Silvester Countdown

Silvester Countdown

Silvester Countdown

Originaltitel: Silvester Countdown – Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler - Kamera: Lorenz Haarmann - Schnitt: Christine Boock - Musik: George Brasch und Dieter Webel - Darsteller: Marie Zielcke, Rolf Peter Kahl, Robert Viktor Minich, Laura Tonke, Christoph Schlingensief, Juliane Werner u.a. - 1986; 85 Minuten

Inhaltsangabe

Die Hauptfiguren in "Silvester Countdown" heißen Romeo und Julia, aber das ist purer Sarkasmus, denn ihre Liebesbeziehung ist nicht romantisch, sondern sexuell. In Oskar Roehlers Film sind Romeo und Julia ein junges Paar, dessen Beziehung scheitert, weil jeder der beiden seine augenblicklichen Launen ausleben möchte und sie nicht bereit sind, aufeinander einzugehen. Romeo und Julia sind typische Vertreter einer Generation, die Spaß haben möchte und Angst vor Langeweile hat.
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Kritik

Oskar Roehler erzählt die trostlose Geschichte zwar chronologisch, aber in fragmentarischen, zum Teil skurrilen und tragikomischen Episoden. Die Dialoge in "Silvester Countdown" wirken wie improvisiert – beinahe lebensecht.

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Romeo (Rolf Peter Kahl) und Julia (Marie Zielcke), zwei junge Leute, deren Liebesbeziehungen gerade gescheitert sind, lernen sich kurz vor dem Jahresende in Berlin kennen, und Julia zieht zu ihrem neuen Geliebten in die Wohnung. Die besteht aus zahlreichen Zimmern mit schneeweißen Wänden. An einer Wand hängt ein überdimensionales Bild von Romeo. Die Einrichtung beschränkt sich auf Wandlampen, ein Fernsehgerät und zwei Matratzen mit Bettwäsche.

Julia amüsiert sich über Romeos kindische Ideen: Er tanzt splitternackt mit einem Federschmuck wie ein Indianerhäuptling, dann spielt er ihr einen Hund vor oder verkleidet sich wie ein psychopathischer Mörder und hetzt sie mit erhobenem Küchenmesser durch die Räume.

Romeos Freund Franz (Robert Viktor Minich) schlägt vor, Silvester gemeinsam in Warschau zu feiern. Franz bringt seine Freundin Jessica mit. Als Romeo während der nächtlichen Bahnfahrt merkt, dass er seine Brille in Berlin vergessen hat, mault Julia. Sie sei ein visueller Mensch, und wenn er ihre optischen Eindrücke nicht teilen könne, verderbe er ihr die ganze Freude an dem Ausflug.

Am Nachmittag steigen sie alle zusammen auf einen verschneiten Hügel in Warschau. Während Julia, Franz und Jessica gut vorankommen, rutscht Romeo immer wieder fluchend aus, weil er Schuhe mit glatten Ledersohlen trägt. In der Nacht tanzt Jessica allein und in sich versunken im Drogenrausch, bis sie zusammenbricht. Romeo macht Franz darauf aufmerksam, aber der kümmert sich nicht um Jessica, denn er amüsiert sich gerade mit Julia. Ohne etwas zu trinken oder zu sagen, schaut Romeo mit wachsender Eifersucht zu, wie die beiden flirten und lachen. Schließlich hält er es nicht mehr aus und fordert Julia auf, mit ihm ins Zimmer zu gehen, aber sie zieht es vor, sich noch eine Weile mit Franz zu unterhalten.

In der nächsten Nacht zieht Romeo Julia mit in eine Peep Show. Nachdem sie einer Nackttänzerin von einer Kabine aus zugesehen haben, will Julia es auch einmal versuchen. Sie wendet sich an den Besitzer und der ist gern bereit, die hübsche junge Deutsche auftreten zu lassen. Julia tanzt vor Romeos Fenster, aber der verlässt nach ein paar Minuten angewidert die Kabine und ärgert sich über den Besitzer des Etablissements, der Julia umschwärmt. Darüber geraten Romeo und Julia in einen wütenden Streit, aber dann versöhnen sie sich wieder.

„Du bist so negativ, so destruktiv“, meint Julia. „Du bist echt kein Optimist.“ Romeo erwidert trocken: „Hab‘ ich das jemals behauptet?“

Während der Bahnfahrt zurück nach Berlin verschlingt Julia gierig die Würste, die sie in Warschau gekauft haben.

In Romeos Wohnung liegt Julia halbnackt auf der Matratze, blättert in einer Illustrierten und klagt, ihr sei kalt, doch als Romeo sich auf sie legt, verbirgt sie nicht, dass sie keine Lust hat, mit ihm zu schlafen. Erneut kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Julia lässt Romeo wissen, dass sie häufig keinen Spaß beim Sex mit ihm hatte. Gerade weil er seinen Orgasmus rücksichtsvoll hinauszögerte, habe es ihr immer viel zu lang gedauert, zumal wenn sie fror: „Und dann immer dieser Orgasmus-Zwang. Mach doch einfach fertig und basta!“

„Ich dachte, wir hätten eine Basis“, resümiert Julia traurig. Sie hat sich tatsächlich erkältet und liegt krank im Bett. Dann verlässt sie Romeo und verbringt eine Nacht mit Franz. Romeo versucht sich über den Verlust hinwegzutrösten, indem er aus einem Karteikasten mit den Fotos seiner Geliebten Julias Bild heraussucht und masturbiert.

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Die Hauptfiguren in „Silvester Countdown“ heißen Romeo und Julia wie das berühmte Liebespaar bei William Shakespeare, aber das ist purer Sarkasmus, denn ihre Liebesbeziehung ist nicht romantisch, sondern vor allem sexuell. In Oskar Roehlers Film „Silvester Countdown“ sind Romeo und Julia ein junges Paar, dessen Beziehung nur wenige Tage Bestand hat, weil jeder der beiden seine augenblicklichen Launen ausleben möchte. Dadurch geraten sie sich fortwährend in die Haare. Zwar versöhnen sie sich danach meistens wieder, aber sie lernen nichts daraus und sind nicht bereit, aufeinander einzugehen. Romeo und Julia sind typische Vertreter einer Generation, die Spaß haben möchte und Angst vor Langeweile hat.

Oskar Roehler erzählt die Geschichte zwar chronologisch, aber in fragmentarischen, zum Teil skurrilen und tragikomischen Episoden. Die Dialoge wirken wie improvisiert – beinahe lebensecht. Lorenz Haarmann filmt hin und wieder mit einer niedrigen Brennweite aus der Froschperspektive, wodurch es zu gewollten Verzerrungen kommt. Für einen so pessimistischen, provozierenden Low-Budget-Film wie „Silvester Countdown“, bei dem man keine Hochglanzästhetik erwartet, sind Bildaufbau, Farb- und Lichtregie überraschend anspruchsvoll und ästhetisch.

„Silvester Countdown“ wurde für 137 000 D-Mark auf Super 16 gedreht.

Marie Zielcke erhielt für die Rolle der Julia den Max-Ophüls-Nachwuchspreis.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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