Rolf Hochhuth : Der Stellvertreter

Der Stellvertreter

Rolf Hochhuth

Der Stellvertreter

Der Stellvertreter Manuskript: 1959 - 1961 Uraufführung: Berlin 1963
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem SS-Obersturmbannführer Kurt Gerstein 1942 vergeblich beim Nuntius in Berlin vorgesprochen hat, reist dessen Sekretär, der Jesuitenpater Riccardo, nach Rom, um Papst Pius XII. auf die Gräueltaten der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. Aber statt die Weltöffentlichkeit zu alarmieren, schweigt der Papst. Da heftet Riccardo sich einen Judenstern an die Soutane und klettert zu einer Gruppe von Juden, die nach Auschwitz deportiert werden, in den Viehwaggon.
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Kritik


Rolf Hochhuth geht in "Der Stellvertreter" davon aus, dass der einzelne Mensch sich frei entscheiden kann und muss, auch wenn er Repräsentant ("Stellvertreter") einer Organisation ist. "Der Stellvertreter" ist ein zeitloses Plädoyer gegen Indifferenz.

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Berlin, August 1942. Der Apostolische Nuntius und sein Sekretär, der Jesuitenpater Riccardo Fontana, diskutieren über Adolf Hitler und die Situation der Kirche im „Dritten Reich“. SS-Obersturmbannführer Kurt Gerstein lässt sich melden und berichtet über die Ermordung von Juden, die er mit eigenen Augen gesehen habe. In der Erwartung, Papst Pius XII. werde die Weltöffentlichkeit alarmieren, wenn er mehr von den Gräueltaten erführe, drängt Gerstein den Nuntius, die Information an die Kurie weiterzugeben. Der Nuntius glaubt jedoch nicht, dass die römisch-katholische Kirche für die Juden verantwortlich sei, will Hitler auch nicht gegen sich aufbringen – und weist Gerstein mit dem Versprechen ab, er werde für die Opfer beten.

Pater Riccardo ist schockiert und sucht Gerstein kurze Zeit später in dessen Wohnung auf. Während Gerstein eine Ladung Blausäure unbrauchbar macht, die für die Tötung von Juden vorgesehen war, fährt Riccardo nach Rom. Gegenüber seinem Vater, Graf Fontana, der zu den einflussreichen Männern im Vatikan gehört, kritisiert Riccardo den Papst, weil dieser nichts gegen den von den Nationalsozialisten verübten Massenmord unternehme. Der Kardinalstaatssekretär kommt dazu. Er will nichts von einer Aufkündigung des Reichskonkordats von 1933 wissen und hält es nicht für opportun, das NS-Regime öffentlich anzuprangern.

Im Oktober 1943 spricht Pater Riccardo erneut im Vatikan vor, und dieses Mal ist auch der SS-Offizier Kurt Gerstein dabei. Inzwischen sind selbst die Juden in Rom nicht mehr sicher: Die SS holt sie aus ihren Häusern und deportiert sie nach Auschwitz. Der Kardinalstaatssekretär hält es jedoch für wichtiger, in Hitler ein Bollwerk gegen Stalin zu haben, denn wenn die Kommunisten den Krieg gewinnen und ihr Herrschaftsgebiet nach Westen ausweiten würden, müsste die Kirche mit einem dramatischen Machtverlust in Europa rechnen. Deshalb müsse man sich weiterhin neutral verhalten.

Verzweifelt denkt Riccardo über einen Mordanschlag auf den Papst nach, für den man die SS verantwortlich machen könnte, um die Kurie zum Handeln zu zwingen.

In einer Unterredung mit Pius XII. und dem Kardinalstaatssekretär tritt Graf Fontana für einen Brief des Papstes an die Reichsregierung ein. Aber der Heilige Vater lehnt das vorgeschlagene Schreiben ab. Pater Riccardo, der dazugeholt wird, hält einen Protest der Kirche gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten für notwendig. Aber der Papst meint, man dürfe Adolf Hitler nicht provozieren, denn nur so sei es möglich, bedrohten Juden in Rom mit Pässen und Verstecken zu helfen. Auch aufgrund von machtpolitischen Interessen und der Sorge um die Besitztümer der Kirche, beispielsweise in Ungarn, will die Kurie Adolf Hitler nicht provozieren. Der Papst ist ungehalten darüber, dass die Alliierten auch Fabriken bombardieren, die der Kirche gehören, während die Deutschen beim Kampf um Monte Cassino so viel wie möglich für die Kirche retteten. „Ein Diplomat muss manches sehen und schweigen“, doziert er.

