Michael Krüger : Die Turiner Komödie

Die Turiner Komödie

Michael Krüger

Die Turiner Komödie

Die Turiner Komödie Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2005 Taschenbuch: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-45876-1, 191 Seiten, 7 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Suizid seines 60-jährigen Freundes Rudolf reist der Ich-Erzähler M. nach Turin, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und im Auftrag der Witwe Elsa den umfangreichen Nachlass des exzentrischen Philologen und Schriftstellers zu sichten. Bei der Beerdigung glaubt M. noch, er sei der einzige unter den Anwesenden, der Rudolf gekannt hat, aber dann stößt er auf Briefe und Notizen, die ihn verblüffen ...
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Kritik

"Die Turiner Komödie" ist ein amüsanter, ironischer Roman. Zwar handelt es sich weder um einen Schlüsselroman noch um eine Satire auf den Literaturbetrieb, aber Michael Krüger hat das Buch mit Beobachtungen über (zumeist skurrile) Literaten gespickt.
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Nach dem Suizid seines sechzigjährigen Freundes Rudolf reist der Ich-Erzähler M. nach Turin, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und im Auftrag der Witwe Elsa den umfangreichen Nachlass des Philologen und Schriftstellers zu sichten.

M. und Rudolf kannten sich aus Berlin. Nach seiner Druckerlehre hatte M. dort aus finanziellen Gründen einen Mitbewohner für seine Wohnung gesucht, und der Philologiestudent Rudolf mit seinem fürchterlichen schwäbischen Dialekt war bei ihm eingezogen. Rudolf, der damals eine Arbeit über Franz Kafka schrieb, galt als Star der linken Germanistik an der Freien Universität. Wenn M. Geld hatte, lud Rudolf Kommilitonen in die gemeinsame Wohnung ein und propagierte ultramarxistische Anschauungen. In der Regel blieb danach eines der Mädchen über Nacht: Christa, Dagmar, Eva, Elsa.

Eva war die Tochter eines hohen Tiers bei Siemens und einer Unternehmensberaterin. Sie blieb bei M., als Rudolf nach seiner Promotion Berlin verließ. Erst nachdem M. ebenfalls wegging, „um in London mein Unglück vorzubereiten“ (Seite 53), kehrte Eva zu ihren Eltern zurück. Inzwischen, weiß M., ist sie Professorin für Kunstgeschichte in Braunschweig und „ohne nähere Bindung verheiratet“ (Seite 54). Die Ferien verbringt sie auf der eigenen Finca auf Ibiza.

Elsa war die Tochter eines der ersten und dafür vom Bundespräsidenten ausgezeichneten Gastarbeiters aus Lecce. Der hatte bei Opel in Rüsselsheim am Fließband angefangen, später eine Pizzeria in Salzgitter aufgemacht und über die Jahre zur Kette erweitert – bis er umgebracht wurde, vermutlich von der Mafia, weil er keine Schutzgelder bezahlen wollte. Seine Witwe starb bald darauf aus Gram. Elsa heiratete schließlich Rudolf.

Der Philologe wurde vor mehr als zwanzig Jahren vom DAAD nach Rom und Neapel geschickt. Mit einer Studie über Kierkegaard verschaffte er sich eine Stelle als Privatdozent in Turin, die nach einiger Zeit in eine ordentliche Professur umgewandelt wurde. Schließlich gründete er ein eigenes Institut für Kommunikationsforschung (!) und bezog mit Elsa das riesige Penthouse im Institutsgebäude. Elsas Habilitationsschrift, die Rudolf in den Briefkasten eingeworfen haben will, kam nie in Deutschland an, und der Durchschlag verschwand in Turin, aber die Universität Frankfurt am Main erkannte Elsa einige Jahre später aufgrund ihrer wissenschaftlichen Arbeiten den Professorentitel zu. Sie lehrte auch in Turin an der Universität.

Rudolf hasste es, Seminare abhalten und Arbeiten von Studenten lesen zu müssen. In den letzten Jahren veröffentlichte er vier kurze Romane, die ihm Literaturpreise, Ehrungen und Geld einbrachten.

Mit jeder Auszeichnung wurde seine Stimmung schlechter, sein Enthusiasmus für hypochondrische Lebensformen und pessimistische Weltbilder nahm entsprechende Ausmaße an. (Seite 20)

Zwei Tage nach dem Selbstmord ihres Mannes brach Elsa zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. M. besucht sie dort.

