J. M. Coetzee : Schande

Schande

J. M. Coetzee

Schande

Originaltitel: Disgrace Secker & Warburg, London 1999 Schande Übersetzung: Reinhild Böhnke S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2000
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein südafrikanischer Kommunikations-Wissenschaftler muss sich vor einem Untersuchungsausschuss der Universität wegen einer Affäre mit einer seiner Studentinnen verantworten. Kurz darauf und unabhängig davon wird seine lesbische Tochter auf dem Land von Schwarzen vergewaltigt und geschwängert. Wie werden sie mit ihrer "Schande" fertig?
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Kritik

J. M. Coetzee erzählt die trostlose Geschichte unpathetisch, schnörkellos, in einer kargen Sprache. Er beschwört in "Schande" die Folgen des Rassenhasses auf erschütternde Weise.
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David Lurie ist ein zweiundfünfzig Jahre alter weißer Südafrikaner. Von Rosalind, seiner zweiten Frau, ist er seit acht Jahren geschieden. Aus seiner ersten Ehe mit der Holländerin Evelina hat er eine Tochter, Lucy, die vor sechs Jahren als Mitglied einer Kommune nach Salem in der Provinz Ost-Kap gezogen war und dort auch blieb, als sich die Gruppe auflöste. Lurie arbeitet an der Cape Technical University, dem früheren Cape Town University College, in Johannesburg. Als der Fachbereich für klassische und moderne Sprachen im Zuge der großen Rationalisierung geschlossen wurde, erhielt der ehemalige Professor für moderne Sprachen eine neue – nunmehr jedoch bloß noch außerordentliche – Professur für Kommunikationswissenschaften. „Die menschliche Gesellschaft hat die Sprache geschaffen, damit wir uns unsere Gedanken, Gefühle und Absichten mitteilen können.“ Diese Prämisse seiner neuen Disziplin findet er absurd.

Seine Meinung, die er nicht laut äußert, ist, dass die Ursprünge der Sprache im Gesang liegen und die Ursprünge des Gesangs im Bedürfnis, die übergroße und ziemlich leere menschliche Seele mit Lauten zu füllen. (Seite 8f)

Seit über einem Jahr besucht er jeden Donnerstag um 14 Uhr im Zimmer 113 der Windsor Mansions die schwarze Prostituierte „Soraya“.

In der Wüste der Woche ist der Donnerstag zur Oase voll luxe et volupté geworden. (Seite 5)

Zufällig sieht er Soraya an einem Samstagmorgen in der Stadt, mit zwei Jungen, die offensichtlich ihre Söhne sind. An den folgenden Donnerstagen entgeht Lurie nicht, wie unangenehm es ihr ist, dass er auf diese Weise etwas von ihrem Privatleben erfahren hat. Vier Wochen nach der Begegnung auf der Straße beendet sie ihre Tätigkeit in der Agentur, deren Kunde Lurie ist. Über ein Detektivbüro findet er ihre Adresse heraus und ruft sie an, aber sie weist ihn brüsk ab.

Er schläft mit Dawn, der neuen Sekretärin seines Fachbereichs, aber nach der ersten Nacht gehen sie sich aus dem Weg. Kurze Zeit später trifft er auf dem Weg durch den alten Collegepark eine seiner Studentinnen, die auch in einer Theatergruppe mitspielt: Melanie Isaacs. Offensichtlich hat die dunkelhäutige junge Frau kein Interesse an einem Flirt mit dem mehr als doppelt so alten Weißen, der zudem ihr Professor ist, aber er lässt nicht locker, bis er sie ins Bett bekommt.

Sie leistet keinen Widerstand. Sie wendet sich nur weg: sie wendet ihre Lippen, ihre Augen weg. Sie lässt sich von ihm aufs Bett legen und ausziehen; sie hilft ihm sogar, hebt die Arme und dann die Hüften. Sie fröstelt; sobald sie nackt ist, schlüpft sie unter die Steppdecke wie ein Maulwurf in seinen Bau und dreht ihm den Rücken zu.
Es ist keine Vergewaltigung, nicht ganz, aber doch unerwünscht, gänzlich unerwünscht. Als hätte sie sich entschlossen, ganz schlaff zu werden, sich tot zu stellen, solange es dauert, wie ein Kaninchen, wenn die Fänge des Fuchses sich in seinem Nacken verbeißen. […] (Seite 35)