Als Riccardo keine Möglichkeit mehr sieht, den Papst umzustimmen, heftet er sich einen Judenstern an die Soutane, geht zum Bahnhof und klettert mit den zusammengetriebenen Juden in einen Viehwaggon.

Der „Doktor“ – ein Lagerarzt, der über Tod und Leben der Insassen entscheidet und Züge Josef Mengeles aufweist – beschreibt Riccardo nach der Ankunft in Auschwitz maliziös, was ihn hier erwartet.

Kurt Gerstein trifft mit einem gefälschten Dokument in Auschwitz ein, um Riccardo zu retten, aber der Pater ist entschlossen, mit den Juden zu sterben. Der „Doktor“ bemerkt Gersteins Betrug. Riccardo wird erschossen, Gerstein verhaftet.

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Die Uraufführung von „Der Stellvertreter“, eines „christlichen Trauerspiels“ in fünf Akten in einer Inszenierung von Erwin Piscator am 20. Februar 1963 an der Freien Volksbühne in Berlin löste einen Skandal aus und machte den Dramatiker Rolf Hochhuth weltbekannt. Durfte Papst Pius XII. während des Holocaust schweigen? Rolf Hochhuth beantwortet die Frage mit einem klaren Nein und stellt dem Kirchenoberhaupt die Bühnenfigur das Jesuitenpaters Riccardo gegenüber, der aus Solidarität mit den Opfern in den Tod geht. (Riccardo ist eine fiktive Figur, aber der Arzt Janusz Korczak begleitete 1942 tatsächlich die zweihundert Kinder seines Waisenhauses in das Vernichtungslager Treblinka.) Ein öffentlicher Protest des Papstes – unterstellt Rolf Hochhuth – hätte die Verbrechen der Nationalsozialisten zumindest eindämmen können.

Auf das Thema war Rolf Hochhuth durch eine Mitteilung gestoßen, die Ernst Freiherr von Weizsäcker, der deutsche Botschafter beim Vatikan, 1943 dem Außenministerium in Berlin geschickt hatte: „Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen.“

Rolf Hochhuth geht in „Der Stellvertreter“ davon aus, dass sich der einzelne Mensch frei entscheiden kann und muss, auch wenn er Repräsentant („Stellvertreter“) einer Organisation ist. Dieser von Friedrich Schiller postulierte Freiheitsbegriff ist zwar umstritten, weil gesellschaftliche Zwänge heute stärker berücksichtigt werden, aber die Frage, ob der Papst angesichts des Völkermords neutral bleiben durfte, ist dennoch berechtigt, und dabei steht das Kirchenoberhaupt stellvertretend für alle Menschen: „Der Stellvertreter“ ist ein zeitloses Plädoyer gegen Indifferenz.

Papst Pius XII. (1876 – 1958) wurde als Eugenio Pacelli am 2. März 1876 in Rom geboren. 1901, zwei Jahre nach der Priesterweihe, begann er seine Karriere im Staatssekretariat des Vatikans. Von 1917 bis 1925 amtierte er als Titularbischof in München, und von 1920 bis 1929 fungierte er als Apostolischer Nuntius im Deutschen Reich. Am Zustandekommen des von Papst Pius XI. 1933 geschlossenen Reichskonkordats war er maßgeblich beteiligt. Am 2. März 1939 folgte er seinem Vorgänger auf den Heiligen Stuhl. Im Zweiten Weltkrieg wahrte er strikte Neutralität. Mitglieder kommunistischer Parteien bedrohte er 1949 mit der Exkommunikation. Papst Pius XII. starb am 9. Oktober 1958 in Castel Gandolfo.

Übrigens: Die Figur Kurt Gerstein weist authentische Züge auf. So ist beispielsweise belegt, dass der SS-Obersturmbannführer in der Nuntiatur in Berlin vorsprach.

Costa-Gavras verfilmte das Theaterstück 2002: „Der Stellvertreter“.

Anfang 2007 behauptete Ion Mihai Pacepa, ein im Sommer 1978 übergelaufener Offizier des rumänischen Geheimdienstes, in der Zeitschrift „National Review“, Rolf Hochhuth habe das Stück „Der Stellvertreter“ in Zusammenarbeit mit dem KGB verfasst. Absicht des sowjetischen Geheimdienstes sei es gewesen, die Reputation von Papst Pius XII. zu zerstören. Diese Verschwörungstheorie wurde in Deutschland von dem CSU-Bundestagsabgeordneten Norbert Geis aufgegriffen. Willi Winkler kommentierte: „Dass der KGB beim „Stellvertreter“ mitgeschrieben hätte, ist ein gar zu schönes Märchen.“ (Süddeutsche Zeitung, 14. März 2007)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005/2007

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