John Banville : Die See

Die See

John Banville

Die See

Originalausgabe: The Sea Picador, London 2005 Die See Übersetzung: Christa Schuenke Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006 ISBN 346203717X, 218 Seiten, 17.90 € (D) Wilhelm Goldmann Verlag, München 2008 ISBN: 978-3-442-46381-7, 218 Seiten, 7.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein alternder Mann denkt an seine Frau, die vor kurzem an einem Krebsleiden starb: Max Morden versucht, diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten, und er muss sein Leben neu gestalten. Um nicht mehr in dem Haus zu sein, das er mit Anna in London bewohnte, fährt er an die Irische See, wo er vor fünfzig Jahren die Sommerferien verbrachte. Er will dort seine Gedanken ordnen. Mit diesem Ort verbinden ihn Erlebnisse, die ihm nun wieder durch den Kopf gehen ...
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Kritik

John Banville bzw. der Protagonist erzählt diese Geschichte im Plauderton ohne dabei platt oder banal zu werden. Obwohl er von einer Anekdote zur anderen springt, bleibt der Verlauf der Handlung strukturiert: "Die See".

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Max Morden, der Ich-Erzähler, sitzt mit seiner Frau Anna im Sprechzimmer von Dr. Todd, der in der Krankenakte nach dem Befund blättert. Die blassrosa Pappe des Ordners erinnert Max „an die gespannte Unruhe der ersten Schultage nach den Sommerferien, den Reiz der neuen Schulbücher und den verheißungsvollen Geruch nach Tinte und frisch gespitzten Bleistiften“ und er wundert sich, „wie doch selbst noch im Augenblick der alleräußersten Konzentration unsere Gedanken streunen“ (Seite 18). Als das Ehepaar dann vom Arzt erfährt, dass Anna unheilbar an Krebs erkrankt ist, muss es sich erst mit den neuen Gegebenheiten zurechtfinden. Anna findet die Situation „unangemessen“. Als sie dann zu weinen anfängt und Max sie in den Arm nehmen will, weicht sie spröde zurück.

„Herrgott nochmal, mach doch nicht so ein Theater!“, fuhr sie mich an. „Ich sterbe schließlich bloß.“ (Seite 22)

Sie möchte nicht, dass jemand über ihre Krankheit informiert wird. Nicht einmal ihrer Tochter Claire sagen sie es. Die etwa Zwanzigjährige studiert im Ausland; ihr Verhältnis zu den Eltern ist nicht besonders herzlich.

Annas Siechtum dauert etwa ein Jahr, und Max begleitet sie von einer Privatklinik in die nächste. Nach ihrem Tod muss er sich neu orientieren.

Und nun war es vorbei, und etwas anderes hatte angefangen, für mich, nämlich das schwierige Geschäft des Weiterlebens als derjenige, der übrig geblieben war. (Seite 124)

Ich dachte an Anna. Ich zwinge mich, an sie zu denken, das sind so Exerzitien, die ich mache. Sie ist in mich hineingestoßen wie ein Messer, und dennoch fange ich schon an, sie zu vergessen. Schon fängt ihr Bild in meinem Kopf allmählich zu verschleißen an, die Farbpigmente werden immer blasser, und die Vergoldung blättert ab. Ob eines schönen Tages die ganze Leinwand leer sein wird? Langsam begreife ich, wie wenig ich Anna gekannt habe, ich meine wie oberflächlich mein Wissen von ihr war, wie ungenau. […] Ich glaube eher, meine Erwartungen im Hinblick auf das Kennen sind zu hoch gewesen. Wie kann ich mir nur einbilden, einen anderen wirklich zu kennen, so wenig, wie ich von mir selber weiß? (Seite 180)

Anna stammte aus einer wohlhabenden Familie. Mit ihrem Vater, dem ein Industrie-Unternehmen gehörte, wuchs sie in einer luxuriösen Stadtvilla in London auf. Sie war erst ein paar Monate mit Max verheiratet, als ihr Vater starb, von dem sie ein beträchtliches Vermögen erbte.

Für Max tat sich durch die Verbindung mit Anna eine neue Welt auf. Er hatte sie in London auf einer Party kennengelernt; sie war ihm durch ihre beeindruckende Erscheinung sofort aufgefallen.

