Walter Mosley : Socrates' Welt

Socrates‘ Welt

Walter Mosley

Socrates' Welt

Originalausgabe: Walkin' the Dog Little, Brown & Co, Boston 1999 Socrates' Welt Übersetzung: Pieke Biermann Unionsverlag, Zürich 2001 ISBN 3-293-00290-0, 272 Seiten, 17 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach der Verbüßung einer 27-jährigen Haftstrafe wegen eines Doppelmordes haust Socrates Fortlow mit seinem Hund "Killer", dem ein Auto die Hinterbeine abgefahren hat, in einem verwahrlosten Viertel von Los Angeles. Seit seiner Entlassung vor neun Jahren hat sich der inzwischen fast 60-Jährige nichts zuschulden kommen lassen, und seit einem Jahr arbeitet er in einem Supermarkt, aber bei jedem Verbrechen in der Gegend verdächtigt die Polizei zunächst Socrates ...
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Kritik

Walter Mosley erzählt die 12 Episoden, aus denen der Roman "Socrates' Welt" besteht, eher beiläufig. Es geht ihm nicht um spektakuläre Szenen, sondern um ein Porträt des Protagonisten und eine Schilderung des Milieus.

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Socrates Fortlow, ein kahlköpfiger schwarzer Hüne, ist fast 60 Jahre alt. Mit einem Hund, den er bei sich aufgenommen hatte nachdem ihm die Hinterbeine von einem Auto abgefahren worden waren – er ruft ihn „Killer“ – wohnt Socrates in einer Hütte in Watts, einem schäbigen Stadtviertel von Los Angeles. Seit über einem Jahr arbeitet er in einer Filiale der Ladenkette „Bounty Supermarket“. Seine Aufgabe ist es, den Kunden an der Kasse die Einkaufstüten zu packen. 1961, vor 36 Jahren, hatte Socrates aus Eifersucht in Indiana eine Afroamerikanerin namens Muriel und deren Liebhaber ermordet. Dafür war er 27 Jahre lang im Zuchthaus gewesen. In den neun Jahren, die er inzwischen wieder in Freiheit verbrachte, ließ er sich nichts zuschulden kommen. Seit einiger Zeit kümmert er sich um den zwölfjährigen Waisen Darryl. Weil Socrates ihn wegen seiner Vorstrafe nicht adoptieren kann, lebt Darryl zwar bei Pflegeeltern – Hallie und Costas MacDaniels –, aber er hört nur auf Socrates, der ihn schließlich bei Howard und Corina Shakur unterbringt, die besser mit ihm fertig werden.

Im Knast hatte Socrates einen Freund. Als Levering Jordan starb, bat er Socrates, nach seiner Entlassung für ihn einen Baum zu pflanzen und es anschließend mit einem schönen schwarzen Mädchen zu treiben. Erst jetzt löst Socrates das vor 19 Jahren gegebene Versprechen ein, kauft einen Korallenbaum und lädt eine Bekannte namens Charlene Willert ein.

Als in der Straße, in der Socrates haust, das „Partymäuschen“ Minnie Dawn Lee vergewaltigt und erschossen wird, tauchen drei weiße Polizisten bei ihm auf und nehmen ihn unter Mordverdacht fest, einfach, weil er schon einmal jemanden erschossen hat. Der Rechtsanwalt Ernesto Chavez, ein Cousin des „Bounty“-Filialleiters Marty Gonzalez, holt Socrates aus der Haft.

Socrates‘ bester Freund, Eugen („Right“) Burke, ist seit einem Jahr tot. Weil der Krebskranke die Schmerzen nicht mehr aushielt, nahm er sich im Alter von 74 Jahren mit einer Überdosis Morphium das Leben. Rights Freundin Luvia Prine, die ein privates Altersheim betreibt, in dem er kostenlos gewohnt hatte, wirft Socrates vor, den Suizid nicht verhindert zu haben. Nur widerwillig lässt sie sich von ihm begleiten, wenn der Gelegenheitschauffeur Milton Langonier zum Friedhof fährt.

