Sunshine

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Sunshine. Ein Hauch von Sonnenschein - Originaltitel: The Taste of Sunshine - Regie: István Szabó - Drehbuch: Israel Horovitz und István Szabó - Kamera: Lajos Koltai - Schnitt: Dominique Fortin und Michel Arcand - Musik: Maurice Jarre - Darsteller: Ralph Fiennes, Jennifer Ehle, Rosemary Harris, James Frain, John Neville, Miriam Margolyes, David de Keyser, Rachel Weisz, Molly Parker, Katja Studt, Mari Töröcsik, Peter Andorai, Mark Strong, William Hurt, Deborah Kara Unger, Ildiko Kishonti, Hanns Zischler, Rüdiger Vogler u.a. - 1999; 180 Minuten

Inhaltsangabe

Mitte des 19. Jahrhunderts kommt der jüdische Schnapsbrenner Aaron Sonnenschein bei einer Explosion in einem ungarischen Dorf ums Leben. Seine Hinterbliebenen ziehen nach Budapest und gründen mit seinem Geheimrezept für einen Kräuterschnaps ein erfolgreiches Familienunternehmen. Obwohl sie es zu Wohlstand und erfolgreichen Karrieren bringen, versuchen Aarons Enkel und Urenkel vergeblich, sich zu "assimilieren". Erst der Ururenkel kann auf eine Demokratisierung in Ungarn hoffen.
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Kritik

Die Geschichte der jüdisch-ungarischen Familie Sonnenschein verläuft vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in Ungarn zwischen 1867 und 1956. So wird aus der Familiengeschichte zugleich ein von István Szabó aufwändig inszeniertes Epochenporträt.
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Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848 durch Zar Nikolaus I. wird Ungarn von Österreich wie eine eroberte Provinz behandelt, aber nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 muss das geschwächte Österreich die Autonomie Ungarns anerkennen (1867).

Als Aaron Sonnenschein (Balázs Hantos) bei einer Explosion seiner kleinen Destillerie in einem ungarischen Dorf ums Leben kommt, zieht sein Sohn Emmanuel (Balázs Hantos) mit der Mutter Josefa (Kathleen Gati) und der Ehefrau Rose (Miriam Margolyes) nach Budapest. Ein aus der zerstörten Destillerie gerettetes Rezeptbuch seines toten Vaters bildet die Grundlage für ein von Emmanuel erfolgreich aufgebautes Familienunternehmen, das den Kräuterlikör „Sonnenschein“ herstellt und vertreibt. Durch den Wohlstand steigt die Familie Sonnenschein zwar ins Großbürgertum auf, aber sie bleibt aufgrund ihres Judentums ausgegrenzt.

Emmanuel und Rose Sonnenschein haben zwei Söhne – Ignaz und Gustav – und nehmen ihre verwaiste Nichte Valerie bei sich auf. Als Emmanuel merkt, dass Ignaz und Valerie sich verliebt haben, gesteht er seinem älteren Sohn, dass ihm von seinem Vater verboten worden war, seine geliebte Cousine Sarah Bettelheim zu heiraten. Denselben Verzicht erwartet er von Ignaz, dem er das Versprechen abnimmt, sich von seiner Cousine Valerie zurückzuziehen. Gehorsam geht Ignaz (Ralph Fiennes) nach Wien, um dort Jura zu studieren und beantwortet Valeries (Jennifer Ehle) Briefe nicht, doch eines Tages steht seine Vermieterin (Kati Sólyom) mit der Besucherin Valerie in der Tür seines Zimmers. Die Stiefgeschwister schlafen miteinander. Heimlich setzen sie ihr Verhältnis fort, auch als Ignaz nach Abschluss seines Studiums Richter wird.

Der Gerichtspräsident rät Ignaz Sonnenschein schließlich, seinen jüdischen Namen abzulegen, um weiter aufsteigen zu können. Zum Leidwesen der Eltern nehmen Ignaz, Valerie und Gustav (James Frain) daraufhin offiziell den ungarisch klingenden Namen Sors an, der aus dem Lateinischen stammt und Schicksal bedeutet.

