The Straight Story

The Straight Story

The Straight Story

The Straight Story. Eine wahre Geschichte - Originaltitel: The Straight Story - Regie: David Lynch - Drehbuch: John Roach und Mary Sweeney - Kamera: Freddie Francis - Schnitt: Mary Sweeney - Musik: Angelo Badalamenti - Darsteller: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton, Jane Galloway Heitz, Joseph A. Carpenter, Donald Wiegert, Tracey Maloney, Dan Flannery, Jenniger Edwards-Hughes, Ed Grennan u.a. - 1999; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Alvin Straight hat es wirklich gegeben: 1994 (nicht 1998, wie im Film suggeriert) fuhr er tatsächlich mit einem Rasenmäher von Laurens, Iowa, 500 km weit nach Mount Zion, Wisconsin, um nach zehn Jahren den Streit mit seinem Bruder Lyle zu beenden. Die Uraufführung des Films erlebte er allerdings nicht mehr: er starb 1997.
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Kritik

"Eine wahre Geschichte. The Straight Story" ist ein poetisches, skurriles Roadmovie in Schrittgeschwindigkeit. Das Tempo des Films entspricht der Geschwindigkeit eines Rasenmähers.
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Laurens, Iowa, 1998. Eine korpulente Frau sonnt sich im Garten auf einer Liege. Während sie sich etwas zu essen aus ihrer Küche holt, ist aus dem Nachbarhaus ein dumpfer Aufprall und ein kurzer Schrei zu hören. Eine Stunde später kommt ein alter Mann namens Bud (Joseph A. Carpenter) vorbei, sucht nach dem Bewohner des Hauses, nach Alvin Straight (Richard Farnsworth), und findet den dreiundsiebzigjährigen Witwer am Boden liegend vor. Wegen seines Hüftleidens konnte Alvin Straight nicht mehr aufstehen, nachdem er gestolpert und hingefallen war. Nach Bud kommt Alvins debile Tochter Rose (Sissy Spacek) zur Tür herein und erschrickt. Ohne auf Alvins Protest zu achten, fährt ihn Bud zum Krankenhaus. Der eigensinnige Alte will sich weder röntgen noch auf andere Weise untersuchen oder gar operieren lassen; er weiß auch ohne den Arzt (Dan Flannery), dass er nur noch mit zwei Stöcken gehen kann, schlecht sieht und das Zigarrenrauchen seinem Kreislauf nicht gut tut.

Als er wieder mit Rose zu Hause ist, läutet das Telefon: Sein Bruder Lyle hat einen Schlaganfall erlitten. Lyle Straight lebt in Mount Zion, Wisconsin, und seit einem Streit am 7. Juli 1988 – Rose hat sich das Datum gemerkt – haben sie weder miteinander telefoniert, noch sich geschrieben oder besucht.

Nach dem Rasenmähen teilt Alvin seiner Tochter mit, dass er seinen Bruder besuchen werde. Doch sie kann ihn nicht hinfahren, er selbst besitzt wegen seiner Sehschwäche keinen Führerschein mehr. Einen Bus nach Mount Zion gibt es nicht. Wie also will er die 507 km weite Strecke – Rose kennt die exakte Entfernung – bewältigen? Alvin weiß es auch noch nicht.

In den folgenden Tagen beobachtet Rose, wie er den Rasenmäher wartet und einen Anhänger baut, in dem er schlafen kann. Sie hilft ihm bei den Einkäufen der Ausrüstung und Verpflegung für die mehrwöchige Reise.

Mit dem Rasenmäher als Zugmaschine bricht er auf. Nach etwa fünfzig Kilometern, kurz vor West Bend, beendet eine Motorpanne den Versuch. Auf der Ladefläche eines Lieferwagens kehrt Alvin mit seinem Rasenmäher zurück. Zu Hause greift er wortlos nach seinem Gewehr, geht damit in den Garten und schießt den kaputten Rasenmäher in Brand. Dann kauft er sich einen einen anderen, einen „John Deere“, Baujahr 1966, und macht sich erneut auf den Weg nach Westen.

