J. M. Coetzee : Die Kindheit Jesu

Die Kindheit Jesu
Originalausgabe: The Childhood of Jesus Harvill Secker, London 2013 Die Kindheit Jesu Übersetzung: Reinhild Böhnke S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2013 ISBN: 978-3-10-010825-8, 351 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Mann und ein fünfjähriger Junge kommen in ein spanischsprachiges Land mit ebenso wohlwollenden wie genügsamen Menschen. Im Aufnahmelager erhalten sie die Namen Simón und David. Während der Überfahrt verlor David den Brief, der vermutlich Angaben über seine Herkunft enthielt. Simón macht es sich zur Aufgabe, Davids Mutter zu finden und glaubt schließlich, sie in einer jungen verwöhnten Frau namens Inés gefunden zu haben. Sie nimmt David zu sich und redet ihm ein, etwas Besonderes zu sein ...
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Kritik

"Die Kindheit Jesu" ist Literatur auf hohem Niveau, aber nicht verkopft, sondern als intellektuelles Vergnügen. Auf einer originellen Grundidee aufbauend, entwickelt J. M. Coetzee eine Fülle von Anspielungen und Gedanken, ohne den Roman zu überfrachten.
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Ein Mann und ein Junge melden sich im Centro de Reubicación Novilla. Seit sie vor sechs Wochen ins Land gekommen waren, lebten sie im Lager Belstar und lernten dort auch etwas Spanisch, sodass sie sich mit den Menschen hier verständigen können. In Belstar gab man ihnen die Namen Simón und David. Als Geburtstag wurde der Tag ihrer Ankunft eingetragen, und weil man ihr Alter auf 45 bzw. fünf Jahre schätzte, stehen in ihren Papieren entsprechende Geburtsjahre. Auf dem Schiff, mit dem sie übers Meer kamen, hatte David einen Brief bei sich, der vermutlich über seine Identität und Herkunft Aufschluss gegeben hätte, aber die Schnur, mit der dieser Brief an seinem Hals befestigt war, scheint gerissen zu sein. Jedenfalls ging der Brief verloren. Simón nahm sich des Jungen an und sieht seine Aufgabe darin, dessen Mutter zu finden. Das wird nicht einfach sein, weil er nichts über sie weiß und nicht einmal ihren Namen kennt.

Im Centro de Reubicación Novilla erfährt Simón von einer Mitarbeiterin namens Ana, dass noch ein letztes Zimmer frei sei. Den Schlüssel habe Señora Weiss, sagt sie. Aber die ist schon fort. Deshalb nimmt Ana die beiden Neuankömmlinge mit, als sie nach Hause geht, und lässt sie im Hof übernachten.

Am nächsten Tag fahren Simón und David mit einem Bus zum Hafen. Die Fahrt kostet nichts. Obwohl der Vorarbeiter Álvaro Avocado befürchtet, Simón könne zu alt sein, beschäftigt er ihn als Schauermann. Die Arbeit besteht darin, Schiffe zu entladen, die Getreidesäcke an Bord haben. An diesem Kai geht es um nichts anderes als Getreide, und es gibt jeden Tag zu tun. An anderen Kais, wo beispielsweise Stahl- oder Zementladungen gelöscht werden, ist dies nicht der Fall. Und beladen werden offenbar ohnehin keine Schiffe.

Während Simón Getreidesäcke schleppt, passt Álvaro auf den Jungen auf. Keiner der jüngeren Schauerleute verübelt Simón, dass er nicht so viel schafft wie sie. Ein Soll gibt es ohnehin nicht. Jeder trägt so viele Getreidesäcke wie er kann.

Am Abend versuchen Simón und David erneut, Señora Weiss im Centro de Reubicación Novilla zu sprechen, aber sie hat ihr Büro auch an diesem Tag bereits verlassen. Zum Glück ist das freie Zimmer unverschlossen. Simón und David schlafen darin.

Nach ein paar Tagen kommt der Zahlmeister mit dem Fahrrad zum Kai und händigt den Schauerleuten ihren Lohn aus.

Bald fühlt Simón sich ausgelaugt. Das liege nicht nur an der harten Arbeit, meint er, sondern auch an der unzureichenden Ernährung, denn es gibt nichts anderes als Brot und Wasser. Damit begnügen sich die Menschen hier. Als Simón den Vorarbeiter fragt, wo er Fleisch kaufen könne, meint dieser ohne Sarkasmus, er könne Ratten fangen, daran sei kein Mangel, er wisse nur nicht, wo es Fallen gebe.