Im Gegensatz zu Anna wuchs Max in bescheidenen Verhältnissen in einem Dorf in Irland auf. Der Vater war Arbeiter, verließ dann Frau und Kind, um in England zu arbeiten. Die immer schon verhärmte Mutter, die früher als Ladenmädchen gearbeitet hatte, wurde nun noch mürrischer; sie musste in ein kleines Zimmer umziehen und Putz- und Näharbeiten annehmen, um sich und ihren Sohn durchzubringen.

Als die Familie noch zusammen war, fuhren sie in den Ferien an die See, nicht weit von ihrem Wohnort Ballymore entfernt. In der Feriensiedlung „Fields“ bewohnten sie ein einfaches Holzhaus. Gekocht wurde auf einem Primus-Gaskocher, und die Toilette war ein Plumpsklo.

Dieses Dorf an der Irischen See sucht Max Morden nach dem Tod seiner Frau wieder auf, um seine Gedanken zu ordnen. Es ist ein halbes Jahrhundert her, seit Max hier die Ferienwochen verbrachte, die sich ihm für immer einprägten.

Während Max, das Arbeiterkind, in den Ferien mit seinen Eltern in der Hütte in Ballyless wohnte, logierte eine Familie mit zwei Kindern und einer Bediensteten in der Pension „Zu den Zedern“. Als erstes fiel Max die unkonventiell gekleidete Mutter auf. Er war sofort begeistert von dieser Frau, unterschied sie sich doch im Wesen und Auftreten deutlich von seiner Mutter. Auch der Vater der Familie Grace war anders als alle Männer, die der Junge bisher gekannt hatte. Mit Carlo Graces Scherzen und seiner exzentrischen Art konnte Max allerdings nichts anfangen. Bei den Kindern handelte es sich um Zwillinge; sie waren etwa elf, also so alt wie Max. Chloe, ein ungestümes, schnippiges Mädchen, und Myles, der sich fortwährend mit seiner Schwester kabbelte. Die Zankereien arteten in Treten, Raufen und Kneifen aus; Myles konnte sich nicht verbal äußern. Er war seit Geburt stumm; jedenfalls sprach er nicht und machte wohl deshalb durch allerlei Kunststückchen auf sich aufmerksam. Die neunzehnjährige Gouvernante Rose konnte sich meistenteils gegenüber den zwei Rangen nicht durchsetzen. Und auch von den Eltern wurden die Kinder nicht ernsthaft zurechtgewiesen.

Nach einigen Besuchen in der „Zedern“-Villa war Max Feuer und Flamme für Mrs Grace. Sie hieß Constance. Er war selig, als er zu einem Picknick der gesamten Familie am Strand mitkommen durfte. Schon die Fahrt mit dem Auto bedeutete ein Erlebnis. Außerdem war er dem Objekt seiner Verehrung ganz nah, sodass er „ihre aufregend stoppelige Achselhöhle“ sehen und – wenn der Fahrtwind in seine Richtung blies – den „Hauch des Zibetdufts ihrer schweißfeuchten Haut“ riechen konnte.

Sie trug ein Kleidungsstück, das, glaube ich, sogar schon damals, in jenen prüderen Tagen, mit anschaulicher Freizügigkeit Bustier genannt wurde, im Grunde nichts weiter als ein trägerloser weißer Wollschlauch, der sehr eng war und sehr deutlich die unteren Rundungen ihrer schweren Brüste offenbarte. Dazu hatte sie ihre weiß gerandete Filmstarsonnenbrille auf und rauchte eine dicke Zigarette. Es erregte mich, ihr zuzusehen, wie sie einen tiefen Zug nahm und den schlaffen Mund einen Moment offen hängen ließ und zwischen diesen scharlachroten wächsern glänzenden Lippen reglos eine üppige Rauchwolke schwebte. Auch ihre Fingernägel waren in grellem Blutrot lackiert.(Seite 93)

