360

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360 – Originaltitel: 360 – Regie: Fernando Meirelles– Drehbuch: Peter Morgan – Kamera: Adriano Goldman – Schnitt: Daniel Rezende – Darsteller: Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Moritz Bleibtreu, Jamel Debbouze, Ben Foster, Lucia Siposová, Gabriela Marcinkova, Johannes Krisch, Danica Jurcová, Dinara Drukarova, Vladimir Vdovichenkov, Juliano Cazarré, Maria Flor u.a. – 2011; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Eine Prostituierte wartet in Wien vergeblich auf ihren Freier. Der hat es sich anders überlegt. Mit dieser Entscheidung stößt er eine Kette von Ereignissen an. Seine Ehefrau hat in London gerade eine Affäre mit einem brasilianischen Fotografen beendet. Dessen Freundin fliegt zurück nach Amerika, weil sie von seiner Untreue erfuhr. In Denver trifft sie auf einen Sexualstraftäter, der gerade nach sechs Jahren Haft entlassen wurde. – "360" endet schließlich wieder mit einer Prostituierten in Wien.
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Kritik

Von Schnitzlers "Reigen" inspiriert, drehte Fernando Meirelles einen Episodenfilm mit ebenfalls ringförmiger Struktur. "360" dreht sich um Sex und Liebe, Sehnsüchte und Enttäuschungen.

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Mirka (Lucia Siposová) ist mit ihrer jüngeren Schwester Anna (Gabriela Marcinkova) aus Bratislava nach Wien gekommen. Weil sie hier unter dem Namen Blanca als Escortdame Geld verdienen möchte, lässt sie sich von dem schmierigen Zuhälter Rocco (Johannes Krisch) für ihr Online-Profil fotografieren.

Bald darauf bestellt Rocco sie in ein Hotel. Dort soll sie in der Bar auf den britischen Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) warten, der sie gebucht hat.

Gerade als Michael Daly die Hotelbar betritt, wird er von zwei deutschen Geschäftsleuten (Moritz Bleibtreu, Peter Morgan) angesprochen. Die beiden haben ein Angebot für einen von Michael geplanten Auftrag abgegeben. Der Brite erklärt ihnen jedoch, dass sie von einer estnischen Firma unterboten wurden und er deshalb den Vertrag nicht mit ihnen abschließen werde.

Während des kurzen Gesprächs fällt einem der beiden Deutschen die attraktive junge Frau an der Bar auf. Er vermutet, dass es sich um eine Prostituierte handelt und findet dann auch auf seinem Smartphone ein Foto von ihr.

Michael verabschiedet sich kurz von den Geschäftsleuten, lässt Mirka alias Blanca sitzen, geht essen und kehrt dann in sein Hotelzimmer zurück. Dort erhält er spätabends einen Anruf des Mannes, dem Blanca auffiel. Der erzählt ihm, er habe die Escortdame an der Bar angesprochen und gebucht. Jetzt weiß er auch, auf wen sie vergeblich wartete. Mit seinem Wissen erpresst er den verheirateten Briten, den Auftrag trotz des günstigeren Angebots aus Estland an die deutsche Firma zu vergeben.

Ein aus Algerien stammender verwitweter Zahnarzt (Jamel Debbouze), der in Paris praktiziert, ist in seine russische Praxishelferin Valentina (Dinara Drukarova) verliebt, verheimlicht seine Gefühle jedoch, weil sie verheiratet und deshalb für ihn als gläubigen Moslem tabu ist. Aber seine Gedanken kreisen ständig um sie. Auf der Straße beschattet er sie, nur um sie zu sehen. Er folgt ihr auch zum Flughafen. Sie fliegt zu ihrer Schwester nach Phoenix. Hilfe sucht er sowohl beim Imam (Djemel Barek) als auch bei einer Psychotherapeutin (Patty Hannock).

Michael Daly kehrt aus Wien nach London zurück, zu seiner Ehefrau Rose (Rachel Weisz) und der kleinen Tochter Ellie (Sydney Wade). Er ahnt nicht, dass Rose eine Affäre mit dem jungen brasilianischen Fotografen Rui (Juliano Cazarré) hatte, die sie während seines Aufenthalts in Wien beendete.

Rose und Michael fahren zu einer Schultheater-Aufführung, bei der Ellie eine kleine Nebenrolle spielt.

Laura (Maria Flor), die mit Rui aus Rio de Janeiro nach London gekommen war, fand heraus, dass er sie mit einer anderen Frau betrog. Sie redet darüber nicht mit ihm, sondern packt einfach ihre Sachen und fährt ohne ein Wort des Abschieds zum Flughafen, um nach Rio zurückzukehren.