[Simón:] „Aber wer isst den Ratten? Isst du Ratten?“
[Álvaro:] „Nein, das fiele mir nicht im Traum ein.“

In einem Gespräch mit Ana sagt Simón:

„Wissen Sie, was mich an diesem Land am meisten verwundert? […] Das es so blutleer ist. Jeder, den ich treffe, ist so anständig, so freundlich, so wohlmeinend. Niemand flucht oder wird zornig. Niemand betrinkt sich. Niemand erhebt auch nur die Stimme. Ihr lebt von Brot und Wasser und Bohnenpaste und behauptet, satt zu sein. Wie kann das sein, aus menschlicher Sicht? Lügt ihr, belügt sogar euch selbst?“

Ein Fremder taucht am Kai für Getreideentladungen auf und lässt sich von Álvaro einteilen. Er nennt sich Daga, raucht verbotenerweise und weigert sich, mehr als 50 Säcke am Tag zu tragen. Als er deshalb am Zahltag weniger Lohn als die anderen Schauerleute bekommt, randaliert er, verletzt den Vorarbeiter mit einem Messer und raubt dem Zahlmeister dann das Fahrrad. Für David ist es nahezu unerträglich, die Auseinandersetzung der Männer mit ansehen zu müssen.

Nach ein paar Wochen teilt die Behörde Simón und David eine Wohnung in der Ost-Vorstadt zu.

Dort freundet David sich mit dem Nachbarjungen Fidel an, der von seiner Mutter Elena im Geigenspiel unterwiesen wird. David möchte auch Geige spielen lernen, und Elena ist gern bereit, ihm Musikunterricht zu erteilen. Sie hat auch noch andere Schüler und verlangt dafür kein Geld. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Näharbeiten. Sie benötigt ohnehin nicht viel.

Durch David und Fidel kommen sich auch Simón und Elena näher. Schließlich erlaubt sie ihm auch, sich mit ihr sexuell zu befriedigen, bleibt dabei aber völlig unerregt wie bei irgendeiner anderen Tätigkeit. Als er sich darüber beklagt, meint sie:

Das klingt mir nach einer alten Denkweise. Nach der alten Denkweise spielt es keine Rolle, wie viel man haben mag, es fehlt immer etwas. Du hast dich entschieden, diesem Etwas-mehr, das fehlt, den Namen Leidenschaft zu geben. Aber ich wette darauf, wenn dir morgen alle Leidenschaft, die du dir gewünscht hast, geboten würde – Leidenschaft im Überfluss –, würdest du prompt etwas Neues finden, das fehlt, das nicht vorhanden ist. Dieses endlose Unbefriedigtsein, dieses Sehnen nach dem Etwas mehr, das fehlt, ist eine Denkweise, die wir überwunden haben, meiner Meinung nach. Nichts fehlt. Das Nichts, das deiner Meinung nach fehlt, ist eine Illusion.

Bei einer Wanderung entdecken Simón und David ein Anwesen mit dem Namen „La Residencia“. Auf einem dazu gehörigen Tennisplatz sehen sie eine junge Frau mit einem Partner gegen einen zweiten Mann spielen. Sie heißt Inés, und bei den beiden Männern handelt es sich um ihre Brüder Diego und Stefano. Der Pförtner erklärt Simón, dass Kinder die Anlage nicht betreten dürfen. Simón wartet, bis das Tennismatch zu Ende ist, dann lässt er sich der Frau melden und drängt sie, den Jungen anzunehmen. Inés ist so verblüfft, dass sie erst einmal keine Antwort gibt. Am nächsten Tag kommt sie jedoch zu Simón und David. Sie wäre bereit, eine Mutter für David zu sein, sagt sie, aber Kinder seien in „La Residencia“ nicht erlaubt. Daraufhin überlässt Simón ihr seine Wohnung in der Ost-Vorstadt und richtet sich heimlich ein Quartier in einem Schuppen am Hafen ein.

Nachdem er seinen Wochenlohn bekommen hat, bringt er Inés das Geld. Sie nimmt es, ohne sich zu bedanken. David trägt ein weißes Rüschenhemd und blaue Schuhe. Es beunruhigt Simón, dass Inés auch ihren Schäferhund Bolívar in die Wohnung mitgebracht hat. Hunde sind unberechenbar. Simón kann nur hoffen, dass Bolívar seinem Schützling nichts tut.

