bis mindestens zum Sommer beschäftigen wolle, beschließt Harry, Chicago mit ihr zu verlassen:

„Du wirst nie wieder nur für Geld arbeiten.“

McCord versteht das nicht. Harry versucht es ihm zu erklären.

„Ich war zu einem Ehemann geworden“, sagte er. „Das war’s. Ich wusste es nicht einmal, bis sie erzählte, man wolle sie im Kaufhaus behalten. Zuerst musste ich immer achtgeben, mich jedes Mal zusammennehmen, um auch ja ‚meine Frau‘ oder ‚Mrs Wilbourne‘ zu sagen, dann merkte ich, dass ich seit Monaten auf mich achtgab, um es ja nicht mehr zu sagen; ich habe mich, seit wir vom See zurück sind, sogar zweimal dabei ertappt, wie ich dachte, ‚Ich möchte, dass meine Frau es gut hat‘, genauso wie irgend so ein Ehemann mit seiner Lohntüte am Samstag und seinem Vorstadtbungalow mit all diesen elektrischen, frauenschonenden Geräten und dem tischtuchgroßen Rasen, den er am Sonntagmorgen besprengt und der ihm einmal gehören wird, vorausgesetzt, dass er in den nächsten zehn Jahren nicht aus seiner Stelle hinausfliegt oder von einem Wagen überfahren wird – dieser dem Verhängnis anheimgegebene Wurm, der blind ist für die Leidenschaft und tot für die Hoffnung und es nicht einmal weiß, erinnerungslos und blind im Angesicht der Dunkelheit, dem ein jegliches ungewusst und den das verborgene Allhöhnende zu verdammen droht.“

„Ja. Also – die Ehrbarkeit. Die war schuld daran. Ich habe vor einiger Zeit gemerkt, dass ihre Trägheit all unsere Tugenden ausbrütet, unsere erträglichsten Eigenschaften – Beschaulichkeit, Gleichmut, Faulheit, Toleranz; eine gute geistige und körperliche Verdauung: die Weisheit, sich auf fleischliche Vergnügen zu konzentrieren – Essen und Verdauen und Unzucht-Treiben und In-der-Sonne-Sitzen –, denn es gibt nichts Besseres, nichts Gleichwertigeres, nichts sonst auf der Welt als zu leben für die kurze Zeit, in der einem Atem verliehen ist, lebendig zu sein und es zu wissen – o ja, das hat mich Charlotte gelehrt; auch sie hat mich für ewig gezeichnet – nichts, nichts. Aber erst vor Kurzem habe ich klar erkannt, habe ich den logischen Schluss gezogen, dass es eine der sogenannten Haupttugenden, wie Sparsamkeit, Fleiß, Unabhängigkeit, ist, die alle Laster ausbrütet, wie Fanatismus, Selbstgefälligkeit, Aufdringlichkeit, Furcht und, das Schlimmste von allen, die Ehrbarkeit.

„Ich hatte mir mit dem Farbband [der Schreibmaschine] Hände und Füße gefunden, und täglich beobachtete ich, wie ich mich mehr und mehr darin verfing, gleich dem Kakerlak in einem Spinnweb; jeden Morgen wusch ich, damit meine Frau rechtzeitig ins Geschäft käme, die Kaffeekanne ab und machte den Ausguss sauber, und zweimal in der Woche kaufte ich (aus demselben Grund) stets beim selben Metzger die nötigen Lebensmittel ein und das Hackfleisch, das wir uns am Sonntag zubereiteten; über kurz oder lang hätten wir uns in Gegenwart des andern unter dem Morgenmantel an- und ausgezogen und das Licht ausgeschaltet, ehe wir ins Bett gingen, um uns zu lieben. Tja, so ist das. Es ist nicht die Art der Beschäftigung, die unsern Beruf ausmacht, es ist die Ehrbarkeit, die Chiropraktiker und Angestellte und Zettelankleber und Automechaniker und Pamsschreiber aus uns macht.“

Harry bewirbt sich bei den Callaghan-Hüttenwerken. Canfield, der das Gespräch mit ihm führt, interessiert sich nicht für seine beruflichen Qualifikationen. Entscheidend ist, dass der neue Arzt im Bergwerk die Interessen des Unternehmens vertritt.