Während des Flugs von London nach Denver erzählt John (Anthony Hopkins), der ältere Herr neben ihr, dass seine Tochter Julia vor Jahren verschwand und seither als vermisst gilt. Er ist unterwegs nach Phoenix, wo die Leiche einer jungen Frau gefunden wurde, bei der es sich um Julia handeln könnte.

In Denver erfahren Laura und John, dass wegen eines Schneesturms alle Flüge für den restlichen Tag gestrichen wurden. John hat noch ein paar Besorgungen zu machen, verabredet sich aber mit Laura in einer Stunde in einem der Restaurants.

Auch Tyler (Ben Foster) ist auf dem Flughafen in Denver gestrandet. Der Sexualstraftäter wurde nach sechs Jahren an diesem Tag auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen und ist auf dem Weg zu einer Resozialisierungseinrichtung in Louisville. Das Warten macht ihn nervös. Er lässt sein Gepäck am Tisch im Restaurant und ruft von einer Telefonzelle aus die Gefängnispsychologin Fran Wilson (Marianne Jean-Baptiste) an, die ihm Mut macht.

Als er zu seinem Tisch zurückkommt, sitzt dort Laura. Barsch zeigt er auf seine Sachen. Sie entschuldigt sich, will aufstehen und sich einen anderen Tisch suchen. Aber in diesem Augenblick serviert die Kellnerin (Riann Steele) ihr Essen.

Wie verabredet, kommt John in das Restaurant. Die Kellnerin erkennt ihn aufgrund von Lauras Beschreibung und übergibt ihm einen Zettel. Darauf hat Laura geschrieben, dass sie einen „süßen Kerl“ kennengelernt habe und mit ihm weggegangen sei. John macht sich Sorgen um die junge Brasilianerin.

Laura, die aus Frustration über ihren untreuen Freund bereits im Flugzeug zu viel getrunken hatte, nahm Tyler inzwischen mit in das Hotelzimmer, das ihr die Fluggesellschaft zuteilte. Er sträubte sich, aber sie redete auf ihn ein, bis er ihr folgte und hält ihn auch zurück, als er gehen will. Laura bedient sich aus der Minibar und trinkt weiter. Tyler hat sich kaum noch unter Kontrolle. Er schließt sich im Bad ein und masturbiert, um sich etwas abzureagieren. Als er ins Zimmer zurückkommt, liegt Laura auf dem Bett und ist eingeschlafen. Tyler betrachtet sie. Dann fällt sein Blick aufs Telefon.

Am nächsten Morgen ist John erleichtert, als er Laura am Flughafen entdeckt. Ihr Flug nach Miami wurde gerade aufgerufen. Sie ist verkatert, aber guter Dinge. Laura gesteht, dass sie zu viel getrunken habe und nicht mehr wisse, wie sie ins Hotel und ins Bett gekommen sei. Zum Abschied umarmt sie John.

Tyler trifft in Louisville ein. Fran Wilson beglückwünscht ihn noch einmal zu seinem Entschluss, sie aus dem Hotelzimmer anzurufen, statt über die junge Frau herzufallen.

Bei einem Treffen Anonymer Alkoholiker in Phoenix berichtet John, dass es sich bei der Toten wieder nicht um seine Tochter gehandelt habe.

Mit in der Runde sitzt auch Valentina. Sie ist seit drei Jahren trocken. In dieser Zeit habe sie sich verändert, sagt sie, ihr Ehemann Sergei jedoch nicht.

Am nächsten Tag fliegt sie nach Paris zurück. Sie ertappt Sergei (Vladimir Vdovichenkov), als dieser gerade auf dem Laptop die Website eines Escort-Services geöffnet hat und eine Buchung vornimmt. Gleich darauf erhält er einen Anruf. Er muss weg und packt zwei Pistolen ein. Valentina will sich von ihm scheiden lassen.

Sie ist heimlich in ihren Chef verliebt und ahnt, dass er ihre Gefühle erwidert. Als er sie in der Zahnarztpraxis auf die Seite nimmt, hofft sie auf eine Liebeserklärung. Stattdessen drängt er sie zur Kündigung, verspricht ihr aber zugleich ein sehr gutes Zeugnis und eine großzügige Abfindung. Verstört läuft Valentina auf die Straße.

Sergei hat den Auftrag erhalten, nach Wien zu fahren, eine Pistole mitzunehmen, ein Callgirl für seinen Boss (Mark Ivanir) zu buchen und ihn vom Flughafen abzuholen.

Mirka alias Blanca geht zu Sergeis Boss ins Hotel. Anna sitzt auf einer Parkbank in der Nähe des Hotels, liest und wartet auf ihre Schwester. Auf dem Weg vor ihr geht Sergei nervös auf und ab. Sie spricht ihn an. Ein Wolkenbruch lässt Sergei ins Auto springen, und er schlägt Anna vor, sich neben ihn zu setzen. Anna staunt über die Luxuslimousine. Der Wagen gehöre seinem Chef, erklärt Sergei. Er sei dessen Chauffeur, Bodyguard und Hund. Anna fällt auf, dass auf dem Rücksitz Bücher liegen, und Sergei gibt zu, dass er gerne liest – so wie Anna auch. Sie überredet ihn, mit ihr einmal um den Ring zu fahren.

