Marie Antoinette

Marie Antoinette

Marie Antoinette

Originaltitel: Marie Antoinette – Regie: Sofia Coppola – Drehbuch: Sofia Coppola, nach der Biografie "Marie Antoinette" von Antonia Fraser – Kamera: Lance Acord – Schnitt: Sarah Flack – Musik: Jean-Philippe Rameau, Steven Severin u. a. – Darsteller: Kirsten Dunst, Jason Schwartzman, Judy Davis, Rip Torn, Rose Byrne, Asia Argento, Molly Shannon, Shirley Henderson, Danny Huston, Marianne Faithfull, Mary Nighy, Sebastian Armesto, Jamie Dornan, Aurore Clément, Guillaume Gallienne, James Lance, Al Weaver, Tom Hardy, Steve Coogan u.a. – 2006; 125 Minuten

Inhaltsangabe

"Marie Antoinette" fängt mit der Reise der Braut von Wien nach Versailles 1769 an und endet mit der erzwungenen Umsiedlung des Königspaares von Versailles nach Paris 1789. Zu Beginn ist Marie Antoinette noch keine 14 Jahre alt. Sofia Coppola zeigt, wie sie im isolierten Mikrokosmos von Versailles zur Frau wird. Ihr Leben wird von einer strengen Etikette des Hofes bestimmt. Von den politischen Ereignissen und vom Untergang des Ancien Régime bekommt Marie Antoinette bis zum Beginn der Französischen Revolution kaum etwas mit.
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Kritik

Trotz der herrlichen Kostüme und der aufwändigen Ausstattung machte Sofia Coppola keinen historischen Film, sondern präsentiert ein sehr subjektives Porträt von Marie Antoinette mit Zügen der Pop-Kultur. Die Bilder sind erlesen, aber das trägt den über zwei Stunden langen Film nicht bis zum Schluss.
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Am 21. April 1769 übergibt Maria Theresia (Marianne Faithfull) ihre dreizehnjährige Tochter Marie Antoinette (Kirsten Dunst) dem österreichischen Gesandten Florimond Claude, Graf von Mercy-Argenteau (Steve Coogan), der die Braut des Dauphins Louis-Auguste nach Frankreich bringen soll. Zwei Jahre zuvor war aus politischen Gründen beschlossen worden, Marie Antonette mit dem ein Jahr älteren französischen Thronfolger zu verheiraten.

In einem genau an der Grenze aufgestellten Pavillon muss Marie Antoinette alles Österreichische zurücklassen: ihre Freundinnen (Clara Brajtman, Mélodie Berenfeld), ihren Mops und ihre Kleidung. Dafür erhält sie von ihrer neuen Ehrendame Anne Claudine Louise d’Arpajon, Comtesse de Noailles, (Judy Davis) ein neues Kleid aus Frankreich.

Im Wald von Compiègne empfängt König Ludwig XV. (Rip Torn) das Mädchen und stellt es seinem schüchternen Enkel Louis-Auguste (Jason Schwartzman) vor. Die Hochzeit findet am 16. Mai 1770 in Versailles statt. Spät am Abend geleiten die königliche Familie und eine Reihe von Würdenträgern das Paar ins Schlafgemach, wo der Erzbischof das Bett segnet. Aber der Fünfzehnjährige fasst Marie Antoinette nicht an, denn er leidet unter einer Phimose.

Die Etikette in Versailles ist sehr viel strenger als in Wien. Das Aufstehen und Ankleiden der Mitglieder der königlichen Familie ist seit der Regierungszeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. ein Zeremoniell. Das bedeutet, dass die Comtesse de Noailles jeden Morgen mit einem Dutzend oder mehr Hofdamen ins Schlafzimmer der Dauphine kommt und sie weckt. Die Ranghöchste der Anwesenden zieht Marie Antoinette dann vor aller Augen das Nachthemd aus und kleidet sie an. Beim ersten Mal meint Marie Antoinette: „Das ist lächerlich.“ Und die Comtesse de Noailles erwidert: „Das ist Versailles, Madame.“

Weil ihr die Comtesse du Barry (Asia Argento), die offizielle Mätresse König Ludwigs XV., zuwider ist, spricht Marie Antoinette sie erst an, nachdem der österreichische Gesandte sie ausdrücklich dazu ermahnt hat. Also bleibt sie bei einer Begegnung kurz stehen und sagt: „Es sind heute viele Leute in Versailles.“ Marie-Jeanne, Comtesse du Barry, erwidert, das sei in der Tat so. Dann geht Marie Antoinette weiter und spricht nie wieder ein Wort mit ihr.

Außer der Brüskierung der maîtresse en titre werfen die Höflinge „der Österreicherin“ vor, dass sie noch kein Kind zur Welt gebracht habe, und statt den Thronfolger damit in Zusammenhang zu bringen, tuschelt man über lesbische Neigungen seiner Frau. Immer wieder fordert Maria Theresia ihre Tochter auf, endlich für eine Schwangerschaft zu sorgen, weil sonst die Annullierung der politisch bedeutsamen Ehe drohe. Marie Antoinette versucht alles, um Louis-Auguste zu erregen, aber es hilft nichts, denn er fürchtet die Schmerzen. Die Dauphine fühlt sich unter Druck und lenkt sich durch Vergnügungen ab: Sie besucht einen Ball nach dem anderen und stürzt sich in einen Konsumrausch.

Als König Ludwig XV. an Pocken erkrankt, verstößt er die Gräfin du Barry, weil er sonst nicht beichten darf. Nach seinem Tod am 10. Mai 1774 besteigt Marie Antoinette an der Seite ihres Mannes den französischen Thron.

