J. M. Coetzee : Eiserne Zeit

Eiserne Zeit

J. M. Coetzee

Eiserne Zeit

Manuskript: 1986 – 1989 Originalausgabe: Age of Iron Martin Secker & Warburg Ltd, London 1990 Eiserne Zeit Übersetzung: Wulf Teichmann S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1995 ISBN: 3-10-010807-8, 240 Seiten, 38 DM Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M 2002 ISBN: 3-596-15505-3, 240 Seiten, 8.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 70-jährige pensionierte Lehrerin Elizabeth Curren wird ihrer Krebserkrankung in Kürze erliegen. An dem Tag, an dem sie das vom Arzt erfährt, stößt sie neben ihrer Garage auf einen Obdachlosen. Sie lebt allein in ihrem Haus in Kapstadt seit ihre Tochter aus Abscheu vor dem Regime in Pretoria in die USA ausgewandert ist. Der 15-jährige Sohn ihrer Hausangestellten und sein Freund werden erschossen, weil sie sich am Widerstand der Schwarzen gegen die Apartheid beteiligten ...
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Kritik

"Eiserne Zeit" ist ein ergreifender, schnörkellos und unpathetisch geschriebener Roman von John M. Coetzee über das Apartheids-Regime in Südafrika und eine todkranke Frau, die sich verzweifelt fragt, ob sie mehr für die Unterdrückten hätte tun können.
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Bei Elizabeth Curren handelt es sich um eine pensionierte weiße Lehrerin in Kapstadt. 1970 – vor sechzehn Jahren – hatte sie sich von ihrem Ehemann getrennt. Ihr einziges Kind – eine Tochter – war 1976 in die USA ausgewandert. Die junge Frau hatte die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in Südafrika nicht mehr mit ansehen wollen. Sie ist inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet und hat zwei Kinder. Seit dem Fortgang ihrer Tochter lebt Elizabeth Curren allein in einem Haus, das von Jahr zu Jahr mehr heruntergekommen ist. Dass ihr schwarzes Dienstmädchen Florence Mkubukeli alles sauber zu halten versucht, ändert nichts am Verfall des Hauses.

Vor einiger Zeit musste Elizabeth Curren eine Brust entfernt werden. Jetzt eröffnet ihr der Arzt Dr. Syfret, dass der Krebs sie in kurzer Zeit töten wird. Als sie vom Krankenhaus nach Hause kommt, stößt sie neben ihrer Garage auf die notdürftige Behausung eines stinkenden Obdachlosen aus Karton und Plastikfolie. Sie schickt ihn fort.

Noch am selben Tag beginnt sie, ihrer Tochter einen langen Brief zu schreiben, den diese jedoch erst nach ihrem Tod erhalten soll.

Meine Hauptaufgabe von heute an: dem Verlangen zu widerstehen, meinen Tod zu teilen. Dich zu lieben, das Leben zu lieben, den Lebenden zu vergeben und ohne Bitterkeit Abschied zu nehmen. Den Tod als meinen eigenen zu umarmen, als allein meinen. (Seite 12)

Der Landstreicher kehrt zurück, und Elizabeth Curren erlaubt ihm, in ihrem Schuppen zu schlafen.

„Kein Feuer“, sagte ich, „verstanden? Ich will kein Feuer und will keinen Unrat.“ (Seite 12)

Er heißt Vercueil, Verkuil oder Verskuil. Früher fuhr er auf einem Schleppnetzboot zur See, aber bei einem Schiffsunglück zerquetschte er sich die rechte Hand in einem Flaschenzug. Sie macht ihm ein Sandwich und beobachtet, wie er es wegwirft, nachdem er einmal abgebissen hat. Nachts hört sie ihn durchs Haus streichen und Schubladen aufziehen. Zwei- oder dreimal kann sie ihn zu bezahlter Gartenarbeit überreden, aber im Grunde hat er keine Lust, etwas zu tun. Sobald sie ihm Geld gegeben hat, besäuft er sich mit Wein und Brandy.

Mr Vercueil soll ihrer Tochter ein Päckchen schicken, sobald sie gestorben ist. Es wird den letzten Brief enthalten.