Einige Wochen später taucht ein junger Mann bei Lurie im Dienstzimmer auf und gibt ihm zu verstehen, dass er Melanie in Ruhe lassen soll. Luries auf der Straße geparktes Auto wird zerkratzt. Der Vater der Studentin zeigt den Professor in der Universität an und beruft sich dabei auf das Verbot der Verfolgung oder Bedrohung von Studenten durch Mitglieder des Lehrkörpers. Obwohl die Universität Lurie ein faires Verfahren und Vertraulichkeit zusichert, verbreitet sich die Neuigkeit rasch, und bald wird Lurie von einer Journalistenmeute verfolgt. Im Untersuchungsausschuss will man ihm Brücken bauen, aber er weigert sich, darauf einzugehen. Zwar bekennt Lurie sich schuldig im Sinn der Anklage, aber er weigert sich, etwas von sich preiszugeben und verzichtet lieber auf seine Professur.

„Sie wollten ein Schauspiel: an die Brust schlagen, Reue, wenn möglich Tränen. Eigentlich eine Fernsehshow. Den Gefallen habe ich ihnen nicht getan.“ (Seite 88)

Nach seiner Kündigung fährt er zur kleinen Farm seiner Tochter nach Salem. Nach der Auflösung der Kommune war Lucy mit ihrer lesbischen Freundin Helen dort geblieben. Helen zog vor ein paar Monaten nach Johannesburg und ließ ihre Geliebte allein zurück. Lucy betreibt eine Hundepension und lebt vom Verkauf von Blumen, Kartoffeln und Zwiebeln auf dem Markt. Aus der unselbstständigen Tochter ist eine junge Frau geworden, die ihren eigenen Weg geht. Ein tüchtiger schwarzer Landarbeiter namens Petrus hilft ihr bei der Arbeit. Seine Ex-Frau lebt mit den Kindern in Adelaide; mit seiner zweiten Frau richtete er sich im ehemaligen Stall von Lucys Farm ein. Von seinem Lohn kaufte er der weißen Grundbesitzerin ein Stück Land ab und ist nun dabei, sein eigenes Farmhaus zu bauen. Inzwischen hilft er Lucy nicht mehr als Lohnarbeiter, sondern als Nachbar.

Lurie will zunächst eine Woche bei seiner Tochter bleiben. Er erinnert sie an einen Golden Retriever, den ihre Nachbarn in Kenilworth hatten. Lucy war damals noch ein Kind. Wenn eine läufige Hündin in der Nähe war, wurde der Rüde natürlich unruhig, aber das mochten die Nachbarn nicht und sie verprügelten ihn jedes Mal. Nach kurzer Zeit rannte er aus Angst vor der Strafe mit angelegten Ohren und eingekniffenem Schwanz winselnd im Garten herum, sobald er eine Hündin roch.

„An dem Schauspiel war etwas so Schändliches, dass es mich zur Verzweiflung brachte. […] Das Schändliche an dem Schauspiel in Kenilworth war, dass der arme Hund angefangen hatte, seine eigene Natur zu hassen. Er brauchte nicht mehr geschlagen zu werden. Er war soweit, sich selbst zu bestrafen. An diesem Punkt wäre es besser gewesen, ihn zu erschießen.“ (Seite 117f)

Eines Tages dringen drei Schwarze ins Farmhaus ein. Sie sperren Lurie in die Toilette. Ohnmächtig muss er darin ausharren, während die Männer der Reihe nach seine Tochter vergewaltigen, die sechs großen Hunde in ihren Zwingern erschießen und alles Brauchbare in sein Auto tragen. Bevor sie damit wegfahren, überschütten sie Lurie noch mit Brennspiritus und zünden ihn an.

Es passiert jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, sagt er sich, in jedem Winkel des Landes. […] Es ist gefährlich etwas zu besitzen: ein Auto, Schuhe, eine Schachtel Zigaretten. Es reicht nicht für alle, es gibt nicht genug Autos, Schuhe, Zigaretten. Zu viele Menschen, zu wenig Sachen. Was es gibt, muss in Umlauf gebracht werden, damit jeder eine Chance hat, einen Tag lang glücklich zu sein. Das ist die Theorie; halte dich an die Theorie und an das Tröstliche der Theorie. Nicht menschliche Bosheit, nur ein gewaltiges Umverteilungssystem, für dessen Funktionieren Mitleid und Schrecken keine Rolle spielen. So muss man das Leben in diesem Land sehen – von der schematischen Seite. (Seite 128)

Der verwitwete Nachbar Ettinger, dessen Kinder nach Deutschland zurückgekehrt sind, fährt Lurie ins Krankenhaus, wo dessen Verbrennungen behandelt werden. Lucy meldet den Überfall zwar der Polizei, weil die Versicherung sonst nicht für den materiellen Schaden aufkäme, aber sie verschweigt die Vergewaltigung.