Gegen Frühzündungen. Gegen Schadenersatzklagen dieser Schaufelfritzen und Polski-Pulveraffen und chinesischen Erzförderer, die auf den Gedanken kommen könnten, mit der Gesellschaft eine Hand oder einen Fuß gegen eine Pension oder eine Rückreise nach Kanton oder Hongkong zu tauschen.“

Im Februar 1938 treffen Harry und Charlotte im Bergwerk ein. Dort erfahren sie, dass seit September keine Löhne mehr gezahlt worden sind. Afroamerikaner, Chinesen und Italiener haben das Bergwerk bereits verlassen; nur Polen schuften noch im Stollen. Harry und Charlotte schlafen gemeinsam mit dem Verwalter Buck Buckner und dessen Ehefrau Billie („Bill“) in einem Raum, zunächst in verschiedenen Ecken, dann wegen der Kälte dicht nebeneinander. Das hält Buck und Bill nicht davon ab, es miteinander zu treiben, sobald das Licht aus ist.

Als Bill merkt, dass sie schwanger ist, bittet ihr Mann den angehenden Arzt, der seine Ausbildung zwei Wochen vor dem Abschluss abbrach, um eine Abtreibung, denn das Ehepaar kann sich kein Kind leisten. Obwohl Harry das angebotene Honorar gut gebrauchen könnten, weigert er sich aus ethischen Gründen. Schließlich wollen die Buckners fort. Vorher überreden sie Harry mit Hilfe von Charlotte, die Abtreibung doch noch vorzunehmen. Geld nimmt er dafür keines.

Sobald Buck und Bill mit dem Erzzug losgefahren sind, eilt Charlotte mit Harry zurück in das Zimmer. Nach sechs Wochen sexueller Abstinenz verzichten sie an diesem Abend aufs Essen.

Vier Wochen nach der Abreise des Verwalters schicken Harry und Charlotte die verbliebenen Polen fort. Sie selbst bleiben noch, denn sie wüssten nicht, wohin sie sich wenden sollten, und hier haben sie vorerst wenigstens etwas zu essen.

Charlotte ist schwanger. In der ersten Nacht, in der sie allein waren, ging der Ofen aus, und ihre Spülspritze fror fest. Als sie den Ofen dann wieder anheizten, platzte das Verhütungsgerät. Nun erwartet Charlotte von Harry, dass er auch bei ihr eine Abtreibung vornimmt:

„Ich kann hungern und du kannst hungern, aber es nicht. Darum müssen wir es tun, Harry.“

Wieder sträubt Harry sich dagegen. Er träumt davon, eine gut bezahlte Stelle zu bekommen und eine Familie ernähren zu können. Im schlimmsten Fall bliebe immer noch eine Geburt in einem Armenkrankenhaus und die Weggabe des Kindes zu Pflege- bzw. Adoptiveltern, meint er.

Sie verlassen das Bergwerk nun ebenfalls und ziehen nach San Antonio in Texas. Dort versucht Harry, in einem Bordell Abtreibungspillen aufzutreiben, aber die Betreiberin lässt ihn gewaltsam hinauswerfen. In einem Drugstore verkauft man ihm fünf teure Pillen, die sich jedoch als wirkungslos erweisen. In seiner Verzweiflung nimmt er einen Job als Aufseher vor Schultoren an, aber Charlotte wirft seine Dienstmütze aufgebracht ins Feuer. Inzwischen ist sie im dritten Monat schwanger. Entschlossen setzt sie Wasser auf, um die für eine Abtreibung benötigten Instrumente zu desinfizieren.

Vier Wochen nach der Abtreibung klingelt sie bei ihrem Ehemann, während Harry auf einer Parkbank sitzt und wartet. Sie will ihre Kinder noch einmal sehen.