Nach der ersten Fahrt setzt Milton sich mit Socrates in den MacArthur-Park und erzählt ihm von seinem inzwischen verstorbenen früheren Chef Moses Goldstein. Mit dem saß er auch immer auf der Anlagenbank, weil Goldstein dann die kleine Schwarze Cherry Winters sehen konnte, in die der verheiratete Mann wie ein pubertierender Schüler verknallt war. Weil er es nicht wagte sie anzusprechen, tat Milton es eines Tages für ihn, und dann mietete Moses dem Mädchen ein Apartment, wo sie sich regelmäßig treffen konnten.

Ausgerechnet, als Socrates seinen gesamten Wochenlohn in der Tasche hat, wird er in einer Nebenstraße von einem jugendlichen Schwarzen überfallen, dem er körperlich nicht gewachsen ist. Der Junge schlägt ihn zweimal nieder. Aber dann hebt Socrates einen Stein auf und zertrümmert damit dem Angreifer den Kopf. Zu Hause wartet er auf die Polizei, aber diesmal kommt niemand, um ihn zu verhaften. Der Junge hieß Ronald Logan und war erst vor neun Tagen aus dem Gefängnis gekommen. Er galt als Schrecken des Viertels, und selbst seine Mutter Yolanda ist froh, dass er tot ist.

Zum Essen geht Socrates gern in das Soulfood-Lokal von Iula LaPort, das sie in den Wracks von zwei Schulbussen eingerichtet hat, die auf dem Dach der Autowerkstatt ihres Ex-Mannes Tony stehen. Iula und Socrates sind befreundet, und hin und wieder schlafen sie am Wochenende zusammen.

Mittwochs treffen Socrates und ein paar andere Afroamerikaner sich bei dem Bestatter Nelson Saint-Paul, den sie „Topper“ nennen, zu einer Gesprächsrunde. Da bringt Socrates die anderen oft durch unerwartete Fragen in Verlegenheit und zum Nachdenken, aber die Antworten kennt er selbst nicht. Deshalb stellt er die Fragen.

Zögernd lässt Socrates sich auf das Angebot des Filialleiters ein, die Leitung der Obst-und-Gemüse-Abteilung zu übernehmen. Nicht, dass er dazu ungeeignet wäre, aber Socrates bezweifelt, dass er als verurteilter Mörder das Recht hat, so eine gut bezahlte Stelle anzunehmen. Und er befürchtet, dass das Management der Ladenkette herausfindet, dass er wegen eines Kapitalverbrechens im Zuchthaus war. Aber Marty Gonzalez, der über ihn Bescheid weiß, glaubt nicht, dass sich jemand für Socrates‘ Akte interessieren wird.

Eines Tages, als Socrates von der Arbeit nach Hause kommt, sind zwei Männer dabei, seine Hütte auszuräumen. Er schlägt sie ihn die Flucht, aber sie rufen ihm noch zu, dass sie im Auftrag der Wohnungsgesellschaft „Cherry Hill“ handelten und kündigen ihm Schwierigkeiten an. Die afroamerikanische Rechtsanwältin Brenda Marsh geht mit ihm zur Polizei und legt den Mietvertrag vor, den er vor neun Jahren mit Price Landers geschlossen hatte. Bankbelege beweisen, dass Socrates einige Zeit ordnungsmäß Miete bezahlte und die Überweisungen dann zurückkamen, weil Landers gestorben war. Obwohl Brenda Marsh darauf pocht, dass Socrates der rechtmäßige Mieter der Hütte sei, wird ihr Mandant eingesperrt. Bei der Anhörung zwei Tage später entscheidet Richter Radell jedoch gegen „Cherry Hill“. Da es für die Wohnungsgesellschaft, die das Areal gekauft hat, um Millionen geht, muss Socrates dennoch damit rechnen, nicht mehr lang in seiner Hütte wohnen zu können. Er schließt deshalb mit Ira Lomax, dem Inhaber von „Cherry Hill“, einen außergerichtlichen Vergleich, nimmt das Geld und mietet ein kleines Gartenhaus, in das er allerdings nur ein Bett, einen Tisch und ein paar Klappstühle stellt, weil er es nicht gewohnt ist, luxuriöser zu wohnen.

