Jodi Picoult : Schuldig

Schuldig

Jodi Picoult

Schuldig

Originalausgabe: The Tenth Circle Atria Books, New York 2006 Schuldig Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann Illustrationen: Dustin Weaver Piper Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-492-05030-2, 415 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 14-jährige Schülerin Trixie Stone beschuldigt ihren drei Jahre älteren Ex-Freund Jason Underhill, sie vergewaltigt zu haben. Allerdings stellt sich heraus, dass sie auf der Party, wo es geschah, aufreizende Kleidung trug und sich an Sexspielen beteiligte. Dann taucht auch noch ein Foto von ihr im Internet auf, auf dem sie mit nackten Brüsten zu sehen ist. Trixies Vater rechnet nicht mehr mit einer gerichtlichen Verurteilung Jasons – und greift zur Selbstjustiz ...
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Kritik

"Schuldig" ist eine Mischung aus Familientragödie und Kriminalroman. Jodi Picoult erzählt die erschütternde Geschichte abwechselnd aus den verschiedenen Blickwinkeln.

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Für die vierzehnjährige rothaarige Gymnasiastin Beatrice („Trixie“) Stone bricht eine Welt zusammen, als sich Jason Underhill, ihr erster Freund, nach drei Monaten von ihr trennt und sie zufällig sieht, wie der drei Jahre ältere umschwärmte Mitschüler Jessica Ridgeley küsst, die ebenfalls die Highschool in Bethel, Maine, besucht. Trixie zertritt ihren Schminkspiegel und schneidet sich mit einer Glasscherbe in den Unterarm. Der körperliche Schmerz erleichtert sie.

Ihre Mutter Laura lehrt als Philologie-Professorin am Monroe College in Bethel. Daniel Stone, der Vater, zeichnet Comics. Trixie kam vier Monate nach der standesamtlichen Trauung zur Welt. Während Laura trotz des Kindes ihre Karriere ausbaute, blieb Daniel zu Hause. Weil die Familie für ihn wichtiger als der Erfolg ist, lehnte er sogar ein interessantes Stellenangebot ab, das mit einem Umzug nach New York verbunden gewesen wäre.

Daniel wuchs als einziger weißer Junge in einem Dorf der Yupik in Alaska auf. Dorthin war seine allein erziehende Mutter Annette Stone mit ihm gezogen. Sie war Lehrerin und unterrichtete an einer Schule in Akiak. Die Yupik nannten ihn nicht Daniel, sondern Wassilie („Wass“). Als sich sein bester Freund, der Yupik-Junge Cane Johnson, in der Turnhalle der Highschool mit einem Jagdgewehr erschoss [Suizid], verstörte ihn das so, dass er den Toten packte und schüttelte. Aufgrund der Spuren geriet er unter Mordverdacht. Mit achtzehn verließ er Alaska.

Weil Trixie nicht von Jason loskommt, vergleicht ihre Freundin Zephyr Santorelli-Weinstein sie mit Alex Forrest in dem Film „Eine verhängnisvolle Affäre“.

Während ihre Mutter verreist ist, veranstaltet Zephyr eine Party. Für das „Regenbogen“-Spiel leiht sie den weiblichen Gästen Lippenstifte in verschiedenen Farben. Es gewinnt der Junge, der am Ende die meisten Farben an seinem Penis vorweisen kann. Als alle bis auf Trixie, Jason Underhill und seinem besten Freund Moss Minton gegangen sind, schlägt die Gastgeberin Strip-Poker vor. Trixie verliert mehrere Runden. Schließlich bleibt ihr nur noch die Wahl, entweder den BH oder die Jeans auszuziehen. Sie sträubt sich, aber die anderen bestehen darauf, dass sie noch ein Kleidungsstück ablegt, und weil sie keinen Slip trägt, entblößt sie ihre Brüste, nur kurz, aber Moss gelingt es, mit seinem Handy ein Foto von ihr zu knipsen. Danach zieht sich Zephyr mit Moss in ihr Zimmer im Obergeschoss des Hauses zurück.