Am Strand packten sie den Picknickkorb aus. Es gab Sandwiches, und Mr und Mrs Grace tranken reichlich Wein. Myles tobte zwischen den Farnbüschen herum; Rose lümmelte missgelaunt auf der Decke, und Chloe pulte an ihrem Ellenbogen Schorf von einer Schramme. Als sie damit aufhörte, bewarf sie Max mit Brotbrocken. Mrs Grace lag direkt vor ihm am Böschungshang, und er bildete sich ein, dass sie seinen Blick suchte. Sie wälzte sich herum und stellte ein Bein auf, sodass er unter ihren Rock sehen konnte bis hinauf zum Oberschenkel und dem Zwickel des Schlüpfers. Unvermittelt schlief sie ein, wobei sie schnarchte. Immer wieder kam sie anders zum Liegen, wodurch sich neue Einblicke auf ihre Unterwäsche eröffneten: „Wohin ich so gierig schaute und etwas sah, das nicht für mich bestimmt war, keinesfalls.“ (Seite 217) Und damit war ihr Status als „Göttin“, wie er sie für sich nannte, mit einem Mal entzaubert. Sie war keine „dämonische Verführerin mehr, sondern bloß noch sie selbst, eine sterbliche Frau“ (Seite 99f).

Max richtete sein Interesse nun auf Chloe. Sie war burschikos; mit Puppen hatte sie bestimmt nie gespielt, und ihre Reaktionen waren spontan und unvorhersehbar. Sie gingen jetzt öfter miteinander spazieren und schwimmen. Es fiel ihm auf, dass sie nicht mehr so schroff mit ihm umging. Max erinnert sich an den ersten Kuss:

Doch, ich erinnere mich an einen Kuss, einen von so vielen, die ich vergessen habe. Ob dieser Kuss der erste war, den wir uns gaben, weiß ich nicht mehr. Küsse hatten ja damals so eine große Bedeutung, meistens setzten sie das ganze andere Pipapo in Gang – die lodernden Flammen, die Feuerwerksraketen, die emporschießenden Geysire, das ganze Zeug. Dieser Kuss fand statt – nein, wurde ausgetauscht – nein, vollzogen, das ist das Wort, wurde vollzogen in dem Wellblechkino […]. (Seite 120)

Plötzlich saß ich hier, hielt ein Mädchen im Arm, tat, zumindest bildlich gesprochen, die gleichen Dinge wie die Erwachsenen, hielt ihre Hand, küsste sie im Dunkeln […] Ich war ich und gleichzeitig jemand anders, ein ganz anderer, völlig Neuer. (Seite 123)

Chloe, Myles und Max gingen schwimmen. Sie gaben es aber bald auf, denn eine „wellenlose, unaufhaltsame Flut“ und die gespenstische Stille, die damit einherging, waren ihnen unheimlich. Rose lag am Strand auf ihrem Handtuch, und Chloe bemerkte maliziös: „Vielleicht spülen die Wellen sie weg.“ In der Nähe befand sich eine Holzbude, und Myles gelang es, das Vorhängeschloss abzumachen. Chloe kniete sich auf die an der Innenwand befestigte Holzbank; Myles und Max setzten sich daneben. Chloe sagte noch einmal: „Hoffentlich ersäuft sie“, und ließ ihr schneidendes Kichern hören. Sie hatte sich über ihren Badeanzug eine Strickjacke umgehängt, die sie nun abschüttelte. Mit der raschen, brüsken Art, mit der sie dies tat, fühlte Max sich „regelrecht dazu aufgefordert“, ihr, die neben ihm kniete, die Hand hinten auf den Oberschenkel zu legen. Sie reagierte nicht, und Max fuhr mit seiner Hand weiter aufwärts bis zu dem straffen Saum ihres Badeanzugs. Max hätte es vollkommen genügt, mit der Hand unter ihrem Hintern neben ihr sitzen zu bleiben, aber sie rutschte mit einer kleinen zuckenden Bewegung weiter zur Seite und öffnete ihren Schoß. Seine „erstaunten Fingerspitzen“ berührten den Zwickel ihres Badeanzugs, der ihm glühend heiß vorkam. Dann klemmte sie die Schenkel wieder zusammen und seine Hand „saß in der Falle“. Sie küsste ihn, und knotete die Schleife der Badeanzugträger auf. Mit einer ungeduldigen Gebärde führte sie seine Hand an die „kaum wahrnehmbare Rundung ihrer Brust“. Myles saß mit geschlossenen Augen daneben an die Wand gelehnt. Chloe ergriff die Hand ihres Bruders, ohne damit aufzuhören, Max zu küssen, der mehr fühlen als hören konnte, wie ein „schwaches, wimmerndes Stöhnen in ihrer Kehle aufstieg“. (Seite 200)