Eine jugendliche Anhalterin, die von niemand mitgenommen wird, folgt ihm abends zu Fuß zu seinem Lagerfeuer, grillt sich eines seiner Würstchen und hüllt sich in eine seiner Decken. Sie ist im fünften Monat schwanger und deshalb von zu Hause ausgerissen. Wie es weitergehen soll, weiß sie nicht. Alvin erzählt ihr, dass seine Frau 1981 gestorben ist und von seinen vierzehn Kindern nur noch sieben leben, darunter Rose, die bei ihm wohnt. Rose hat vier Kinder, aber nach einem gerade noch glimpflich ausgegangenen Brandunfall nahmen die Behörden ihr die Kinder weg.

Mit jugendlichen Radfahrern, denen er begegnet, redet Alvin über das Altern und meint: „Das Schlimmste am Alter ist die Erinnerung, dass man einmal jung war.“

Unmittelbar vor ihm rast eine Autofahrerin in einen Rehbock, der die Straße überqueren wollte. Verstört betrachtet sie das tote Tier und den eingedrückten Kühler ihres Autos. Sie berichtet Alvin, das sei nun schon das dreizehnte Reh, das ihr auf dieser Strecke ins Auto gerannt sei. Dabei lasse sie eigens die Seitenfenster auf und die Kassette mit dem Stück „Public Enemy“ in voller Lautstärke dröhnen. Sie müsse doch jeden Tag zur Arbeit und von dort zurück nach Hause.

Nach fünf Wochen und vierhundert Kilometern gerät Alvin an eine Gefällstrecke. Auf der abschüssigen Straße kann er das Lenkrad seines immer schneller werdenden Gefährts kaum noch halten. Einige Leute, die gerade bei einer Feuerwehrübung zusehen, laufen aufgeregt zu ihm, als er am Ende des Abhangs zum Stehen kommt. Ein Mann, der dreißig Jahre lang bei „John Deere“ gearbeitet hat, findet in der ausgefallenen Zugmaschine nicht nur einen zerfetzten Keilriemen, sondern auch ein kaputtes Getriebe. Während der Rasenmäher in der Werkstatt ist, darf Alvin seinen Anhänger auf der Wiese eines der Zeugen seiner halsbrecherischen Fahrt abstellen. Der Gastgeber ist bereit, ihn mit dem Auto nach Mount Zion zu fahren, aber der Alte lehnt dankend ab: „Ich möchte die Reise auf meine Art zu Ende bringen.“

Einer der Männer, die in der Ortschaft wohnen, in der Alvin durch den defekten Rasenmäher aufgehalten wird, lädt ihn zu einem Kneipenbesuch ein. Alvin trinkt zwar seit Jahren keinen Alkohol mehr, setzt sich aber mit dem Mann an die Theke. Er glaubt, dass viele Männer trinken, um traumatische Kriegserlebnisse vergessen zu können. Auch er habe nach dem Krieg getrunken, bis er von einem Pfarrer davon abgebracht worden sei. Zum ersten Mal erzählt er einem anderen Menschen, dass er im Krieg aus Versehen einen Kameraden erschossen hatte.

In Mount Zion angekommen, trinkt Alvin erstmals seit Jahren wieder eine Flasche Bier. Dann fragt er, wo sein Bruder zu finden sei. Kurz vor dem Ziel bleibt der Motor des „John Deere“ stehen. Alvin bleibt gottergeben sitzen, bis ein Farmer auf einem Traktor vorbeikommt und ihm rät, den Motor noch einmal anzulassen. Tatsächlich läuft er wieder. Die letzten Meter geht Alvin mit seinen beiden Stöcken zu Fuß. Lyle Straight (Harry Dean Stanton) kommt aus der Tür, fordert seinen Bruder auf, sich hinzusetzen und wundert sich über das seltsame Fahrzeug, mit dem er hergekommen ist.