Gegen 4 Uhr kommt Trixie verstört nach Hause. Sie hatte angekündigt, mit ihrer Freundin zu lernen und bei ihr zu übernachten. Nun gesteht sie, dass Zephyr eine Party gab und sagt, Jason habe sie vergewaltigt. Aufgeregt fährt Daniel mit ihr ins Krankenhaus. Weil Laura telefonisch mitteilte, dass sie lange arbeiten und anschließend in ihrem Büro im College übernachten werde, versucht er, sie dort zu erreichen, aber sie hebt nicht ab. Und ihr Handy ist ausgeschaltet. Er kann ihr nur eine Nachricht auf die Mailbox sprechen.

Eine Ärztin untersucht Trixie und stellt ihr eine Reihe von Fragen. Trixie behauptet, vor der Vergewaltigung noch Jungfrau gewesen zu sein. (Tatsächlich hatte sie bereits mehrmals mit Jason geschlafen.) Das Krankenhaus verständigt die Polizei. Detective Mike Bartholomew kommt und lässt Trixie noch einmal schildern, was passierte. Jason wird festgenommen, kommt allerdings unter Auflagen bis zur Gerichtsverhandlung wieder frei.

Nachdem Laura endlich aufgetaucht ist, gesteht sie ihrem Mann, dass sie eine Affäre mit dem Studenten Seth Dummerston hatte und beteuert zugleich, sie sei nicht da gewesen, weil sie das Verhältnis an diesem Abend beendete.

Als Daniel wieder mit Laura ins Bett geht, fragt er sie nach dem Orgasmus, ob sie dabei an Seth gedacht habe. Laura verneint. Aber Daniel musste an ihn denken.

Die Staatsanwältin Marita Soorenstad ist skeptisch, ob die Indizien und Zeugenaussagen für eine Anklage gegen Jason Underhill ausreichen. Immerhin war Trixie bis vor kurzem dessen Freundin, und es heißt, sie habe ihn zurückgewinnen wollen. Außerdem trug sie bei der Party aufreizende Kleidung und beteiligte sich an Sexspielen. Nicht nur in ihrer Vagina, sondern auch in ihrem Mund wurden Spermaspuren sichergestellt, obwohl Trixie aussagte, an dem Abend keinen Oralsex gehabt zu haben. Sie log also mehrmals und wollte ihren Eltern den Partybesuch verheimlichen.

Dann taucht auch noch im Internet das Foto von Trixie mit nackten Brüsten auf, das Moss Minton von ihr knipste.

Trixie schneidet sich die Pulsadern auf, wird aber glücklicherweise von ihrer Mutter rechtzeitig entdeckt und ins Krankenhaus gebracht.

Daniel rechnet nicht mehr mit einer gerichtlichen Verurteilung Jasons. Deshalb greift er zur Selbstjustiz. Er überfällt den Siebzehnjährigen, drückt ihm ein Messer an die Kehle und fesselt ihn mit Klebeband an einen Kiefernstamm. Dann zerschneidet er ihm die Kleidung und die Unterwäsche, droht ihm mit Kastration und lässt ihn am Ende nackt zurück.

Jason kann sich befreien. Aus Angst vor Daniel schweigt er über den Vorfall.

In einer Blutprobe von Trixie findet die Chemikerin Venice Prudhomme Rückstände des auch als Partydroge missbrauchten Anästhetikums Ketamin. Hatte Jason das Mittel in einem Getränk für Trixie aufgelöst, um sie wehrlos zu machen? Weil es bei der Anklage nun auch um Drogen geht, muss Jason mit einem Verfahren nach dem Erwachsenenstrafrecht rechnen, obwohl er noch nicht volljährig ist. (In Wirklichkeit hatte Trixie sich die Partydroge besorgt, und zwar ausgerechnet von Seth Dummerston, dem Liebhaber ihrer Mutter. Sie wollte dann zwar nichts davon nehmen, aber jemand, vielleicht Zephyr, scheint ihr das Mittel ins Glas gekippt zu haben.)

Die Gould Sportakademie verweigert ihm aus Sorge um ihren Ruf das beantragte Stipendium. Das bedeutet, dass die angestrebte Sportkarriere für Jason in weite Ferne gerückt ist.

