Juli Zeh : Unterleuten

Unterleuten
Unterleuten Luchterhand Literaturverlag, München 2016 ISBN: 978-3-630-87487-6, 640 Seiten ISBN: 978-3-641-16729-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In dem brandenburgischen Dorf Unter­leuten hat der Sohn eines ent­eig­neten Großbauern das Sagen. Mit Geld aus seinem land­wirt­schaft­lichen Unternehmen tut er viel für den Ort, wird aber von einem überzeugten Kommunisten bekämpft. In diesen Konflikt geraten Stadtflüchtige, die sich in der vermeint­lichen Idylle ange­sie­delt haben: ein Vogelschützer mit seiner Familie und eine Pferdewirtin mit ihrem Mann ...
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Kritik

Juli Zeh wechselt in "Unterleuten" von Kapitel zu Kapitel die Perspek­tive. So erleben wir, wie sich facet­ten­reich dargestellte Personen auf­grund von Fehl­ein­schätzungen ver­galoppieren. Gruppendynamische Vorgänge könnten nicht besser veranschaulicht werden.
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Unterleuten

Die Handlung spielt 2010 in dem brandenburgischen Dorf Unterleuten, eine Autostunde von Berlin entfernt. Die Bewohner müssen für Besorgungen nach Plausitz fahren.

Im Dorf gab es keine Geschäfte, keinen Arzt, keinen Pfarrer, keine Post, keine Apotheke, keine Schule, keinen Bahnhof – es gab nicht einmal Kanalisation.

Die Straßenbeleuchtung stammt noch aus DDR-Zeiten. Das einzig Neue ist eine 1998 gebaute Horizontalfilterbrunnenanlage, mit der die Wasserversorgung der Haushalte in Unterleuten vom Plausitzer Zweckverband abgekoppelt wurde. Einen Polizeiposten benötigt man in Unterleuten nicht, denn die Bewohner regeln ihre Angelegenheiten untereinander. Das Machtgefüge und Beziehungsgeflecht basiert auf einem Gefälligkeiten-Karussell.

Jeder geleistete Gefallen stellte eine Investition in die Zukunft dar. Denn so lautete die Definition von Macht: die Möglichkeit, in Zukunft etwas von einem anderen zu verlangen.

Verblüffend ist die Unzuverlässigkeit des „Dorffunks“.

Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten, die sich weitererzählen ließen.

Die vermeintliche Idylle hat sowohl Linda Franzen und Frederik Wachs als auch Jule Weiland und Gerhard Fließ nach Unterleuten gelockt.

Jule Weiland und Gerhard Fließ

Vor fünf Jahren, als Gerhard Fließ noch Soziologie-Professor an der Humboldt-Universität war, fiel ihm Jule Weiland in einem Seminar auf. Trotz der Skandal­trächtigkeit einer Liebesbeziehung zwischen einem geschiedenen Professor und einer 20 Jahre jüngeren Doktorandin wurden sie ein Paar. Und sie beschlossen, von der Großstadt aufs Land zu ziehen. Am Rand von Unterleuten fanden sie ein Haus mit einem 5000 Quadratmeter großen Garten, das ihnen nicht nur gefiel, sondern auch günstig zu haben war. Gerhard Fließ wechselte von der Universität in Berlin zur Naturschutzbehörde in Plausitz und wurde Vogelschützer, unter anderem für 32 Kampfläufer in der Unterleutner Heide.

Die Angst, das urbane Leben zu vermissen, geriet bald in Vergessenheit, ebenso wie Jules Pläne, dreimal pro Woche in die Stadt zu pendeln, um eine Promotion über die destruktiven Auswirkungen des kapitalistischen Glücksversprechens zu schreiben. Stattdessen stürzte sich Jule in die Aufgabe, die bröckelnde Idylle in eine blühende Landschaft zu verwandeln. Während sich Gerhard in seine neue Rolle als Vogelschützer einfand und die Kollegen vom Naturschutz langsam überzeugte, dass ein habilitierter Soziologe vielleicht überqualifiziert, aber nicht komplett unfähig war, rodete Jule in abgeschnittenen Jeans und verschwitztem T-Shirt den Garten mit einer Sense.

Er war stolz darauf, in den ersten drei Jahren als Vogelschützer siebzehn Bauvorhaben verhindert und elf weitere mit einschränkenden Auflagen versehen zu haben.

Seit Jule vor sechs Monaten die Tochter Sophie gebar, kreist ihr Denken und Handeln um das Baby, das sie alle paar Stunden stillt.

In den letzten Wochen der Schwangerschaft zog ein Mechaniker namens Bodo Schaller auf den verwahrlosten Hof nebenan, transportierte Unmengen von Schrott an und richtete so etwas wie eine Autowerkstatt ein. Gerhard Fließ scheiterte mit dem Vorhaben, den Betrieb mit Vogelschutz-Argumenten verbieten zu lassen, aber Schaller revanchiert sich nun dafür, indem er tagelang Autoreifen an der Grundstücksgrenze verbrennt, sodass Jule und Gerhard trotz der Sommerhitze Fenster und Türen geschlossen halten müssen.