Ines besorgt für den fünfjährigen David einen Kinderwagen und verhält sich mehr als fürsorglich. Beispielsweise hält sie die Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkältet. Sie lässt aber auch Simón nicht mehr zu dem Kind und verbietet David den Umgang mit Fidel. Elena kritisiert Simón deshalb:

Jeder vernünftige Mensch hätte dir sagen können, dass eine dreißigjährige Jungfrau, die an ein müßiges Leben gewöhnt und von der realen Welt abgeschottet war und von zwei rüpelhaften Brüdern bewacht wurde, keine zuverlässige Mutter abgeben würde.

Sie hat ihn nicht mit Schmerzen zur Welt gebracht! Sie ist einfach jemand, den du aufgrund einer fixen Idee ausgewählt hast.

Während einer Arbeitspause im Hafen äußert Simón einmal seine Verwunderung darüber, dass die Schiffe von Hand ausgeladen werden. Mit einem Kran und Lkws statt Pferdewagen ginge das viel schneller, meint er, aber die anderen Schauerleute verstehen nicht, was daran vorteilhaft wäre. Álvaro gibt zu bedenken, dass sie dann ihre Arbeit verlören.

„Für uns gäbe es hier im Hafen keine Arbeit mehr“, antwortete er [Simón]. „Das gebe ich zu. Aber stattdessen würden wir uns mit der Montage von Pumpen beschäftigen oder Lastwagen fahren. Wir hätten alle Arbeit, wie vorher auch, es wäre nur eine andere Art von Arbeit, zu der Intelligenz nötig wäre, nicht nur rohe Kraft.“

Im Gegensatz zu den anderen Arbeitern glaubt Simón, dass der Wandel zum Wesen der Geschichte gehöre, aber sein Kollege Eugenio meint:

„Geschichte ist nur ein Muster, das wir in Vergangenem sehen.“

Simón bleibt bei seiner Ansicht und zweifelt sogar am Sinn des Ganzen.

„Wofür das Ganze, letzten Endes? Die Schiffe bringen das Getreide von Übersee und wir holen es aus den Schiffen und ein anderer mahlt und bäckt es, und schließlich wird es gegessen und umgewandelt in – wie soll ich es nennen? – Ausscheidungsprodukte, und die fließen zurück ins Meer. Was ist daran, um sich gut zu fühlen? Wie fügt sich das in einen größeren Zusammenhang? Ich erkenne keinen größeren Zusammenhang, keinen höheren Plan. Es ist nur Konsum.“

Álvaro schickt Simón mit einem Pferdefuhrwerk zum Hauptspeicher. Aber Simón ist davon nicht beeindruckt, wie der Vorarbeiter erwartet hätte, sondern kehrt stattdessen entsetzt zurück und beanstandet die zahlreichen Ratten im Getreidespeicher. Álvaro versteht die Aufregung nicht:

„Verluste gehören einfach zum Leben.“

Eines Tages erkundigt Simón sich bei Eugenio, wie er und die anderen unverheirateten Männer ihre Freizeit verbringen. Eugenio lädt ihn daraufhin in das Institut ein, in dem er einen Philosophiekurs belegt hat. Auf dem Korridor des Gebäudes begegnet Simón Ana. Sie trägt einen Bademantel auf dem nackten Körper und erklärt ihm, dass sie in einem Kurs für Aktzeichnen Modell stehe. Das würde Simón schon eher interessieren als der Philosophiekurs, indem es um die Erforschung des Tisches und des Stuhles geht. Beim kostenlosen Essen in der Cafeteria des Instituts – es gibt Spaghetti mit ungewürzter Tomatensoße – fragt er Eugenio:

„Hat eure Lehrerin euch schon einmal von dem Mann erzählt, […] der, als er gefragt wurde, wie er wisse, dass ein Stuhl ein Stuhl sei, dem besagten Stuhl einen Tritt verpasste und sagte: Auf diese Weise erkenne ich es, mein Herr?
„Nein“, sagt Eugenio. „Aber so lernt man nicht, dass ein Stuhl ein Stuhl ist. So lernt man, dass er ein Objekt ist. Das Objekt eines Trittes.“

Álvaro fragt mehrmals nach dem Jungen, und als er erfährt, dass Simón ihn nicht besuchen darf, lässt er sich die Adresse geben. Er fährt hin, überredet Inés, den Kontakt zwischen David und Simón nicht ganz abreißen zu lassen und gibt ihr seine Telefonnummer.