Wenn Vercueil diese Seiten nicht abschickt, wirst Du sie nie lesen. Du wirst nicht einmal wissen, dass sie existierten. Ein bestimmtes Stück Wahrheit wird nie Gestalt annehmen: meine Wahrheit: wie ich lebte in diesen Zeiten, an diesem Ort. (Seite 158)

Er rät Elizabeth Curren, ihrer Tochter mitzuteilen, dass sie bald sterben müsse, aber sie will das nicht und erklärt ihm, ihre Tochter werde nicht bereit sein, bei dem verhassten Regime in Pretoria eine Einreisegenehmigung zu beantragen.

Über ihre Beziehung zu Vercueil meint Elizabeth Curren:

„Es ist schwer, die ganze Zeit allein zu sein. Das ist alles. Ich habe Sie mir nicht ausgesucht, aber Sie sind nun mal derjenige, der da ist, und das wird genügen müssen. Sie sind gekommen. Es ist wie ein Kind haben. Man kann sich das Kind nicht aussuchen. Es kommt einfach.“ (Seite 86)

Florence kehrt von einem mehrwöchigen Aufenthalt in ihrem Township Guguletu zurück. Sie hat nicht nur ihre kleine Tochter Hope und das Baby Beauty dabei, sondern auch ihren fünfzehnjährigen Sohn, den sie jetzt Bheki nennt, obwohl Elizabeth Curren ihn noch unter dem Namen Digby kennt. Die Schulen in Guguletu seien geschlossen, erklärt Florence, und für Jungen wie ihn sei es dort zu gefährlich geworden. Ihr Ehemann arbeitet seit fünfzehn Jahren in einer Hühnerschlachterei in Brackenfell.

Eines Tages bringt Bheki einen Freund mit, und sie verprügeln Vercueil. Entsetzt ruft Elizabeth Curren nach Florence und verlangt von ihr, den Jungen Einhalt zu gebieten.

Wo ist in alldem mein Herz? Mein einziges Kind ist Tausende von Meilen weit weg, in Sicherheit; bald werde ich Rauch und Asche sein. Was also geht es mich an, dass eine Zeit gekommen ist, in der Kinder einander schulen, nie zu lächeln, nie zu weinen, die Fäuste wie Hämmer in die Luft zu haben? Ist es wirklich eine aus der Zeit geratene Zeit, aus der Erde heraufgewürgt, missgezeugt, monströs? (Seite 62)

Etwas später sieht sie Bheki und seinen Freund mit einem Fahrrad auf der Straße. Ein Streifenwagen der Polizei folgt ihnen, und als er auf ihrer Höhe ist, reißt der Beifahrer die Tür auf. Damit trifft er die Jungen, die daraufhin das Gleichgewicht verlieren und gegen einen abgestellten Kleinlastwagen prallen. Bheki bleibt unverletzt, aber sein Freund blutet aus einer klaffenden Wunde an der Stirn. Er muss ins Krankenhaus.

Obwohl Florence nichts mit der Polizei zu tun haben möchte, fährt Elizabeth Curren zur Wache, um die beiden Streifenbeamten anzuzeigen. Dazu seien nur betroffene Personen berechtigt, wird ihr erklärt, und statt ein Protokoll aufzunehmen, fragt man sie nach den Namen der beiden schwarzen Jungen.

In der Nacht wird Florence durch einen Telefonanruf aufgefordert, sofort nach Guguletu zu kommen. Elizabeth Curren fährt sie hin. Eine Straßensperre passiert sie mit der Behauptung, ihre Hausangestellte nach getaner Arbeit heimbringen zu wollen. Florences Cousin Mr Thabane hilft ihnen bei der Suche nach Bheki. Der Dreiundvierzigjährige war Lehrer, verkauft jedoch seit einiger Zeit Schuhe und gehört zu den schwarzen Aktivisten. Eine Hüttensiedlung steht in Flammen. In einer Halle liegen fünf erschossene Jugendliche. Bheki ist einer von ihnen. Als Elizabeth Curren zu ihrem alten Auto zurückkommt, hat man ihr die Windschutzscheibe mit einem Stein zertrümmert.

Mein Leben kann ebenso auch Müll sein. Wir schießen auf diese Menschen, als wären sie Müll, aber am Ende sind wir es, die es nicht wert sind zu leben. (Seite 126f)

Florence wird nicht mehr zur Arbeit nach Kapstadt kommen.

Elizabeth Curren trägt sich mit Selbstmordgedanken, will sich verbrennen. Die Schmerzen werden heftiger, und je mehr Tabletten sie dagegen nimmt, desto verworrener werden ihre Gedanken.

