3 / Drei

3 / Drei

3 / Drei

Originaltitel: 3 / Drei – Regie: Tom Tykwer – Drehbuch: Tom Tykwer – Kamera: Frank Griebe – Schnitt: Mathilde Bonnefoy – Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Gabriel Isaac Mounsey, Tom Tykwer – Darsteller: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Angela Winkler, Annedore Kleist, Alexander Hörbe, Winnie Böwe, Hans-Uwe Bauer, Carina Wiese, Dominique Chiout, Marita Hueber u.a. – 2010; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Die Fernsehmoderatorin Hanna und der Kunsttechniker Simon leben seit 20 Jahren zusammen in Berlin. Als Simon unerwartet wegen eines Hodenkarzinoms operiert werden muss und Hanna Bescheid sagen möchte, erreicht er nur die Mailbox. Sie hat ihr Handy ausgeschaltet, denn sie treibt es gerade mit dem Stammzellenforscher Adam. Zufällig lernen sich auch die beiden Männer kennen. Ohne etwas von der Dreiecksbeziehung zu ahnen, werden sie ebenfalls ein Paar ...
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Kritik

Die Tragikomödie "3" – "Drei" – von Tom Tykwer ist nicht nur inhaltlich überfrachtet, sondern auch formal überambitioniert. Dabei zerbröckelt die Handlung so wie das Bild im Splitscreen.

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Hanna (Sophie Rois) arbeitet als Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen und gehört einem Ethikrat an. Simon (Sebastian Schipper) realisiert mit seiner mäßig erfolgreichen Firma Ideen von Künstlern für Plastiken und Installationen. Die beiden leben seit 20 Jahren zusammen in einer Altbauwohnung in Westberlin, ohne verheiratet zu sein oder Kinder zu haben. Sie sind arriviert und gehören zur Kunst- und Kulturszene der Stadt, aber ihr Privatleben ist im Grunde spießig.

Eines Tages eröffnet ihnen Simons 65 Jahre alte Mutter Hildegard (Angela Winkler), dass sie unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sei. Kurz darauf, am 3. 9. um 9.03 Uhr schluckt sie 39 Schlaftabletten. Zufällig kommt ihre 39 Jahre alte Tochter Clara (Dominique Chiout) mit einem ICE-Ticket für 39 Euro aus Stuttgart, entdeckt die Bewusstlose und lässt sie ins Krankenhaus bringen. Damit rettet sie der Selbstmörderin zwar das Leben, aber Hildegard erwacht nicht mehr aus dem Koma. Simon holt sie schließlich nach Hause und schaltet die Geräte ab [Sterbehilfe].

Auf der Straße erscheint ihm seine Mutter als Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ rezitierender Engel. Simon krümmt sich plötzlich vor Schmerzen. Der Krankenhausarzt, der ihn untersucht, diagnostiziert Hodenkrebs und behält ihn gleich für die Operation da. Während Simon für den Eingriff vorbereitet wird, versucht er mehrmals, Hanna Bescheid zu geben, erreicht jedoch immer nur die Mailbox.

Hanna hat ihr Handy ausgeschaltet, weil sie mit einem anderen Mann im Bett ist. Adam Born (Devid Striesow) ist Stammzellenforscher. Während einer Sitzung des Ethikrates lernten er und Hanna sich kennen und bei der Aufführung eines avantgardistisch inszenierten Shakespeare-Stückes sahen sie sich wieder. Der Wissenschaftler spielt auch Fußball, trainiert Karate, besitzt ein Segelboot, fährt Motorrad und singt im Chor. Von seiner Frau lebt er getrennt, und der Sohn wird von der Mutter aufgezogen. Als er Hanna in seine Mietwohnung in einem Ostberliner Plattenbau mitnimmt, wundert sie sich nach dem Orgasmus über die karge Einrichtung. „Du hast nichts“, kommentiert sie. „Nicht einmal Bücher.“

Nachdem Simon ein Hoden entfernt wurde, erinnert ihn die OP-Schwester Ruth Fischer (Carina Wiese) daran, dass sie 1992 eine kurze Affäre miteinander hatten. Erst jetzt erfährt Simon, dass Ruth damals schwanger von ihm wurde und eine Abtreibung vornehmen ließ. Das Kind wäre jetzt 17 Jahre alt, sagt sie.

Als Hanna ihren Lebensgefährten im Krankenhaus besucht, diskutieren sie darüber, ob Muslima im öffentlichen Leben in Deutschland Hidschabs oder Kopftücher tragen dürfen.

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus isst Simon mit Hanna bei Konnopke an der U-Bahn-Station Eberswalder Straße eine Currywurst. Er weist sie darauf hin, dass es sich um den 20. Jahrestag ihres ersten Kusses handelt und fragt: „Sollten wir nicht endlich mal heiraten?“ Darauf antwortet sie kauend: „Ok.“

Simon und Adam lernen sich zufällig beim Schwimmen im Badeschiff auf der Spree kennen. Nachdem Adam erfahren hat, dass Simon ein Hoden entfernt wurde, fragt er ihn im Umkleideraum, ob er sich das mal ansehen dürfe und bringt ihn dann mit der Hand zum Orgasmus. Simon ist verwirrt, denn von seinen homosexuellen Neigungen ahnte er bisher noch nichts. Von da an geht er öfter ins Badeschiff und hofft, den Fremden wiederzusehen. Das geschieht denn auch, und die beiden Männer fangen miteiandner eine Affäre an, ohne etwas vom Dreiecksverhältnis mit Hanna zu ahnen.

