Kurt Gerstein


Kurt Gerstein wurde am 11. August 1905 als sechstes Kind des späteren Landgerichts­präsidenten Ludwig Gerstein und dessen Frau Klara in Münster geboren. Aufgrund mehrerer Versetzungen seines Vaters besuchte Kurt Gerstein Schulen in Saarbrücken (1911 – 1919), Halberstadt (1919 – 1921) und Neuruppin (1921 – 1925). Nach dem Abitur im Jahr 1925 studierte er in Marburg, Aachen und Berlin. 1931 erhielt er das Ingenieurs-Diplom.

Im selben Jahr starb seine Mutter.

Zusammen mit dem Vater und den vier Brüdern trat Kurt Gerstein am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein.

Nach dem Examen zum Bergassessor verlobte sich Kurt Gerstein am 30. November 1935 mit der Berliner Pastorentochter Elfriede Bensch, und ein halbes Jahr später fing er bei der Saargruben AG zu arbeiten an. Weil er jedoch tausendfach verbotene Schriften der Bekennenden Kirche verschickte, nahm ihn die Gestapo im September 1936 fest, und die Gauleitung Saar-Pfalz schloss ihn am 15. Oktober 1936 aus der NSDAP aus. Drei Tage später kam er zwar aus der Haft frei, aber in den Staatsdienst konnte er nicht zurückkehren. Mit der Absicht, Theologie zu studieren, zog Kurt Gerstein nach Tübingen, wo er sich im Februar 1937 für Medizin immatrikulierte, jedoch vorwiegend theologische Vorlesungen hörte.

Kurt Gerstein und Elfriede Bensch heirateten am 31. August 1937 in Hagen standesamtlich und ließen sich am 2. November 1937 in Bad Saarow von Generalsuperintendent Otto Dibelius kirchlich trauen.

Am 14. Juli 1938 wurde Kurt Gerstein erneut verhaftet und bis 28. August eingesperrt.

Der Landgerichtspräsident Ludwig Gerstein erreichte durch seine Fürsprache bei der Parteizentrale der NSDAP in München, dass das Oberste Parteigericht am 22. Juni 1939 den unehrenhaften Parteiausschluss seines Sohnes Kurt in eine Entlassung umwandelte. Diese Entscheidung ermöglichte es Kurt Gerstein, sich zwar nicht wieder beim Staat, aber in der Privatwirtschaft zu bewerben. Während er am 1. Juli 1939 in der zur Wintershall AG gehörenden Kaligrube Kaiseroda in Merkers an der Werra anfing, blieb seine Frau in Tübingen – und gebar dort am 25. Oktober das erste der drei Kinder.

Nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen meldete sich Kurt Gerstein erfolglos als Kriegsfreiwilliger. Im August 1940 kündigte ihm die Wintershall AG. Noch im selben Monat beantragte er die Aufnahme in die Waffen-SS.

Von seinem Eintritt in die Waffen-SS erhoffte sich Kurt Gerstein möglicherweise eine Art Bewährung für die Wiederaufnahme in die NSDAP. Dieter Gräbner und Stefan Weszkalnys („Der ungehörte Zeuge“) vertreten die These, dass Kurt Gerstein geplant habe, die Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes auszuspähen, um seine Landsleute ebenso wie die Kirche und die Alliierten darüber informieren zu können. Die Motivation dazu erkennen sie im Zusammenhang mit dem Tod einer Verwandten Kurt Gersteins: Berta Ebeling, die Schwester seiner Schwägerin Reinhild Gerstein (der Ehefrau seines Bruders Karl), starb in der Nervenheilanstalt Hadamar. Wahrscheinlich wurde sie im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms („T4“) getötet. Die Beisetzung ihrer Urne fand am 22. Februar 1941 in Saarbrücken statt.

Am 10. März 1941 begann Kurt Gersteins Grundausbildung, und am 1. Juni kommandierte man ihn zum Hygiene-Institut der Waffen-SS in Berlin ab, wo er Anfang 1942 zum Leiter der Abteilung Gesundheitstechnik avancierte. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der Trinkwasserbeschaffung die Entwicklung von Desinfektionsanlagen.

In dieser Funktion erhielt er am 8. Juni 1942 vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) den Befehl, Zyklon B zu beschaffen und es daraufhin zu überprüfen, ob sich damit effizienter als mit Dieselabgasen Häftlinge töten ließen. Im August traf er in Lublin den SS-Gruppenführer Odilo Globocnik (1904 – 1945), der ihn über die Vernichtungslager Majdanek, Belzec, Sobibor und Treblinka unterrichtete. In Belzec beobachtete Kurt Gerstein am 18. August die Ankunft von 45 Güter­waggons mit 6 700 Juden aus Lemberg, von denen 1 450 bereits tot waren. Die Lebenden mussten sich entkleiden und wurden nackt in Kammern gepfercht, in die tödliche Dieselabgase geleitet werden sollten. Es dauerte allerdings fast drei Stunden, bis der Motor ansprang.