Rascher als erwartet, ruft sie an. Aber es geht um ihr verstopftes WC. Simón schaut sich das mit Exkrementen gefüllte Klosett an und zieht eine Monatsbinde aus dem Abfluss.

Elena weist Simón darauf hin, dass es in Novilla auch andere Möglichkeiten für die Triebbefriedigung gebe:

„Wenn du sexuelle Erleichterung suchst, brauche ich nicht der einzige Anlaufhafen zu sein.“

Also meldet Simón sich in einem Freizeit- und Erholungszentrum mit dem Namen „Salón Confort“. Dort werden „Persönliche Beratung. Stressmanagement. Physiotherapie“ angeboten. Die Empfangsdame lässt Simón zunächst einen Mitgliedsantrag ausfüllen und dann auch noch einen Antrag für eine persönliche Therapeutin. Einige Wochen später erhält er allerdings eine schriftliche Absage ohne Begründung.

Elena versucht ihn zu trösten:

„Vergessen braucht Zeit […] Wenn du erst einmal richtig vergessen hast, wird dein Gefühl der Unsicherheit weichen und alles wird einfacher werden.“

Eugenio meidet Freizeit- und Erholungszentren. Er erklärt Simón:

„Wir sind von der Feststellung ausgegangen, dass die fraglichen Triebe kein spezifisches Objekt haben. Das soll heißen, sie treiben uns nicht zu einer bestimmten Frau, sondern sie treiben uns zur Frau als Abstraktum, zum Ideal der Frau. Wenn wir also, um diesen Trieb zu stillen, Zuflucht zu einem sogenannten Freizeitzentrum nehmen, verleumden wir tatsächlich diesen Trieb. Wieso? Weil die in solchen Einrichtungen zur Verfügung stehenden Verkörperungen des Ideals minderwertige Kopien sind, und Vereinigung mit einer minderwertigen Kopie kann den Suchenden nur enttäuscht und traurig gestimmt zurücklassen.“

Endlich darf Simón mit David im Park spazierengehen. Der Junge erzählt ihm, Inés habe ihm gesagt, er sei klug und sie wolle ihn nicht einschulen, weil nicht zu erwarten sei, dass ihn der Lehrer individuell betreuen werde.

„Ich kenne alle Zahlen. Willst du sie hören? Ich kenne 134 und ich kenne 7 und ich kenne“ – er holt tief Luft – „4623551 und ich kenne 888 und ich kenne 92 und ich kenne –“
„Halt! Das bedeutet nicht, die Zahlen zu kennen, David. […]
Du sagst, du kennst 888. Was ist die nächste Zahl nach 888?“
„92.“

Simón bedrängt Inés, bis sie ihm erlaubt, David wenigstens Lesen beizubringen. In der öffentlichen Bücherei besorgt Simón sich für diesen Zweck eine bebilderte Ausgabe „Don Quijote für Kinder“. Die Welt wird in diesem Buch des Autors Benengeli aus zwei verschiedenen Perspektiven wahrgenommen: aus dem Blickwinkel des Ritters Don Quijote und dem seines Knappen Sancho Panza. David gefällt die Geschichte, aber er weigert sich, einzelne Buchstaben zu lernen:

„Ich will keine Buchstaben lesen. Ich will die Geschichte lesen.“

„Ich will nicht auf deine Weise lesen“, sagt das Kind. „Ich will auf meine Weise lesen. Da war ein Mann der großen Tat und rumpel-rumpel-rumpel Rat, und wenn er ritt, war er ein Ross, und wenn er lief, war er ein Poss.“

Inzwischen hat David eine ganze Reihe kaputter Gegenstände aus dem Müll in einem Pappkarton gesammelt. Er habe sie „gerettet“ sagt er, und bezeichnet seine Sammlung als Museum. Rettungsschwimmer, Entfesselungskünstler und Zauberer möchte er werden. Simón sieht bei einem seiner Besuche, dass Inés Würstchen, Kartoffeln, Möhren und Blumenkohl für David auftischt. Gegen die Würstchen protestiert er sogleich, denn die könnten Schweinefleisch enthalten, und bei Schweinen handelt es sich um unreine Tiere. Durch den Genuss von Schweinefleisch werde der Mensch selbst zum Schwein, meint er und erklärt, was Konsubstantiation bedeutet.