Charlotte und Harry mieten über einen Makler ein primitives Strandhaus. Sie wissen weder, dass das Anwesen dem Nachbarn gehört, noch dass dieser als Arzt praktiziert. Er verbringt hier den Sommer mit seiner Frau Martha. Sie sind seit 23 Jahren verheiratet, aber kinderlos geblieben. Ihr Wohnhaus befindet sich in einer vier Meilen entfernten Kleinstadt. Der 48-jährige hatte die Praxis seines Vaters übernommen und „verlor nichts davon und gewann nichts dazu“. Der erfahrene Arzt sieht, dass die nebenan eingezogene Frau, die stundenlang in einem Liegestuhl vor sich hin stiert, schwer krank ist. Martha hätte an seiner Stelle auch die noch schwach erkennbare Stelle des fehlenden Eherings bemerkt.

In der vierten Nacht weckt Harry den Nachbarn aus dem Schlaf und bittet darum, nach einem Arzt telefonieren zu dürfen. Der Mann im Nachthemd erklärt ihm, er sei selbst Arzt, schlüpft in eine Hose und geht hinüber, um nach der kranken Frau zu schauen. Als er begreift, dass die Blutungen durch eine Abtreibung verursacht wurden, richtet sich sein Zorn gegen Harry. Er geht zurück, um einen Krankenwagen anzufordern und die Polizei zu rufen. Als er wiederkommt, hat er einen alten Revolver bei sich, mit dem er Harrys Flucht verhindern möchte. Aber der hat gar nicht vor, wegzulaufen, obwohl Charlotte ihm mehrmals das Versprechen abnahm, dass er rechtzeitig untertauchen werde.

Zu Martha, die ihm gefolgt ist, sagt der Arzt:

„Begreifst du denn nicht, dass diese Frau stirbt?“
„Lass sie sterben. Lass sie beide sterben. Aber nicht in diesem Haus. Nicht in dieser Stadt. Schaff sie weg und lass sie aneinander herumsäbeln und sterben, soviel es ihnen Spaß macht.“ […]
„Ich lasse mir nicht dreinreden!“, schrie er. „Die Frau hier stirbt, und der Mann muss dafür büßen!“

Von weitem ist die Sirene des Krankenwagens zu hören. Zwei Sanitäter holen Charlotte ab, und ein Polizist nimmt Harry fest. Sie fahren alle zusammen ins Krankenhaus, wo Charlotte sofort in den Operationssaal geschoben wird. Schließlich darf Harry hinein. Die Jupiterlampen sind ausgeschaltet. Charlotte ist tot.

In seiner Gefängniszelle wird er von Francis Rittenmeyer besucht. Charlottes Witwer hat die Kaution für Harry hinterlegt, bringt ihm Bargeld mit und rät ihm, sich nach Mexiko abzusetzen. Aber Harry lehnt das ab.

Weil er sich in der Gerichtsverhandlung schuldig bekennt, dauert es nur 22 Minuten, bis der Richter die Geschworenen auffordert, ihr Urteil abzugeben und keinen Zweifel daran lässt, dass er einen Schuldspruch erwartet. Im letzten Augenblick dringt Francis Rittenmeyer in den Gerichtssaal vor und bittet für den Angeklagten um Gnade, aber damit hat er keinen Erfolg. Harry droht eine Mindeststrafe von 50 Jahren Zwangsarbeit im Zuchthaus.

Kurz darauf schmuggelt Francis Rittenmeyer eine Zyanid-Tablette für den Verurteilten ins Gefängnis, aber Harry zertritt sie mit der Schuhsohle.

Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid.

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Der düstere Roman „Wilde Palmen“ des Nobelpreisträgers William Faulkner dreht sich um Gegensätze wie Natur und menschliche Ordnung, Bindung und Autarkie. Im Mittelpunkt stehen der unerfahrene Assistenzarzt Harry Wilbourne und die Künstlerin Charlotte Rittenmeyer, die aus Liebe zu ihm ihren Ehemann und ihre beiden kleinen Kinder verlässt. Die beiden geben alles auf, aber Harrys Idee von einer insulären Liebesbeziehung außerhalb der Gesellschaft lässt sich nicht verwirklichen. Zwar verleiht die leidenschaftliche Liaison Charlottes Leben Intensität, aber am Ende verlieren sie beide alles. Das Übermaß ihrer Vorstellungen erweist sich als selbstzerstörerisch.