„Worüber ich nun aber nicht mehr hinwegkommen kann, das ist dieses Darüberhinwegkommen. Wenn ich diesmal darüber hinwegkomme, werde ich nie mehr die Chance haben, nicht darüber hinwegzukommen.“ (Seite 153)

Unvermittelt taucht Bhekis Freund auf. Offenbar lief er aus dem Krankenhaus fort. Elizabeth Curren redet auf ihn ein, sich aus der politischen Auseinandersetzung herauszuhalten, um nicht wie Bheki zu enden, aber er hört nicht auf sie.

„Weißt du, was nicht stimmt bei mir? Ich habe Krebs. Ich habe Krebs von der Anhäufung der Schande, die ich in meinem Leben erduldet habe. So kommt Krebs zustande: aus Selbstekel wird der Körper bösartig und fängt an, sich selbst aufzufressen.“ (Seite 175)

Sie ertappt ihn mit einer Pistole, die er unter einem Fußbodenbrett hervorgeholt hat. Erschrocken ruft sie Florence an, aber ihr früheres Hausmädchen ist nicht da. Stattdessen kommt Thabane ans Telefon, und Elizabeth Curren verlangt von ihm, eine Vertrauensperson des Jungen zu schicken.

Bevor jedoch jemand aus dem Township kommt, dringen Polizisten in das Haus ein. Gewaltsam wird Elizabeth Curren hinausgebracht. Dann erschießen die Beamten den Jungen, den sie unter dem Namen Johannes kennen. Es stellt sich heraus, dass er nicht nur eine Pistole, sondern auch drei Sprengkörper in Elizabeth Currens Haus versteckt hatte.

Nach diesem Vorfall will sie nicht mehr zurück, legt sich stattdessen in der Buitenkant Street auf den Boden und nickt ein. Sie wacht auf, als ein Kind sie nach Wertsachen abtastet. Jugendliche öffnen ihr mit einem Stock den Mund, aber sie hat keine Goldzähne, die sie ihr hätten herausbrechen können. Vercueil findet sie schließlich und trägt sie nach Hause.

Ich hatte mich verrechnet. Wo ist der Fehler hereingekommen? Es hatte etwas mit Ehre zu tun, mit der Auffassung, an der ich durch dick und dünn festhielt, durch meine Bildung, meine Lektüre, dass der Ehrenhafte keinen Schaden an seiner Seele nehmen kann. Ich strebte stets nach Ehre, nach einer privaten Ehre, wobei Scham mir als Führerin diente. Solange ich mich schämte, wusste ich, dass ich nicht in die Unehre abgeglitten war. Dazu diente Scham: als ein Prüfstein, etwas, das immer da sein würde, etwas, zu dem man zurückkommen konnte wie ein Blinder, um es zu berühren, um einem zu sagen, wo man war. (Seite 198f)

Ich bin noch immer ein guter Mensch. Was für Zeiten sind dies, wenn es nicht genügt, ein guter Mensch zu sein!
[…] Die Zeiten erfordern Heldentum. (Seite 199)

Ihr ist kalt, und sie fordert Vercueil auf, sich mit seinem Hund zu ihr ins Bett zu legen.

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Die Apartheid in Südafrika wurde zwar zu Beginn der Neunzigerjahre aufgehoben, aber der Roman „Eiserne Zeit“ des Nobelpreisträgers John M. Coetzee hat nichts von seiner Brisanz eingebüßt, denn Willkür, Unterdrückung und Rassendiskriminierung gibt es auch in anderen Gesellschaften. Außerdem handelt „Eiserne Zeit“ nicht nur von gesellschaftspolitischen Themen, sondern John M. Coetzee porträtiert zugleich eine todkranke Südafrikanerin, die Bilanz zieht und sich verzweifelt fragt, ob sie mehr für die Unterdrückten hätte tun können, als auf ihrer Seite zu stehen und sie gut zu behandeln.

John M. Coetzee überlässt das Wort der Protagonistin Elizabeth Curren: Der Roman besteht aus einem langen Brief, den die Todgeweihte in Kapstadt ihrer nach USA ausgewanderten Tochter schreibt.

„Eiserne Zeit“ ist ein ergreifender, schnörkellos und unpathetisch geschriebener Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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