„Der Grund ist der: aus meiner Sicht ist das, was mir zugestoßen ist, eine rein private Angelegenheit. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, könnte das als öffentlichte Angelegenheit betrachtet werden. Aber hier und heute nicht. Es ist meine Sache, ganz allein meine.“ (Seite 145)

Dass Petrus während des Überfalls nicht da war, findet Lurie verdächtig. Wusste er etwas? Wollte er vielleicht sogar, dass Lucy aus Angst wegzieht und ihm ihre Farm überlässt? Als Petrus Lucy und ihren Vater zu einem Fest einlädt, bei dem sie die einzigen beiden Weißen sind, taucht auch der jüngste der drei Vergewaltiger auf. Lucy will einfach nach Hause, ohne Aufsehen zu erregen, aber Lurie stellt den Jungen zur Rede und droht die Polizei zu rufen. Lucy redet es ihm aus und warnt ihn davor, Petrus das Fest zu verderben und ihn zum Feind zu machen.

Um sich zu beschäftigen, hilft Lurie Bev Shaw, einer Bekannten Lucies, in ihrem Tierheim beim Einschläfern kranker beziehungsweise verlassener Haustiere. Die Kadaver verpackt er in Müllsäcke, transportiert sie zur Verbrennungsanlage vor dem Krankenhaus und legt sie selbst in den Beschickungswagen, weil er es nicht mag, wie respektlos die Arbeiter damit umgehen.

Eigentlich redet Lucy nicht über die Vergewaltigung. Doch eines Tages sagt sie zu ihrem Vater:

„Es geschah mit so viel persönlichem Hass. Das hat mich mehr als alles andere mitgenommen. Der Rest war … wie erwartetl. Aber warum hassten sie mich so? Ich hatte sie nie zuvor gesehen.“ (Seite 203)

Vergeblich versucht Lurie, seine Tochter zu überreden, die Farm aufzugeben und wegzuziehen oder wenigstens ein paar Monate Urlaub zu machen.

Lurie kehrt nach Kapstadt zurück. In sein Haus wurde eingebrochen; man hat es ausgeraubt. Als er erfährt, dass Melanie Isaacs im Dock Theatre auftritt, besucht er eine Vorstellung, doch er wird von ihrem Freund Ryan entdeckt und herausgerufen. Er solle sich ein anderes Leben suchen, rät ihm der junge Mann.

Als Lurie bei einem Telefongespräch mit Lucy spürt, dass sich etwas verändert hat, besucht er sie unter einem Vorwand. Sie ist schwanger. Von einem der drei Männer. Dennoch weigert sie sich, den Embryo abtreiben zu lassen. Inzwischen wohnt der jüngste der drei Schwarzen bei Petrus; er heißt Pollux und ist angeblich sein Schwager. Von Lurie zur Rede gestellt, meint Petrus, sein Verwandter würde Lucy heiraten, doch er sei noch zu jung dazu. Anstelle von Pollux sei er bereit, Lucy zu heiraten, denn: „Hier ist es gefährlich, zu gefährlich. Eine Frau muss verheiratet sein.“ Lurie ist verwirrt, doch seine Tochter versteht das Angebot: Es geht nicht um eine übliche Eheschließung. Sie würde dann gewissermaßen zur Familie von Petrus zählen und dadurch unter seinem Schutz stehen. Der Preis dafür – sozusagen die Mitgift – wäre die Farm. Dass Lucy bereit ist, sich dem Schwarzen zu unterwerfen und ihr Land als Pächterin weiter zu bewirtschaften, macht Lurie fassungslos.

Als Lurie Pollux ertappt, wie er Lucy heimlich im Bad beobachtet, verprügelt er ihn und hetzt den Hund auf ihn. „Ich bringe euch um!“, droht der junge Schwarze und rennt fort.

