Bernhard Schlink : Olga

Olga
Olga Originalausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2018 ISBN: 978-3-257-07015-6, 310 Seiten ISBN: 978-3-257-60876-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Olga wird 1883 als Tochter eines deutschen Schauermanns und einer polnischen Wäscherin in Breslau geboren. Mit ihrem Ehrgeiz schafft sie es, Lehrerin zu werden, obwohl sie aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der Vorurteile ihrer Großmutter keine höhere Schule besuchen konnte. Sie greift allerdings nicht nach den Sternen wie die Männer in ihrem Umfeld: Herbert übernimmt sich bei einer Expedition in die Arktis, Eik eifert mit den Nationalsozialisten mit, der Ehemann ihrer Enkelin vernachlässigt in seiner Besessenheit für die Malerei seine Familie, und Ferdinand teilt als Student die Ideale der APO ...
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Kritik

In seinem Roman "Olga" entwickelt Bernhard Schlink die Lebens­geschich­te einer charakterstarken Frau. Im ersten Teil hören wir einem aukto­rialen Erzähler zu, im zweiten einem dem Autor ähnelnden Ich-Erzähler. Im dritten Teil lesen wir eine Reihe von Briefen Olgas – und erfahren auf diese Weise auch ihre Geheimnisse.
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Kindheit und Jugend

Olga Rinke wird 1883 als Tochter eines deutschen Schauermanns und einer polnischen Wäscherin in Breslau geboren. Die meiste Zeit verbringt das Kind bei einer Nachbarin, die sich gern mit ihm abgibt. Nachdem zuerst der Vater und ein paar Tage später auch die Mutter an Fleckfieber gestorben sind, wird Olga von der Großmutter väterlicherseits nach Pommern geholt.

Dort freundet sich Olga mit den Geschwistern Herbert und Viktoria Schröder an, deren Vater, ein Gutsbesitzer und Zuckerfabrikant, als reichster Dorfbewohner gilt.

Viktoria kommt schließlich in ein Mädchenpensionat in Königsberg. Herbert, der ein Jahr älter als seine Schwester ist, wird von einem Hauslehrer und einer Hauslehrerin aufs Abitur vorbereitet. Danach will er sich zum Garderegiment melden. Olga träumt davon, als Lehrerin Schüler zu unterrichten, doch um vom staatlichen Lehrerinnenseminar in Posen aufgenommen zu werden, muss sie in einer Prüfung nachweisen, dass ihre Bildung der beim Abschluss der Höheren Mädchenschule entspricht, deren Besuch ihr schon aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. Sie lernt eifrig, um ihr Ziel zu erreichen.

Herbert leistet ihr häufig Gesellschaft, aber wenn Viktoria in den Ferien nach Hause kommt, meidet sie den Umgang mit Olga, die sie inzwischen als nicht standesgemäß verachtet.

Nachdem Olga die Aufnahmeprüfung des staatlichen Lehrerinnenseminars in Posen bestanden hat, erhält sie einen Freiplatz im Wohnheim. Zwei Jahre dauert die Ausbildung, dann beginnt sie in ihrem Dorf zu unterrichten. Zu ihrer Großmutter kehrt sie nicht zurück, denn ihr steht eine Wohnung im Schulgebäude zu.

Herberts Rastlosigkeit

Während Herbert auf eigenen Wunsch zwei Jahre lang in der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika dient und am 10. August 1904 in der Schlacht am Waterberg gegen die Herero kämpft, lässt Viktoria ihre Beziehungen spielen und sorgt dafür, dass Olga nach Ostpreußen versetzt wird.

Herbert schreibt Olga in einem Brief:

„Die Schwarzen versuchen mit dem Aufstand, die Herrschaft an sich zu reißen. Es darf ihnen nicht gelingen. Wir siegen zu ihrem und unserem Segen. Sie sind ein Menschenschlag, der noch auf tiefster Kulturstufe steht und dem unsere höchsten und besten Eigenschaften wie Fleiß, Dankbarkeit, Mitleid und überhaupt alles Ideale fehlt. Selbst wenn sie sich äußerlich bildeten, kämen die Seelen nicht mit. Wenn sie siegten, gäbe es einen furchtbaren Rückschlag im zivilisierten Völkerleben.“

Trotz allem lieben sich Olga und Herbert. Aber seine Eltern akzeptieren das nicht. Statt die verwaiste Erbin einer Zuckerfabrik zu heiraten, die sie für ihn ausgesucht haben, fährt Herbert nach Argentinien. Monatelange Reisen nach Brasilien und Sibirien sowie auf die Halbinseln Kola und Kamtschatka folgen. Wenn er für ein paar Wochen oder auch nur Tage da ist, nimmt er sich in Tilsit ein Hotelzimmer und verbringt möglichst viel Zeit mit Olga.