Erst als Valerie schwanger wird, bekennt Ignaz sich mutig zu ihr und hält zu Hause um ihre Hand an. Seine Mutter Rose fällt vor Schreck ohnmächtig vom Stuhl, aber sein Vater gibt dem Paar nun doch seinen Segen. Bald darauf wird Hochzeit gefeiert.

Einflussreiche Herren legen dem erfolgreichen Richter Ignaz Sors nahe, in die Politik zu gehen und Mitglied der ungarischen Regierung zu werden, aber Valerie warnt ihren Mann davor, als Gegenleistung für seine Karriere die Korruption der Regierung zu decken, und Ignaz lehnt daraufhin das viel versprechende Angebot ab.

Nach der Jahrhundertwende bringt Valerie zwei Söhne zur Welt: Istvan und Adam.

Als Ignaz erfährt, dass sein Bruder Gustav auf einer schwarzen Liste der Regierung mit den Namen oppositioneller Sozialisten steht, kommt es zum Streit zwischen dem kaisertreuen Juristen und dem engagierten Gegner der k. u. k. Regierung.

Das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 erweist sich als Zündfunke für einen Weltkrieg, und mit dem Zerfall der Donaumonarchie endet eine Epoche.

Als Ignaz aus dem Krieg zurückkommt, wirft Valerie ihm vor, ein Mensch ohne Gefühle geworden zu sein und bittet ihn um die Scheidung. Verzweifelt will Ignaz ihr beweisen, dass er sie liebt, aber es fällt ihm nichts anderes ein, als sie aufs Bett zu werfen und zu vergewaltigen. Erst als er merkt, dass sie unbeteiligt unter ihm liegt, lässt er von ihr ab und kauert sich schluchzend auf den Boden.

1919 übernehmen die Kommunisten die Macht in Ungarn. Damit kehren sich die Verhältnisse um: Jetzt ist Gustav obenauf, und Ignaz steht auf der schwarzen Liste, wird festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Aber die Räterepublik wird nach wenigen Monaten gestürzt. Gustav flieht ins Exil nach Frankreich.

Am 1. April 1922 sterben der österreichische Kaiser Karl I. und Emmanuel Sonnenschein. Einige Zeit später schließen Ignaz Sors und seine Mutter Rose Sonnenschein ebenfalls für immer die Augen.

Adam Sors (Ralph Fiennes) erlernt das Fechten und stellt sich dabei so geschickt an, dass er nur noch in der Fechtschule des ungarischen Offizierskorps weiterkommen kann. Um aufgenommen zu werden, konvertiert er auf den Rat seines Gönners Baron Felix Margittay (Hanns Zischler) zum römisch-katholischen Glauben. Adam gewinnt die Landesmeisterschaften, und General Jakofalvy (Rüdiger Vogler) wird auf ihn aufmerksam.

Die Brüder vermählen sich: Adam mit Hannah (Molly Parker) und Istvan (Mark Strong) mit Greta (Rachel Weisz). Als Greta ihrem Schwager ihre Liebe gesteht, sträubt Adam sich dagegen, seinen Bruder zu hintergehen. (Erst einige Zeit später lässt Adam sich von Greta verführen und beginnt ein heimliches Verhältnis mit ihr.)

Adam ist mit den Vorbereitungen für die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin beschäftigt. Tatsächlich gewinnt er die Goldmedaille im Fechten. Während eines Besuchs in einem Berliner Museum wird Adam Sors von einem in die USA ausgewanderten Landsmann angesprochen, der ihm vorwirft, sich für den Ruhm eines diktatorischen Regimes einzusetzen.

