Der Chef

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Der Chef – Originaltitel: Un flic – Regie: Jean-Pierre Melville – Drehbuch: Jean-Pierre Melville – Kamera: Walter Wottitz – Schnitt: Patricia Nény – Musik: Michel Colombier – Darsteller: Alain Delon, Richard Crenna, Catherine Deneuve, Riccardo Cucciolla, Michael Conrad, Paul Crauchet, André Pousse, Léon Minisini, Valérie Wilson, Simone Valère u.a. – 1972; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Nachdem Simon mit seinen Komplizen eine Bank ausgeraubt hat, lässt er sich von einem Hubschrauber auf einen fahrenden Zug abseilen und raubt einem Drogenkurier das Heroin. Der Kommissar Edouard Coleman, der mit Simon befreundet ist, ohne zunächst von dessen kriminellen Machenschaften etwas zu ahnen, ist wütend über den Coup, der die Zerschlagung eines Drogenrings vereitelte. Aber nach diesem Misserfolg dauert es nicht lange, bis er Simon auf die Spur kommt ...
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Kritik

Die kühle, unromantische Gangster­ballade "Der Chef" besticht durch die Stringenz und Stilsicherheit der Inszenierung von Jean-Pierre Melville. Außergewöhnlich ist, dass der Kommissar ebenso skrupellos vorgeht wie der Verbrecher.
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Simon (Richard Crenna) betreibt in Paris einen mondänen Nachtklub: „Simon’s“. Zugleich ist er ein abgebrühter Verbrecher.

Mit seinen drei Komplizen Paul Weber (Riccardo Cucciolla), Louis Costa (Michael Conrad) und Marc Albouis (André Pousse) überfällt er eine Bank in Saint-Jean-de-Monts. Selbst als ein Kassierer ein Geldbündel auf einen Fußschalter wirft und dadurch den Alarm auslöst, machen die Bankräuber ruhig weiter. Allerdings hat der Kassierer auch noch eine Pistole versteckt, und damit trifft er Marc in die Brust. Ohne die Nerven zu verlieren, stützen Simon und Paul ihn und führen ihn hinaus zu dem von Louis gelenkten Fluchtwagen. Auch die Plastiksäcke mit dem Geld nehmen sie mit. Sie fahren zu einem Bahnhof und kaufen drei Fahrkarten Erster Klasse nach Paris, um eine falsche Spur zu legen. Statt in den Zug zu steigen, setzen sie die Fahrt mit einem eigens hier abgestellten anderen Auto fort. Erst nach dem sie die Beute vergraben haben, bringen sie den Schwerverletzten in eine Klinik. Dann machen sich Simon, Paul und Louis auf den Weg nach Paris.

Paul Weber ist 60 Jahre alt und arbeitslos. Bis vor kurzem war er noch Bankdirektor. Seine Ehefrau (Simone Valère) glaubt, er sei in Straßburg gewesen und habe sich dort für die Stelle eines Filialleiters einer Bank beworben. Von seinen kriminellen Machenschaften ahnt sie nichts.

Simon wird von seiner Geliebten im Nachtklub empfangen. Cathy (Catherine Deneuve) fragt ihn, ob alles gut gelaufen sei. Daraufhin zeigt er ihr die aufgeschlagene Zeitung, in der über den Bankraub berichtet wird und sagt ja.

Am nächsten Tag trifft er sich mit Paul und Louis konspirativ in einem Kunstmuseum. Aus der Zeitung wissen die drei Gangster, dass die Polizei einen Zusammenhang zwischen Marcs Verletzung und dem Banküberfall in Saint-Jean-de-Monts vermutet. Das Risiko, dass Marc nach dem Aufwachen aus dem Koma plaudern könnte, erscheint ihnen zu hoch. Sie beschließen deshalb, etwas zu unternehmen.

Als Sanitäter verkleidet, fahren sie mit einem Krankenwagen zur Klinik und zeigen der Krankenschwester an der Pforte ein gefälschtes Papier, demzufolge „Marc Schmitt“ in ein anderes Krankenhaus verlegt werden soll. Weil die Krankenschwester jedoch ihren eigenen Unterlagen entnimmt, dass der Patient nach einem Lungendurchschuss nicht transportfähig ist, lässt sie die angeblichen Sanitäter nicht durch. Sie bemerkt allerdings nicht, dass sich die als Krankenschwester verkleidete Cathy vorbeischleicht. Die Geliebte des Bandenchefs dringt ungehindert zu Marc ins Zimmer vor und injiziert ein tödliches Gift in seinen Tropf. Ungerührt wartet sie, bis auf dem Monitor sein Tod angezeigt wird. Bevor Ärzte und Schwestern herbeieilen, verschwindet sie.