Er hatte den Vogelschützern nichts getan. Sie hätten herüberkommen können und mit ihm reden. Stattdessen schickten sie einen Sakkoträger vom Bauamt, der ihm die Sanierung der Scheune verbot. Statisches Gutachten! Dass er nicht lachte! Schaller hatte sein Leben lang Dinge repariert, Häuser, Autos, Kühlschränke, Waschmaschinen. Das war nun einmal der Lauf der Welt: Sachen gingen kaputt und mussten repariert werden. Was er dafür gewiss nicht brauchte, war eine Genehmigung.

Unterleuten war Mischgebiet und kein Luftkurort für feindselige Vogelschützer. Schaller gründete eine Existenz, er schaffte einen Arbeitsplatz, nämlich für sich selbst. Außerdem brachte er seit Jahren Gombrowskis Traktoren mit oder ohne Bremsbeläge durch den TÜV, und Gombrowski spielte mit dem Bürgermeister Skat.

Man sprach miteinander, fand eine Lösung. Man gab sich die Hand und ging als Freunde auseinander. In der Welt von Frauen und Westdeutschen kam ein solches Verhalten nicht vor. Sie schickten Briefe oder gleich den Anwalt oder fingen an zu schreien und zu heulen und wunderten sich hinterher, wenn man ihnen nur mit äußerster Vorsicht begegnete.

[…] kamen noch die Spinner aus dem Westen. Die einen spielten Superkapitalisten […]. Die anderen gehörten zur Kategorie „Weltenretter“, zogen nach Unterleuten, um im Auftrag des Naturschutzes ein paar dämliche Vögel gegen die örtliche Landwirtschaft zu verteidigen, und verwandelten jedes neue Silo und jede geplante Flächenumnutzung in eine Staatsaffäre mit Genehmigungspflichten, reihenweise Aktenordnern und nervtötenden Behördenverfahren.

Linda Franzen und Frederik Wachs

Linda Franzen und Frederik Wachs kamen aus Oldenburg nach Unterleuten. Frederik studierte Informatik. Sein jüngerer Bruder Timo und dessen Freund Ronny gründeten im Alter von 17 Jahren die Firma Weirdo, um das von ihnen entwickelte Computerspiel zu vermarkten. Sie hatten Frederik eingeladen, der dritte Mitinhaber zu werden, aber er glaubte nicht an den Erfolg – bis die Einnahmen sprudelten. Daraufhin brach er sein Studium ab und ließ sich von Weirdo als Entwickler einstellen. Vor drei Jahren verlegte das Unternehmen seinen Sitz nach Berlin, und Frederik musste Oldenburg verlassen, wenn er seinen Job nicht verlieren wollte.

Obwohl weder er noch seine Frau Linda Franzen Eigenkapital einbringen konnten, gelang es ihnen, den Kauf eines Hauses in Unterleuten mit Krediten zu finanzieren. Frederik hätte auch seinen inzwischen reichen, zwei Jahre jüngeren Bruder Timo um das Geld bitten können, aber das ließ sein Stolz nicht zu. Die ausgebildete Pferdewirtin Linda Franzen musste zwar in Oldenburg den vierjährigen Hengst Bergamotte zurücklassen, will aber das Tier so schnell wie möglich nach Unterleuten holen. Linda, die den Inhalt des Ratgebers „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz verinnerlicht hat, bietet in Berlin und Brandenburg nicht nur Schulungen für Pferdebesitzer an, die nicht mit ihren Tieren zurechtkommen, sondern auch Management-Kurse mit Pferden („kooperative Dominanz und non-verbal leading“). Um Bergamotte nach Unterleuten holen und auch andere Pferde halten zu können, will Linda Stallungen und Koppeln anlegen. Aber Gerhard Fließ schickt ihr ein Schreiben:

Sehr geehrte Frau Franzen,
heute teilen wir Ihnen das Folgende mit:
1.) Der Vogelschutzwarte Unterleutner Heide liegen Hinweise vor, dass Sie beabsichtigen, am Rand der Unterleutner Heide ein Nebengebäude umzunutzen. Die Unterleutner Heide gehört zum europäischen Vogelschutzreservat Unterleuten, in dem sich die letzten Brutstätten der Kampfläufer befinden. Von baulichen Veränderungen in ihrem Sichtfeld können sich die Kampfläufer gestört fühlen. Hiermit teilen wir Ihnen heute schon mit, dass wir das genannte Bauvorhaben beim Bauamt Plausitz zur Anzeige bringen werden.
2.) Weiterhin liegen uns Hinweise vor, dass Sie in der Unterleutner Heide die Errichtung großräumiger Einzäunungen planen. Zaunanlagen im Landschaftsschutzgebiet Unterleutner Heide sind genehmigungspflichtig.

Durch die Vogelschützer lässt Linda sich nicht entmutigen. Sie gibt ihr Vorhaben nicht auf.

Bodo Schaller

Bodo Schaller betrieb eine Werkstatt in Niederleusa, 15 Kilometer von Unterleuten entfernt, bis er am 3. November 2008 mit dem Motorrad verunglückte. Er prallte gegen ein Auto, das aus einem Forstweg auf die Straße einbog. Der Fahrer beging Unfallflucht und konnte nicht ermittelt werden. Nach 25 Tagen im künstlichen Koma kam Bodo Schaller in einer Berliner Klinik wieder zu sich. Dass er sich an nichts mehr erinnern konnte, erklärten die Ärzte mit einer retrograden Amnesie. Seine Tochter Miriam besuchte ihn jeden Tag im Krankenhaus. Von ihr erfuhr er schließlich, dass seine Frau Susanne sofort nach dem Unfall mit Miriam nach Berlin gezogen war. Als er nach Hause kam, tauchte ein Immobilienmakler mit Kaufinteressenten auf.