Der „Reichsverweser“ Admiral Nikolaus von Horthy, der inzwischen in Ungarn ein autokratisches Regime errichtet hat, sympathisiert mit Hitler und Mussolini. Als die ungarische Regierung diskriminierende Gesetze gegen Juden erlässt, glauben Istvan, Gerda, Adam, Hannah und Valerie zunächst, die beschlossenen Ausnahmen für sich geltend machen zu können. Hannah wird jedoch in ein Vernichtungslager deportiert und dort umgebracht. Valerie gelingt es, sich zu verstecken. Adam und sein einziger Sohn Ivan kommen in ein Arbeitslager. Dort fragt der Kommandant Adam vor den im Freien angetretenen Gefangenen, wer er sei. Stolz antwortet Adam, er sei ungarischer Offizier, ungarischer Fechtmeister und Goldmedaillengewinner. Der Kommandant schlägt ihm mit der Faust in den Magen, während ein anderer Adam mit seinem Gewehr in Schach hält. Obwohl Adam kaum noch stehen kann, weigert er sich, auf die mehrmals wiederholte Frage die gewünschte Antwort zu geben und sich zu seiner jüdischen Herkunft zu bekennen. Es liegt Schnee, aber er muss sich nackt ausziehen. Hilflos beobachtet Ivan, wie sein Vater bewusstlos geschlagen und getreten wird. Dann befiehlt der Kommandant, ihn mit den gefesselten Händen an einen Ast zu hängen und so lange aus einem Schlauch mit kaltem Wasser zu bespritzen, bis Adams nackter Körper von einer dicken Eisschicht überzogen ist. – Istvan, Greta und ihr Sohn werden fünf Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee im April 1945 von ungarischen Nationalsozialisten aus der Wohnung geholt und erschossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Gustav (jetzt: John Neville) aus dem französischen Exil zu seiner Stiefschwester Valerie (jetzt: Rosemary Harris) zurück. Kurz darauf trifft dort auch deren Enkel Ivan (Ralph Fiennes) ein und berichtet weinend, wie sein Vater zu Tode gefoltert wurde.

Die neuen kommunistischen Machthaber gewinnen Ivan Sors dafür, sich an den Mördern seines Vaters zu rächen und für den ungarischen Geheimdienst faschistische Kriegsverbrecher zu jagen. Mit seinem Engagement bringt er es zum Major, und bei einer Massenkundgebung hält er eine öffentliche Lobrede auf Stalin.

Carole Kovacs (Deborah Kara Unger) arbeitet als Geheimdienstmajor wie Ivan Sors. Obwohl sie verheiratet ist und Kinder hat, macht sie sich an Ivan heran. Sein Vorgesetzter Andor Knorr (William Hurt), ein Jude, der lebend aus Auschwitz herausgekommen war, warnt ihn vor Carole und klärt ihn darüber auf, dass ihr Mann während des Kriegs in Frankreich ein führendes Mitglied der Résistance war. Aber Ivan hat sich in Carole verliebt und hört nicht auf Knorr.

Ein kommunistischer General, der Ivan stolz seine Arbeiterhände zeigt, befiehlt dem Geheimdienstmajor, eine angebliche zionistische Verschwörung gegen die ungarische Regierung aufzudecken, deren Anführer Andor Knorr sein soll. Ivan verhört seinen Vorgesetzten erfolglos, weil er hin und hergerissen ist zwischen seiner Freundschaft mit Knorr und seiner Loyalität gegenüber dem Regime. Der General überträgt den Fall schließlich einem anderen Geheimdienstoffizier.

Ivans Onkel Gustav stirbt in einem Krankenhaus.

Carole beendet das Verhältnis mit Ivan und sagt ihm zum Abschied, dass sie entweder von ihm oder von ihrem Ehemann schwanger sei.

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wird der kurz zuvor tot geschlagene Knorr als Held verehrt. Ivan hält die Grabesrede und klagt sich selbst an: Er sei politisch verblendet gewesen und habe weder bei der Ermordung seines Vaters Adam Sors noch bei der seines Freundes Andor Knorr etwas unternommen. Er quittiert den Dienst bei der ungarischen Geheimpolizei.

Beim ungarischen Volksaufstand Ende Oktober / Anfang November 1956 feuert Ivan Sors die Demonstranten in den Straßen von Budapest an, sich von den sowjetischen Panzern nicht aufhalten zu lassen. Nach dem Scheitern der Revolution wird er verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Als er nach drei Jahren vorzeitig auf Bewährung entlassen wird, fehlt in seinen Sachen die Taschenuhr seines Urgroßvaters Aaron, die jeweils vom Vater zum Sohn vererbt worden war.