Keiner hatte gehört, wie die Tür sich öffnete. Es war Rose. Chloe zog hastig ihren Badeanzug hoch und rannte unter Roses Arm hindurch ins Freie. Das Kindermädchen rief ihr nach, sie solle stehenbleibe, ging dann aber kopfschüttelnd weg. Myles lümmelte immer noch neben Max auf der Bank – und lachte lauf auf. Max war, als hätte er gesprochen. Als Max die Bude verließ, sah er Chloe und Rose am Strand wie sie sich gegenüberstanden und anschrien. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Chloe setzte sich an die Uferlinie des Strandes. Nachdem Rose merkte, dass das Mädchen nicht auf sie reagierte, entfernte sie sich. Da kam Myles hinter Max vorbeigeschossen, schmiss sich neben seine Schwester in den Sand und legte seinen Arm um ihre Schulter. So sah Rose sie engumschlungen sitzen, der Welt den Rücken gekehrt.

Dann standen sie ganz ruhig auf und wateten in die See, und um sie herum das Wasser, glatt wie Öl, teilte sich kaum und beide beugten sich vor, genau in gleichen Augenblick, und schwammen langsam hinaus, und die zwei Köpfe wogten auf den weißlichen Wellen, immer weiter und weiter hinaus. (Seite 202)

Rose und Max standen einfach da und sahen nur noch zwei fahle Punkte weit draußen, und dann war nur noch ein Punkt da.

Danach war alles sehr schnell vorbei, ich meine, das, was wir davon sehen konnten. Ein Spritzen, ein wenig weißes Wasser, weißer als all das Wasser ringsum, dann nichts, die gleichgültige Welt, sie hatte sich geschlossen. (Seite 203)

Wie vom Himmel gefallen kam ein junger Mann angerannt, der ins Meer sprang und hinausschwamm. Inzwischen lief Rose am Stand auf und ab. Der „Möchtegern-Lebensretter“ kehrte nach einer Weile zurück: Da sei nichts mehr zu machen. Rose schluchzte auf, und da erst kam es Max in den Sinn, zum Haus der Graces zu laufen.

Was habe ich empfunden? Am stärksten, glaube ich, wohl ein Gefühl von Ehrfurcht, nämlich Ehrfurcht vor mir selbst als einem, der zwei lebendige Geschöpfe gekannt hatte, die nun plötzlich verblüffenderweise tot waren. Aber habe ich denn geglaubt, dass sie tot waren? In meiner Vorstellung schwebten sie aufrecht, Arm in Arm, in einem endlos großen, strahlend hellen Raum und blickten starr und ernst mit ihren weit geöffneten Augen geradeaus in die unermesslichen Tiefen des Lichts. (Seite 204)

Max Morden ist nun also an den Ort zurückgekehrt, an dem er vor fünfzig Jahren Zeuge einer Tragödie war. Er quartiert sich in der Villa „Zu den Zedern“ ein, in der es noch immer Gästezimmer gibt. Die Pension wird von Miss Vavasour geführt. (Das ist Rose, die frühere Gouvernante von Chloe und Myles.) Carlo und Constance Grace leben nicht mehr. Außer Max wohnt nur noch ein Gast im Haus, ein schrulliger älterer Colonel, der eigentlich seine Ruhe haben will und nur hin und wieder ein paar Worte mit seinem Mitbewohner spricht.

Nun macht sich Max Morden Gedanken, wie es mit ihm weitergehen soll. Er ist Kunsthistoriker. Seine wissenschaftliche Arbeit über Pierre Bonnard, mit der er seit Jahren nicht vorankommt, möchte er endlich fertigstellen, aber es fehlt ihm auch jetzt der Elan dazu. Er fragt sich, was aus seiner Tochter Claire werden soll. Seit dem Abbruch ihres Studiums der Kunstgeschichte leitet sie eine Anstalt für behinderte Kinder. Max hält sie nicht für hübsch und ist besorgt, weil sie bisher mit keinem Mann zusammen war. Einmal stellte sie Max zwar einen Freund namens Jerome vor, aber die Beziehung ging auseinander. Dafür machte sie ihren Vater verantwortlich; er habe Jerome vergrault, behauptete sie.

Das Haus, das Max mit Anna bewohnte, will er verkaufen. Er kann sich nicht vorstellen, nach Annas Tod darin weiter zu wohnen: in dieser „riesigen Echokammer“.