Kommissar Edouard Coleman (Alain Delon) und sein Assistant Morand (Paul Crauchet) finden in der Kleidung des Toten keinen Hinweis auf seine wahre Identität.

Bei Edouard Coleman handelt es sich um einen wortkargen und hochintelligenten Zyniker, der seine Arbeit ebenso gefühlskalt wie professionell erledigt. Mit Simon ist er befreundet, und die beiden Männer lieben dieselbe Frau: Cathy. Mit ihr trifft Edouard sich in einem Hotelzimmer. Das ist dann auch eine der seltenen Stunden, die er nicht im Dienst verbringt.

Simon bereitet den nächsten Coup vor. Er hat herausgefunden, dass eine andere Verbrecherbande beabsichtigt, eine größere Menge Heroin im Nachtzug von Paris nach Lissabon zu schmuggeln. Während der Fahrt will Simon dem Drogenkurier die Ware rauben.

Der Kommissar erfährt durch seine Informantin Gaby (Valérie Wilson), einen Transvestiten, der früher als Stricher sein Geld verdiente und jetzt als Straßenmädchen anschafft, von dem geplanten Drogenschmuggel. Am Bahnhof in Bordeaux beobachtet er, wie die Drogenschmuggler die Ware in den Zug bringen. Er weiß auch, wer der Drogenkurier ist und will den Ganoven Mathieu (Léon Minisini) bei der Ankunft in Lissabon verhaften lassen.

Simon lässt sich jedoch an einem Streckenabschnitt, in dem der Zug wegen Bauarbeiten langsam fahren muss, von einem Hubschrauber auf das Dach des Schlafwagens abseilen, in dem sich Mathieus Abteil befindet. Er bricht in das Schlafwagenabteil ein, schlägt den Drogenkurier nieder, klebt ihm den Mund zu und betäubt ihn mit einem Narkotikum. Dann klettert er mit den beiden Koffern, in denen Mathieu die Drogenpakete unter dem doppelten Boden versteckt hat, aus dem Zug und lässt sich zum Hubschrauber hochziehen.

Als Mathieu zu sich kommt, wirft er den dritten Koffer, den er bei sich hat, aus dem Fenster. Kurz darauf wird er festgenommen. Aber er hat keine Drogen bei sich, und die Polizei kann ihm nichts anhaben.

Der Kommissar ist wütend. Er lässt Gaby festnehmen und ohrfeigt sie in seinem Büro, denn er nimmt an, dass sie ihn belog. Jedenfalls war der Tipp nichts wert, und Edouard Coleman hat sich blamiert. Da zeigt sogar er Gefühle.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Es gelingt ihm, Louis Costa in einem Restaurant festzunehmen. Inzwischen weiß er, dass Costa bei dem Bankraub in Saint-Jean-de-Monts ebenso dabei war wie der in einer Klinik nach einem Lungendurchschuss Verstorbene, aber dieses Verbrechen interessiert ihn weniger als der neue Coup der Bande, der die Zerschlagung des Drogenrings vereitelte. Coleman erklärt Costa, er wolle die Namen der beiden Komplizen wissen und bietet ihm eine Wette darauf an, dass Costa sie nennen werde.

Kurz darauf geht Edouard Coleman ins „Simon’s“. Der Besitzer gesellt sich zu seinem Freund. Der Kommissar fragt ihn nach Marc Albouis und Paul Weber. Simon behauptet, keinen der beiden Namen vorher gehört zu haben. Ob er Louis Costa kenne, fragt Edouard weiter. Wieder verneint Simon. „Seltsam“, meint Edouard, „denn er kennt dich.“

Sobald der Kommissar den Nachtklub verlassen hat, ruft Simon seinen Komplizen Paul an. Louis habe geplaudert, sagt er. Aber seine Warnung kommt zu spät: Noch während des Telefongesprächs sieht und hört Paul Weber durchs Fenster, wie die Polizei vor dem Haus hält. Nachdem er seine Frau gebeten hat, die Wohnungstüre zu öffnen, geht er ins Nebenzimmer, und als Edouard Coleman die Tür aufreißt, tötet Paul Weber sich mit einem Kopfschuss [Suizid].