Vollständig nackt die Männer, die Frauen, die jungen Mädchen, die Kinder, die Babys, die Einbeinigen – […] Die meisten wissen alles, der Gestank kündet ihnen ihr Schicksal! […] Sie zögern, aber sie betreten die Todeskammern, die meisten ohne ein Wort zu sagen, geschoben von den anderen hinter ihnen […] SS-Scharführer Heckenholt bemüht sich, den Dieselmotor in Gang zu setzen. Aber er läuft nicht! […] Die Menschen warten in den Gaskammern. […] Nach zwei Stunden 49 Minuten […] springt der Diesel an. […] Nach 28 Minuten leben noch einige. Nach 32 Minuten endlich – ist alles tot! […] Wie Basaltsäulen stehen die Toten noch aufrecht, weil es nicht den geringsten Platz gibt, umzufallen oder sich zu neigen. Noch im Tode erkennt man die Familien, die sich an der Hand halten. Man hat Mühe, sie zu trennen, um die Kammern für die nächste Ladung zu leeren. Man wirft die Leichen hinaus: blau, nass von Schweiß und Urin, die Beine voller Kot und Menstruationsblut. (Gerstein-Bericht)

Bei der Rückfahrt von Warschau nach Berlin in der Nacht zum 20. August lernte Kurt Gerstein zufällig den schwedischen Legationssekretär Göran Frederik Baron von Otter kennen. Aufgewühlt von dem, was er gesehen hatte, berichtete er dem Diplomaten ausführlich darüber und drängte ihn, für eine Weitergabe der Informationen über die schwedische Regierung an die Alliierten zu sorgen. Die Kriegsgegner Deutschlands sollten statt Bomben Flugblätter abwerfen, um die Bevölkerung gegen das NS-Regime aufzubringen.

Kurt Gerstein versuchte, auch mit dem Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo in Berlin zu sprechen, aber der ließ den SS-Offizier abweisen, und die Kirchen schwiegen zu den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Nachdem sich Zyklon B bei der fabrikmäßigen Vergasung in den Vernichtungs­lagern bewährt hatte, erhielt Kurt Gerstein den Auftrag, die für den Betrieb von Auschwitz erforderlichen großen Mengen des Blausäure-Giftes zu beschaffen. Im April 1943 wurde er zum Obersturmführer befördert.

Am 22. April 1945 stellte sich Kurt Gerstein dem französischen Kommandanten in Reutlingen. Während der Internierung im Hotel Mohren in Rottweil schrieb er zunächst in Französisch, dann auch in Deutsch auf, was er in Belzec gesehen hatte (Gerstein-Bericht, 26. April 1945). Als er am 5. Mai von einem Briten und einem Amerikaner vernommen wurde, übergab er ihnen den Bericht. Ende Mai wurde er nach Langenargen gebracht. Am 5. Juli traf er im Gefängnis Cherche Midi in Paris ein. Er galt als Kriegsverbrecher. Am 25. Juli wurde er tot in seiner Zelle gefunden. Es sah nach einem Suizid durch Erhängen aus, aber es ist nicht auszuschließen, dass er ermordet wurde.

Am 30. Januar 1946 versuchte der stellvertretende französische Chefankläger Charles Dubost, den Gerstein-Bericht in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess einzubringen. Aber das Militärtribunal nahm lediglich die angehängten Rechnungen für Zyklon-B-Lieferungen zu den Akten. Dieter Gräbner und Stefan Weszkalnys erklären das mit der Sorge der Alliierten, selbst an den Pranger gestellt zu werden, weil sie bereits während des Krieges vom Holocaust erfahren, aber nichts unternommen hatten.

Bei der „Entnazifizierung“ stufte die Tübinger Spruchkammer Kurt Gerstein am 16. November 1950 als „belastet“ ein. Am 21. Januar 1965 verfügte Kurt Georg Kiesinger, der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in „entlastet“ umzustufen.

Am 20. Februar 1963 wurde Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ in Berlin uraufgeführt. Die Bühnenfigur Kurt Gerstein ist weitgehend authentisch. Allerdings lässt Rolf Hochhuth sie mit dem Apostolischen Nuntius in Berlin sprechen, während Kurt Gerstein in Wirklichkeit abgewiesen wurde.

Literatur über Kurt Gerstein

  • Helmut Beermann und Förderkreis Kurt Gerstein (Hg.): Kurt Gerstein, der Spion Gottes aus Hagen. 2000
  • Saul Friedländer: Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten. 1968
  • Dieter Gräbner, Stefan Weszkalnys: Der ungehörte Zeuge. Kurt Gerstein, Christ, SS-Offiziere, Spion im Lager der Mörder
  • Franz Helmut: Kurt Gerstein. Außenseiter des Widerstandes der Kirche gegen Hitler. 1987
  • Bernd Hey u.a.: Kurt Gerstein (1905 – 1945). Widerstand in SS-Uniform. 2003
  • Pierre Joffroy: Der Spion Gottes. 1972
  • Jürgen Schäfer: Kurt Gerstein. Zeuge des Holocaust. Ein Leben zwischen Bibelkreisen und SS. 1999
Peter Stamm - An einem Tag wie diesem
Dass der Eigenbrötler Andreas wegen einer evtl. schlechten Nachricht nicht resigniert, sondern beschließt, sein Leben anders zu gestalten, gibt dem Roman "An einem Tag wie diesem" ein unerwartete Wendung und macht neugierig.
An einem Tag wie diesem

Peter Stamm

An einem Tag wie diesem

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