Schaller hatte nicht einmal gewusst, dass sein Haus zum Verkauf stand. Auch nicht, dass es gar nicht sein Haus war, weil nur Susanne im Grundbuch stand.

Es dauerte Tage, bis Schaller das Ausmaß der Katastrophe begriff. Nach Miriams und Susannes Wegzug hatten die Kunden ihre Autos abgeholt und hier und da noch ein weiteres mitgenommen. Das Werkzeug und ein Großteil der Gerätschaften waren verschwunden, inklusive der Hebebühne, die Schaller für seine Arbeit dringend brauchte. Nach der Plünderung hatten Jugendliche den Hof als Treffpunkt benutzt, bis der Gerichtsvollzieher bei dem Versuch, die traurigen Reste zu pfänden, den Hof mit Ketten verschloss.

Vor einem Jahr verschaffte Gombrowski ihm den Hof in Unterleuten.

Gelegentlich fragte sich Schaller, was einen Mann wie Gombrowski veranlassen konnte, ihm ohne Zögern ein Haus zu schenken.

Rudolf Gombrowski

Rudolf Gombrowskis Vater hatte 250 Hektar Land in der Umgebung von Unterleuten bewirtschaftet, aber nach der Gründung der DDR galt er als Klassenfeind. „Junkerland in Bauernhand“, lautete die Forderung. Als der Sohn Rudolf 13 Jahre alt war, zündeten Kommunisten den Kornspeicher an.

Damals hatte das Feuer im Kornspeicher auf mehrere Nebengebäude übergegriffen und die halbe Ernte vernichtet. Die ganze Nacht waren [Rudolf] Gombrowskis Eltern und ihre Leute im Einsatz, um die Tiere zu evakuieren und zu verhindern, dass die Flammen das Dorf erfassten. Danach hatte der Vater kapituliert. Am 2. April 1960 brachte er 170 Hektar Land sowie sämtliche Maschinen in eine LPG ein, die „Gute Hoffnung“ genannt wurde.

Drei Jahre später starb Rudolf Gombrowskis Vater. Der Junior fing 1971, nach dem Landwirtschafts-Studium, in der LPG „Gute Hoffnung“ zu arbeiten an. Der überzeugte Kommunist Kron, der 1960 als 20-Jähriger zu den Aufwieglern gehört hatte, war dem Neuling um zehn Arbeitsjahre voraus, aber Gombrowski überholte ihn auf der Karriereleiter und löste ihn zu Beginn der Achtzigerjahre als Vorsitzenden ab. Nach der Wiedervereinigung verhinderte Gombrowski die Liquidation der LPG und Verschleuderung des Bodens an Spekulanten, indem er die Ökologica GmbH gründete und die alleinige Geschäftsführung übernahm. Die Ökologica GmbH hat sich inzwischen um Unterleuten verdient gemacht.

Sie betrieb Kindergarten, Erholungsheim und ärztlichen Versorgungsdienst. Sie hatte sich um Instandhaltung der Straßen, Leerung der Sammelgruben und Beleuchtung des öffentlichen Raums gekümmert.

Dass er [Rudolf Gombrowski] seit Jahrzehnten seine ganze Kraft der Aufgabe widme, Unterleuten als lebenswerten Ort zu bewahren. Wie er Dorf und Betrieb erst gegen die Dummheit des Kommunismus, dann gegen die Gier des Kapitalismus verteidigt habe. Dass die Feuerwehr heutzutage ohne die Spenden der Ökologica kein betriebsbereites Fahrzeug besäße. Dass der Kindergarten […] nur durch Unterstützung der Ökologica existiere. Dass sich Gombrowski gemeinsam mit Arne bemühe, einmal pro Woche einen Arzt aus Neuruppin nach Unterleuten zu holen, damit die Alten ihre Rezepte und die Kinder ihre Impfungen erhielten.

Elena Gombrowski

Vor 40 Jahren heirateten Rudolf Gombrowski und Elena Niehaus. Ihre Tochter Püppi hat das ihr verhasste Dorf Unterleuten längst verlassen.

Sie lebte in Freiburg, wo sie auf Gombrowskis Kosten an der „von euch am weitesten entfernten Universität der Republik“ ein ebenso langwieriges wie hochnäsiges Studium durchgeführt hatte. Weil es mit ihrem Doktortitel in Klugscheißerei nur zu einer halben Assistentenstelle reichte, hatte Gombrowski ihr eine Wohnung gekauft. Trotz allem besaß sie die Dreistigkeit, es peinlich zu finden, dass das Geld, von dem sie lebte, mit Mähdreschern und Melkmaschinen verdient wurde.

Hilde Kessler

Rudolf Gombrowski wurde eine Liebesbeziehung mit Hilde, der Hauptbuchhalterin der LPG, nachgesagt. Die heiratete überraschend Erik Kessler von der Erntebrigade, aber als sie bald darauf die Tochter Betty gebar, gingen alle davon aus, dass Gombrowski sie geschwängert und daraufhin die Eheschließung organisiert habe.

Betty absolvierte bei Ökologica eine Berufsausbildung als Landwirtin und gilt seit zehn Jahren als Gombrowskis rechte Hand.