Als David begriffen hat, dass das Geld aus einer Münzanstalt stammt, wundert er sich darüber, dass Simón es sich vom Zahlmeister geben lässt, statt es direkt aus der Münze zu holen.

„Warum gehst du nicht zur Münzanstalt?“
„Weil die Münzanstalt uns nicht einfach so Geld geben würde. Wir müssen dafür arbeiten. Wir müssen es verdienen.“
„Warum?“
„Weil das der Lauf der Welt ist. Wenn wir nicht für unser Geld arbeiten müssten, wenn die Münzanstalt einfach jedem Geld geben würde, hätte es keinen Wert mehr.“

David versteht auch nicht, warum man Geld benötigt, um Lebensmittel zu bekommen. Simon versucht es ihm zu erklären:

„Weil du, wenn du X Brote hast und sie alle für umsonst weggibst, dann keine Brote mehr hast und kein Geld, um neue Brote zu kaufen. Weil x minus x gleich null ist. Gleich nichts ist. Gleich Leere ist. Gleich ein leerer Magen ist.“

Als Simón seinen Schützling wieder besucht, erzählt dieser ihm, Señor Daga sei dagewesen und habe ihm einen Zauberstift gezeigt mit dem Bild einer Dame, die ihre Kleider verliert, wenn man den Stift bewegt.

Kurz darauf taucht Inés verzweifelt am Kai auf: David ist weg! Daga hat ihn entführt. Die Polizei will ihr nicht helfen, weil sie ihre Mutterschaft nicht nachweisen kann. Simón findet rasch heraus, dass Daga mit Vornamen Emilio heißt und ermittelt die Adresse. Eine junge Frau öffnet, Emilio Daga ist auch da, und David sitzt vor dem Fernsehgerät und schaut einen Micky-Maus-Film an. Daga behauptet, er habe sich nichts dabei gedacht, den Jungen mitzunehmen. Der möchte vor dem Bildschirm sitzen bleiben, und als Simón sagt, seine Mutter habe sich Sorgen um ihn gemacht, sagt er:

„Sie ist einfach eine Frau. Ich habe keine Mutter.“
„Du hast eine Mutter. Inés ist deine Mutter“, sagt er, Simón. „Gib mir deine Hand.“
„Nein! Ich habe keine Mutter, und ich habe keinen Vater. Ich bin einfach da.“

Auf dem Nachhauseweg warnt Simón den Jungen vor Daga, der ihn mit Eis, Micky Maus und Feuerwasser zu verführen versuche.

Statt spanisch möchte David lieber seine eigene Sprache sprechen. Simón wendet ein, dass es so etwas wie eine Privatsprache nicht gebe, aber David widerspricht:

„Doch! La la fa fa yam ying tu tu.“

Daraufhin versucht Simón ihm klarzumachen, dass Sprache nur dann sinnvoll ist, wenn der Zuhörer versteht, was der Sprecher sagt.

Als Simón sich bei Elena darüber beschwert, dass Fidel einen Stein nach David geworfen habe, entgegnet sie:

„Es war kein Stein, es war eine Murmel. Auf so etwas muss David gefasst sein, wenn seine Mutter ihn nicht mit anderen Kindern Umgang haben lässt, wenn sie ihn anstiftet, sich als eine Art höheres Wesen zu betrachten. Andere Kinder werden sich gegen ihn zusammenrotten. Ich habe mit Fidel gesprochen, ich habe ihn ausgeschimpft, aber es wird nichts nützen.“

Zwischendurch nimmt Simón den Jungen mit zum Hafen. Dort fällt David auf, dass die Stute, die er ohne auf das Geschlecht zu achten „El Rey“ nennt, durch ein anderes Zugpferd ersetzt wurde. Bevor Simón oder Álvaro es verhindern können, fährt David mit einem Fuhrwerk zum Hauptspeicher und entdeckt die zusammengebrochene, mit einem Gnadenschuss getötete Stute. Er versucht, ihr durch die Nüstern Luft einzublasen. Simón reißt ihn zurück und sagt ihm, davon könne er krank werden.