Auf der Beerdigung, an der Elsa nicht teilnehmen kann, ärgert M. sich über das unzutreffende Bild, das die Trauerredner von dem Verstorbenen vermitteln. Er ist überzeugt, Rudolf als einziger der Anwesenden wirklich gekannt zu haben.

Im Institut trifft M. eine geschäftige und selbstbewusste Italienerin namens Marta, die in den letzten Jahren Rudolfs Assistentin war. Sie hat den zu sichtenden Nachlass ins Gästezimmer der Privatwohnung gebracht und M. das Bett des Professors gemacht – das sie wie selbstverständlich mit M. teilt. M. vermutet, dass sie mit Rudolf ein Verhältnis hatte. Als M. am nächsten Morgen erwacht und sich wegen seiner Nacktheit das Laken bis zum Hals hochzieht, ist Marta längst auf und meint, er schlafe ja beinahe genauso fest wie es der Professor zu tun pflegte. Da wundert M. sich, denn Rudolf hatte mehrmals von seiner Schlaflosigkeit gesprochen und behauptet, seine Romane in der Zeit zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang geschrieben zu haben.

Weil M. einige Anlaufschwierigkeiten beim Sortieren des Materials hat, meint Marta ungeduldig:

„Wenn Sie in dieser Geschwindigkeit fortfahren, können Sie Ihren eigenen Nachlass noch dazupacken.“ (Seite 78)

Sie erinnert M. an die herrschsüchtige Haushälterin von Peter Kien in „Die Blendung“.

Um 10 Uhr tauchen zwei Thailänderinnen auf, die sich um den von Rudolf auf der Dachterrasse eingerichteten Zoo kümmern. Hier oben wollte Rudolf keine Besucher haben, sondern mit seinem altersschwachen Hund Cesare, den Hasen, Hühnern, Enten und Schildkröten allein sein.

Erstaunt registriert M., dass Rudolf unter den Pseudonymen Ettore Totti und Giuseppe Schulz für den SWF und den Bayerischen Rundfunk Hörspiele und Features schrieb. Davon wusste er bislang nichts. Aber das ist nicht die einzige Überraschung: M. stößt auf ein Konvolut von Briefen, die von Eva stammen. Dabei hatte Rudolf angeblich seit mehr als dreißig Jahren keinen Kontakt mehr mit der Freundin aus Berlin und äußerte sich nur höhnisch über die Büchlein, die Eva für eine Reihe mit dem Titel „Frauen und Kunst“ schrieb. Der letzte Brief ist erst wenige Wochen alt. Eva teilte Rudolf darin mit, dass sie sich von ihrem Ehemann Ernst getrennt habe und drängte ihn, Elsa zu verlassen. M. kann es kaum fassen. In einem der Briefe erwähnte Eva auch M., sie befürchte, schrieb sie, er werde zu Elsa halten. Und während M. sich daran erinnert, wie Eva ihm nachgelaufen war, bis er sie abschütteln hatte können, liest er nun ihre Darstellung:

Er ist mir ja jahrelang mit hängender Zunge nachgeschlichen, und hätte ich ihn nur einmal ermutigt, hätte ich ihn, wie du, für immer und ewig am Hals gehabt. Vor langer Zeit, in seinem römischen Jahr, hat er mich auf seine täppische und unmännliche Weise (unter Tränen!) angefleht, bei ihm zu bleiben, und weil es so eisig kalt war in jenem Winter, wäre ich um ein Haar seinem Werben gefolgt. Er konnte mit seiner ungelenken Hilflosigkeit ein Klima schaffen, in dem meine mütterlichen Gefühle aufblühten, aber Gottseidank waren meine Instinkte schon damals so ausgeprägt, dass ich ihm nicht auf den Leim gegangen bin. (Seite 115)

Marta schimpft über Eva: „Eine Hure, die uns das Leben vergällt hat.“ (Seite 110) Obwohl ihn Marta ständig stört, arbeitet M. weiter. Anhand eines Notizbuches findet er heraus, dass Rudolfs Romane zum größten Teil aus Plagiaten bestanden. Ausgerechnet Rudolf, der sich über die Einfallslosigkeit seiner Kollegen entrüstet hatte, bediente sich skrupellos bei anderen Autoren.