Arktis-Expedition

Im Mai 1910 hält Herbert vor der Vaterländischen Gesellschaft für Geografie und Geschichte in Tilsit einen Vortrag über Deutschlands Aufgabe in der Arktis. Olga hilft ihm, ein guter Redner zu werden. Bei einem Vortrag am 21. März 1911 in Altenburg gewinnt Herbert einen Mäzen: Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg. Eigentlich träumt er von einer Erkundung der Nordostpassage, aber es dauert Monate, bis er genügend Geld für eine Expedition gesammelt hat, und es reicht auch nur für eine Vorexpedition.

Das Schiff, das Herbert in Tromsö gekauft hat, friert im Packeis fest, nachdem es ihn und drei weitere Teilnehmer der Expedition im August 1912 auf Nordostland, einer Insel des Spitzbergen-Archipels, abgesetzt hat. Der Kapitän erreicht als einer der wenigen Überlebenden zu Fuß eine 300 Kilometer entfernte Siedlung.

Mehrere Rettungsmannschaften suchen nach den Verschollenen, aber nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden die Bemühungen aufgegeben, das Schicksal Herbert Schröders und seiner Begleiter aufzuklären.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Olga

Olga unterrichtet weiter, bis das im Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennte Land nördlich der Memel 1923 von Litauen annektiert wird. Daraufhin wechselt sie auf die andere Seite des Flusses.

Als Herbert nach Deutsch-Südwestafrika abgereist war, hatte Olga gemerkt, dass sie schwanger war. Von seiner Vaterschaft erfuhr er nichts. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde das Kind mit dem Namen Eik von der inzwischen mit Olga befreundeten Bäuerin Sanne als Findelkind gemeldet und aufgezogen. Eik schafft es vom Dorf in die Stadt, von der Volksschule aufs Gymnasium und von Tilsit nach Berlin, wo er Architektur studiert. Danach zieht er nach Italien, aber im Sommer 1936 kehrt er zurück nach Deutschland, tritt in die NSDAP ein und wird auch in die SS aufgenommen. 1939 heiratet er.

Seine 53-jährige leibliche Mutter verliert 1936 durch eine Infektionskrankheit ihr Gehör und wird als Lehrerin entlassen. Auf der Gehörlosenschule in Breslau lernt sie die Gebärdensprache.

Im Februar 1945 schließt sich Olga einem Flüchtlingstreck nach Westen an und gelangt schließlich nach Heidelberg. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Näharbeiten. Damit macht sie auch weiter, als ihr die zuständigen Behörden Anfang der Fünfzigerjahre für die Tätigkeit im preußischen Schuldienst eine Pension zugestehen.

Ferdinand

Schließlich näht Olga nur noch für eine Pfarrersfamilie in Heidelberg. Dabei wächst ihr der kleine Ferdinand – das jüngste der vier Kinder – ans Herz, und der Junge entwickelt eine enge Beziehung zu ihr.

Nach ein paar Semestern an der Universität seiner Heimatstadt wechselt Ferdinand von Theologie und Medizin zu Philosophie und zugleich die Hochschule. Obwohl er nun in einer anderen Stadt wohnt, lässt er den Kontakt zu Olga nicht abreißen. Alle zwei, drei Monate besucht er sie.

[…] und jeder Abschied war mir schwer. So beweglich und kräftig Olga war – sie ging auf neunzig zu, sie konnte stürzen oder das Herz konnte aussetzen oder das Gehirn versagen, und jeder Abschied konnte der letzte sein.