„Ich will ihn wieder atmen lassen!“, schluchzt der Junge.
„Es ist ein Pferd, es ist zu groß für dich, um es zu beatmen.“
„Dann kannst du ihn beatmen!“
„Das wird nicht funktionieren. Ich habe nicht den richtigen Atem. Ich habe nicht den Atem des Lebens.“

Ein Jahr nach ihrer Ankunft feiern Simón und David gemeinsam ihren 46. bzw. sechsten Geburtstag.

Eine schriftliche Aufforderung, David einzuschulen, trifft ein. Inés ist inzwischen doch bereit, den Jungen in die Schule zu schicken. Aber drei, vier Wochen nach dem Schulbeginn werden Davids Erziehungsberechtigte aufgefordert, zum Klassenlehrer zu kommen. Señor León erklärt Inés und Simón, David sei zweifellos intelligent, aber er mache weder beim Zählen, noch beim Lesen oder Schreiben Fortschritte, passe sich nicht an, lasse sich nichts sagen und stelle die Autorität des Lehrers in Frage. Señora Otxoa, die Schulpsychologin, führt das unausgeglichene Benehmen Davids auf die rätselhafte Familiensituation zurück. Aus Unsicherheit ziehe er sich in eine Fantasiewelt zurück, erklärt sie, er fühle sich als etwas Besonderes und schreibe Geschichten in einer „Privatschrift“:

„Nach seinem Verständnis schreibt er Geschichten über sich selbst und seine wahre Herkunft. Die er, aus Rücksicht auf Sie beide, verborgen hält, um Sie nicht zu verärgern.“
„Und was ist seine wahre Abstammung? Wo kommt er, seiner Ansicht nach, wirklich her?“
„Das zu sagen, steht mir nicht zu. Aber da gab es einen bestimmten Brief. Er spricht von einem Brief, der die Namen seiner wahren Eltern enthielt.“

Señora Otxoa rät Inés und Simón, den Jungen ins Sonderlernzentrum in Punta Arenas wechseln zu lassen.

Stattdessen meldet Inés ihn von der Schule ab. Daraufhin erhält sie eine Vorladung vor den Untersuchungsausschuss der Bildungsbehörde in Novilla.

Noch vor dem Termin zeigt David, dass er zählen, lesen und schreiben kann. Als er Señor León etwas aus „Don Quijote“ vorliest, unterstellt ihm der Lehrer zunächst, er habe den Text auswendig gelernt, und fordert ihn auf, „Conviene que yo diga la verdad“ (ich muss die Wahrheit sagen) zu schreiben. David schreibt deutlich lesbar: „Yo say la verdad“ (ich bin die Wahrheit). Dann meint er:

„Ich gehe nicht wieder in die Schule. Ich brauche es nicht. Ich kann schon lesen und schreiben.“

Die Anhörung findet in der Zentrale der Bildungsbehörde in Novilla statt. Auf die Eingangsfrage, bei wem David lebe, antwortet Simón:

„Der Junge lebt bei seiner Mutter. Seine Mutter und ich, wir leben nicht zusammen. Wir haben keine eheliche Gemeinschaft. Trotzdem sind wir drei eine Familie. Eine Art von Familie.“

Die Bildungsbehörde beschließt Davids Versetzung nach Punta Arenas.

Inés will jedoch mit dem Kind fliehen und rechnet mit der Unterstützung ihres Bruders Diego. Daga leiht ihr Geld für das Vorhaben.

Im Hafen überrascht Álvaro die Schauerleute mit dem Vorschlag, einen seit Monaten unbenutzt im Depot für Straßenbau herumstehenden Kran auszuprobieren. Eugenio lässt sich von dem Kranführer kurz zeigen, wie das Gerät bedient wird. Aber schon am ersten Tag kommt es zu einem Unfall: Simón wird von der pendelnden Ladung getroffen und stürzt ins Hafenbecken. Álvaro zieht ihn aus dem Wasser, und der Verletzte wird ins Krankenhaus gebracht.

Álvaro, Ines, David und Fidel besuchen ihn dort. Simón erfährt, dass David in der Zwischenzeit im Sonderlernzentrum in Punta Arenas war. Während er im Freien spielte, nahmen ihn die Beauftragten der Behörde im Wagen mit. Aber er floh aus dem Internat. Eine Frau fand ihn nackt auf der Straße. David behauptet, er sei durch den Stacheldrahtzaun gegangen.