[…] dass Liebe und Leid dasselbe sind und dass der Wert der Liebe die Summe dessen ist, was du dafür bezahlt hast, und jedes Mal, wenn du sie billig bekommst, hast du dich selbst betrogen.

William Faulkner kündigt die Tragödie gleich auf den ersten Seiten an, als mitten in der Nacht ein Arzt zu Hilfe gerufen wird. Da wissen wir allerdings noch nicht, ob die Handlung mit dieser Szene beginnt oder endet. (Tatsächlich handelt es sich um eine Episode kurz vor dem Ende.) Bemerkenswert daran ist, dass der Roman „Wilde Palmen“ mit einer Nebenfigur beginnt. Während William Faulkner das erste Kapitel aus der Perspektive des namenlosen 48-jährigen Arztes erzählt, wählt er für den Rest des Romans die des Protagonisten Harry Wilbourne und integriert innere Monologe in die Darstellung.

William van O’Connor bezeichnet „Wilde Palmen“ in seinem für die Buchreihe „Nobelpreis für Literatur“ (Coron-Verlag, Zürich o. J.) verfassten Beitrag „Leben und Werk von William Faulkner“ als „Dialog mit Hemingway“ und weist auf die Ähnlichkeit mit Ernest Hemingways Roman „A Farewell to Arms“ / „In einem anderen Land“ (1929) hin.

Auch Hemingways Gestalten, Leutnant Frederick Henry und Catherine Barkley, verstoßen gegen die Gesetze der Gesellschaft. Ganz wie das Faulknersche Paar klagen Henry und Catherine die Welt der Gleichgültigkeit gegen die Liebenden an. Die Idylle der Hemingwayschen Figuren hat einen weniger hitzigen Charakter als die der Faulknerschen Liebenden, doch muss die Heldin auch hier sterben: die eine wird ein Opfer der Abtreibung, die andere kommt bei der Entbindung um.
[…] In „The Wild Palms“ wird die Niederlage durch die höhnisch im Wind schwankenden Palmen symbolisiert; in „A Farewell to Arms“ muss der Regen demselben Zweck dienen.

1939 veröffentlichte William Faulkner den Roman kapitelweise mit einem anderen verzahnt unter dem Titel „The Wild Palms and The Old Man“ / „Wilde Palmen und Der Strom“. Es sind zwei gegenläufige, kontrapunktisch angelegte Handlungen. In „Der Strom“ geht es um einen Häftling, der während eines Mississippi-Hochwassers aus dem Gefängnis entkommt und eine hochschwangere Frau aus den Fluten rettet. Weil man annimmt, das Wasser habe ihn mitgerissen, wird er für tot erklärt. Aber er gelangt mit der Frau zusammen auf eine Insel mit zahlreichen Schlangen, hilft ihr bei der Entbindung – und kehrt am Ende freiwillig ins Gefängnis zurück, um die restlichen 15 Jahre zu verbüßen.

Eine Neuausgabe von „Wilde Palmen“ erschien in der „ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher“. Jens Jessen schrieb dazu ein Nachwort. Die Bände sind bibliophil gestaltet (Leinenrücken, Lesebändchen, farbiger Vorsatz):

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Fretz & Wasmuth Verlag

William Faulkner (kurze Biografie)

William Faulkner: Als ich im Sterben lag (Verfilmung)
William Faulkner: Die Freistatt
William Faulkner: Licht im August
William Faulkner: Haben und nicht haben (Drehbuch)
William Faulkner: Tote schlafen fest (Drehbuch)

Maarten 't Hart - Der Flieger
In dem leisen, humorvollen und tragikomischen Episoden-Roman "Der Flieger" nimmt Maarten 't Hart das Spießbürgertum und den engstirnigen Dogmatismus christlicher Eiferer aufs Korn.

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