König Ludwig XVI. schenkt Marie Antoinette noch im selben Jahr das von seinem Großvater geerbte Schlösschen Petit Trianon, das dieser für Madame Pompadour hatte bauen lassen, die jedoch kurz nach Baubeginn gestorben war.

Bei einem Besuch in Versailles klärt Kaiser Joseph II. (Danny Huston) seinen Schwager über die körperliche Liebe auf, und bald nach einem kleinen chirurgischen Eingriff bei Ludwig XVI. wird Marie Antoinette schwanger. Am 19. Dezember 1778 bringt sie ihre Tochter Marie Thérèse Charlotte zur Welt.

Im Park des Schlosses von Versailles lässt Marie Antoinette ein kleines idealisiertes Dorf anlegen, den Hameau de la Reine, ein Refugium, in dem sie sich mit ihrer Tochter und ihren Gespielinnen aufhalten kann, ohne auf die bei Hof geltende Etikette achten zu müssen. In einem Singspiel spielt sie die Hauptrolle. Und sie beginnt eine Affäre mit dem schwedischen Adeligen Hans Axel von Fersen (Jamie Dornan).

Am 29. November 1780 stirbt ihre Mutter Maria Theresia.

Elf Monate später, am 22. Oktober 1781, kommt Marie Antoinette mit einem Sohn nieder, dem Thronfolger Louis Joseph Xavier François, der allerdings nur sieben Jahre alt wird: Er stirbt am 4. Juni 1789. Eineinhalb Monate später, am 14. Juli 1789, trifft in Versailles die Nachricht vom Sturm auf die Bastille ein.

Es heißt, Marie Antoinette habe auf die Mitteilung, dass das Volk kein Brot mehr habe, erwidert, dann solle es doch Kuchen essen.

Wegen der Revolution soll sich das Königspaar auf einem weiter von Paris entfernten Schloss in Sicherheit bringen, aber Ludwig XVI. will in Versailles ausharren und Marie Antoinette bleibt an seiner Seite.

In der Nacht auf den 6. Oktober 1789 rottet sich der Mob vor dem Schloss zusammen, wirft Scheiben ein und zwingt das Königspaar, im Morgengrauen mit der Kutsche in die Tuilerien in Paris umzuziehen.

Schlussbild ist das verwüstete Schlafzimmer der Königin.

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Beim Schreiben des Drehbuchs orientierte sich Sofia Coppola an der 2001 veröffentlichten Biografie „Marie Antoinette. The Journey“ von Antonia Fraser (deutsch: „Marie Antoinette“, Übersetzung: Gabriele Gockel, Jochen Schwarzer, Deutsche Verlagsanstalt, München 2006, 255 Seiten, ISBN 978-3-421-04267-5). Während Stefan Zweig in „Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters“ (Insel Verlag, Leipzig 1932) das kritische Bild einer Intrigantin und Verschwenderin zeichnete, stellt Antonia Fraser Marie Antoinette als überforderte junge Frau dar, die bei ihrer politisch motivierten Verheiratung mit dem Dauphin viel zu jung ist, unter der Einsamkeit, der Etikette und dem auf sie ausgeübten Druck in Versailles leidet, in Vergnügungen Vergessen sucht und glaubt, sich durch Kleider und Schuhe definieren zu können. Diese Vorstellung übernimmt auch Sofia Coppola.

Der Film „Marie Antoinette“ fängt mit der Reise der Braut von Wien nach Versailles im April 1769 an und endet mit der erzwungenen Umsiedlung des Königspaares von Versailles nach Paris am 6. Oktober 1789. Zu Beginn ist Marie Antoinette noch keine vierzehn Jahre alt. Sofia Coppola zeigt, wie sie im isolierten Mikrokosmos von Versailles zur Frau wird. Ihr Leben wird von einer strengen Etikette des Hofes bestimmt. Von den politischen Ereignissen und vom Untergang des Ancien Régime bekommt Marie Antoinette bis zum Beginn der Französischen Revolution kaum etwas mit. Was im Volk vor sich geht, weiß sie nicht.

Ich kannte die gewöhnlichen Klischees über Marie Antoinette und ihren Lebensstil. Aber mir war nie klar, wie jung sie und Ludwig XVI. wirklich waren. Sie waren im Grunde genommen als Teenager dafür verantwortlich, Frankreich von einem unglaublich extravaganten, königlichen Hof von Versailles aus durch eine sehr unbeständige Ära zu führen. Das war es, was mich in erster Line interessierte: Die Idee, dass diese Jugendlichen in diese Position kamen, und der Versuch, herauszufinden, wie es dazu kam in einer so extremen Situation aufzuwachsen. (Sofia Coppola)

Trotz der herrlichen Kostüme und der aufwändigen Ausstattung machte Sofia Coppola keinen historischen Film, sondern präsentiert ein sehr subjektives Porträt mit Zügen unserer Zeit. Marie Antoinette wirkt beinahe wie ein modernes Party Girl. Dieser Versuch, eine Brücke zwischen Rokoko und Pop zu schlagen, bestimmt auch die Musikuntermalung, die zwischen Jean-Philippe Rameau und Pop-Musik der Achtzigerjahre („Air“, „New Order“, „The Cure“, „The Strokes“, „Siouxsie and the Banshees“ u.a.) wechselt.

Kirsten Dunst gelingt es nicht, aus der Rolle etwas Besonderes zu machen. Das Beste an „Marie Antoinette“ sind die wie Barock-Gemälde konzipierten Bilder, aber dieser Augenschmaus trägt den über zwei Stunden langen Film nicht bis zum Schluss.

Für die Kostüme in „Marie Antoinette“ wurde Milena Canonero mit einem „Oscar“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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Gabrielle de Polignac (Kurzbiografie)
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