Christa Wolf : Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 2010 ISBN 3-518-42050-8, 416 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Schriftstellerin mit einem noch gültigen Pass der DDR fliegt nach der Wiedervereinigung als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Die Frau, die an die Utopie des Sozialismus glaubte, wird dort mit dem Kapitalismus konfrontiert. Vor ihrer Abreise erfuhr sie von einer Stasi-Akte über ihre Tätigkeit als IM. Wie hatte sie das verdrängen können? Die Frage quält sie.
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Kritik

"Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" ist weder Roman noch Essay. Christa Wolf betont zwar die Fiktionalität des Textes, aber die autobiografischen Bezüge sind unübersehbar und ohne einiges über die Schriftstellerin zu wissen, verstünde man den Text über die Selbsterforschung der Ich-Erzählerin nicht.
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Die Ich-Erzählerin, eine deutsche Schriftstellerin Mitte 60, fliegt 1992 für neun Monate als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Bei der Einreise wundert sich der Beamte über ihren blauen Pass. Der ist zwar noch gültig, wurde jedoch von einem Staat ausgestellt, den es nicht mehr gibt: der DDR. Ihre Unterkunft befindet sich im Apartmenthotel „Ms Victoria Old World Charm“ in Santa Monica. Während die jüngeren Stipendiaten die vom Center zur Verfügung gestellten Computer benutzen, um ihre Arbeiten zu schreiben, hat die Ich-Erzählerin eine elektrische Schreibmaschine mitgebracht.

Ihr Forschungsprojekt besteht darin, in Los Angeles nach einer Frau zu suchen, von der ihr die inzwischen an Krebs gestorbene Freundin Emma Schulze ein Konvolut von Briefen aus den Jahren 1945 bis 1979 vermacht hat. Die Stipendiatin kennt nur den Anfangsbuchstaben des Vornamens, mit dem die Absenderin ihre Briefe unterzeichnet hatte: L. Der älteste Brief ist vom September 1945 datiert. Damals erkundigte sich die aus dem Deutschen Reich emigrierte L., ob ihre in Berlin zurückgebliebene Freundin Emma den Krieg überlebt habe. Der letzte Brief ist vom Mai 1979 und wurde nicht von L. geschrieben, sondern von einer Frau namens Ruth, die Emma mitteilte, dass L. an Herzversagen gestorben sei.

In der vom Konsum geprägten Welt kommt sich die aus der DDR stammende Schriftstellerin wie auf einem Luxusdampfer vor. Interessiert beobachtet sie das Verhalten nicht nur der anderen Stipendiaten, sondern vor allem der Amerikaner. Als das Deutsche Reich Polen überfiel und den Zweiten Weltkrieg auslöste, war sie zehn Jahre alt. Sie hat nicht nur die NS-Diktatur, sondern auch das DDR-Regime er- und überlebt. Seit der Wende wird sie mit dem Kapitalismus konfrontiert – und das gilt in Los Angeles ganz besonders.

Dort trifft sie auch auf Menschen, die ihre Überzeugungen aus Sorge um ihre Karrieren verschweigen, zum Beispiel John und Judy, ein Ehepaar Mitte 40:

Judy und er teilten sich eine Soziologenstelle an der Universität, sie arbeiten über Industriemanagement und verhehlten nicht, dass sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung wegen ihres Zwangs zu endlosem wirtschaftlichem Wachstum für pervers hielten, aber mit dieser Meinung könnten sie nicht an die Öffentlichkeit gehen, sagten sie, noch nicht. Nicht nur, weil das auf lange Sicht ihren Job gefährden könnte, sondern vor allem, weil kaum jemand sie verstehen würde. Man hat es doch fertiggebracht, den Leuten einzureden, sagte John, dass sie in der besten aller möglichen Welten leben, und solange sie das gegen allen Augenschein glauben, sind sie taub für andere Meinungen. […]
Man würde uns unter verrückt verbuchen, sagte John, so weit haben wir uns mit unseren Ansichten an den Rand der Gesellschaft manövriert. Ich hätte vielleicht schon gemerkt, wie stark der Anpassungsdruck in den Staaten sei und wie wenig er von den Betroffenen überhaupt wahrgenommen werde.

Der Schriftstellerin wäre es in der DDR nie in den Sinn gekommen, aus opportunistischen Gründen ihre Ansichten zu verleugnen. Sie protestierte gegen politische Entscheidungen, die sie für falsch hielt. Dem Regime stand sie kritisch gegenüber, aber sie glaubte an die sozialistische Utopie, und der Fall der Mauer war für sie kein Jubeltag:

Zwiespältig? dachte ich. Hatte ich zwiespältige Gefühle, als wir dann auf dem Nachhausweg in unserem Auto lange an der Kreuzung Schönhauser / Bornholmer Straße stehen mussten, weil der Strom der Trabis und Wartburgs, der auf den Grenzübergang Bornholmer zuflutete, nicht abriss? Was habe ich da wirklich gefühlt? Freude? Triumph? Erleichterung? Nein. Etwas wie Schrecken. Etwas wie Scham. Etwas wie Bedrückung. Und Resignation. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Sie empfand die Wiedervereinigung als eine Art Kolonialisierung des Ostens durch den Westen.