Im Sommer 1971 ruft ihn seine Mutter an und teilt ihm mit, dass Olga im Krankenhaus liege. Die 88-Jährige war bei einem nächtlichen Sprengstoffanschlag auf das Bismarck-Denkmal im Stadtgarten verletzt worden. Augenscheinlich war sie zufällig vorbeigekommen. Vielleicht hatte sie nicht schlafen können. Olga erliegt nach kurzer Zeit ihren Verletzungen.

Durch ein Schreiben des Nachlassgerichts erfährt Ferdinand, dass ihn Olga als Erben eingesetzt hatte. Ein Sparbuch mit einem Guthaben von 12 000 Mark wird auf seinen Namen übertragen.

Olgas Briefe

Nach der Promotion über Rousseaus Roman „Émile“ wird Ferdinand Beamter und heiratet eine Sachbearbeiterin. Als Ministerialrat geht er schließlich in Pension. Seine Frau kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Sohn, ein Architekt, hat zumeist im Ausland zu tun. Die Tochter unterrichtet in einer Nachbarstadt als Lehrerin. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Mit dem von Olga geerbten Geld kauft Ferdinand dem Antiquar Aksel Helland in Tromsö 31 an Herbert Schröder adressierte Briefe ab. Einen davon schrieb Herberts Vater am 10. August 1913. Die übrigen stammen von Olga. 25 Briefe schickte sie 1913 bis 1915 postlagernd nach Tromsö; fünf folgten in späteren Jahren.

Im Dezember 1913 wollte Olga Herbert über seine Vaterschaft aufklären. „Eik ist Dein Kind“, schrieb sie. In einem anderen Brief erwähnte Olga schriftliche Aufzeichnungen Herberts, die sie inzwischen gefunden hatte, und sie meinte dazu:

„Du schreibst von Hingabe an die große Sache, aber Du meinst ein Verströmen in die Leere, ins Nichts.“

Ferdinand erinnert sich, dass Olga zu ihm sagte:

„Er wollte sich in die Weite verlieren. Aber die Weite ist nichts. Er wollte sich ins Nichts verlieren.“

Am 31. Dezember 1915 kündigte Olga an, dass dies ihr letzter Brief an Herbert sei. Das neue Jahr wolle sie ohne ihn beginnen. Offenbar glaubte sie nicht mehr, dass er noch am Leben war.

Aber am 27. Juli 1936 schickte sie einen weiteren Brief postlagernd nach Tromsö. Sie berichtete, dass Eik aus Italien zurückgekommen sei, um die Olympischen Spiele in Berlin sehen zu können. Sie fragte sich, was Herbert von den Nationalsozialisten und von der SS-Mitgliedschaft seines Sohnes gehalten hätte.

„Aber zu groß geht es bei ihnen zu, und wo es zu groß zugeht, sind die Luftgespinste nicht weit. Vielleicht würdest Du sie lehren wollen, kolonial und arktisch zu träumen.“

Und sie machte sich Vorwürfe:

„Er hat nach dem Krieg als Gymnasiast lange bei mir gelebt, und ich hätte ihn besser erziehen sollen. Ich hätte ihm anders von Dir erzählen sollen. Nicht als von einem Helden, sondern als einem Ritter von der traurigen Gestalt, dem man nicht nacheifert, sondern der über dem Nacheifern sein Leben versäumt. Du wolltest Amundsen sein, und wenn nicht Amundsen, dann Scott, statt Dein Leben zu leben. Auch Eik will jetzt ein Leben leben, das nichts für ihn ist.“

Am 15. Oktober 1939 schrieb Olga, dass Eik im Reichssicherheitshauptamt beschäftigt sei, und in einem Brief vom 1. April 1956 hielt sie fest, dass Eik im Jahr zuvor aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Sie habe aber den Kontakt zu ihm abgebrochen, fügte sie hinzu.

„Ich bin einsam geblieben und habe mich daran gewöhnt. In einer Familie, für die ich nähe, habe ich mit dem Jüngsten ein bisschen Freundschaft geschlossen. Er heißt Ferdinand.“

Der letzte Brief ist vom 4. Juli 1971 datiert. Darin heißt es, der von ihrem Fenster aus zu sehende Wasserturm sei gesprengt worden und sie habe die Gelegenheit genutzt, um drei Dynamitstangen zu stehlen. Damit werde sie Bismarck sprengen, denn mit dem habe alles angefangen.