Weil Daniel und Laura befürchten, dass Trixie einen erneuten Selbstmordversuch unternehmen könnte, lassen sie ihre Tochter nicht mehr unbeaufsichtigt. Daniel nimmt sie mit zum Einkaufen. Auf dem Parkplatz des Supermarkts bleibt sie allerdings im Wagen sitzen. Als es ihr dann aber doch zu lange dauert und sie aussteigt, prallt sie mit Jason zusammen. In diesem Augenblilck kommt Daniel dazu und nimmt an, Jason habe sich Trixie trotz des richterlichen Verbots genähert. Er prügelt sich mit dem Jungen, bis dieser wegläuft. Erst jetzt merkt Daniel, dass Trixie nicht mehr da ist. Es dauert einige Zeit, bis er sie findet und mit ihr nach Hause fährt.

Bald darauf heißt es, Jason Underhill sei in selbstmörderischer Absicht von einer Brücke in der Nähe des Supermarkts gesprungen.

Die Gerichtsmedizinerin Anjali Mukherjee, die den Toten untersucht, stößt auf Hämatome, die darauf schließen lassen, dass Jason kurz vor seinem Tod geschlagen wurde. Weil sie unter seinen Fingernägeln Holzsplitter vom Brückengeländer findet, vermutet sie, dass es sich nicht um Suizid, sondern um Mord handelt: Jason muss versucht haben, sich am Geländer festzukrallen. Er wurde offenbar in die Tiefe gestoßen.

Daniel lügt bei seiner Befragung, er habe Jason an dem Abend nicht gesehen. Trixie berichtet dagegen Detective Bartholomew, was auf dem Parkplatz des Supermarkts geschah.

Kurz darauf erhält Bartholomew das Ergebnis einer DNA-Analyse des Blutes, das an der Leiche sichergestellt wurde, das aber nicht von Jason selbst stammt. Es ist von einer Frau. Parallel dazu stellt der Detective fest, dass die Abdrücke von Schuhen, die Trixie trägt, mit denen auf der Brücke übereinstimmen. Allerdings handelt es sich um Sohlen, wie sie millionenfach getragen werden. Als dann auch noch an Jasons Armbanduhr ein rotes Haar gefunden wird, glaubt Bartholomew, die Mörderin identifiziert zu haben. Er fährt los und spricht mit Daniel Stone. Als dieser nach oben geht, um Trixie zu holen, ist sie nicht mehr in ihrem Zimmer. Offenbar floh sie durchs Fenster, als sie hörte, dass der Detective sie verdächtigt, Jason ermordet zu haben.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Trixie versteckt sich auf einem Viehtransporter, der gleich darauf losfährt. In einem Busbahnhof stiehlt sie der jungen, von ihrem Kleinkind abgelenkten Mutter Fawn Abernathy den Führerschein, die Kreditkarte und die Hälfte des Bargelds aus dem Portemonnaie. Dann nimmt sie ein Taxi zum Flughafen.

Als sie in Bethel, Alaska, eintrifft, verwechselt man sie mit einer verspäteten freiwilligen Helferin beim Hundeschlittenrennen Kuskokwim 300. Ein Yupik-Junge namens Willie Moses bringt sie mit dem Snowmobil nach Tuluksak.

Bartholomew ermittelt, dass Daniel und Laura Stone nach Seattle unterwegs sind und von dort einen Weiterflug nach Anchorage gebucht haben. (Daniel ahnt, wohin seine Tochter geflohen ist.) Der Detective geht davon aus, dass die Spur der Eltern zur Tochter führen wird.

Als ihm einfällt, dass Trixie sich nach der Vergewaltigung den Pferdeschwanz abschneiden ließ, besorgt er sich beim Friseur das für wohltätige Zwecke gespendete aber noch nicht weitergegebene Haar und lässt es von Skipper Johanssen untersuchen, einer Expertin für mitochondriale DNA. Sie erklärt ihm allerdings, dass sich die mtDNA nicht für genetische Fingerabdrücke eignet, weil sie nicht wie die zelluläre DNA von beiden Elternteilen, sondern nur von der Mutter vererbt wird. Das bedeutet, dass sich die mtDNA von Frauen in direkter Abstammung nur durch Mutationen unterscheidet. Immerhin stellt sich bei der Untersuchung heraus, dass die DNA des bei Jasons Leiche sichergestellten Fremdbluts und die der Haare zueinander passen. Trixie könnte also die Mörderin sein.