Auch nach der standesamtlichen Eheschließung führen Hanna und Simon ihre Affären mit Adam fort.

Bei einer Kunstausstellung kommt der Liebhaber auf das Ehepaar zu. Im letzten Augenblick drehen Hanna und Simon nach verschiedenen Seiten ab, um die peinliche Begegnung zu vermeiden.

Durch einen Test bestätigt sich Hannas Verdacht, schwanger zu sein. Ob Simon oder Adam der Vater ist, weiß sie nicht. Aufgeregt klingelt sie bei Adam. Der meldet sich über die Sprechanlage und erklärt ihr, er könne sie nicht hereinlassen, denn er sei nicht allein. Hanna lässt sich jedoch nicht abweisen. „Jetzt wird’s kompliziert“, murmelt Adam und meint damit die Frage, wie er seiner Geliebten erklären soll, dass er nicht eine andere Frau, sondern einen Mann bei sich hat. Dass es noch viel komplizierter wird, ahnt er noch nicht. Als Hanna in seiner Wohnung ist und mitteilt, dass sie schwanger ist, kommt Simon halbnackt aus dem Schlafzimmer, und Adam glaubt, die beiden einander vorstellen zu müssen. „Ah, ihr kennt euch“, sagt er dann arglos.

Hannah zieht zu einer Freundin in London. Durch eine gynäkologische Untersuchung erfährt sie, dass sie mit Zwillingen schwanger ist.

Bei der Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens in Berlin sehen Hanna und Simon sich vor Hildegards Plastinat wieder. Gemeinsam suchen sie Adam auf. Die Hochschwangere und die beiden Männer ziehen sich aus und gehen zu dritt ins Bett.

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Tom Tykwer beteuert, dass es sich bei seiner Tragikkomödie „3“ – „Drei“ – nicht um ein Plädoyer für eine Ménage à trois handele.

Der Film ist kein Plädoyer für eine Dreierbeziehung. Es geht vielmehr um eine gewisse Offenheit, die wir uns bewahren müssen, gemessen an unserer Erkenntnisdichte. Denn ich habe immer das Gefühl, dass wir in der eigenen Wahrnehmung viel weiter sind, als wir es faktisch zu leben hinkriegen. Wir sind oft viel verwurzelter, durch die ganzen anerzogenen, bürgerlichen, konservativen Zwangsvorstellungen von der Art, wie das Leben zu sein hat. Und gleichzeitig haben wir ziemlich viel Kenntnis über unsere sonstigen Bedürfnisse. Das in Einklang zu bringen, ist schwer. Man sollte sich hin und wieder aber klarmachen, dass es nicht strafbar ist, sich mit seinen Gefühlen und Trieben auseinanderzusetzen. Es ist kein sofortiger Verrat an den Menschen, die mich umgeben, wenn ich mir zugestehe, dass ich auch noch ein Auge für die anderen habe. (Tom Tykwer im Interview mit Aliki Nassoufis von der dpa)

Man kann „3“ als Satire auf arrivierte Repräsentanten der urbanen Kunst- und Kulturszene sehen. Es geht auch um ethische Fragen im Zusammenhang mit Verschleierung, Fremdgehen, Suizid, Sterbehilfe und Stammzellenforschung, die allerdings nur angerissen werden.

Den Akzent setzt Tom Tykwer schon mit der Eingangssequenz: Da fahren wir an einer Überlandleitung entlang und hören aus dem Off Simons Stimme: „Mann, Frau, Kind kriegen, Fehlgeburt, Fremdgehen, Therapie machen, Sex haben, kein Sex, älter werden …“ – Als er „du stirbst“ sagt, endet einer der beiden Drähte an einer Telegrafenstange. Ein paar Meter weiter endet auch der andere, während Simon sagt: „… und ich auch.“ Erst jetzt sehen wir den Sprecher. Er liegt auf Hanna im Bett, und sie fragt nun: „Wieso sterbe ich zuerst?“ In der nächsten Szene sehen wir eine von Sascha Waltz choreografierte Balletszene. Im Lauf der Zeit folgen ein Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ rezitierender – grauenhaft kitschiger – Engel, „Moby Dick“ von Herman Melville auf dem eReader, avantgardistische Theateraufführungen und Installationen, „Körperwelten“ von Gunther von Hagens, Hinweise auf Jeff Koons, Thomas Struth und Alfred Hitchock und anderes mehr.

„3“ ist nicht nur inhaltlich überfrachtet, sondern auch formal überambitioniert. Dabei zerbröckelt die Handlung so wie das Bild im Splitscreen.

Nach vielen im Ausland gedrehten Filmen kehrte Tom Tykwer mit „3“ zur „X-Filme Creative Pool GmbH“ zurück, der deutschen Filmgesellschaft, die er 1994 mit Stefan Arndt, Wolfgang Becker und Dani Levy zusammen gegründet hatte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Tom Tykwer (kurze Biografie / Filmografie)

Tom Tykwer: Die tödliche Maria
Tom Tykwer: Winterschläfer
Tom Tykwer: Lola rennt
Tom Tykwer: Der Krieger und die Kaiserin
Tom Tykwer: Heaven
Tom Tykwer: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders
Tom Tykwer: The International
Tom Tykwer, Andy & Lana Wachowski: Cloud Atlas

Stefano Benni - Von allen Reichtümern
In seinem Roman "Von allen Reichtümern" spielt Stefano Benni mit Begegnungen, Erlebnissen, Erinnerungen und Spiegelungen. Der Grundton ist melancholisch, aber es sind auch satirische und lustige Elemente eingeflochten.
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Stefano Benni

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