Erik Kessler wurde bei einem Gewitter am 3. November 1991 von einem herabstürzenden Ast im Wald erschlagen. Gombrowski kommt seither für den Unterhalt der Witwe auf, die er im Nachbarhaus untergebracht hat. Hilde Kessler hatte nach dem Tod ihres Mannes erwartet, dass Rudolf Gombrowski sich scheiden lassen und sie heiraten würde. Dass er es nicht tat, hat sie ihm nicht verziehen. Sie verlässt kaum noch das Haus, dessen Räume sie inzwischen mit ungefähr 20 Katzen teilt.

Tatsächlich war Gombrowski kein einziges Mal mit Hilde intim gewesen, obwohl er sie liebte.

Gott hatte Spaß daran, Hilde und mich ein paar Jahre zu spät miteinander bekannt zu machen, obwohl er ganz genau wusste, dass wir füreinander bestimmt waren. Stattdessen waren wir dann beide mit der falschen Person verheiratet. Aber man betrügt seine Familie nicht.

Kron

Ebenso wie die Gombrowskis gehören die Krons zu den Familien in Unterleuten, die schon seit Generationen hier leben, aber die einen waren Groß- und die anderen Kleinbauern. Krons Frau verließ ihn und die Tochter kurz nach Kathrins zweitem Geburtstag; sie setzte sich in den Westen ab. Damit wurde Kron zum ersten und bislang einzigen alleinerziehenden Vater in Unterleuten.

Neben seiner Arbeit in der LPG erledigte er den Haushalt, kochte, putzte, wusch die Wäsche. Die Tage verbrachte Kathrin bei Barbara im Kindergarten.

Während des Gewitters am 3. November 1991, bei dem Erik Kessler ums Leben kam, wurde Krons rechtes Bein zertrümmert. Kathrin war damals 15 Jahre alt. Seither hat Kron keine Arbeit mehr, und die Invalidenrente reicht vorne und hinten nicht. Aber als Gombrowski ihm ein Stück Wald überschreiben wollte, lehnte er die Schenkung ab.

Kurz nach der Wiedervereinigung fuhr Kathrin in der Absicht, Unterleuten für immer hinter sich zu lassen, zu ihrer Mutter nach Düsseldorf.

Dass sich die geplante Auswanderung in einen Kurzbesuch verwandelte, lag nicht an der fremden Frau, die sie auf dem Düsseldorfer Bahnsteig abholte. Auch nicht an dem gesichtslosen Mann am Steuer eines Sportwagens, auf dessen Rückbank Kathrin mit angezogenen Knien kauerte. Schuld trug das hellgrüne Reihenhaus in einer Vorortsiedlung, das auf einem mit Buchsbaum bepflanzten Handtuch stand.

Kathrin studierte Medizin und kehrte dann mit ihrem Ehemann Wolf Hübschke, einem erfolglosen Dramatiker, nach Unterleuten zurück. Obwohl sie in West­deutschland ein höheres Gehalt bekommen hätte, begnügte sie sich mit einer Stelle am Krankenhaus in Neuruppin, als Pathologin, weil sie geregelte Arbeitszeiten und ein Leben ohne Nachtschichten schätzt. Die Familie Kron-Hübschke wohnt in Unterleuten neben dem Bürgermeister Arne Seidel, aber zweimal pro Woche schaut Kathrin nach ihrem Vater im Jagdhaus. Kathrin und Wolf haben eine fünfjährige Tochter, die sie „Krönchen“ nennen.

Arne Seidel

Arne Seidel hatte nach dem Studium als Veterinär-Ingenieur in der LPG „Gute Hoffnung“ zu arbeiten angefangen und war 1979 nach Unterleuten gezogen. Barbara, die den Kindergarten der LPG betreute, wurde seine Frau. Sein Studienabschluss gilt seit der Wende nichts mehr. Und als seine Frau bald nach der Wieder­vereinigung starb, fand er heraus, dass sie ihn und andere unter dem Decknamen „Magdalena“ für die Stasi bespitzelt hatte. Damals wäre Arne Seidel zugrunde gegangen, wenn ihn nicht Rudolf Gombrowski dazu gebracht hätte, für das Amt des Bürgermeisters von Unterleuten zu kandidieren. Seither sorgt Gombrowski alle vier Jahre für seine Wiederwahl, und Arne Seidel begleitet dessen Projekte „mit genehmigungsfreundlichem Wohlwollen“.

Windräder

Der Bürgermeister hat die Bewohner von Unterleuten zu einer Dorfversammlung in die einzige Gaststätte eingeladen, in den „Märkischen Landmann“. Ein junger Mann in Jeans und Sakko kommt mit einem Beamer dazu. Arne Seidel stellt ihn als Herrn Pilz aus Freudenstadt vor und fügt hinzu, er werde im Auftrag der Vento Direct GmbH über erneuerbare Energien sprechen. Den Vortrag über den Bau von Windrädern hielt Pilz im letzten halben Jahr bereits in 40 Dörfern. Protest ist er gewohnt; er zielt nicht auf Zustimmung ab, sondern auf Resignation. Hier hat er es auf ein Eignungsgebiet von etwa achtzehn Hektar abgesehen, das als Schiefe Kappe auf der Plausitzer Höhe bekannt ist.