Als Simón vom Krankenhaus in ein Pflegeheim verlegt werden soll, begleitet sein Kollege Eugenio ihn. Während der Autofahrt kommen sie darauf zu sprechen, dass für David die Summe aus zwei und zwei nicht unbedingt vier sei.

[Eugenio:] „Aber zwei und zwei ist wirklich gleich vier. Wenn du nicht gleich sein eine seltsame Sonderbedeutung verleihst. Du kannst selbst abzählen: eins zwei drei vier. Wenn zwei und zwei wirklich gleich drei wäre, dann würde alles ins Chaos stürzen. Wir wären in einem anderen Universum, mit anderen physikalischen Gesetzen.“

[Simon;] „Leg einen Apfel vor ihn hin und was sieht er? Einen Apfel: nicht 1 Apfel, nur einen Apfel. Leg zwei Äpfel vor ihn hin. Was sieht er? Einen Apfel und einen Apfel: nicht zwei Äpfel, nicht denselben Apfel zweimal, nur einen Apfel und einen Apfel.“

[Eugenio:] „Einige Dinge sind einfach wahr. Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel. Ein Apfel und noch ein Apfel sind zwei Äpfel. Ein Simón und ein Eugenio sind zwei Fahrgäste in einem Auto.“

Eugenio bezweifelt auch, dass David von Inés richtig erzogen wird:

Señora Inés ist eine sehr nette Dame, doch sie verwöhnt das Kind unmäßig, das kann jeder sehen. Wenn ein Kind beständig verhätschelt wird und ihm gesagt wird, dass es etwas Besonderes ist, wenn ihm gestattet wird, sich seine eigenen Regeln zu schaffen, zu was für einem Mann wird es heranwachsen?“

Simón überredet den Chauffeur, kurz bei seiner Wohnung in der Ost-Vorstadt vorbeizufahren. Vor der geöffneten Türe stehen zwei Beamte: eine Frau und ein Mann. Wegen des knurrenden Schäferhundes wagen sie sich nicht in die Wohnung. Sie wollen David mitnehmen und beteuern, im Sonderlernzentrum in Punta Arenas gebe es keinen Stacheldraht, im Gegenteil: alle Türen blieben unverschlossen.

„Er ist durch den Stacheldraht gegangen!“, unterbricht sie Inés mit wieder erhobener Stimme. „Er hat seine Kleidung zerfetzt! Und Sie haben die Frechheit zu behaupten, es gebe keinen Stacheldraht!“

Sowohl Inés als auch Simón glauben David, dass er durch Stacheldraht ging. Die Beamtin sagt, David sei in Punta Arenas sehr beliebt, die Mitschüler würden jeden Tag nach ihm fragen und hätten ihn gern zu ihrem Maskottchen gemacht. Am Ende bleibt den Beamten nichts anderes übrig, als das Haus ohne David zu verlassen.

Weil Diego seine Schwester versetzt, schickt Simón den Chauffeur fort, der ihn ins Heim hätte bringen sollen und begleitet Inés und David auf der Flucht.

Die erste Nacht verbringen sie in einer gemieteten Kabine auf einem Campingplatz. Dort packt David ein Geschenk Dagas aus: eine schwarze Satinrobe. Auf dem beigefügten Zettel liest er, es handele sich um einen Zaubermantel der Unsichtbarkeit. Er stellt sich damit vor einen Wandspiegel und streut das zum Geschenk gehörende Zauberpulver aus einem Glasröhrchen über eine brennende Kerze. Das Magnesium verbrennt mit einer Stichflamme, blendet den Jungen und verbrennt ihm die Hand.

Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen trägt er deshalb eine Sonnenbrille.

Unterwegs nehmen sie noch einen Anhalter namens Juan mit.

In Nueva Esperanza suchen sie einen Arzt auf. Dr. Garcia untersucht David und erklärt den Erwachsenen dann, David sei überzeugt, in dem Zaubermantel unsichtbar zu sein und sehe sie alle seit dem Lichtblitz so klein wie Ameisen. David fordert Dr. Garcia auf, seine Praxis zu schließen und mitzukommen. Doch der Arzt zieht es vor, in Nueva Esperanza zu bleiben.