Ich muss zur Zeit die Welt in kleinen, sorgfältig abgemessenen Dosen zu mir nehmen, das ist eine Art homöopathische Heilkur, der ich mich unterziehe, obwohl ich mir nicht sicher bin, was diese Kur genau kurieren soll. Vielleicht lerne ich, wieder unter den Lebenden zu leben. Es zu üben, meine ich. Doch nein, das ist es nicht. Hier zu sein ist einfach eine Art, nirgendwo zu sein. (Seite 162)

Es hat ihm auch nicht geholfen, dass ihn alle auf dem Friedhof und während seiner Trauerzeit mit besonderer Freundlichkeit und Rücksichtnahme behandelten. Im Gegenteil: Er kam sich wie ein Schwindler vor. Denn er war „bloß als Zuschauer, als Komparse dabei gewesen, während Anna die ganze Arbeit des Sterbens alleine vollbracht hatte“ (Seite 171).

Wenn Max sich das quälende Dahinschwinden von Anna vor Augen führt, greift er in letzter Zeit schon gerne mal zu Cognac und trinkt öfters auch ein Glas zuviel [Alkoholkrankheit].

Habe ich schon über mein Trinken gesprochen? […] Ich trinke wie einer, der vor kurzem verwitwet – verwitwert? ist – ein Mensch von geringem Talent und noch geringerem Ehrgeiz, der mit den Jahren grau geworden ist, unsicher und verirrt, einer der Trost braucht und den kurzen Aufschub eines durch das Trinken hervorgerufenen Vergessens. (Seite 168)

Max lädt den Colonel ein, mit ihm in einer Bar im Dorf etwas zu trinken. Der Colonel will aber nicht mitkommen, und so geht Max allein. Er trinkt einen doppelten Brandy nach dem anderen und lässt sich von einem Gast provozieren, sodass es zu einer Rangelei kommt, in die der Wirt eingreifen muss. Max scheint sich beruhigt zu haben, bestellt nochmals einen Brandy, und als dieser ihm verweigert wird, stürzt er zornig aus der Bar und torkelt in die „Zedern“-Villa. Im Treppenhaus begegnet er Colonel Blunden, mit dem er sogar noch eine Art von Unterhaltung führt. Max besinnt sich darauf, dass er auf dem Zimmer noch eine Brandyflasche hat. Die packt er sich unter den Mantel und geht noch einmal los. Er setzt sich am Strand in den Sand. Diese Flasche ist dann auch bald leer. Max fängt zu frieren an, rappelt sich hoch und geht in die Richtung zum Meer. Wollte er in die See waten und hinausschwimmen – „zu ihnen hinschwimmen“? Das weiß er nicht mehr. Jedenfalls stolpert er dann, schlägt mit der Schläfe auf einen Stein und verliert das Bewusstsein. – Der Colonel macht sich Sorgen, weil sein Mitbewohner so lange ausbleibt und sucht ihn. Und er schafft es, den Volltrunkenen auf sein Zimmer zu schleppen. Max wird es ganz fürchterlich übel; lauthals kotzt er aus dem Fenster und plumpst krachend auf den Fußboden, was wiederum den Colonel alarmiert, der entscheidet, dass medizinische Hilfe vonnöten ist.

Als Max am nächsten Morgen zu sich kommt, nimmt er einen jungen Mann wahr, der an seinem Schreibtisch sitzt.

Der Doktor, sagte er in einem Ton, als ob es auf der ganzen Welt nur einen einzigen gäbe, der Doktor, der vorhin da gewesen sei, während ich weg war – weg, so drückte er sich aus, und im ersten Moment fragte ich mich verwirrt, ob ich denn noch einmal, ohne es zu wissen, unten am Strand gewesen sei –, der Doktor also habe gesagt, dass ich scheinbar an einer mit einer zeitweiligen Alkoholvergiftung einhergehenden Gehirnerschütterng leide. Scheinbar? Scheinbar?
„Claire hat uns hergefahren“, sagte er. „Sie schläft jetzt.“ (Seite 213)

Der junge Mann ist Jerome! Miss Vavasour und der Colonel informierten offenbar Mr Mordens Tochter von der Malaise ihres Vaters. Als Claire unausgeschlafen Max gegenübertritt, überrumpelt sie ihn unverzüglich mit der Nachricht, sie habe sich verlobt. „Verlobt?“ Mit Jerome natürlich. Außerdem kündigt sie ihrem Vater energisch an, ihn nach Hause zu bringen, wo sie sich um ihn kümmern will.