Daniel reist mit seiner Frau nach Akiak, den Ort, den er als Achtzehnjähriger verlassen hatte. Er lässt Laura bei Charles und Minnie Johnson, den Eltern seines toten Jugendfreundes, und deren Familie zurück, während er sich mit einem geliehenen Snowmobil auf die Suche nach Trixie macht.

Tatsächlich findet er sie und nimmt sie mit nach Akiak. Dort warten bereits zwei Polizisten mit einem Haftbefehl auf sie. In der Annahme, seiner Tochter die Festnahme ersparen zu können, gesteht Daniel den Mord. Auch seine Frau behauptet, Jason von der Brücke gestoßen zu haben.

Sie werden alle drei nach Bethel, Alaska, gebracht.

Daniel kommt schließlich frei. Als er Laura im Gefängnis besucht, sagt sie ihm, dass sie Jason zufällig auf der Brücke sah und übers Geländer stieß.

Laura wandte ihm das Gesicht zu. „Was meinst du, wie es nun weitergeht?“
Daniel hatte keine Antwort darauf. Er war nicht mal sicher, ob er die richtigen Fragen hatte. Aber er würde Trixie abholen, und sie würden nach Hause fahren. Er würde den besten Anwalt engagieren, den er finden konnte. Und früher oder später, wenn Laura zu ihnen zurückkam, würden sie sich neu erfinden. Bestimmt würden sie nicht ganz von vorn anfangen, aber sie konnten einen Neuanfang machen.
Genau in diesem Augenblick flog ein Rabe über das Polizeigebäude, segelte in den Innenhof und stieß Laute aus, die sich anhörten wie fließendes Wasser. Daniel beobachtete ihn aufmerksam, so wie er das in einem anderen Leben gelernt hatte. Ein Rabe konnte vieles sein – ein Schöpfer, ein
Betrüger –, je nachdem, welche Gestalt er gerade annehmen wollte. Aber wenn er einen Halbkreis flog und sich dann einmal um sich selbst drehte, dann konnte das nur eines bedeuten: Er schüttelte das Glück von seinem Rücken – und jeder konnte es aufheben. Man musste nur sehen, wo es hinfiel.

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„Schuldig“ ist eine Mischung aus Familientragödie und Kriminalroman. Die in Maine und in Alaska spielende Handlung dreht sich um die Folgen eines Ehebruchs und einer Vergewaltigung sowie um die Traumatisierung eines Amerikaners, der als einziger weißer Jugendlicher unter Yupik in Alaska aufwuchs und nach dem Suizid seines besten Freundes unter Mordverdacht geriet.

Jodi Picoult (* 1967) erzählt die erschütternde Geschichte abwechselnd aus den verschiedenen Blickwinkeln von Trixie, Daniel und Laura Stone, Jason Underhill und Detective Mike Bartholomew. „Schuldig“ ist spannend, auch wenn die Auflösung gut siebzig Seiten vor dem Schluss erkennbar ist (Ausführungen von Skipper Johanssen über mitochondriale DNA, S. 338ff) und es spätestens ab Seite 367 keinen Zweifel mehr darüber gibt, wer Jason von der Brücke stieß.

Daniel Stone arbeitet an dem Comic „Der unsterbliche Wildclaw. In: Der zehnte Kreis“, der zwischen den Kapiteln des Buches eingefügt ist (Illustrationen: Dustin Weaver). „The Tenth Circle“ lautet auch der Titel der Originalausgabe des Romans. Damit spielt Jodi Picoult auf die neun Höllenkreise in der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri an.

Den Roman „Schuldig“ von Jodi Picoult gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Dietmar Wunder (Regie: Verena Roelvink, Köln 2011, 6 CDs, ISBN 978-3-7857-4500-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Piper Verlag

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