WAS WÄRE DENN DAS RICHTIGE LEBEN IM RICHTIGEN GEWESEN, WENN ES UNS BEI KRIEGSENDE GEGLÜCKT WÄRE, MIT UNSEREM FLÜCHTLINGSTRECK NOCH ÜBER DIE ELBE ZU KOMMEN, DER WIR DOCH MIT DER LETZTEN KRAFT DER ZUGPFERDE ZUSTREBTEN? WÄRE ICH UNTER DEN ANDEREN, DEN RICHTIGEN VERHÄLTNISSEN EIN ANDERER MENSCH GEWORDEN? KLÜGER, BESSER, OHNE SCHULD? ABER WARUM KANN ICH IMMER NOCH NICHT WÜNSCHEN, MEIN LEBEN ZU TAUSCHEN GEGEN JENES LEICHTERE, BESSERE?

Vor ihrer Abreise hatte sie noch Einsicht in die vom Ministerium für Staatssicherheit über sie angelegten Akten genommen und erfahren, von wem sie ausspioniert worden war. In Los Angeles erzählt sie einem ihrer neuen Freunde davon:

Es war Abend geworden, ich merkte, Francesco hatte genug, er wollte gehen, aber ich musste ihn festhalten. Jetzt käme ich erst zu dem Eigentlichen, was ich ihm erzählen müsste […]. Der letzte Tag in der Behörde, endlich. Du habest die zweiundvierzig Aktenbände mehr oder weniger gründlich durchgesehen, habest die Klarnamen der Spitzel erfahren und wieder vergessen, du dachtest, du hättest es hinter dir, da druckste deine Betreuerin, zu der du ein beinahe freundschaftliches Verhältnis entwickelt hattest und die deine Akten besser kannte als du selbst, herum: Es sei da noch etwas. Sofort überkam dich ein Gefühl von drohendem Unheil, ohne dass du ahntest, was da noch sein könne, aber du wolltest es wissen, gleich. Sie zögerte. Sie dürfe dir deine „Täterakte“- zum ersten Mal dieses Wort! – nicht zeigen, dazu habe sie sich verpflichtet. Du hast insistiert. Schließlich hat sie dir das Versprechen abgenommen, niemandem zu sagen, dass sie gegen diese Anweisung verstoßen habe. […]
Deine Betreuerin, die den Hefter hastig wieder an sich zog, sagte: Dies alles sei ja mehr alls dreißig Jahre her, geschehen sei fast nichts, und danach kämen meterweise „Opferakten“, da müsse doch jeder einsehen, wie unerheblich dieser alte Vorgang sei, doch sie habe mich nicht ungewarnt in die Falle laufen lassen wollen, die sich bald auftun werde. Schließlich lese sie ja auch die Zeitungen. Jeder Journalist, der sie anfordere, komme an diese Akte – laut Gesetz! -, und wie sie meine Lage einschätze, sei es doch nur eine Frage der Zeit, bis jemand einen Tip erhalte und meine Spur aufnehme.

Dass sie drei Jahre lang inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi gewesen war, hatte sie völlig verdrängt. Sie kennt zwar Sigmund Freuds These, dass wir ohne Vergessen gar nicht leben könnten, aber wie hatte sie diesen Teil ihrer Vergangenheit ausblenden können?

DER BLINDE FLECK
schrieb ich […] auf meinem Maschinchen, VIELLEICHT IST ES UNS AUFGEGEBEN, DEN BLINDEN FLECK, DER ANSCHEINEND IM ZENTRUM UNSERE BEWUSSTSEINS SITZT UND DESHALB VON UNS NICHT BEMERKT WERDEN KANN, ALLMÄHLICH VON DEN RÄNDERN HER ZU VERKLEINERN, SODASS WIR ETWAS MEHR RAUM GEWINNEN, DER UNS SICHTBAR WIRD. BENENNBAR WIRD, ABER, schrieb ich, KÖNNEN WIR DAS ÜBERHAUPT WOLLEN, IST ES NICHT ZU GEFÄHRLICH, ZU SCHMERZHAFT.

Von Los Angeles aus schickt sie einer deutschen Zeitung einen Bericht über ihre Tätigkeit für die Stasi. Die daraufhin in den Medien sich auftürmende Woge der Empörung stürzt die Schriftstellerin in eine Depression.