Seine Großmutter Valerie musste inzwischen hinnehmen, dass man in ihrem Haus eine fünfköpfige Familie einquartierte. Ivan beginnt, die Räume zu entrümpeln. Das seit Emmanuels Tod mehrmals vergeblich gesuchte Rezeptbuch seines Urgroßvaters Aaron fällt ihm dabei vor die Füße, aber er beachtet es nicht, und die Männer, die mit dem Abtransport des Gerümpels beschäftigt sind, werfen das schwarze Buch in die Müllpresse.

Ivan hat begriffen, dass er sich vor allem selbst treu bleiben muss. Er geht zum Amtsgericht und nimmt den Familiennamen Sonnenschein wieder an.

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In dem Film „Sunshine. Ein Hauch von Sonnenschein“ von István Szabó geht es um die Geschichte einer jüdischen Familie in Ungarn über mehrere Generationen hinweg. Sie beginnt mit dem Unfalltod Aaron Sonnenscheins Mitte des 19. Jahrhunderts und wird von dessen Urenkel Ivan gut hundert Jahre später (aus dem Off) erzählt. Ivans Großvater Ignaz und sein Vater Adam haben vergeblich versucht, sich zu „assimilieren“: Der Antisemitismus machte ihnen sowohl unter der k. u. k. Regierung, als auch unter faschistischen und kommunistischen Regimen zu schaffen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts keimt die Hoffnung auf eine Demokratisierung und Liberalisierung. Selbstverständlich ist es symbolisch gemeint, wenn Ivan das Haus der Familie entrümpelt und dabei auch das Geheimrezept verloren geht, das drei Generationen zuvor die Grundlage für den Wohlstand der Familie gewesen war. – Mit den Höhen und Tiefen der Familie Sonnenschein verknüpft István Szabó die politischen Ereignisse in Ungarn zwischen 1867 (Autonomie) und 1956 (Aufstand). So wird aus der Familiengeschichte zugleich ein Epochenporträt.

Durch die Besetzung von drei zentralen Rollen in drei Generationen – Ignaz, Adam und Ivan – mit Ralph Fiennes sorgte István Szabó in „Sunshine. Ein Hauch von Sonnenschein“ für Kontinuität.

Bei der Abfassung des 600 Seiten dicken Drehbuchs hatten Israel Horovitz und István Szabó zunächst an eine kleine Fernsehserie gedacht, sich dann aber für einen dreistündigen Kinofilm entschieden, der mit großem Aufwand in der Ausstattung, hervorragenden Darstellern und einer sehr ästhetischen Kameraführung inszeniert wurde: „Sunshine. Ein Hauch von Sonnenschein“.

Übrigens: Bei den Olympischen Sommerspielen im August 1936 in Berlin gewann tatsächlich ein Ungar die Goldmedaille im Säbelfechten. Er hieß allerdings nicht Adam Sors, sondern Endre Kabos.

Überblick:

  • 1. Generation: Aaron und Josefa Sonnenschein
  • 2. Generation: Emmanuel und Rose Sonnenschein
  • 3. Generation: Ignaz und Valerie Sonnenschein bzw. Sors / Gustav
  • 4. Generation: Adam und Hannah Sors / Istvan und Greta
  • 5. Generation: Ivan Sors bzw. Sonnenschein

Außer der Filmmusik von Maurice Jarre sind in „Sunshine. Ein Hauch von Sonnenschein“ Ausschnitte aus der Fantasie für Klavier für vier Hände in f-Moll von Franz Schubert zu hören.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

István Szabó: Mephisto
István Szabó: Hanussen
István Szabó: Zauber der Venus
István Szabó: Taking Sides. Der Fall Furtwängler
István Szabó: Being Julia
István Szabó: Hinter der Tür

Ian Kershaw - Der NS-Staat.
Obwohl Ian Kershaw die komplexen Zusammenhänge auf knappen 400 Seiten abhandelt, bleibt er nicht an der Oberfläche. 1999 brachte er das 1983 erstmals erschienene, brillant geschriebene Buch auf den neusten Forschungsstand.
Der NS-Staat.

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