Als Ferdinand das liest, denkt er:

Welches Glück, wenn das Leben, das ein Mensch lebt, und die Verrücktheit, die er begeht, zusammenstimmen wie Melodie und Kontrapunkt!

Adelheid

Inzwischen hat er Olgas Enkelin Adelheid Volkmann kennengelernt. Sie wurde 1956 geboren und hat noch einen 16 Jahre älteren Bruder. Der Vater Eik wurde als Kriminaldirektor pensioniert und starb 1972 an Lungenkrebs. Adelheid ist Mutter einer Tochter, aber ihre Ehe wurde geschieden.

„Er war Maler, vielleicht ein Genie, ich weiß es nicht. Zuerst mochte ich seine Besessenheit. Aber er kümmerte sich um nichts als um seine Kunst, und ich war fürs Geld verantwortlich und für Jana und für das Haus, einen alten Hof am Rand des Teutoburger Walds, den er geerbt hatte und der verfiel. Nach ein paar Jahren konnte ich nicht mehr.“

Ferdinand wird mit Adelheid zu Olgas Grab gehen.

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In seinem Roman „Olga“ erzählt Bernhard Schlink von einer charakterstarken Frau. Mit ihrem Ehrgeiz schafft sie es, Lehrerin zu werden, obwohl sie aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der Vorurteile ihrer Großmutter keine höhere Schule besuchen konnte. Aber sie greift nicht nach den Sternen wie die Männer in ihrem Umfeld: Herbert übernimmt sich bei einer Expedition in die Arktis, Eik eifert mit den Nationalsozialisten mit, der Ehemann ihrer Enkelin vernachlässigt in seiner Besessenheit für die Malerei seine Familie, und Ferdinand teilt als Student die Ideale der APO.

Das Aufbegehren der Studenten begleitete sie [Olga] mit Sympathie – und bald mit Spott. Ihr gefiel, dass die Traditionen auf den Prüfstand kamen, die großen Worte über Bildung, Freiheit und Gerechtigkeit mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit konfrontiert wurden, alte Nazis demaskiert wurden und Menschen sich gegen den Abriss von Häusern und die Erhöhung von Fahrpreisen wehrten. Aber dass wir Studenten einen anderen Menschen und eine andere Gesellschaft schaffen und die Dritte Welt befreien und den Krieg der USA in Vietnam beenden wollten, fand sie zu viel. „Ihr seid auch nicht besser“, sagte sie, „statt eure Probleme zu lösen, wollt ihr die Welt retten. Auch euch gerät es zu groß, merkst du das nicht?“

Olga lebt von 1883 bis 1971. Die Romanhandlung geht noch weiter, denn erst Jahrzehnte nach Olgas Tod findet Ferdinand mehr über sie heraus. Und all das entwickelt Bernhard Schlink vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte, die er hin und wieder in Schlaglichtern aufblitzen lässt.

Übrigens orientierte sich Bernhard Schlink auch bei der Figur des Herbert Schröder an einer realen Person, und zwar an dem Polarforscher Herbert Schröder-Stranz (1884 – 1912), der wie die Romanfigur bei der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika war und von einer Expedition in die Arktis nicht zurückkehrte.

Der Roman „Olga“ gliedert sich in drei Teile. Den ersten, Anfang der Fünfzigerjahre endenden Teil hat Bernhard Schlink als auktorialer Erzähler gestaltet. Dann überlässt er das Wort Ferdinand, dessen Biografie wiederum Parallelen zu seiner eigenen aufweist. Im dritten Teil zitiert Bernhard Schlink die (fiktiven) Briefe Olgas an Herbert, die Ferdinand Jahrzehnte nach ihrem Tod liest. Erst aus diesen Briefen erfahren wir von zwei Geheimnissen Olgas. Zum Schluss folgen noch ein paar Zeilen des Ich-Erzählers Ferdinand („Ich saß, den Brief in der Hand […]“).

Bernhard Schlink entwickelt die anrührende, einen weiten Bogen schlagende Geschichte in nüchternen, schnörkellosen Sätzen. Zentrales Thema ist die Neigung von Männern, sich zu übernehmen und nach den Sternen zu greifen.

Den Roman „Olga“ von Bernhard Schlink gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner (ISBN 978-3-257-80391-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Bernhard Schlink: Der Vorleser (Verfilmung)
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Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe

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