An der gegenwärtigen Literatur, die er abschätzig Mittelstandsprosa nannte, ließ er kein gutes Haar. Besonders der amerikanische Roman mit seinen verzweigten Familiengeschichten war ihm zuwider. Eine dem Irrsinn verfallene Tante, ein ewig betrunkener Vater mit einer starken Neigung zum Inzest, eine verhärmte Ehefrau, die den Pfarrer liebt, eine gottverlassene Gegend und ein paar Kinder, die damit nicht zurechtkommen – normale Familienromane eben, die man nur bei den Nachbarn abschreiben musste, das war nicht das, was er unter Literatur verstand. (Seite 44)

Bei einer Trauerfeier der Akademie begegnet M. Eva, die auf die Nachricht vom Tod Rudolfs hin aus Zehlendorf angereist war. Beim anschließenden Restaurantbesuch in größerer Runde achtet M. darauf, dass sie nicht neben ihm sitzt, aber im Verlauf des Abends rückt sie immer näher, und er hat Mühe, sie loszuwerden.

M. versteckt Evas Briefe und anderes kompromittierendes Material in seiner Reisetasche und füllt einige dicke Kuverts, die er – von Marta unbemerkt – in zwei Plastiktüten zum Postamt am Bahnhof bringt und per Einschreiben an seine eigene Adresse in Deutschland schickt: Niemand soll von diesen unbekannten Seiten des Schriftstellers etwas erfahren.

Er hatte ganz offenbar seine Zeit damit vertrödelt, mehrere Leben zu führen, und seinen wenigen Vertrauten das Gefühl gegeben, mit ihnen das wahre, wirkliche Leben zu teilen. (Seite 175)

Am Schalter, wo M. eine Fahrkarte nach Deutschland kauft, trifft er Eva, die sich freut, mit ihm zurückfahren zu können, aber es gelingt M., sie abzuwimmeln; er bleibt noch einen Tag in Turin.

Noch bevor M. abreist, erfährt er von Elsas Ableben. Sie war unheilbar krebskrank und starb an Herzversagen und einer Lungenembolie.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

In einem der letzten Kartons entdeckt M. mehrere Mappen, darunter auch eine mit der Aufschrift „Das Testament. Die Turiner Komödie. Roman“. Alle dachten, es handele sich bei Rudolfs letztem Werk um ein Opus magnum, aber nun hält M. eine dünne Mappe in der Hand.

Das war also sein letzter Roman, mit dem er den Roman an sich „aus den Angeln“ heben wollte, ein dünnes Mäppchen mit vielleicht fünfzig Seiten, an denen er angeblich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gearbeitet hatte, ein Nichts, eine magere Lächerlichkeit, ein Desaster, eine künstlerische Bankrotterklärung. (Seite 184)

Die Mappe enthält jedoch kein Manuskript im herkömmlichen Sinn, sondern ein Inhaltsverzeichnis, aus dem eine Einteilung in zwanzig Kapitel hervorgeht, und Rudolf hat penibel aufgelistet, aus welchen Textsequenzen der Roman zusammengesetzt werden sollte:

[…]
Gelbes Notizheft, 1963, S. 20 – 34. Kasten 16
[…]
Grünes Notizheft 2, 1989. Kasten 36
Korrespondenz E, 17, 18, 19, mit Antworten. Kasten 12
[…]
(Seite 186)

Verblüfft blättert M. in den Verweisen auf Notizhefte, Briefe, Dossiers, die in den vierundsechzig bereits gesichteten Kartons waren.

Kein Zweifel, diese penible Aufzählung, die er für alle zwanzig Kapitel angefertigt hatte, war das Gerüst des Romans, der vor mir, auf Kästen verteilt, auf seine Zusammenfassung wartete (und den ich wahrscheinlich unwillentlich zerstört hatte). (Seite 186)

Aber wer, fragte ich mich, sollte den Roman, diese gigantische Collage, zu der auch Postkarten und Bundesbahnbilletts, Hotel- und Restaurantrechnungen gehörten, zu einem lesbaren Buch machen? (Seite 188)

Außerdem findet M. einen von Rudolf zwei Tage vor dem Suizid geschriebenen und an ihn adressierten Brief:

