J. M. Coetzee : Der Junge

Der Junge

J. M. Coetzee

Der Junge

Originalausgabe: Boyhood. Scenes from Provincial Life Viking, London 1997 Der Junge. Eine afrikanische Kindheit Übersetzung: Reinhild Böhnke S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1998
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Beschreibung der Kindheit des in Kapstadt geborenen Autors umfasst das zehnte bis dreizehnte Lebensjahr. Der einzelgängerische Junge, der sich stets bemüht, nicht aufzufallen, schildert seinen Schulalltag, seine Stellung innerhalb der Familie, insbesondere sein Verhältnis zu seiner geliebten Mutter und gibt Einblick in die gesellschaftliche Situation in der südafrikanischen Provinz.
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Kritik

Diese wie von einem Unbeteiligten erzählte Autobiografie überzeugt durch die schnörkellose, teilweise kühle Betrachtung. Trotzdem ist die Beschreibung der Kindheitsgeschichte voller Emotion und gut beobachteter Details.
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Ohne Pathos und Schnörkel berichtet der Autor, wie er seine Kindheit vom zehnten bis dreizehnten Lebensjahr wahrgenommen hat. Er, der Junge, der fast bis zum Schluss, und dann nur ein, zwei Mal beim Namen (John) genannt wird, versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. Immer Klassenerster zu sein, hat er sich vorgenommen, und dieses Ziel erreicht er auch, obwohl er oft in der Schule fehlt – mit Zustimmung seiner Mutter. Der Unterricht regt ihn eigentlich nicht sehr an; viel lieber liest er Bücher, alles was er bekommen kann. Das Leben in der Provinz (die Familie wohnt über 100 km von Kapstadt entfernt) ist nicht besonders ereignisreich. Kricketspielen gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Ganz offensichtlich ist seine Mutter der eigentliche Mittelpunkt seiner frühen Jugend: er liebt sie und sieht zu ihr auf (auch wenn er sie manchmal beim Schwindeln erwischt). Seinen Vater empfindet er eher als störend in der Familie, er hat weder Respekt vor ihm noch kann er Zuneigung zu ihm entwickeln; er betrachtet ihn als Versager – als der sich dieser dann auch erweisen wird: Nachdem sich ein beruflicher Neuanfang als finanzielles Desaster erweist und ihm als Rechtsanwalt finanzielle Unrechtmäßigkeiten nachgewiesen werden, fängt er zu trinken an und verursacht damit auch eine familiäre Krise. Die Mutter muss arbeiten (sie nimmt ihren Beruf als Lehrerin wieder auf), um für den Lebensunterhalt und die Schulden des Mannes aufzukommen.

Mit wachem Auge beobachtet der Junge das Verhalten seiner Mitschüler und Lehrer. Bei dem Nebeneinander von Engländern, Afrikaanern und Schwarzen treten die Klassen- und Rassenunterschiede krass in Erscheinung. Auch seine Verwandten entgehen nicht seiner scharfen, aber nie bösartigen Kritik.

Die beginnende Pubertät mit den damit einhergehenden Irritationen schildert er folgendermaßen:

Etwas verändert sich. Er ist anscheinend ständig verlegen. Er weiß nicht, wohin er blicken soll, was er mit den Händen anfangen soll, wie er sich aufrecht halten soll, welches Gesicht er machen soll. Alle starren ihn an, fällen Urteile über ihn, finden etwas an ihm auszusetzen. Ihm ist zumute wie einer Krabbe, die man aus ihrem Gehäuse gezogen hat, rot und wund und obszön. (Seite 182)

Der durch Alkoholismus verursachte zunehmende physische und psychische Verfall seines Vaters („dieser Mann“, so nennt er ihn, wenn er mit seiner Mutter spricht) lässt den Heranwachsenden noch näher an seine Mutter rücken, wohl wissend, dass er sich damit noch mehr an sie bindet.

Er hat Angst vor ihrem Urteil. […] Diese Frau war nicht auf der Welt einzig und allein, um ihn zu lieben und zu beschützen und sich um seine Bedürfnisse zu kümmern. Im Gegenteil, sie hat schon vor seiner Entstehung ein Leben gehabt, ein Leben, in dem sie sich nicht den geringsten Gedanken um ihn zu machen brauchte. Zu einer gewissen Zeit in ihrem Leben hat sie ihn geboren; sie hat ihn geboren und hat sich entschieden, ihn zu lieben; vielleicht hat sie ihn zu lieben beschlossen, noch ehe sie ihn geboren hatte; jedenfalls hat sie ihn zu lieben beschlossen, und daher kann sie beschließen, ihn nicht mehr zu lieben. (Seite 194f)

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Die Beobachtungen und Wahrnehmungen eines zehn- bis dreizehnjährigen Jungen werden von John M. Coetzee in „Der Junge. Eine afrikanische Kindheit“ mit einer distanzierten Nüchternheit beschrieben, dass man meinen könnte, sie werden von einem Außenstehenden berichtet. So gelingt es dem Autor, die Kindheitsjahre quasi aus der Sicht eines Unbeteiligten zu schildern und er vermeidet damit, dass die Aussagen altklug oder kindlich verklärt daherkommen. Jugendliche Neugier und altersgemäßer Wissensdrang werden herausgestellt. Trotz aller Sachlichkeit wird aber immer wieder das äußerst liebevolle und wertschätzende Verhältnis zu seiner Mutter deutlich.

Mit dem Roman „Die jungen Jahre“ setzte John M. Coetzee die fiktionalisierte Autobiografie fort.

John M. Coetzee wurde 1940 in Kapstadt geboren. Als Literaturprofessr lehrte er von 1972 bis 2002 in seiner Heimatstadt. Seine Bücher wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet; 1999 erhielt er für seinen Roman „Schande“ den Booker Prize. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2004
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

J. M. Coetzee (kurze Biografie / Bibliografie)

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