Gerhard Fließ kündigt den Widerstand der Vogelschutzwarte Unterleuten gegen des Projekts an und verweist darauf, dass das 40 Meter lange Rotorblatt eines Windrads, dessen Nabenhöhe 120 Meter beträgt, mit 230 Stundenkilometern auf den Körper eines die Bahn querenden Zugvogels trifft. Was er nicht erwähnt: Er und seine Familie blicken von ihren Fenstern direkt auf die Schiefe Kappe.

Wenn auf der Anhöhe im Westen ein Windpark stünde, wäre Gerhards Haus, für dessen Sanierung er sich bis an sein Lebensende verschuldet hatte, keinen Pfifferling mehr wert.

Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz erreichte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten.

Pilz, der weiß, dass die Gemeindekassen leer sind, führt aus, dass Unterleuten durch einen Windpark mit 200 000 Euro Gewerbesteuer rechnen könne. Dazu kämen für den Eigentümer des Grundstücks pro Windrad 15 000 Euro pro Jahr, und zehn Windräder seien geplant.

„Außerdem fühlt sich die Vento Direct traditionell für ihre Standorte verantwortlich. Wir engagieren uns für lokale Belange. Spenden für die Feuerwehr gehören ebenso dazu wie die Unterstützung von Sportvereinen und Kindergärten.“

Für den Windpark wäre eine Mindestfläche von zehn Hektar erforderlich. Gombrowski und ein bayrischer Spekulant besitzen auf der Schiefen Kappe jeweils acht Hektar, Kron zwei, und zum Grundstück des Ehepaars Linda Franzen und Frederik Wachs gehören weitere zwei Hektar.

Gombrowski hofft, dass er mit Hilfe des Bürgermeisters zum Zug kommen werde, denn der Ökologica GmbH drohen ohne die Erschließung neuer Einnahmequellen Zahlungsschwierigkeiten, und ein Zusammenbruch des Unternehmens wäre auch für das Dorf Unterleuten eine Katastrophe. Er sucht Linda Franzen auf und bietet ihr 15 000 Euro pro Hektar, das Dreifache des Bodenrichtwerts. Aus ihrer Miene schließt er, dass sie gar nicht weiß, um was es geht. Beim Kauf des Hauses achtete sie nicht darauf, dass zu dem Besitz zwei Hektar Land auf der Schiefen Kappe gehören.

Die zwei Hektar im Nirgendwo waren gemeinsam mit Objekt 108 veräußert worden, als kläglicher Rest eines Grundbesitzes, der einst zur Villa gehört haben mochte. Ein „Gimmick“, wie der Makler es genannt hatte, zu weit weg vom Dorf.

Aber es dauert nicht lang, bis Linda begreift, welche Bedeutung ihr kleines Areal für die Besitzer der beiden größeren Grundstücke auf der Schiefen Kappe hat.

Während sie Gombrowski mit einer Entscheidung hinhält und ihn dazu bringt, sich dafür einzusetzen, dass sie die erforderlichen Baugenehmigungen für die Stallungen schneller als üblich bekommt, sichert sie dem Vogelschützer Gerhard Fließ in einem vertraulichen Gespräch zu, weder an die Ökologica noch an deren Geschäftsführer zu verkaufen. Damit erreicht sie, dass Fließ ihr verspricht, die Einwände gegen die Anlage von Pferdekoppeln und -stallungen zurückzunehmen.

Der Fremde, dem ebenfalls acht Hektar auf der Schiefen Kappe gehören – er heißt Konrad Meiler –, findet durch einen Besuch im Bauamt in Plausitz heraus, wer die übrigen Eigentümer sind, ruft daraufhin Linda Franzen in Unterleuten an und verabredet sich mit ihr am 19. Juli 2010 im Hotel Adlon in Berlin.

Konrad Meiler

Bei Konrad Meiler handelt es sich um einen schwerreichen Unternehmer in Ingolstadt, der das Grundstück auf der Schiefen Kappe erst kürzlich als Teil eines insgesamt 250 Hektar großen Gebiets für 2,5 Millionen Euro ersteigerte, einfach, weil er das Geld übrig hatte und mit einer mittel- oder langfristigen Wert­steigerung rechnete.

Die beiden älteren Söhne von ihm und seiner Ehefrau Mizzie verfolgen längst eigene Karrieren: Friedrich als Anwalt in Würzburg, Johannes als Urologe in Fürth. Nur Philipp, der mit 24 Jahren jüngste Sohn, hat keinen Halt gefunden. Er ist drogensüchtig. Mizzie kümmert sich zur Zeit in München um ihn.

Kürzlich wurde Konrad Meiler von Linda Franzen kontaktiert, weil sie vier Hektar des von ihm in Unterleuten erworbenen Grundbesitzes für die Anlage von Pferdekoppeln benötigt. Allerdings ließ er sie abblitzen. Aufgrund der Windpark-Pläne beurteilt er die Lage nun anders. Damit die Gesprächspartnerin auch merkt, dass er im Adlon logiert, sitzt er ohne Jackett in der Lobby. Linda Franzen setzt sich jedoch unbeeindruckt zu ihm. Konrad Meiler schlägt ihr einen Tausch ihres Grundstücks auf der Schiefen Kappe gegen das im Dorf gewünschte vor.