Simon beabsichtigt, aus Paris zu fliehen. Das Heroin hat er im Koffer bei sich. Von einem Hotel aus ruft er Cathy an und fordert sie auf, ihn mit dem Wagen abzuholen. Dass die Polizei das Gespräch mitschneidet, ahnt er nicht. Er wartet am Hotelportal, bis er Cathy kommen sieht. Als er zu ihrem Auto gehen will, taucht unvermittelt Edouard auf und ruft seinen Namen. Der Kommissar hält eine Pistole in der Hand. Simon greift mit der rechten Hand in sein Jackett. Bevor er sie wieder herauszieht, erschießt Edouard ihn. Bei dem Toten wird jedoch keine Waffe gefunden.

Cathy hat alles mit angesehen. Sie bleibt betroffen neben ihrem Wagen stehen. Edouard blickt sie an, dann steigt er in seinen Wagen, um zum nächsten Tatort zu fahren, statt sie zu verhaften.

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Jean-Pierre Melville hatte mit Alain Delon bereits „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ gedreht, aber in „Der Chef“ spielt Alain Delon erstmals statt des Gangsters den Flic (Originaltitel: „Un flic“). Allerdings ist der Charakter unverändert: Alain Delon verkörpert einen desillusionierten Nihilisten, einen ebenso intelligenten wie wortkargen Zyniker, der sein Handwerk – sei es das des Gangsters oder das des Polizisten – gefühlskalt und professionell ausübt.

Im Mittelpunkt der Gangsterballade „Der Chef“ sollte wohl das Psychoduell zwischen dem Kommissar und dem Verbrecher stehen, wie zum Beispiel in „Heat. Aber Richard Crenna ist es nicht gelungen, aus der Figur Simon einen mehrdimensionalen Charakter zu machen. Trotz des wagemutigen Überfalls vom Hubschrauber auf einen fahrenden Zug bleibt der Bandenchef ganz im Schatten seines Kontrahenten. Das liegt nicht nur am Drehbuch, sondern auch an der ungewöhnlichen Ausdruckskraft Alain Delons.

Valérie Wilson gelingt es, die Verzweiflung des Transvestiten Gaby zum Ausdruck zu bringen. Paul Weber gewinnt noch etwas Kontur, nicht zuletzt durch seine Ehefrau, aber Louis Costa und vor allem Marc Albouis bleiben Schablonen. Catherine Deneuve hat auch nicht mehr als zwei bemerkenswerte Auftritte: Einmal, als sie teilnahmslos mordet und dann noch einmal am Ende, wenn sie betroffen neben ihrem Auto steht.

Fazit: Die Charaktere hätte Jean-Pierre Melville etwas besser herausarbeiten können.

Jean-Pierre Melville erzählt die Geschichte zwar abwechselnd aus dem Blickwinkel des Kommissars und des Verbrechers, aber dabei legt er den Akzent auf die Sicht des ersteren. Außergewöhnlich ist die Parallelität zwischen beiden. Edouard ist nicht nur ebenso smart und professionell wie Simon, sondern auch genauso skrupellos.

Das Verbrechen wird in „Der Chef“ nicht romantisiert wie zum Beispiel in „Rififi“, „Topkapi“ oder „Mission: Impossible“. Stattdessen zeigt uns Jean-Pierre Melville die Trostlosigkeit der Welt der Gangster und des Kommissars.

Bemerkenswert sind auch die kongeniale Musikuntermalung und der akzentuierte Einsatz von Geräuschen in „Der Chef“.

Die Gangsterballade, die längst als Klassiker gilt, besticht durch Stringenz und Stilsicherheit.

Gedreht wurde „Der Chef“ in Paris, Bordeaux, Saint-Jean-de-Monts und in den Filmstudios von Boulogne-Billancourt.

Die Uraufführung fand am 25. Oktober 1972 statt. „Der Chef“ blieb Jean-Pierre Melvilles letzter Film. Am 2. August 1973 erlag er im Alter von 55 Jahren einem Schlaganfall.

Synchronsprecher in der deutschen Fassung: Christian Brückner (Edouard Coleman), Harald Leipnitz (Simon), Helga Trümper (Cathy), Leo Bardischewski (Paul Weber), Erich Ebert (Morand) u. a.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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Matthias Politycki - Herr der Hörner
Matthias Politycki hat weder die Charaktere noch die Handlung besonders komplex oder vielschichtig angelegt. Einprägsame Episoden, eine dichte Atmosphäre, eine kraftvolle Darstellung und manierierte Formen machen "Herr der Hörner" jedoch zu einem fulminanten Roman.
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