Nachdem der weiße Polizist Matthew G. Cardwell Jr. Reggie, den Sohn von Stony und Tildy Wile, krankenhausreif geschlagen, ein Mädchen namens Inger Lowe vergewaltigt und den Jungen Terrence Johnson erschossen hat, besorgt Socrates sich eine zweite Pistole und Patronen. Nachts lauert er Cardwell auf, als dieser aus Denther’s Bar & Grill kommt. In jeder Hand hält er eine Waffe. Cardwell geht in ein paar Meter Entfernung an ihm vorbei, aber Socrates drückt nicht ab: Er verspürt plötzlich ein Gefühl der Freiheit.

Kurz darauf nimmt er sich zwei Wochen Urlaub und malt mit Hilfe des schrulligen Revolutionärs Lavant Hall zwei Plakate, die er sich wie ein Sandwich-Mann umhängt. So stellt er sich vor die Polizeiwache, zu der Cardwell gehört. Anfangs wird er kaum beachtet, aber gegen Mittag lesen ein paar Passanten auf den Plakaten die Liste von Anschuldigungen gegen Cardwell. Als dadurch zwei Beamte auf ihn aufmerksam werden und ihn festnehmen wollen, wird das von aufgebrachten Leuten, die zufällig in der Nähe sind, verhindert. Am nächsten Morgen geht Socrates wieder mit den Plakaten zu dem Polizeirevier. Diesmal sind Reporter da, aber Socrates wird nach wenigen Minuten festgenommen und in ein Gefängnis gebracht. Dort holt Ernesto Chavez ihn nach drei Tagen heraus. Inzwischen ist Socrates berühmt, denn alle Fernsehsender haben über seine Aktion berichtet. Matthew G. Cardwell Jr. wurde inzwischen vom Dienst suspendiert, und es läuft eine Untersuchung gegen ihn.

Durch die Berichterstattung der Medien erfuhr auch das „Bounty“-Management von dem Abteilungsleiter, der 27 Jahre lang wegen eines Doppelmordes im Zuchthaus saß. Marty Gonzalez bleibt nichts anderes übrig, als Socrates zu kündigen.

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„Socrates‘ Welt“ ist ein Episodenroman über einen Afroamerikaner in Los Angeles, der seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis versucht, ein anständiges Leben zu führen. In einer Gesellschaft, in der es Rassismus und Vorurteile gegen Unangepasste gibt, ist das nicht so einfach. Trotz seiner Unsicherheit und seiner Selbstzweifel geht Socrates seinen Weg und hilft zugleich auch anderen Menschen, sich selbst zu finden.

Walter Mosley erzählt eher beiläufig. Es geht ihm nicht um spektakuläre Szenen, sondern um ein Porträt des Protagonisten und eine Schilderung des Milieus, in dem er sich zu bewähren hat.

Walter Mosley (* Los Angeles, 1952) wurde durch die Kriminalroman-Reihe über den schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins bekannt: „Devil in a Blue Dress“ (1990; „Teufel in Blau“), „A Red Death“ (1991; „Roter Tod“), „White Butterfly“ (1992; „Der weiße Schmetterling“), „Black Betty“ (1994; „Black Betty“), „A Little Yellow Dog“ (1996). Ab 1997 arbeitete er an der Romanserie über Socrates Fortlow: „Always Outnumbered, Always Outgunned“ (1997; „Socrates in Watts“), „Walkin‘ the Dog“ (1999; „Socrates‘ Welt“).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

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