In dieser Krise, in der die Selbsterforschung zu einem Abstieg in die Hölle wird, helfen ihr die mit Prof. Peter Gutman fast täglich geführten Gespräche. Sie lernten sich kennen, als sie vor dem „Ms Victoria“ seine Brieftasche gefunden hatte. Der aus Deutschland stammende jüdische Germanist bewohnt das Apartment über ihrem und hat im Center sein Büro neben dem ihren. Peter Gutman hört ihr zu und bringt neue Gesichtspunkte in ihre Auseinandersetzung mit sich selbst ein.

Im Apartment der Schriftstellerin lernt er Ruth kennen, die Absenderin der Nachricht über L.s Tod. Die Initiale L steht für Lily. Ruth war mit der aus Berlin stammenden Psychoanalytikerin eng befreundet. Obwohl Lily nicht von den Nationalsozialisten verfolgt worden war, hatte sie das Deutsche Reich verlassen, weil sie sonst ihren Beruf nicht ungehindert hätte ausüben können. Außerdem handelte es sich bei dem Mann, der mehr als 40 Jahre lang ihr Geliebter war, um einen Juden, der emigrieren musste, um sein Leben zu retten. Er war verheiratet, aber die beiden Frauen Ruth und Dora teilten ihn sich ohne Eifersucht. Bevor Ruth den Namen des Mannes ausspricht, ahnt Peter Gutman, dass es sich um den Philosophen handelt, dessen Werk ihn geprägt hat und dessen Biografie er schreiben wollte.

Der habe, sagte Ruth, immer verzweifelter im Menschen eine Fehlkonstruktion gesehen, dazu gemacht, um kurzfristiger Vergnügungen willen seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Er habe geargwöhnt, das Bedürfnis zur Selbstzerstörung sei in unseren Genen angelegt.

Schließlich fragt Peter Gutman, wie der Philosoph gestorben sei. Und er wundert sich nicht, als Ruth sagt, er habe sich selbst das Leben genommen.

Vor der Rückreise besucht die Ich-Erzählerin noch ein Reservat der Ureinwohner, den Grand Canyon, Las Vegas und das Dessert Valley. Angelina, ihr Schutzengel seit einem dreitägigen Fieber, begleitet sie dabei. Die Autorin glaubt, mit dem Engel über Los Angeles zu schweben. Sie nimmt Abschied.

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Zwar steht nicht „Roman“ unter dem Titel „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, aber auf dem Umschlag bezeichnet der Suhrkamp Verlag das Buch als „neuen großen Roman von Christa Wolf“. Und das ist irreführend.

Christa Wolf betont im Vorspann, dass es sich um einen fiktionalen Text handele:

Alle Figuren in diesem Buch, mit Ausnahme der namentlich angeführten historischen Persönlichkeiten, sind Erfindungen der Erzählerin. Keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person. Ebenso wenig decken sich beschriebene Episodenmit tatsächlichen Vorgängen.

Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos und nennt keine Jahreszahlen. Die autobiografischen Bezüge sind jedoch unübersehbar, und ohne einiges über Christa Wolf zu wissen, verstünde man „Stadt der Engel“ nicht.

Den Rahmen bildet der neun Monate dauernde Aufenthalt einer Stipendiatin in Los Angeles. Im Buch bleibt er undatiert, aber wir wissen, dass Christa Wolf von September 1992 bis Juli 1993 als Scholar am Getty Center in Santa Monica war und im Januar 1993 in einem Bericht für die „Berliner Zeitung“ gestand, von 1959 bis 1962 für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR „IM Margarete“ gewesen zu sein. Diese Monate in Los Angeles sind für die Ich-Erzählerin, die aufgrund der erfahrenen Umbrüche in eine Lebenskrise geraten ist, eine Zeit des Nachdenkens über sich selbst, und das Schreiben wirkt dabei wie eine Therapie.

Mit Psychotherapie assoziiert man denn auch den zweiten Teil des Titels. „The Overcoat of Dr. Freud“ ist der Mantel, der das Unbewusste und Verdrängte verhüllt.

Christa Wolf mischt in „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ Notizen, Erinnerungen, Träume, Gedanken, Auszüge aus Briefen. Obwohl sich die Rahmenhandlung um einen Auslandsaufenthalt dreht und die Ich-Erzählerin durchaus Beobachtungen über Land und Leute schildert, handelt es sich nicht um einen Reisebericht. Es geht um eine schmerzhafte Exkursion in die eigene Vergangenheit, um eine Selbsterforschung der Autorin.

In „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ sind Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwoben. Wenn sich die Erzählerin in der Gegenwart selbst meint, schreibt sie in der Ich-Form, aber sobald es um die Vergangenheit geht, wechselt sie zur zweiten Person Singular, mitunter sogar im selben Satz. Das Ich erzählt, das Du wird erinnert.

Das Buch enthält kluge und nachdenkliche Passagen, aber auch banale Beobachtungen. Eine Romanhandlung gibt es nicht, und dementsprechend fehlt es dem verkopften Text auch an Dramaturgie. Ein Essay ist „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ allerdings ebenso wenig wie ein Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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