„Also, Frau Franzen“, sagte er. „Zwei Hektar am Waldrand gegen vier Hektar direkt im Dorf. Eigentlich müssten Sie mir den Wertunterschied ausgleichen, aber ich weiß ja, wie stark Sie mit der Sanierung Ihres großen Hauses belastet sind. Was sagen Sie?“
„Fünfzigtausend.“

Konrad Meiler bleibt nichts anderes übrig, als auf Linda Franzens Forderung einzugehen: ein Tausch der unterschiedlich großen Grundstücke und 50 000 Euro obendrein.

Geschäftsabschluss

Sobald Gerhard Fließ seine Einwände gegen Linda Franzens Pläne schriftlich zurückgenommen und sie die Baugenehmigungen bekommen hat, ruft sie Gombrowski an und erklärt ihm, sie könne nicht wie geplant an ihn verkaufen, denn sie habe Todesdrohungen von Gegnern des Windparks erhalten. Tatsächlich fand sie einen Handschuh mit abgeschnittenem Mittelfinger, eine Puppe ohne Kopf und andere Warnungen, die sie zwar nicht ernst nimmt, die ihr jedoch als vorgeschobenes Argument ins Konzept passen. Gombrowski durchschaut zwar den Betrug, kann aber nichts unternehmen.

Den von ihm bereits mit der Notarin Söldner in Berlin vereinbarten Termin nutzt Linda für den Vertragsabschluss mit Konrad Meiler.

In nur vier Wochen hatte sie es geschafft, die wichtigsten Zutaten für ihre Zukunft zu organisieren, vier Hektar Weideland hinter dem Haus, eine schriftliche Erlaubnis der Vogelschützer, dort Zäune zu bauen, eine Baugenehmigung sowie 50000 Euro für die Sanierung der Ställe.

Sie bringt zwar ihren von der Aussicht auf die Feindschaft der Bewohner von Unterleuten entsetzten Ehemann dazu, als Erster zu unterschreiben, aber danach verlangt er von ihr die Autoschlüssel und fährt ohne sie nach Unterleuten zurück. Unterwegs fällt ihm ein an seinem Heck klebender und nicht überholender Kastenwagen auf. Das Gefühl, verfolgt zu werden, tut er als paranoid ab, aber als ihm in einer ohnehin gefährlichen Kurve ein Traktor entgegenkommt, ahnt er, dass Gombrowski von dem Geschäftsabschluss erfahren hat und der Anschlag eigentlich nicht ihm, sondern seiner Frau gilt.

Ein Kind wird vermisst

Eines Abends vermisst Kathrin ihre Tochter. Verzweifelt läuft sie von Tür zu Tür und bittet die Dorfbewohner, nach Krönchen zu suchen. Gerhard Fließ dirigiert die vergebliche Suchaktion mit Taschenlampen im Wald. Er geht davon aus, dass Krons Enkelin entführt wurde und verdächtigt dessen Feind Gombrowski als Drahtzieher. Allerdings, so mutmaßt Gerhard Fließ weiter, werde das Opfer anderswo versteckt, und er glaubt auch zu wissen, wo: auf Schallers Hof. Als er dort nachsehen will, wirft Schaller mit Schrauben nach ihm und verjagt ihn. Der Bürgermeister alarmiert die Polizei und hofft, dass er die Männer, die Gombrowskis Hof stürmen wollen, noch bis zum Eintreffen des Streifenwagens zurückhalten kann .

Kurz bevor etwas passiert, taucht Krönchen wieder auf. Sie habe mit Tante Hildes Katzen gespielt, stammelt sie schluchzend, und sei dann von der Tante eingesperrt worden.

Hilde Kessler erklärt, Krönchen sei schon öfter durch ein offenes Fenster geklettert, um mit den Katzen zu spielen. An diesem Abend will Hilde Kessler es nicht bemerkt haben. Als Kathrin an der Tür war und nach ihrer Tochter fragte, sagte sie wahrheitsgemäß, sie wisse nicht, wo Krönchen sei. Später entdeckte sie das Kind. Offenbar war es eingeschlafen und nach dem Aufwachen in Panik geraten, weil es dunkel und die Haustüre verschlossen war.

Kaum jemand glaubt Hilde Kessler. Viele unterstellen Gombrowski, dass er das Kind entführte und bei seiner Geliebten versteckte. Noch in der Nacht zersplittert seine Terrassentür. Als Gombrowski aus dem Haus kommt, rennen die Männer weg. Einer von ihnen ist Kron, auch in der Dunkelheit an seiner Gehbehinderung leicht zu erkennen. Gombrowski zögert kurz, dann hetzt er seinen Mastiff auf Kron.

Linda Franzen beobachtet, wie Gombrowski seinen vom Hund gestellten Widersacher niederschlägt. Als er Krons Gehstock aufhebt und ausholt, wirft Linda sich zu Boden und schreit: „Mein Bein!“ Statt noch einmal zuzuschlagen, kümmert Gombrowski sich um die vermeintlich Gestürzte und Verletzte. Er hilft ihr aufzustehen und stützt sie auf dem Weg zur Eingangstreppe ihres Hauses. Gombrowski bietet ihr an, sie ins Krankenhaus zu fahren, aber nachdem Linda sich durch einen Blick über die Schulter vergewissert hat, dass Kron verschwunden ist, beendet sie das Hinken und versichert dem verblüfften Helfer, es sei alles in Ordnung. Am nächsten Tag bedankt er sich bei ihr:

„Ich war außer mir. Was auch immer passiert wäre, ich hätte es nicht gewollt.“

Drei Frauen verlassen Unterleuten

Am Morgen des 29. Juli 2010 holen Tierfänger aus Neuruppin gegen Hilde Kesslers Willen zwei Dutzend Katzen aus ihrem stinkenden Haus und transportieren die Tiere ab. Die verstörte alte Frau wird gleich darauf in ein Altersheim gebracht.