Kümmern werde nicht zuletzt darin bestehen, wird mir bedeutet, mir alle alkoholischen Stimulanzien […] zu entziehen, und zwar so lange, bis der Doktor – der schon wieder –der Meinung ist, ich sei gesund genug für das eine oder für das andere, also lebenslänglich nehme ich an. (Seite 215)

Max mag es Claire gar nicht sagen, dass sein Bonnard-Buch bisher aus nichts weiter als „einem mutmaßlich ersten Kapitel“ besteht, und nur ein „Notizbuch voller unorigineller, halb garer Möchtegern-Aperçus existiert“. Nach Paris gehen und malen oder sich in ein Kloster zurückzuziehen wären Möglichkeiten, überlegt er; und das Haus werden sie mich wahrscheinlich auch nicht verkaufen lassen.

Max bedankt sich bei dem Colonel für dessen Hilfe, wahrscheinlich habe er ihm das Leben gerettet. Und beim Abschied von Miss Vavasour, der früheren Gouvernante Rose, erfährt er, dass Carlo und Connie Grace ihr die Stellung in der Pension „Zu den Zedern“ verschafften.

Anna ist jetzt seit einem Jahr tot. Max war nicht dabei, als sie starb.

Er war vor das Kliniktor gegangen und dachte an eine persönliche, körperliche Erfahrung, die sich ihm einprägte, in jenem traumatisierenden Sommer vor fünfzig Jahren in Ballyless an der See:

Ich stand bis zur Taille im Wasser […] Und während ich dort stand, ging plötzlich, nein, nicht plötzlich, eher wie ein allmähliches Heranwallen, ging da ein Wogen durch die ganze See, und das war keine Welle, sondern ein sanft rollendes Ansteigen, das aus den Tiefen herauszukommen schien, als hätte sich dort unten ein gewaltiges Etwas geregt, und ich wurde kurz hochgehoben und und Stückchen näher zum Ufer hin getragen und abgesetzt und stand wieder auf meinen Füßen, als wäre nichts geschehen. Und es war wirklich nichts geschehen, ein bedeutungsschweres Nichts, nichts als einfach nur wieder einmal ein gleichgültiges Achselzucken der großen Welt.

Eine Krankenschwester kam heraus, um mich zu holen, und ich drehte mich um und folgte ihr ins Haus, und es war, als ginge ich in die See. (Seite 218)

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Ein alternder Mann denkt an seine Frau, die vor kurzem an einem Krebsleiden starb: Max Morden versucht, diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten, und er muss sein Leben neu gestalten. Um nicht mehr in dem Haus zu sein, das er mit Anna in London bewohnte, fährt er an die Irische See, wo er vor fünfzig Jahren die Sommerferien verbrachte. Er will dort seine Gedanken ordnen. Mit diesem Ort verbinden ihn Erlebnisse, die ihm seither in Erinnerung blieben.

John Banville bzw. der Protagonist Max Morden erzählt diese Geschichte im Plauderton, ohne dabei platt oder banal zu werden. Er springt von einer Anekdote zur nächsten, wo ihm apropos noch etwas dazu einfällt und verliert dabei doch nie den Faden. Eine Episode mäandert zur nächsten und verzweigt sich nochmal; erstaunlich ist dabei, dass der Verlauf der Handlung durchaus strukturiert wirkt und den Leser nicht verwirrt. Es wäre fast untertrieben, von einem stream of consciousness als Erzählweise zu sprechen; eher ist es ein Strudel, der einen in die Gedankenwelt des Witwers zieht. Hervorzuheben sind die prägnanten Beschreibungen der Personen und ihrer Verhaltensweisen. Außergewöhnlich einfallsreiche Metaphern tragen ebenfalls zum unterhaltsamen Lesegenuss bei.

Für seinen vierzehnten Roman – „Die See“ – wurde John Banville 2005 mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet. Dabei hatte er sich gegen J. M. Coetzee („Schande“), Salman Rushdie („Die satanischen Verse“), Ian McEwan („Abbitte“) u. a. durchgesetzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2008
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

John Banville (kurze Biografie / Bibliografie)

John Banville: Das Buch der Beweise
John Banville: Geister
John Banville: Athena
John Banville: Der Unberührbare
John Banville: Sonnenfinsternis
John Banville: Caliban
John Banville: Unendlichkeiten
John Banville: Im Lichte der Vergangenheit

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