Nach der Ankunft in Estrellita del Norte melden die Flüchtlinge sich im Umsiedlungszentrum der Stadt, in der sie ein neues Leben beginnen wollen.

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„Die Kindheit Jesu“ ist Literatur auf hohem Niveau, aber es handelt sich um alles andere als eine verkopfte Lektüre. John M. Coetzee versetzt uns in eine fiktive Welt und hält dies ebenso konsequent wie fantasievoll und einfallsreich durch. Seine Sprache gibt sich so schlicht und bescheiden wie es die Bewohner dieses Kosmos sind.

Man kann den Roman „Die Kindheit Jesu“ von John M. Coetzee als Dystopie lesen. Die Handlung spielt in einem nicht näher definierten spanischsprachigen Land. Offensichtlich wird es nicht totalitär regiert. Es gibt funktionierende Behörden. Von einer Kirche oder einer anderen religiösen Instanz lesen wir nichts. Die meisten Bewohner sind gelassen, freundlich und wohlwollend, fatalistisch und anspruchslos. Sie kennen weder Leidenschaften noch Sehnsüchte, und für Ironie fehlt ihnen der Sinn. Diese genügsame und unaufgeregte Gesellschaft kontrastiert mit der, in der wir leben. Ob sie besser ist? J. M. Coetzee veranschaulicht sie, ohne sie zu bewerten.

Die Behörden in der Stadt Novilla weisen kafkaeske Züge auf. Die Absurdität lässt uns an Samuel Beckett denken. Obwohl Jesus nur im Titel vorkommt, spielt J. M. Coetzee fortwährend auf das Neue Testament im Allgemeinen und die Weihnachtsgeschichte im Besonderen an. Die wahre Herkunft Davids bleibt im Dunkeln; wir wissen nur sicher, dass Inés und Simón nicht seine leiblichen Eltern sind. Inés kommt wie die Jungfrau (!) zum Kind, und Simón fühlt sich für den Jungen verantwortlich, obwohl er weder mit ihm noch mit Inés verwandt ist. Bei David handelt es sich um einen fünf- bis sechsjährigen Jungen, der hochbegabt ist, von Inés eingeredet bekommt, er sei etwas Besonderes, sich absondert statt sich anzupassen und auch in der Schule keine Autorität respektiert. Sein Lieblingsbuch ist „Don Quijote de la Mancha“, die Geschichte über einen Ritter, der die Welt retten will und sie ganz anders wahrnimmt als beispielsweise sein Knappe. Als Autor wird in „Die Kindheit Jesu“ allerdings nicht Miguel de Cervantes Saavedra (1547 – 1616) genannt, sondern der fiktive Chronist Cide Hamete Benengeli, eine Figur aus „Don Quijote“.

Simón trägt den gleichen Namen wie einer der Apostel. David hieß das Geschlecht, dem Jesus entstammte.

Novilla assoziieren wir mit „novela“ (Roman) und „kein Haus“.

„Die Kindheit Jesu“ ist ein vielschichtiger Roman. John M. Coetzee baut die faszinierende Geschichte auf einer originellen Grundidee auf und entwickelt daraus eine Fülle von Anspielungen und Gedanken, ohne den Roman zu überfrachten. Dieses meisterhafte Buch zu lesen ist ein außergewöhnliches intellektuelles Vergnügen.

Den Roman „Die Kindheit Jesu“ von J. M. Coetzee gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (Regie: Waltraut Brückner, Berlin 2013, 555 Minuten, ISBN 978-3-941004-50-4).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: S. Fischer Verlag©

J. M. Coetzee (kurze Biografie / Bibliografie)

John M. Coetzee: Im Herzen des Landes (Verfilmung)
John M. Coetzee: Leben und Zeit des Michael K.
John M. Coetzee: Eiserne Zeit
John M. Coetzee: Der Junge. Eine afrikanische Kindheit
John M. Coetzee: Schande
John M. Coetzee: Die jungen Jahre
John M. Coetzee: Elizabeth Costello

Milena Agus - Die Frau im Mond
Die Ich-Erzählerin orientiert sich am zeitlichen Ablauf der Ereignisse, hält sich jedoch nicht streng an die Chronologie. Milena Agus hat für "Die Frau im Mond" eine schlichte Sprache und eine naiv-romantische Art der Darstellung gewählt, die zum Landleben auf Sardinien passen.
Die Frau im Mond

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