Elena Gombrowski begreift erst jetzt, dass ihr Hass gegen ihren Mann und Hilde Kessler ungerechtfertigt gewesen ist, weil die beiden sie nie betrogen haben. Die 61-Jährige bestellt ein Taxi aus Plausitz und lässt sich zum Bahnhof fahren. Die Mastiff-Hündin Fidi nimmt sie mit. In Berlin steigt sie nach Hannover um. Während der Zug dort Aufenthalt hat, setzt sie den Hund aus.

Noch eine Frau verlässt Unterleuten: Nachdem Gerhard den Nachbarn Bodo Schaller mit einem Schraubenschlüssel krankenhausreif schlug und von der Polizei festgenommen wurde, packt Jule ihre Sachen und reist mit ihrem Baby ab.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Vorgeschichte

Kron bekämpfte 1991 erbittert Gombrowskis Absicht, die LPG „Gute Hoffnung“ in die GmbH „Ökologica“ zu überführen. Er wollte kein von Gombrowski geführtes Privatunternehmen, sondern eine Genossenschaft und strebte die Gründung einer „Agrar Unterleuten e. G.“ an. Gombrowski bot seinem Widersacher damals ein Stück Forst als Gegenleistung für dessen Nachgeben an und bestellte ihn am 3. November 1991 in den Wald. Vorsichtshalber nahm Kron den Erntehelfer Erik Kessler mit. Als sie auf der vereinbarten Lichtung ankamen, begann ein Gewitter. Anstelle von Gombrowski tauchte Bodo Schaller auf, offenbar mit dem Auftrag, Kron einen Denkzettel zu verpassen. Im selben Augenblick war ein ohren­betäubender Knall zu hören; ein dicker Buchenast brach ab und traf Erik Kessler. Statt sich um ihn zu kümmern, stürzte sich Kron in blinder Wut auf Schaller, obwohl dieser viel stärker war und eine Eisenstange mitgebracht hatte. Schaller schlug den Angreifer nieder und zertrümmerte mit der Eisenstange das rechte Bein des am Boden Liegenden.

Kron wurde später geborgen und ins Krankenhaus gebracht. Für Erik Kessler kam jede Hllfe zu spät. Die Polizei ging davon aus, dass beide Opfer des Gewitters geworden seien.

Bald danach gründete Rudolf Gombrowski die Ökologica GmbH.

Rudolf Gombrowski

Nachdem Rudolf Gombrowski durch eine SMS der Tochter erfahren hat, dass Elena bei ihr in Freiburg ist, geht er am 11. August 2010 zu Fuß zu dem 1998 gebauten Brunnen. Weil er den Öffnungscode kennt, kann er die Anlage problemlos betreten, den schweren Einstiegsdeckel anheben und in den 20 Meter tiefen Schacht hinabsteigen. Über der Wasseroberfläche schneidet er sich die Pulsadern auf.

Von nun an würde der Brunnen Tag für Tag Gombrowski fördern, sämtliche Körpersäfte und Substanzen in allen Phasen organischer Zersetzung, und Unterleuten würde Gombrowski trinken, essen und sich mit ihm waschen, während die Polizei nach seinem Verbleib fahndete. Bis man im Rahmen der nächsten Wartung eine Wasserprobe nehmen und einen aufgeschreckten Techniker die Leiter hinabschicken würde.

Lucy Finkbeiner

Die Journalistin Lucy Finkbeiner liest bei Spiegel Online, dass in einem Dorf der Ostprignitz die Leiche eines 63-jährigen Landwirts aus einem Horizontal­filter­brunnen geborgen wurde. Am nächsten Tag fährt sie nach Unterleuten und hört sich drei Stunden lang in der Gaststätte „Märkischer Landmann“ um.

Windkraftanlagen sollten gebaut werden, ein junger Mann war bei einem Autounfall gestorben, ein älterer nach tätlichem Angriff ins Krankenhaus eingeliefert worden, eine Pferdefrau und eine Vogelfrau hatten das Dorf verlassen, es war zu einer Verhaftung gekommen, die Frau des Selbstmörders war verschwunden, ebenso wie ihr Hund, und einer gewissen Hilde waren zwanzig Katzen abhanden gekommen, weshalb sie ebenfalls nicht mehr in Unterleuten lebte.

Die Redaktion meint zwar, das sei kein Stoff für einen Artikel, sondern für einen Roman, aber Lucy Finkbeiner recherchiert, bis die transkribierten Interviews 20 Aktenordner füllen.

Angeblich erkrankten zahlreiche Dorfbewohner durch das Leichengift im Trinkwasser, und einer soll daran gestorben sein. Lucy Finkbeiner weiß jedoch, dass die beim Fäulnisprozess eines Kadavers entstehenden biogenen Amine weitgehend ungiftig sind.

Die Gerüchte, Frederik Wachs habe sich bei dem Autounfall das Genick gebrochen, erweisen sich als falsch. Er liegt im Krankenhaus und beginnt dort nach acht Wochen, an einem Konzept für ein digitales Naturschutzgebiet zu arbeiten. Die Polizei geht davon aus, dass er ohne Fremdverschulden die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren habe, und Frederik Wachs versucht nicht, diese Einschätzung zu korrigieren.