Blanca bietet ihrem Freier an, für einen Aufpreis von 500 Euro länger zu bleiben. Prahlerisch öffnet er einen mit Banknotenbündeln gefüllten Koffer. Gleich darauf merkt er, dass Blanca heimlich ihr Handy benutzt hat. Er schlägt sie nieder, ruft Sergei an, fordert ihn auf, zu ihm zu kommen und unterwegs aufzupassen, denn die Prostituierte habe vermutlich ihrem Zuhälter eine Nachricht geschickt.

Sergei geht ins Hotel und beobachtet, wie Rocco zum Zimmer seines Bosses geht. Als Rocco anklopft, wird Sergei am Handy von seinem Chef gefragt, ob er das sei. Sergei sagt ja. Sein Boss öffnet die Tür, und Sergei sieht noch, wie Rocco zuschlägt.

Er sucht Anna und lädt sie dazu ein, mit ihm wegzufahren. Eigentlich wartet sie auf Mirka, aber sie lässt sich überreden und steigt wieder ins Auto. Sie fahren los, und obwohl Anna kein Russisch und Sergei kein Slowakisch spricht, fällt es ihnen leicht, sich zu verständigen. Außerdem haben sie beide vor einiger Zeit angefangen, Englisch zu lernen.

Mirka kommt zu sich. Beide Männer liegen bewusstlos am Boden. Nachdem Mirka sich angezogen und einige der Geldbündel in ihre Handtasche gestopft hat, geht sie. Gerade als sie das Hotel verlässt, fahren mehrere Streifenwagen mit Blaulicht vor. Niemand behelligt sie.

Valentina ist nach Wien gekommen, um hier als Escortdame Geld zu verdienen. Rocco fotografiert sie und stellt die Bilder ins Netz.

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Die Komödie „Reigen“ von Arthur Schnitzler inspirierte Peter Morgan (Drehbuch) und Fernando Meirelles (Regie) zu dem Film „360. Jede Begegnung hat Folgen“. Die Zahl 360 assoziieren wir mit einem Kreis, und die Ringstruktur ist denn auch das Besondere an diesem Episodenfilm. Wie Arthur Schnitzlers „Reigen“ beginnt und endet „360“ mit einer Prostituierten in Wien. Während das 1896/97 entstandene Bühnenstück jedoch ausschließlich in Wien und Umgebung spielt, bewegt sich „360“ auch in Paris, London und Amerika. Grenzen scheinen in der globalisierten Welt keine Rolle mehr zu spielen, und man verständigt sich in verschiedenen Sprachen. Wienerisch, Slowakisch, Französisch, Arabisch, Englisch, Russisch und brasilianisches Portugiesisch werden in „360. Jede Begegnung hat Folgen“ gesprochen.

Wie Arthur Schnitzler im Theaterstück erzählt Fernando Meirelles im Kinofilm von Sex und Liebe, Sehnsüchten und Enttäuschungen. „360“ zeigt, dass Begegnungen und Entscheidungen nicht folgenlos sind, zumal in einer Welt, die zum Dorf geworden ist und in der alles mit allem zusammenhängt. Fortwährend müssen wir uns zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten entscheiden, und wir erfahren immer nur, wohin der eingeschlagene Weg führt. Welche Konsequenzen andere Entscheidungen gehabt hätten, können wir nicht wissen.

Den Figuren in „360. Jede Begegnung hat Folgen“ begegnen wir nur in einem kurzen Ausschnitt ihres Lebens, und über ihre Vorgeschichte erfahren wir so gut wie nichts. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie großenteils klischeehaft bleiben. Angenehm ist, dass Fernando Meirelles zurückhaltend erzählt und auf effekthascherisches Blendwerk verzichtet.

Die Dreharbeiten für „360. Jede Begegnung hat Folgen“ fanden im Frühjahr 2011 in London, Paris und Wien statt.

Deutsche Synchronstimmen: Lucia Siposová (Mirka), Gabriela Marcinkova (Anna), Johannes Krisch (Rocco), Florian Halm (Michael Daly), Moritz Bleibtreu (deutscher Geschäftsmann 1), Claudia Urbschat-Mingues (Rose), Filipe Pirl (Rui), Janaina Pessoa Magalhaes (Laura), Wolfgang Pampel (John), Alexander Wüst (Tyler), Sona Macdonald (Fran Wilson), Axel Malzacher (Algerier in Paris), Morin Smolé (Valentina), Mark Zak (Sergei), Mark Ivanir (Gangsterboss) u.a.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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