Weil Lurie und Lucy es seit dem traumatischen Erlebnis nicht mehr zusammen unter einem Dach aushalten, mietet der Professor ein Haus in der Nähe der Klinik. Obwohl er jahrelang Material über Byron gesammelt hatte, gibt er seinen Plan auf, eine wissenschaftliche Arbeit über den Dichter zu verfassen. Stattdessen möchte er jetzt eine Oper über dessen verlassene Geliebte Teresa Guiccioli schreiben. Doch auch damit kommt er nicht voran.

Im Tierheim hat er einen verkrüppelten Hund besonders ins Herz geschlossen. Wie ein Lamm trägt er ihn auf den Armen ins Behandlungszimmer, damit Bev ihm das tödliche Gift in die Vene injiziert.

„Ich dachte, du würdest ihn noch eine Woche aufsparen“, sagt Bev Shaw. „Gibst du ihn auf?“
„Ja, ich gebe ihn auf.“

Mit diesen Worten endet der Roman.

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Ein weißer südafrikanischer Kommunikations-Wissenschaftler muss sich vor einem Untersuchungsausschuss der Universität wegen einer Affäre mit einer seiner dunkelhäutigen Studentinnen verantworten. Kurz darauf und unabhängig davon wird seine lesbische Tochter auf dem Land von Schwarzen vergewaltigt und geschwängert, und er ist nicht in der Lage, ihr zu helfen. Wie werden sie mit ihrer „Schande“ fertig? David Lurie verzichtet lieber auf seine Professur, als in der Öffentlichkeit etwas von sich preiszugeben. Als seine Tochter vergewaltigt wird, begreift er seine eigene Schuld gegenüber der schwarzen Studentin, die er unter Druck setzte, bis sie nachgab. Lucy verschweigt die Vergewaltigung, nimmt es hin, dass die früher unterdrückten Schwarzen jetzt die Herren sind und hält ihren Vater davon ab, gegen die Untätigkeit der Polizei aufzubegehren. Jetzt müssen die Weißen die Ohnmacht und die Rechtlosigkeit erdulden, die sie während der Apartheid den Schwarzen aufgezwungen hatten. Es bleibt Lurie und Lucy nichts anderes übrig, als wegzuziehen oder sich mit den geänderten Verhältnissen abzufinden. Nur wenn Lucy ihr Land dem schwarzen Nachbarn übereignet und sich unter seinen Schutz stellt, hat sie eine Chance, in Frieden hier zu leben. Lurie hilft am Ende demütig beim mitleidigen Einschläfern kranker und herrenloser Haustiere.

Diese trostlose Geschichte erzählt J. M. Coetzee unpathetisch, schnörkellos, in einer kargen Sprache, konsequent aus der Perspektive des arroganten weißen Professors und verzweifelten Vaters. „Schande“ beschwört die auch noch Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid nachwirkenden Folgen des Rassenhasses auf besonders erschütternde Weise. „Einer der bestürzendsten Romane, die ich […] gelesen habe“, urteilt Sigrid Löffler.

Steve Jacobs verfilmte den Roman: „Schande“.

Josse De Pauw (* 1952) bearbeitete den Roman „Schande“ von J. M. Coetzee für die Bühne, und Luk Perceval (* 1957) inszenierte das Theaterstück 2009 erstmals in Amsterdam.

John M. Coetzee wurde 1940 in Kapstadt geboren. Von 1972 bis 2002 war er dort als Literaturprofessor tätig. Seither lebt er in Adelaide, Australien. Als einziger Schriftsteller wurde er gleich zweimal mit dem begehrten Booker Prize ausgezeichnet: 1983 für „Leben und Zeit des Michael K.“, 1999 für „Schande“. 2003 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung der Schwedischen Akademie heißt es, Coetzee sei ein „gewissenhafter Zweifler“, der sich vor allem mit Situationen auseinandersetze, „in denen sich die Unterscheidung von richtig und falsch als unbrauchbar erweist, obwohl sie kristallklar ist.“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003 / 2013
Textauszüge: © S. Fischer Verlag
Limitierte Sonderausgabe des Fischer Taschenbuchverlags vom Juni 2003

Steve Jacobs: Schande

J. M. Coetzee (kurze Biografie / Bibliografie)
John M. Coetzee: Im Herzen des Landes (Verfilmung)
John M. Coetzee: Leben und Zeit des Michael K.
John M. Coetzee: Eiserne Zeit
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