[…] Elsa […] wird dich angerufen und gebeten haben, meinen Nachlass durchzusehen, und wie ich dich kenne, bist du ihrer Aufforderung sogleich nachgekommen. Mach dir keine Mühe mit den Papieren in meinen Büros im Institut und in der Uni, das ist alles wertloses Zeug, das jeder hinterlässt, der ein Leben lang in Büros geschuftet hat. Wahrscheinlich hat der Präsident der Uni, den du kennen gelernt haben wirst, ein Interesse daran, den Krempel zu konfiszieren, weil er (zu Recht!) Unterlagen über ein paar Skandale vermuten wird, die ich aufgedeckt habe. Es geht nur um die grauen Kartons […] Im Deckel der Kartons habe ich jeweils die Nummer notiert, es müssen vierundsechzig sein. Sollte einer fehlen, wäre es eine Katastrophe für mein Buch […]
Die Zusammenstellung dürfte dir keine Schwierigkeiten machen, wenn du dich exakt an meine Vorgaben hältst. Mir selbst war diese Arbeit zuwider […] Es ist ein sensationeller Entwicklungsroman geworden […] Alles, was nicht im Buch stehen wird, kommt in den Papierkorb. Bitte folge dieser Anweisung und spiele dich nicht als Dr. Brod auf.
[…] Es ist meines Wissens die exakteste Beschreibung der sechzig deutschen Nachkriegsjahre […]
Du darfst und musst entscheiden, ob das Buch veröffentlicht werden soll oder eben nicht. Aber wenn, dann nur in dieser Form […] (Seite 188ff)

M. steckt die Mappe in seine Reisetasche, damit niemand außer ihm etwas davon erfährt und begibt sich am frühen Morgen zum Bahnhof, ohne sich von Marta verabschiedet zu haben.

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„Die Turiner Komödie“ ist ein amüsanter, ironischer Roman von Michael Krüger.

Der sechzigjährige Ich-Erzähler M. sichtet den Nachlass eines mit ihm befreundeten exzentrischen Schriftstellers und Philologie-Professors. Dabei stellt er fest, dass er nur eine von mehreren Facetten des Freundes kannte und dessen Wertschätzung auf Plagiaten beruhte. Obwohl Rudolf – so hieß der Schriftsteller – lieber Tiere als Menschen um sich hatte, hinterließ er gewissermaßen drei Witwen: seine Ehefrau Elsa, seine Assistentin Marta, die vermutlich auch seine Geliebte war und die Jugendliebe Eva, mit der er eine jahrzehntelange Beziehung hatte, obwohl er sich nur höhnisch über sie äußerte. M., der Mühe hat, sich nicht selbst in den Lebenslügen Rudolfs zu verfangen, beseitigt kompromittierendes Material über ihn. Dass M. entscheiden kann, was die Nachwelt über Rudolf erfährt und was nicht, kompensiert ihn dafür, dass er ein Leben lang im Schatten des Freundes stand und im Gegensatz zu dem Egomanen nicht über die Mittelmäßigkeit hinauskam.

„Die Turiner Komödie“ ist zwar weder ein Schlüsselroman über einen deutschen Schriftsteller, noch eine Satire auf den Literaturbetrieb, aber Michael Krüger (*1943) – der die Welt der Bücher vor allem als Verleger (Hanser) kennt – hat seinen Roman mit Beobachtungen über Literaten gespickt. Beispielsweise beschreibt er einen tadellos gekleideten Herrn, der seit Jahren das zwanzig Seiten umfassende erste Kapitel seines dritten Romans überarbeitet, dem jedoch für die weiteren Kapitel nichts mehr einfällt. Ohne seine Schreibblockade überwunden zu haben, wird er Professor für kreatives Schreiben an einer Fachhochschule in Iserlohn, wo er sich in seinen Vorlesungen selbst als abschreckendes Beispiel präsentiert.

Ich habe als Begleiter von Rudolf auf dessen Lesereisen selbst in mittelgroßen Städten scharenweise Schriftsteller getroffen, die mit fünfzig praktisch arbeitslos waren, weil ihnen entweder die Verleger wegen des ausgebliebenen Interesses seitens der Kritiker und des Publikums gekündigt hatten oder weil ihnen buchstäblich der Stoff ausgegangen war. Mit Pathos und Inbrunst erzählten sie von ihrem Scheitern. Manchmal hatte ich den Eindruck, ihr Scheitern, die große Erzählung des endgültigen Scheiterns sei wahrer als all die so genannten geglückten Erzählungen, die sich die gewieften Prosaschriftsteller nach Belieben aus den Rippen schneiden konnten. Ehe kaputt, Weltverständnis zertrümmert, Hoffnung auf bürgerlichen Erfolg aufgegeben – nur durch exaktes Beschreiben dieser Missstände ließe sich noch eine Lebenswende herbeiführen. Da den meisten dieser Autoren aber jede Art von Selbstironie fehlte, wurden die Beschreibungen des Unglücks trostlose Fallstudien […] (Seite 158f)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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