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Das Roadmovie „Eine wahre Geschichte. The Straight Story“ beruht auf Tatsachen. Alvin und Lyle Straight hat es wirklich gegeben, auch Alvins Tochter lebt, heißt allerdings nicht Rose, sondern Dian. Nicht 1998, wie im Film, sondern bereits vier Jahre früher fuhr der dreiundsiebzigjährige Alvin Ray Straight (1920 – 1996) von Laurens, Iowa, nach Mount Zion, Wisconsin, um nach zehn Jahren den Streit mit seinem Bruder Lyle zu beenden, und weil er es aus eigener Kraft schaffen wollte und keinen Führerschein besaß, benützte er für die 470 Meilen weite Reise einen dreißig Jahre alten Aufsitz-Rasenmäher der Marke John Deere als Vehikel.

David Lynchs aus Wisconsin stammende Lebensgefährtin, die Filmproduzentin, Regisseurin und Cutterin Mary Sweeney (* 1953) sammelte damals Zeitungsausschnitte über Alvin Straights seltsame Reise. Und nachdem sie die Filmrechte erworben hatte, begann sie mit ihrem früheren Schulfreund John Roach zu recherchieren und das Drehbuch für „The Straight Story“ zu schreiben.

Mit dem über achtzig Jahre alten Kameramann Freddie Francis (1917 – 2007) und dem knapp achtzig Jahre alten Hauptdarsteller Richard Farnsworth (1920 – 2000), der vierzig Jahre lang als Stuntman in Hollywood gearbeitet hatte, drehte David Lynch den Film über Alvin Straights Fahrt von Laurens nach Mount Zion. Richard Farnsworth wurde für seine einfühlsame Darstellung des eigensinnigen Alten für einen „Oscar“ nominiert.

Alvin Straight selbst erlebte die Uraufführung von „Eine wahre Geschichte. The Straight Story“ nicht mehr; er starb am 9. November 1996.

David Lynch ist dafür bekannt, dass er unter der harmlos erscheinenden Oberfläche des Alltags menschliche Abgründe zeigt. „Eine wahre Geschichte. The Straight Story“ ist zwar nicht frei von Grausamkeiten, aber sie werden hier nicht gezeigt, sondern eher beiläufig von Alvin Straight erzählt. Es gibt weder Albträume noch Rückblenden oder kryptische Botschaften. Ein sturer, wortkarger Greis begegnet auf seiner Reise keinen Schurken, sondern hilfsbedürftigen und hilfsbereiten Mitmenschen. Trotzdem ist David Lynchs Handschrift nicht nur in der sorgfältig komponierten ersten Einstellung klar zu erkennen.

„Eine wahre Geschichte. The Straight Story“ ist ein poetisches, skurriles Roadmovie in Schrittgeschwindigkeit. Das Tempo des Films entspricht der Geschwindigkeit des Rasenmähers (Höchstgeschwindigkeit: 10 Stundenkilometer). Die Mittelstreifen der Landstraße blitzen nicht stroboskopisch auf wie in „Lost Highway“, sondern ziehen gemächlich vorbei. Einmal zeigt Freddie Francis das seltsame Fahrzeug von hinten, schwenkt dann die Kamera nach oben auf die Wolken und etwas später wieder zurück auf die Straße; das Auge des Kinobesuchers sucht gewohnheitsmäßig am Horizont nach Straights Gefährt, aber der befindet sich noch am unteren Bildrand und ist erst ein paar Meter weitergekommen. Die Kamera fliegt immer wieder über goldgelbe Felder mit riesigen Erntemaschinen, die einen eindrucksvollen Kontrast zu dem kleinen Aufsitzrasenmäher auf der Straße bilden.

The Straight Story must be the slowest road movie ever made. And that pace is the point. Somewhere along the way, our world got itself in a damn hurry. And maybe more than any great American road movie – counter-culture trip (Easy Rider), burnt-rubber hellride (Natural Born Killers), wistful wine run (Sideways), feminist freedom trail (Thelma & Louise) – it took an old man on a lawnmower to remind us that life’s journey should never be rushed. (Jonathan Crocker, The Guardian, 27. April 2013)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

David Lynch (Kurzbiografie)

David Lynch: Der Elefantenmensch
David Lynch: Dune. Der Wüstenplanet
David Lynch: Blue Velvet
David Lynch: Wild at Heart
David Lynch: Twin Peaks
David Lynch: Lost Highway
David Lynch: Mulholland Drive. Straße der Finsternis
David Lynch: Inland Empire

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