Linda Franzen wohnt angeblich wieder in Oldenburg. Das von ihr und Frederik Wachs in Unterleuten bewohnte Haus steht erneut zum Verkauf.

Gerhard Fließ wird nach kurzer Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen. Nun wartet er in Unterleuten auf den Prozess. Die Naturschutzbehörde in Plausitz kündigt ihm, und Jule Weiland, die jetzt in Berlin-Schöneberg an ihrer Dissertation über die destruktiven Auswirkungen des kapitalistischen Glücksversprechens weiterarbeitet, reicht die Scheidung ein.

Arne Seidel sorgt noch dafür, dass auf der Schiefen Kappe zehn Windräder gebaut werden. Dann tritt er zurück. Wie von ihm gewünscht, gibt Kathrin Kron-Hübschke ihre Anstellung als Pathologin im Krankenhaus auf und lässt sich zur Bürgermeisterin von Unterleuten wählen.

Ihr Vater stirbt im Februar 2011.

Wolf Hübschke, ihr Mann, stellt ein Theaterstück mit dem Titel „Fallwild“ fertig. In der Forstsprache versteht man darunter verendete Waldtiere, die nicht erlegt wurden. Das Stück, das sich um eine Dorfgemeinschaft dreht, die am Streit über ein paar Windräder zerbricht, wird auf einer kleinen Bühne in Graz uraufgeführt, aber bald wieder abgesetzt.

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Das fiktive Dorf Unterleuten stellt einen komplexen, die Gesellschaft repräsentierenden Mikrokosmos dar. Auf diese Weise veranschaulicht Juli Zeh in ihrem sozialkritischen Dorfroman „Unterleuten“ große Konflikte und Zeitfragen. Es geht um DDR-Geschichte (Zwangskollektivierung, Stasi-Bespitzelung, Republikflucht, Wende), Vergangenheitsbewältigung, Eheprobleme, Egozentrik, virtuelle Realität, Stadtflucht, naive Idealisten, Naturschutz und erneuerbare Energien, Spekulanten, Manipulation und Konfliktmanagement, Machtmissbrauch, Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaft, Unrecht. Die damit verbundene Kapitalismuskritik bettet Juli Zeh in die Handlung ein und trägt sie zwischendurch auch in treffsicheren Formulierungen vor:

Freiheit war der Name eines Systems, in dem sich der Mensch als Manager der eigenen Biographie gerierte und das Leben als Trainingscamp für den persönlichen Erfolg begriff. Der Kapitalismus hatte Gemeinsinn in Egoismus und Eigensinn in Anpasssungsfähigkeit verwandelt.

Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor. Einem wie Pilz ging es nicht mehr ums gute Leben, es ging nicht einmal um Geld. Was diese Generation antrieb, war der unbedingte Wunsch, alles richtig zu machen. Keine Fehler zu begehen und dadurch unangreifbar zu werden.

Wir leben in einer Welt, in der Ärzte das Gesundheitswesen zerstören. Universitäten zerstören das Wissen, Regierungen die Freiheit und Banken die Wirtschaft. Und Bauern die Natur.

Die Krankenhäuser hatten sich in Gesundheitsfabriken verwandelt, in denen sich eine industrialisierte Medizin nicht um den Patienten, sondern um die Bettenrendite kümmerte […].

Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, sagte Manfred Gortz, ist der faule Kern der demokratischen Idee.

„Win-win sagen die Abzocker, wenn mehr als ein Schwein Platz am Trog findet“, erklärte Kron.

Juli Zeh wechselt von Kapitel zu Kapitel die Perspektive (und verwendet die Namen der Figuren als Überschriften). Dadurch wird das Bild immer wieder relativiert und ergänzt. Auf diese Weise durchschauen wir als Leser Irrtümer und Selbsttäuschungen der Figuren; wir erleben, wie sich einige aufgrund von Fehleinschätzungen vergaloppieren.

Die Handlung kommt erst nach längerer Zeit in Gang, aber die Einführung der Figuren und die Beschreibung des Beziehungsgeflechts ist noch packender als die spannende Geschichte mit ihren Thriller-Elementen, denn Juli Zeh charakterisiert die Personen durch deren Handlungen und macht sie auf diese Weise lebendig. Gruppendynamische Vorgänge könnten nicht besser veranschaulicht und nachvollziehbar gemacht werden als in „Unterleuten“. Immer wieder staunt man beim Lesen über Juli Zehs Sachkenntnis, ihre feinen Beobachtungen und klugen Gedanken.

Den Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Helene Grass (ISBN 978-3-8445-2246-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

Juli Zeh: Adler und Engel
Juli Zeh: Schilf
Juli Zeh: Corpus Delicti
Juli Zeh: Nullzeit
Juli Zeh: Leere Herzen
Juli Zeh: Neujahr

Christine Brückner - Wenn du geredet hättest, Desdemona
Die Reden sind zwar fiktiv, aber inhaltlich und sprachlich einfühlsam zugeordnet. "Wenn du geredet hättest, Desdemona" ist ein gelungenes Beispiel ebenso engagierter wie kunstvoller Frauenliteratur.
Wenn du geredet hättest, Desdemona

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